The Project Gutenberg EBook of Um die Erde, by Julius Hirschberg

This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll have
to check the laws of the country where you are located before using this ebook.

Title: Um die Erde
       Eine Reisebeschreibung

Author: Julius Hirschberg

Release Date: June 16, 2016 [EBook #52353]

Language: German

Character set encoding: UTF-8

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UM DIE ERDE ***




Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
images of public domain material from the Google Books
project.)






Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1894 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Ungewöhnliche, altertümliche, sowie inkonsistente Schreibweisen, insbesondere bei Namen und fremdsprachigen Ausdrücken und Zitaten (z.B. ‚Cannon‘ anstatt ‚Canyon‘; ‚Phineas Fox‘ anstatt ‚Phileas Fogg‘) bleiben unverändert, sofern die Verständlichkeit des Textes davon nicht berührt sind. Akzentuierungen wurden in fremdsprachigen Begriffen im Original rein willkürlich vorgenommen; der vorliegende Text folgt auch hier der gedruckten Vorlage. Begriffe mit ‚Genitiv-s‘ wurden zum Teil apostrophiert; dies wurde aber inkonsequent durchgeführt.

Die aufgeführten Errata im Abschnitt ‚Verbesserungen‘ wurden nicht in den Text eingearbeitet. Eine der dort angegebenen Korrekturen, bezogen auf S. 352, Z. 30 des Originals, konnte nicht eindeutig zugeordnet werden.

Das Inhaltsverzeichnis wurde in einigen Fällen dem Text angeglichen; fehlende Überschriften und falsche Seitenzahlen wurden eingefügt bzw. berichtigt.

Auf S. 372 wird eine Brückenlänge mit ‚1500 Yards = 1450 Kilometer‘ angegeben. Beim metrischen Wert wird in diesem Text lediglich die Größenordnung zu ‚1450 Meter‘ der Realität angepasst, obwohl der genaue Wert eigentlich bei 1372 m liegen müsste; es erscheint ohnehin fraglich, ob der erste Zahlenwert nicht bereits eine grobe Schätzung darstellt.

Die im Original gesperrt gedruckten Passagen wurden in der vorliegenden Bearbeitung in serifenloser Schrift wiedergegeben.

Um die Erde.

Eine Reisebeschreibung

von

DR. J. Hirschberg,

a. o. Prof. a. d. Univ. zu Berlin.


Leipzig.

Verlag von Georg Thieme.

1894.

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

Seiner lieben Frau gewidmet.


Vorrede.

Die freundliche Aufnahme, welche die Veröffentlichung einiger Bruch-Stücke aus dem Tagebuch meiner Reise um die Erde gefunden, ermuthigt mich, dem Wunsch meiner Freunde zu entsprechen und das Ganze herauszugeben.

Die deutsche Literatur enthält nur wenige Bücher dieser Art. Dieselben beschreiben die Reisen von Hildebrandt aus den Jahren 1862 und 1863, die des Freiherrn v. Hübner aus dem Jahre 1871, die von Dr. H. Meyer aus den Jahren 1881 bis 1883, die des Grafen Lanckorónski aus dem Jahre 1889, die von Dr. Eugen Böninger aus dem Jahre 1890. Der Thierforscher L. K. Schmarda (1853 bis 1857) und der Volkswirth Hugo Zöller (1879 und 1880) verfolgten ihre besonderen Zwecke auf weniger betretenen Pfaden.

Sehr lehrreich ist es, durch den Vergleich dieser Schriften festzustellen, wie in den letzten dreissig Jahren die Schnelligkeit, Bequemlichkeit und Sicherheit des Reisens sich fortentwickelt hat.

Was ich selber gesehen und an Ort und Stelle aufgezeichnet, werde ich auf den folgenden Blättern mittheilen: aber nicht, wie gelegentlich ein angehender Schriftsteller versichert, in der „ursprünglichen Form“, sondern einigermassen ausgearbeitet und abgerundet, wie die im Lauf der Jahre stets wachsende Rücksicht auf den Leser es erfordert, und mit denjenigen Erläuterungen ausgestattet, welche zum Verständniss des Geschilderten nothwendig sind.

Dr. J. Hirschberg.


Inhalt.

    Seite
  Einleitung 1
I. Das atlantische Weltmeer 3
II. Eine Wasser- und Land-Partie durch den amerikanischen Continent 27
III. Der stille Ocean 40
IV. Japan 58
  Yokohama 69
  Tokyo 73
  Ausflüge von Tokyo. — Nikko, Miyanoshita, Kamakura 95
  Eine Theater-Vorstellung in Tokyo 108
  Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus 115
  Deutschland in Japan 124
  Nach Nagoya 138
  Nach Kyoto 145
  Nach Osaka, Kobe, Nagasaki 170
  Abschied von Japan 188
V. Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong über Singapore nach Colombo 191
VI. Ceylon 243
  Colombo 251
  Kandy 273
  Nuwara Eliya 295
  Nach Anuradhapura 309
VII. Ostindien 329
  Calcutta 345
  Darjeeling im Himalaya 363
  Benares 371
  Lucknow 387
  Cawnpur 400
  Agra 405
  Delhi 426
  Jaipur 439
  Berg Abu 459
  Ahmedabad 466
  Bombay 475
  Ellora 505
VIII. Heimfahrt (Aden, Suez-Kanal) 517
  Entfernungen 530
  Verbesserungen 531

[S. 1]

Einleitung.

Den Alten war die Welt eine Scheibe von Ländern um das Mittelmeer, wenn auch Einzelne schon wussten, dass die Erde eine Kugel sei. Nachdem die Römer ihre Weltherrschaft begründet und Ordnung in den das Mittelmeer umgrenzenden Ländern geschaffen, wurden zur Belehrung und zum Vergnügen Weltreisen unternommen; diese führten von Rom nach Griechenland, Klein-Asien, Aegypten, zum Besuch der sieben Schaustücke oder Weltwunder. Dazu gehörten die Bildsäule des Zeus zu Olympia, der Tempel der Artemis zu Ephesus, der Leuchtthurm zu Alexandria, die Pyramiden zu Memphis. Von Naturwundern war noch keine Rede; die Naturempfindung war bei den Alten wohl vorhanden, aber nicht so vollkommen entwickelt, wie seit Rousseau’s Einfluss im vorigen Jahrhundert und in dem unsrigen.

Heutzutage führt eine Weltreise rings um die Erde. Die bedeutende Entwicklung der Verkehrsmittel durch Eisenbahnen und See-Dampfer hat die Gefahren, die Kosten, die Zeitdauer verringert. Es handelt sich für den Mittel-Europäer darum, eine Anschauung von der Natur und dem Volksleben in Asien, Afrika, Amerika zu gewinnen und auch den Süden von Europa mit den Resten seiner alten Gesittung und Kunst kennen zu lernen.

Dazu ist mindestens ein Jahr erforderlich. Soviel Zeit stand mir nicht zu Gebote. Da ich aber schon vorher der italischen Halbinsel vier, der Balkanhalbinsel zwei, Nordafrika zwei, Nordamerika eine Reise gewidmet; so war ich vorbereitet und konnte einen kurzen und bündigen Plan entwerfen, der mich in sechs Monaten rings um die Erde führt, mir den Zauber der Tropenwelt enthüllt, meinen Jugendtraum, Ceylon zu sehen, verwirklicht und mich doch nicht allzulange von den Meinen und meiner wissenschaftlichen Thätigkeit fern hält. Längeres Zuwarten ist nicht angebracht; mit Häckel sage ich im 49. Lebensjahr: Jetzt oder nie.

[S. 2]

Die Jahreszeit ist mir vorgeschrieben. Am 1. August beginnen die grossen Universitätsferien, beginnt meine Reise. Die Richtung der Reise ist durch die Jahreszeit bestimmt. Ich muss über Nordamerika nach Japan und nach Indien fahren, um in den beiden letztgenannten Ländern eine weniger heisse Zeit vorzufinden. Die canadische Pacificbahn und Dampferlinie soll mich durch Nordamerika und über den stillen Ocean nach Japan, dem Reich des Sonnenaufgangs, geleiten. Ich reise allein, zu eigner Belehrung.


[S. 3]

I.
Das atlantische Weltmeer.

Als ich am 1. August 1892 um 11 Uhr 56 Minuten V. am Bahnhof Friedrichsstrasse von meinen Lieben mich losgerissen, war ich natürlich unter dem Bann der Abschiedsempfindungen. Allmählich machten diese der echten Reisestimmung Platz. Es ist doch ein grosses Glück, eine solche Reise unternehmen zu können, zumal wenn man es durch eigne Arbeit errungen. Ich halte nichts davon, im Reichthum verzärtelte Knaben und Jünglinge um die Erde zu senden.

Ungeheuer war am Vormittag des 2. August das Gewühl an dem Sonderzug der Eisenbahn nach Bremerhafen, den die Gesellschaft des norddeutschen Lloyd für ihre Cajüt-Reisenden veranstaltet; höchst stimmungsvoll der Abschied, mit Thränen und Tücherschwenken, als wir in Bremerhafen den kleinen Dampfer bestiegen, der uns nach dem draussen „in der Weser,“ d. h. in einem Meerbusen von höchst achtbarer Breite, vor Anker liegenden Schnelldampfer Spree hinführte, wo wir mit klingendem Spiel und flatternden Flaggen empfangen wurden; und sogleich abfuhren, da die Zwischendeck-Reisenden schon Tags zuvor an Bord gekommen waren.[1]

Das Schiff misst 6964 Tonnen, hat 13000 indicirte Pferdekräfte[2] und macht 19 Seemeilen in der Stunde. Seine Länge beträgt 487′, die Breite 52′, die Tiefe (vom Hauptdeck, d. h. dem Boden des Salon, aus gerechnet) 38′; vom Spazier-Deck bis zum Wasserspiegel 27′. Es besitzt zwei Schornsteine, drei Masten, Plätze für 200 Reisende erster, für 125 zweiter Cajüte und für 460 Zwischendecker; es besitzt eine einfache Schraube, eine dreifache Expansionsmaschine und ist im Jahre[S. 4] 1890 auf dem Stettiner Vulkan aus Stahl erbaut und besteht natürlich, wie alle Schnell-Dampfer unseres norddeutschen Lloyd, aus sieben wasserdicht gegeneinander abzuschliessenden Schotten, wodurch die Folgen von Feuer- wie von Wassergefahr auf das möglich kleinste Maass beschränkt werden.[3]

Der tägliche Kohlenverbrauch beträgt 240 Tonnen[4], die in Berlin ungefähr 5000 Mark kosten würden, aber natürlich an den Förderungsstätten nur halb so viel. Der Kohlenverbrauch steigt sofort riesig an mit wachsender Geschwindigkeit. (Die Eider verbrauchte bei 16–17 Knoten 120 Tonnen Kohlen).

Je grösser das Schiff wird, desto mehr schwindet die Poesie der Meeresfahrt. Wir stehen hoch über dem Wasserspiegel, wir sehen auf dem Spazierdeck nichts von der Dampfmaschine und ihrer Arbeit, wir hören und fühlen davon nur wenig; bis zur Spitze des Dampfers können wir nicht vordringen, das buntbewegte Leben der Zwischendeck-Reisenden[5] nicht beobachten.

Dies fiel mir sofort auf, wenn ich die Fahrt auf der Spree mit derjenigen auf der Eider[6] (1887, von Bremerhafen nach New-York,) vollends mit den Mittelmeerfahrten auf italienischen und griechischen Nussschalen verglich.

[S. 5]

Natürlich muss man, um dies zu würdigen, auch ganz frei sein und bleiben von der Plage der Seekrankheit. Unser tüchtiger und beliebter Kapitän Willigerod nebst seinen Officieren bleibt uns unsichtbar auf der Brücke, bis wir den Kanal durchfahren und das grenzenlose Weltmeer gewonnen. Ich machte die Bekanntschaft des Schiffsarztes, eines ebenso liebenswürdigen wie erfahrenen Collegen, und möchte bei dieser Gelegenheit, auf Grund hinreichender Erfahrung, denjenigen meiner Landsleute, welche zur Stärkung ihrer Gesundheit Seereisen unternehmen, doch anrathen, mit Rücksicht auf die Tüchtigkeit der Schiffsärzte und — auf die Güte der Verpflegung, die deutschen (Bremer und Hamburger) und die österreichischen Linien allen anderen, wenn es angeht, vorzuziehen.

Das Schiff ist gut besetzt, die gedruckte Liste mit den Namen von 289 Cajüt-Reisenden ausgestattet; der festlich geschmückte Speisesaal bei der spiegelglatten See so gefüllt, wie der eines grossen schweizer Hotels in der besten Jahreszeit; Jeder strebt danach, einen möglichst behaglichen Platz an der Tafel für die Reisezeit zu belegen und die Bekanntschaft seiner Nachbarn, auf die er für eine Woche angewiesen ist, zu machen.

Ich sitze neben dem erstem Maschinisten, der in freundlichster Weise Belehrung spendet und mir nach einigen Tagen auch den Maschinenraum zeigt; gegenüber einem deutsch-amerikanischen Arzte, mit dem sehr bald eine freundschaftliche Unterhaltung sich anbahnt, und neben einigen jungen Amerikanern, die beladen mit den tiefsinnigsten Weisheitschätzen deutscher Universitäten nach ihrer Heimath zurückkehren und eine grosse Freundschaft und Liebe zu ihrer geistigen Mutter bewahrt haben.

Mit diesen Herren ist ein weit angenehmerer Verkehr möglich, als mit einzelnen Deutsch-Amerikanern, welche das deutsche Vaterland mit einer ebenso unbegründeten wie lächerlichen Missachtung verfolgen und gebührend zurückgewiesen werden müssen.

Zur Ehre des deutschen Namens muss ich aber hervorheben, dass diese garstige Menschenart in Abnahme begriffen zu sein scheint. Die meisten Deutsch-Amerikaner auf unserem Schiffe waren geneigt, die grossen Fortschritte, welche das geeinte deutsche Reich in den letzten 20 Jahren gemacht, freudig anzuerkennen. Viele lassen ihre Töchter in Deutschland erziehen, ihre Söhne bei uns studiren.

Wir fahren vorbei an den Inseln Wangeroog und Norderney und an der holländischen Küste, welche mit zahlreichen, jetzt Abends schon angezündeten Leuchtfeuern versehen ist.

Bei der Hauptmahlzeit (6 Uhr Nachmittags) erfreut uns eine vor[S. 6]treffliche Tafelmusik. Abends, von 9 Uhr ab, spielen sie im Saal der zweiten Cajüte, wo bei zwangloser Unterhaltung ein gutes Fassbier verzapft wird, Vormittags auf dem Spazierdeck; und am Sonntag Morgen um 7 Uhr wecken sie die Langschläfer durch einen Choral. Die Musiker sind gleichzeitig Aufwärter[7] der zweiten Cajüte.

So lässt es sich ganz gut leben unter der Flagge des norddeutschen Lloyd, welche den Schlüssel des Bremer Wappens mit dem Anker vereinigt, und unter dem schwarzweissrothen Banner des deutschen Reiches. Die Dankbarkeit gebietet, mit einigen Worten unseres Wirthes zu gedenken. 1857 wurde die Dampfschifffahrts-Actiengesellschaft des norddeutschen Lloyd zu Bremen gegründet. Sie unterhält regelmässige Fahrten nach England, Nord- und Südamerika, im Mittelmeer, nach Ostasien und Australien. Ihre grossen Schnelldampfer gehören zu den besten Schiffen, welche den Ocean durchkreuzen. Die Gesellschaft hat grossartige Hafenanlagen und Trockendocks in Bremerhafen sowie in Hoboken bei New-York einen eignen Landungsplatz. Seit 1885 erhält der Lloyd eine Unterstützung von jährlich 4700000 Mark[8] vom deutschen Reiche für die regelmässige Postdampfschiffverbindung mit Ostasien und mit Australien. Einige seiner grössten Schiffe, Spree, Havel (zu je 13000 Pferdekräften) und Kaiser Wilhelm II. sind auf deutschen Werften (Vulcan bei Stettin) erbaut. Im Jahre 1892 hat der norddeutsche Lloyd 203498 Reisende befördert, 6302161 Mark für Proviant und 760000 Tonnen Kohlen verbraucht. Die Flotte des norddeutschen Lloyd ist heute die grösste der Erde, sie umfasst 242367 Register Tonnen und enthält 10 Schnelldampfer, 14 Reichspostdampfer und 56 Post- und Passagierdampfer. Die Gesellschaft giebt Fahrkarten für die Reise um die Erde aus; man kann alle Schifffahrten, mit Ausnahme der von S. Francisco nach Yokohama, auf dem norddeutschen Lloyd vollenden.

Am Morgen des folgenden Tages (3. August) erblicken wir die mit zahlreichen Schiffen belebte englische Küste: die viereckige Halbinsel von Canterbury mit den beiden Ecken, North- und South-Fore[S. 7]land. Hinter letzterem liegt Dover mit seinen berühmten drei Kreideklippen. Dann folgt Folkstone, Hastings mit hohem Kreidefelsen und, in einiger Entfernung, Brighton. Schliesslich erscheint die Insel Wight. Zwischen ihrer Nordküste und dem Kriegshafen Portsmouth, der auf der Hauptinsel von Grossbritannien liegt, fahren wir hinein in die Bucht von Southampton und werfen daselbst Anker, nachdem wir in 20,8 Stunden 393[9] Seemeilen, also 16 in der Stunde, zurückgelegt haben.

Die Insel Wight ist schön bewaldet. Die Thürme vom Schloss Osborne dürften das Vorbild für Babelsberg abgegeben haben. Daneben liegt Norris Castle; zwischen beiden ein schöner Park mit grünen Wiesen und herrlichem Baumwuchs. Der Hafen des Städtchens Cowes, an der Nordküste von Wight, wimmelt von Jachten. Wir entdecken auch die des deutschen Kaisers mit der Adlerstandarte.

Die Befestigungen von Portsmouth sehen etwas alterthümlich aus. Die grossen Rundthürme, die in der See errichtet sind, erinnern an die von Corfu; sie sind mit Granitplatten belegt, oben mit Kanonen versehen, aber scheinbar von Schildwachen ganz entblösst; sie stehen weit zurück hinter den deutschen Befestigungen der Wesermündung.

Von unserem Ankerplatz aus sehen wir nur wenig von der fernen Stadt Southampton, hauptsächlich die hohen Thürme des Seemannskrankenhauses.

Ein kleiner Dampfer mit der Flagge des norddeutschen Lloyd legt an unserer Breitseite an. Er bringt und holt die Post, denn unser Dampfer hat ein deutsch-amerikanisches See-Post-Amt an Bord; holt die Reisenden, welche nach England wollen, und bringt neue für Amerika; er bringt auch Besucher und Händler. Sehr bemerkenswerth schien mir, dass die Zeitungsjungen, welche im Jahre 1887 nur englisches Geld kannten und nahmen, 1892 mit 50-Pfennig- und Markstücken vollkommen vertraut sich zeigten.

Unser Aufenthalt dauert nur eine halbe Stunde; dann lichten wir wieder den Anker, fahren zwischen der Hauptinsel und Wight hindurch und erblicken bald (17 Seemeilen von Southampton) am Westende von Wight die berühmten drei Klippen, welche den Namen der Nadeln[10] führen: von hier aus wird die Meeresfahrt gerechnet.

Jeden Mittag um 12 Uhr wird der Logbericht[11] auf einer Tafel, am Eingange zum Salon, vermerkt und auf einer kleinen Erd[S. 8]karte unser augenblicklicher Ort sowie der zurückgelegte Weg verzeichnet.

Natürlich ist dann die Treppe von Reisenden belagert. Der Wissbegierige schreibt das Ergebniss in sein eignes Täfelchen, zum dauernden Andenken; der Neugierige überfliegt nur die Zahl der zurückgelegten Meilen und vergleicht sie mit der Gesammt-Entfernung von Southampton nach New-York (3056 Seemeilen); der Spielwüthige guckt lediglich nach der letzten Ziffer der dreistelligen Meilenzahl, um zu sehen, ob er — neun Dollar gewonnen.

Dies ist die erste Art von Wetten[12], denen die müssigen Reisenden sich ergeben: im Rauchzimmer oder auf Deck werden von einem Eifrigen zehn Reisende zusammengebracht, die geneigt sind, einen Dollar Einsatz zu zahlen; ihre Namen werden auf ein Blatt geschrieben und neben dem Namen die Ziffer von 0 bis 9, die jeder erlost, indem er das gefaltete, mit einer der Ziffern beschriebene Blatt Papier aus dem als Urne benutzten Hut zieht; gewonnen hat der, dessen Ziffer auf dem Logbericht erscheint, z. B. 3 in 453. (Manche wetten zu Zweien auf einen bestimmten kleinsten Werth, z. B. 450 Seemeilen.)[13]

Unser Logbericht lautet folgendermassen:

Donnerstag, 4. August, 49° 56′ N. Breite,
  10° 37′ W. Länge.[14]

(D. h. ungefähr auf der geraden Linie, welche die Westspitze von Irland mit der von Portugal verbindet.) Zurückgelegte Entfernung 362 Seemeilen[15]. Gesammt-Entfernung bis heute 362 Seemeilen.

0 Tage 19,2 Stunden.
Freitag, den 5. August, 50° 38′ N. Br.
  22° 23′ W. L.

(D. h. auf dem Meridian, welcher östlich von den Azoren liegt.)

Z. E. 453 S. M.
G. E. b. h.  815 S. M.
1 Tag 19,2 Stunden.
Sonnabend, den 6. August, 49° 11′ N. Br.
  33° 38′ W. L.

[S. 9]

(D. h. auf demjenigen Meridian, welcher westlich von den Azoren liegt und von Grönland südwärts bis nach Brasilien nicht auf eine einzige Insel trifft.)

Z. E. 444 S. M.
G. E. b. h.  1259 S. M.
2 Tage 19,2 Stunden.
Sonntag, den 7. August, 47° 5′ N. Br.
  44° 25′ W. L.

(D. h. auf demjenigen Meridian, der ungefähr die Mitte hält zwischen den Azoren und Neu-Fundland.)

Z. E. 450 S. M.
G. E. b. h.  1709 S. M.
3 Tage 19,2 Stunden.
Montag, den 8. August, 44° 13′ N. Br.
  54° 14′ W. L.

(D. h. auf demjenigen Meridian, welcher das östliche Drittel Neu-Fundlands von dem Rest abtrennt.)

Z. E. 450 S. M.
G. E. b. h.  2159 S. M.
4 Tage 19,2 Stunden.
Dienstag, den 9. August, 41° 43′ N. Br.
  64° 1′ W. L.

(D. h. auf demjenigen Meridian, welchen das westliche Drittel Neuschottlands von dem Rest abtrennt.)

Z. E. 452 S. M.
G. E. b. h.  2611 S. M.
5 Tage 19,2 Stunden.
Rest 445 S. M.

Am Mittwoch, den 10. August, wurde Sandyhook, an der Einfahrt in den Hafen von New-York erreicht: bis hierher rechnet man das Ende der Meeresfahrt, die 6 Tage 18 Stunden in Anspruch genommen hatte. Auf der ganzen Fahrt hatten wir kaum eine grosse Welle.

Die Zahlen des Logberichts gewinnen erst an Bedeutung durch Vergleich. Es ist nicht nöthig auf Columbus zurückzugreifen, welcher (nach Abrechnung der vier Wochen für die Ausbesserung des beschädigten Steuerruders) 42 Tage gebrauchte, um auf einem 19 Meter langen Segelschiff das atlantische Weltmeer bei günstigem Winde zu durchqueren; und 59 Tage, bei zeitweise widrigen Winden, um heimzukehren.

[S. 10]

Die Zeit der Segelschiffe, welche in mehr als vier Wochen[16] zahllose Auswanderer unter unsäglichen Beschwerden im vorigen Jahrhundert und im Anfang des unsrigen nach dem gelobten Lande Amerika beförderten, liegt weit hinter uns. Wir haben schon das fünfzigjährige Jubelfest der Dampfschiffverbindung zwischen der alten und der neuen Welt gefeiert: am 4. April 1838 (also 31 Jahre, nachdem Fulton zuerst den Hudsonfluss von New-York bis Albany auf einem Dampfschiff mit der Geschwindigkeit von fünf engl. Meilen in der Stunde befahren,) fuhr der Rad-Dampfer Sirius von Cork in Irland aus, und vollendete das für unmöglich gehaltene Wagniss einer ununterbrochnen Dampfschifffahrt über das atlantische Weltmeer bis New-York binnen 17 Tagen.[17] Die von Joseph Ressel zu Triest 1819 erfundene, aber leider von der österreichischen Polizei verbotene (!) Schraube, gelangte in den Jahren von 1839 bis 1843 zur Anwendung (durch Smith in England und Ericson in den Vereinigten Staaten) und erzielte bald eine Geschwindigkeit von 12 bis 14 Knoten.

Doch blieb es unserer Zeit vorbehalten, durch zusammengesetzte Dampfmaschinen und verbesserte Schrauben eine Geschwindigkeit von 19 und selbst 20 Knoten zu erzielen. Die Seereise von den Nadeln auf der Insel Wight bis nach Sandyhook bei New-York, 3056 Seemeilen, dauert jetzt auf den schnellen Postdampfern der deutschen und englischen Linien sechs Tage und einige Stunden,[18] so dass täglich 450 und sogar 500 Seemeilen zurückgelegt werden. Aber das rastlose und nie zufriedene Menschengeschlecht erstrebt jetzt eine Abkürzung der Fahrt bis auf vier Tage.

Sehr merkwürdig ist der Vergleich der Fahrgeschwindigkeit bei einer Umkreisung der Erde: 1) Auf dem atlantischen Weltmeer täglich 450 Seemeilen. (Nordd. Lloyd). 2) Auf dem stillen Ocean 370 bis 390 Seemeilen. (Canad. G.) 3) Von Kobe nach Hongkong 280 bis 290 Seemeilen. (Nordd. Lloyd, Nebenlinie). 4) Von Hongkong bis Colombo 274–280, ausnahmsweise 304 Seemeilen. (Englische P. & O. Gesellsch.). 5) Von Colombo bis Calcutta kaum 290, ausnahmsweise 300 Seemeilen. (P. & O.). 6) Von Bombay nach Triest 300 bis[S. 11] 336 Seemeilen, einmal gegen den Wind im Mittelmeer nur 250. (Oestreich. Lloyd.)

Die Fahrgeschwindigkeit hängt ja wesentlich ab von der Güte des Schiffes. Aber in den tropischen Meeren (von Hongkong bis nahe an Suez) ist auch das zur Verdichtung des Dampfes benutzte Seewasser nicht kalt genug, um die grösste Wirkung der Maschine zu entfalten.

Der aufmerksame Reisende sucht möglichst bald über das Dampfschiff und seine Führung durch eigne Anschauung sich zu unterrichten; doch pflegt erst am dritten Tage der Meeresfahrt, wenn das offne, insellose Weltmeer erreicht ist, der Capitän und der erste Maschinist Zeit und Lust zur Unterweisung zu gewinnen.

Wie auf meiner ersten und zweiten Reise über den atlantischen Ocean, stieg ich auch diesmal hinab in die Maschinenräume, auf eisernen Treppen tiefer und immer tiefer, und betrachtete mit immer neuem Staunen die riesigen Räder und Wellen, den berühmten Telegraphen zwischen der Commandobrücke und dem Maschinenraum mit „Vorwärts, Rückwärts, Halt“, — von dem unser Heil abhängt. Alles greift planvoll in einander. Eine solche in Gang gebrachte Maschine ist einem belebten Riesen vergleichbar, die Umdrehung der Schraubenwelle dem Pulsschlag. Zufällig erfolgt diese Umdrehung ungefähr auch einmal in der Secunde, so dass gegen 600 000 Umdrehungen[19] nothwendig sind, um uns von Europa nach Amerika zu befördern.

Ausser der dreifachen Expansionsmaschine, welche die Triebkraft für die gewaltige Schraubenwelle[20] liefert, sind noch mehrere kleinere Maschinen vorhanden, eine um die Bewegung des Steuerruders auszulösen, eine (Dynamo) für die electrische Beleuchtung des Schiffes mit Glühlämpchen. Diejenigen des Salons werden um 11 Uhr, diejenigen des Rauchzimmers um 12 Uhr Nachts ausgedreht; diejenigen der Schiffsgänge, welche durch ein mattes (mit einem Vorhang zu deckendes) Glas auch die Cajüten erhellen, bleiben die ganze Nacht hindurch brennen, damit im Unglücksfalle jeder Reisende sich zurechtfinden kann.[21]

[S. 12]

Der Feuerkesselraum sieht aus wie des Hephästos Werkstätte. Sechzehn grosse Kessel sind vorhanden, in deren ungeheure Schlünde fortwährend Kohlen hinein geschoben werden; auf schmalen Eisenbahnen werden die Kohlenkarren herangeschoben. Diese Arbeiten sind anstrengend; vier Stunden beträgt die Schicht;[22] der Arbeitslohn ist beträchtlich, und die Verpflegung gut. Nur weisse Arbeiter werden auf unseren Lloydschiffen verwendet.

Riesengross sind die Kohlenräume, aber gewaltig bereits die Lücken in den Vorräthen an unserem Besuchstage. Eine Hauptschwierigkeit für die grossen Schnelldampfer besteht darin, die nöthige Kohlenmenge aufzunehmen. In dem untersten Kohlenraum sind wir auf dem Kiel, nur 2–3 Fuss über dem Wasser. Trotzdem ist auch hier die Luft ganz gut.

Die Vorrathsräume sind überwältigend, die grössten Läden auf dem Lande verschwinden dagegen. Mächtige Kästen enthalten in Metallbehältern Reis, Gries, Mehl u. dgl. Schinken liegen auf hölzernen Rosten, grosse Würste hängen herab, Rinder- und Schweins-Hälften und Viertel schmücken die Eiskammer. In dem Weinlager ist jede einzelne Flasche sorgsam befestigt. Mit gemischten Empfindungen bemerken wir die Lücken, die wir schon gerissen. Wir waren, nach dem Gesetz, mit Vorrath für 30 Tage ausgefahren.[23] Ausser den sehr beträchtlichen Süsswassermengen haben wir mächtige Destillirapparate, um Trink- aus Seewasser zu gewinnen. Es ist keine Gefahr zu verhungern oder zu verdursten.

Ehrfurchtsvoll und schweigend betritt mit dem Capitän der bevorzugte Reisende die Brücke, was sonst auf das strengste verboten ist. Hier verweilen die dienstthuenden Officiere und geben dem Steuermann am Rade die nöthigen Befehle. Danach wird das Steuerhäuschen des Capitäns mit den Karten und Hilfsmitteln der Schifffahrt besucht. Man befährt das Meer hauptsächlich nach der Karte. Der[S. 13] Kurs über den atlantischen Ocean schlägt den kürzesten Weg ein vom Ausgang des Canals nach dem Hafen von New-York, geradewegs nach Westen, auf dem grössten Kreise der Erdkugel zwischen den beiden genannten Punkten.[24] Dies erkennt man leicht auf jeder Darstellung der Erdkugel, während auf den Landkarten nach Mercator’s Grundriss der Kurs als eine nach Norden erhabene, krumme Linie erscheint.

Benutzt werden die grossen Karten des nordamerikanischen Seeamts, auf welchen überall die Tiefe des Meeres angegeben ist, und auch, da allmonatlich eine neue Ausgabe erscheint, die von Norden her grade vordringenden Eisberge und die zahlreichen Schiffs-Wracken an denjenigen Punkten, wo sie zuletzt gesehen worden sind. Ich habe bisher nie das Vergnügen gehabt, einem Eisberg auf hoher See zu begegnen.

Das eigentliche Werkzeug, um auf der pfadlosen Wasserwüste den Weg zu finden, ist für den Schiffer der Compass.

Die alten Phönicier und Griechen waren und blieben Küstenfahrer, da sie den Compass nicht besassen. Die Chinesen entdeckten die Nordsüdrichtung der freischwebenden Magnetnadel, nach ihrer Angabe zur Zeit des Kaisers Huang-ti 2364 v. Chr., nach sicheren Nachrichten[25] 121 n. Chr.; benutzten dieselbe zuerst, um auf dem Lande, in ihrem ungeheuren Reiche, sich zurecht zu finden; aber schon während der Tsin-Dynastie (265–469 n. Chr.) auch auf Meeresfahrten. Durch die Araber kam die Bussole (Muassola arab. = Pfeil) zu den Europäern während der Zeit der Kreuzzüge. Flavio Gioja aus Amalfi soll um 1303 den Compass eingeführt haben. An dem Brunnen auf dem Marktplatz zu Amalfi sah ich eine (in Poggendorff’s ausführlichem Werk nicht erwähnte) Inschrift: Prima dedit nautis usum Magnetis Amalfis; und die Gestalt seiner Bussole: Auf einer Raute, aus Holz oder Rohr, die auf Wasser schwimmt, war die Magnetnadel befestigt. Die Chinesen kannten aber schon unsere Art der Aufhängung, wobei die Nadel mit einem Hütchen auf der Spitze eines Stiftes ruht, und eine Windrose mit 24 Eintheilungen; während die unsrige, mit 32, am Ende des 16. Jahrhunderts von den Holländern eingeführt ist. Aber gewaltig hat das Instrument sich geändert, mit dem Fortschritt der Wissenschaft! Heutzutage benutzt man auf den Seedampfern den Compass von Prof. Thompson (jetzt Lord Kelvin): acht gleichlaufende und gleichgerichtete Magnetnadeln sind unter der[S. 14] Windrose an Seidenfäden aufgehängt; die Windrose dreht sich auf einem Zapfen. Das Gehäuse ist mit Glas gedeckt und hängt in Cardani’schen Ringen, so dass es stets in wagerechter Richtung verbleibt, und enthält im Innern in der Höhe der Windrose 2 Steuerstriche, die genau gleichlaufen mit der senkrechten Ebene durch den Schiffskiel. Der Compass steht dicht vor dem Steuerrad. Der Winkel, den die Kiellinie mit der Achse der Magnetnadel bildet, bestimmt den Kurs des Schiffes.

Gross waren die Schwierigkeiten bei der Einführung eiserner Schiffe; um die Eisenwirkung auszugleichen, sind unmittelbar neben dem Compass schwere Eisenkugeln angebracht. Die Seeleute sind mit Thompson’s Bussole sehr zufrieden. Der Erfinder wird auch zufrieden sein, da er durch das Patent ein bedeutendes Einkommen gewinnt und als Besitzer einer schönen Jacht weidlich dem Wassersport huldigen kann.

Von demselben Thompson ist ferner das neue Werkzeug zum Lothen, d. h. zur Tiefenmessung. Der Loth-Körper, von 1 Meter Länge, 20 Kilogramm Gewicht, wird vom Hinterende des Schiffes über Bord geworfen und saust in die Tiefe, während der daran befestigte Stahldraht mit grosser Geschwindigkeit von der Rolle sich abwickelt. Der Officier, dem der Draht durch die Finger gleitet, fühlt deutlich, wenn das Gewicht unten aufschlägt, und giebt Befehl, dasselbe durch Aufwickeln des Drahtes wieder empor zu heben. Das Loth ist eigentlich ein unten offenes Metallrohr, in diesem steckt eine Glasröhre, die oben zu und unten offen und an der Innenwand mit löslicher Farbe (chromsaurem Silberoxyd) roth gefärbt ist. So hoch, wie von unten her das Seewasser in die Glasröhre eindringt, wird die Rothfärbung dadurch beseitigt. Das Eindringen des Wassers erfolgt nach dem Mariotte’schen Gesetz von der Zusammendrückung der Luft durch die darüber befindliche Wassersäule, d. h. es ist allein abhängig von der absoluten Tiefe des Sinkens.

Wird die Glasröhre auf ein getheiltes Lineal gelegt, so erkennt man aus der Lage des Grenzstriches der Rothfärbung augenblicklich, um wie viele Faden[26] das Loth unter dem Meeresspiegel gewesen. Das Instrument genügt bis zur Tiefe von 90 Faden oder 540 Fuss. (Bei Tiefen von mehr als 500 Metern werden die Anzeigen sehr unsicher.)

Bei der Einfahrt in den Hafen und dicht am Landungsplatze, wo einerseits geringere Tiefen vorkommen, andererseits der Dampfer ganz langsam fährt, steht ein Bootsmann am Seitenbord und wirft in kurzen Zwischenräumen einfach ein Loth an der Leine in’s Wasser.

[S. 15]

Wir haben also gesehen, wie man den Kurs innehält und Untiefen vermeidet. Aber wie ermittelt man den augenblicklichen Ort des Schiffes, um ihn mit solcher Sicherheit immer Mittags um 12 Uhr in dem Logbericht zu verzeichnen?

Nahe dem Lande sind es die Leuchtthürme und Merkzeichen, die jeder Seefahrer vollständig kennen muss, die auch in seinen fortlaufend verbesserten Büchern ganz genau angegeben sind. Aber wie ist es auf hoher See? Nun, wenn Ausgangspunkt und Fahrrichtung bekannt sind, braucht man nur die Fahrgeschwindigkeit während der 24 Stunden zu wissen, um den Endpunkt zu kennen. Die Fahrgeschwindigkeit des Schiffes wird gemessen mit dem Log.

Das alte, vor drei Jahrhunderten (1607) erfundene Log wird nur auf kleinen Dampfern und auf Segelschiffen benutzt. Es besteht aus dem Logbrett, der Logrolle, der Logleine und dem Logglas. Das Logbrett hat die Gestalt eines Viertelkreises von etwa 10 Centimeter Halbmesser und 1 Centimeter Dicke; sein Bogenrand ist so mit Blei beschwert, dass es aufrecht im Wasser schwimmt und im Wesentlichen während der Beobachtungsdauer seinen Platz beibehält. An dem Logbrett ist die Logleine befestigt; der erste Theil derselben (Vorläufer) ist so lang wie der Kiel des Schiffes; das folgende ist durch Knoten in gleiche Abstände getheilt. Die Länge eines solchen Abschnittes (Knotens) beträgt 25 Fuss.

25′: 6000′ (d. i. 1 Seemeile) = 15 Secunden: 3600 Secunden (d. i. 1 Stunde) = 1:240.[27]

So viele Knoten das Schiff in 15 Secunden zurücklegt, so viele Seemeilen macht es in der Stunde. Drei Matrosen stehen am hinteren Ende des Schiffes. Der erste hält die Logleine auf der Rolle, der zweite das Logglas, eine Sanduhr, die in 15 Secunden abläuft, der dritte wirft das Logbrett über Bord und ruft, so wie das bezeichnete Ende des Vorläufers durch seine Hand läuft, dem zweiten zu, die Sanduhr umdrehen. Sowie die Sanduhr abgelaufen, hält er die Leine fest und zählt beim Einziehen die Zahl der Knoten. Davon kommt die uns Landratten so schwer verständliche Bezeichnungsweise, das Schiff macht 19 Knoten.

Das Patentlog, welches auf den grösseren Dampfern benutzt wird, hat Schraubenflügel, die nach Massgabe der Fahrgeschwindigkeit sich drehen; das Zählwerk im Messinggehäuse ist am hinteren Ende[S. 16] des Schiffsbords angebracht, der Zeiger giebt die zurückgelegte Meilenzahl an.

Aber der Seemann verlässt sich nicht auf eine einzige Messungsart; er bestimmt ausserdem, so oft es angeht, die geographische Länge und Breite seines augenblicklichen Standortes.

Eine vollständig zuverlässige Uhr (Chronometer) zeigt den Augenblick, wann es in Greenwich, dem Anfangspunkt der Meridiantheilung, Mittag ist, d. h. die Sonne den Meridian von Greenwich passirt. Da die Sonne scheinbar in 24 Stunden 360 Grade durchläuft, so legt sie in einer Stunde 15 Bogengrade, in einer Zeitminute 15 Bogenminuten, in einer Zeitsecunde 15 Bogensecunden zurück. Ein 15° westlich von Greenwich gelegener Punkt hat Mittag, wenn die Uhr von Greenwich 1 Uhr Nachmittags zeigt. So wird die westliche (oder östliche) Länge festgestellt. Die nördliche (oder südliche) Breite aber mittelst des von Newton erfundenen Spiegelsextanten, mit dem man die grösste Erhebung der Sonne über den Gesichtskreis (um die Mittagszeit) in Winkelgraden abmisst.

Was aber leitet den Seemann bei Nacht und bei Nebel, um den so gefürchteten Zusammenstoss zu vermeiden?

Bei unserer abendlichen Wanderung durch das Schiff haben wir am vorderen Ende des Dampfers uns umgewendet und die berühmten drei Lichter gesehen, die jedes Schiff auf der Fahrt bei Nacht führen muss. Von Sonnen-Untergang bis -Aufgang sind die drei Laternen in Brand zu halten; und zwar führen Seedampfer während der Fahrt an der Spitze des Vormastes ein hellweisses Licht von solcher Stärke, dass es in einer dunklen, nicht nebligen Nacht mindestens auf 5 Seemeilen sichtbar ist. Dasselbe bestrahlt 20 Compassstriche, ist also von vorn und von den Seiten, nicht aber von hinten zu sehen. Ferner muss an der rechten oder Steuerbord-Seite ein grünes, an der linken oder Backbord-Seite ein rothes Licht angebracht sein, jedes mit einem Lichtbereich von zehn Compassstrichen und so mit Seitenschirmen versehen, dass von rechts neben dem grünen nicht auch das rothe gesehen werden kann; und von links neben dem rothen nicht auch noch das grüne. Diese Lichter sollen bei dunkler, nicht nebliger Nacht auf 2 Seemeilen erkennbar sein.

Nach rechts wird ausgewichen, wenn man die drei Lichter eines andern Schiffes vor sich sieht: ein merkwürdiger Anblick, den man aber auf hoher See sehr selten erlebt.

Und bei Nebelwetter, gleichviel ob es Tag oder Nacht ist, hat jedes Schiff in Fahrt alle 5 Minuten ein hörbares Zeichen zu geben, die Dampfschiffe mit der Dampfpfeife. Schauerlich klingt das Nebel[S. 17]horn, wenn der weite Meereshorizont sich so eingeengt hat, dass man kaum über die Schiffsbreite hinweg etwas erkennen kann.

Und gespenstig ertönt die Antwort aus nächster Nähe, (wir schätzen die Entfernung auf eine Seemeile,) ohne dass wir durch den dicken Nebel das Geringste von dem andern Schiffe zu erkennen vermögen; aber bald verklingt der fremde Ton, wir haben uns weit von einander entfernt. Ein einziges Mal habe ich dies erlebt. Nicht Sturm und Unwetter bildet auf hoher See die Hauptgefahr für ein gutes Schiff, sondern Zusammenstoss. Das folgt aus der Liste der Unglücksfälle; das begriffen wir leicht, als wir im Canal ganz dicht an dem von New-York zurückkehrenden Schwesterschiff vorbeifuhren. Alles ist vorbereitet, die Musikbanden spielen, alle Seeleute und Reisende sind auf Deck; aber man hat kaum Zeit den Hut zu schwenken, und schon sind wir an einander vorbeigefahren.

Auch die Verzögerung der Fahrt hängt hauptsächlich vom Nebel ab; denn bei dickem Nebel darf das Schiff nicht mit vollem Dampf fahren.

Das Leben auf dem Schiff ist zwar gleichförmig, aber für mich nicht langweilig. Vor Sonnenaufgang stehe ich auf, nehme mein Bad, danach eine Tasse Thee mit Gebäck. (Der trockene Schiffszwieback der vergangenen Zeiten hat für die Postdampfer lange aufgehört. Wir haben eine Bäckerei an Bord und erhalten täglich frisches Weissbrod.)

Hierauf gehe ich auf Deck und beobachte Himmel und Meer, Wind und Wellen, die Temperatur u. dgl.,[28] mache einen Morgenspaziergang und setze mich an den Schreibtisch. Jetzt ist die bequemste Zeit Tagebuch und Briefe zu schreiben, durch Lesen von Reisebüchern das Weitere vorzubereiten. Allmählich füllt sich aber das Rauchzimmer, in dem ich verweile, und das Verdeck. Man grüsst, fragt, plaudert. Auf so vornehmen Schiffen herrscht ein guter Ton. Die Menschen sind auf einander angewiesen und zeigen sich von ihrer besten Seite. Kaum war mein Reiseplan Einigen bekannt geworden, so kam zu mir ein schottischer Herr aus Vancouver, ein deutscher aus Japan, um mir unaufgefordert die nützlichste Auskunft zu geben.

Das erste Zeichen zum ersten Frühstück wird mit der chinesischen Glocke (Gong) gegeben. Wer es liebte, Morgens in abenteuerlicher[S. 18] Kleidung auf dem Verdeck umher zu wandern, geht in seine Cajüte, um sich ordentlich anzuziehen. Das Frühstück ist ebenso reichlich wie vorzüglich. Es scheint im Anfang schwierig, schon des Morgens früh so viele Gerichte zu vertilgen[29]. Manche Reisende lieben es, ihren Magen zu erweitern.

Nach dem Frühstück beginnt, bei so gutem Wetter, wie wir es stets gehabt, das behaglichste Plauderstündchen. Die Herren zünden ihre Cigarre an und spazieren über das Verdeck. Zum Glück hat man auf deutschen Dampfern noch nicht die englische Unsitte angenommen, einen Theil des Spazierdecks den Rauchern zu verbieten. Man plaudert mit Bekannten und sucht schliesslich seinen bequemen Korbstuhl[30] auf, um sich dem Lesen und Beobachten hinzugeben. Ein vorüberfahrendes Segel- oder Dampfschiff ist schon ein Ereigniss. Wer es nicht erlebt hat, weiss nicht, wie leer das Weltmeer, sogar das atlantische, trotz der grossen Zahl von Dampferlinien, die von den englischen, französischen, deutschen, holländischen Küsten alle nach dem einen New-York zusammenstrahlen. Die Operngucker und Ferngläser werden nach dem Schiff gerichtet, seine Nation, Flagge, Bestimmung gründlich erörtert, wobei einige Landratten die grösste Kühnheit in unbegründeten Behauptungen entfalten. Man betrachtet mit Neugier die Flaggenzeichen, durch welche gelegentlich unser Dampfer mit dem Fremden spricht. Es besteht ein Uebereinkommen (Codex) zwischen den seefahrenden Völkern. In unsrer Zeit des ungeheuren und raschesten Verkehrs wollen alle Betheiligten wissen, wann und wo ein bestimmter Dampfer auf hoher See gesehen worden; sogar die Brieftauben sollen dazu benutzt werden. Gelegentlich spricht auch ein Dampfer den andern um Hilfe an. Sie wird im Falle der Noth auch geleistet, jedoch nicht umsonst; die Gesellschaft des hilfesuchenden Dampfers hat tüchtig dafür zu bezahlen; aber der Versäumniss-Verlust des helfenden Dampfers ist auch sehr beträchtlich. Ein Schiff, das über 6 Millionen gekostet und 150 Mann Besatzung führt, über 200 Tonnen Kohlen täglich verbraucht, hat bedeutenden Nachtheil, wenn es einen Tag später in New-York ankommt, zumal die einträgliche amerikanische Post immer dem schnellsten von den Postdampfern übergeben zu werden pflegt.

[S. 19]

Schon ein fliegender Fisch, der aus dem Meer sich emporschnellt und mit ausgebreiteten Flossen, wie eine Schwalbe, dicht über den Wasserspiegel weit hinschiesst, fesselt die Aufmerksamkeit; vollends ein Zug von Delphinen,[31] die munter und anmuthig über die Wellenthäler forthüpfen. Dagegen muss man es aufgeben, einen Walfisch zu erblicken. Ich habe bis jetzt auf den Meeren niemals einen solchen gesehen; war aber öfters Zeuge des Spasses, den man mit den Grünhörnern treibt, d. h. mit denjenigen, die zum ersten Mal die Reise über das Weltmeer ausführen. „Haben Sie noch nicht den Walfisch gesehen, der 100 Schritt links von uns seine Springbrunnen zum Himmel sendet?“ so frägt Einer ganz unbefangen den behaglich im besten Sessel des Rauchzimmers sitzenden Neuling. Dieser springt auf, läuft heraus, kehrt beschämt zurück, vom Gelächter der Andern empfangen.

Jetzt schlägt die Schiffsglocke zwölf.[32] Alle, mit Ausnahme der eingefleischten Kartenspieler, drängen zur Logtafel, um die zurückgelegte Meilenzahl und den Ort des Schiffes zu erfahren. Unkundige wagen es auch, womöglich am ersten Tage der Seefahrt, einen Officier oder den Capitän nach Tag und Stunde der Ankunft zu fragen.

Ein witziger Capitän hatte deshalb unter der Logtafel einen Anschlag gemacht, der dies untersagt, mit der sehr richtigen Begründung, dass Capitän und Officiere keine Herrschaft über Wind und Wellen ausüben.

Vor dem zweiten Frühstück, das bald nach Mittag eingenommen wird und noch reichlicher ausfällt, als das erste, erfolgt ein Spaziergang auf Deck. Das letztere ist über 200 Fuss lang, so dass man schon tüchtig ausschreiten kann.

Am Nachmittag kommt für Viele ein Schläfchen, unter dem Einflusse des steten Aufenthalts im Freien und der Schwüle. Der leichteste Lesestoff wird der Bücherei des Dampfers oder dem eigenen Vorrath entnommen, — Bücher, die man zu Hause, in gesunden Tagen, nicht in die Hand nehmen würde.

Wer die Speisenordnung ganz gewissenhaft beobachtet, lässt den Nachmittags-Kaffe oder Thee nicht vorübergehen. Gegen Abend ist natürlich das Deck am meisten belebt, bis das Zeichen ertönt, zur Hauptmahlzeit sich fein zu machen. Dies ist unerlässlich. Der See[S. 20]mann ist ritterlich gegen die Vertreterinnen des schönen Geschlechts, der Reisende ist es auch, oder folgt seinem Beispiel.

Unter fröhlicher Tafelmusik bei einem guten Glase Wein und freundschaftlichem Geplauder vertilgen wir unbewusst bedeutende Mengen der uns so diensteifrig vorgesetzten Speisen.

Obwohl das electrische Glühlicht Lesen und Schreiben bequem gestattet, ist doch das eigentliche Tagewerk jetzt beendigt. Das Rauchzimmer, wo auch die kräftigen Getränke zu haben sind; später der Salon der zweiten Cajüte, wohin uns Abendmusik und Fassbier ziehen, allenfalls ein Spaziergang auf Deck bei Mondschein (im August und September sind auf dem nordatlantischen Ocean wahrhaft italienische Nächte,) erschöpfen die Zeit bis zum Schlafengehen.

So einen Tag wie den andern. Und die Langeweile? Ich habe sie nie empfunden.

Die Betrachtung der in ihrer Einförmigkeit so grossartigen Natur des Himmels und der Wellen, das erhabene und fesselnde Schauspiel der auf- und der untergehenden Sonne, der Wolkenbildung, des gestirnten Nachthimmels[33], des nächtlichen Meeresleuchtens, die Untersuchung des Schiffes, die Beobachtung des anziehendsten aller Geschöpfe, des Menschen, in seinen tausend Abstufungen und Bestrebungen, die wissenschaftlichen Bücher abwechselnd mit leichterem Lesestoff geben vollauf Beschäftigung.

Wer nach der Hauptmahlzeit nicht zu lange bei den Nüssen und Knackmandeln verweilt, kann gelegentlich den uns Städte- und Landbewohnern ganz unbekannten Anblick des in den Meeresspiegel eintauchenden Sonnenballs geniessen. Langsam verschwindet von unten her ein Gürtel des Feuerballes nach dem andern; bald ist nur noch eine schmale Sichel, jetzt nur noch ein Lichtpunkt vorhanden, und plötzlich versinkt auch dieser. Den Inseln und Küsten bewohnenden Griechen war dies Schauspiel geläufiger. Wer von uns es öfters gesehen, versteht die künstlerische Darstellung der in’s Meer tauchenden Sonnenrosse am Giebel des Parthenon. Natürlich messe ich die Zeitdauer vom Anfang (A) bis zum Ende (E) des Eintauchens; und die wissensdurstige Amerikanerin, die erst befremdet dem Deutschen zugeschaut, betheiligt sich eifrigst an der Zeitmessung mit der Secundenuhr.

Ich mass 1887 am 10. August unter 42° N. B.

A = 7 Uhr 12 Minuten
B = 7 Uhr 15 Minuten und

sehr wenige Secunden.[34]

[S. 21]

Das Ergebniss giebt Stoff zum Denken und Reden. Das ganze Himmelsgewölbe dreht sich scheinbar

um 360° in 24 Stunden,
um  15° in 1 Stunde,
um  15′  in 1 Minute.

Wenn wir die Sonnenbreite zu ½° oder 30′ annehmen, hätten wir für die Zeitdauer des Eintauchens 2 Minuten zu erwarten. Die atmosphärische Strahlenbrechung kann die Erscheinung nur verspäten, nicht verlängern: sie beträgt für 90° Zenith-Abstand 33′; wir sehen also die Sonne noch vollständig über dem Horizont, wenn ihr oberer Scheitel schon soeben darunter gesunken ist. Woher aber die Dauer von mehr als 3 Minuten? Die Aufklärung verdanke ich unserem berühmten Astronomen Auwers.

Sonnenuntergang

Die Sonne geht unter senkrecht gegen den Horizont nur am Aequator und braucht daher dort 2 Minuten zu ihrem Untergang; in jeder anderen Breite mehr, da sie hier in ihrer täglichen Bahn schräg auf den Horizont HH zugeht, unter dem mit der geographischen Breite und den Jahreszeiten wechselnden Winkel φ. Damit der Stand der Sonne sich um den Durchmesser AB erniedrige, oder dieser durch den Horizont gehe, muss die Sonne in ihrer Bahn den Weg

SS′ = BB′ = AB
sin φ

zurücklegen. In Berlin braucht die Sonne zum Untergehen am 15. August 3 Minuten 40″, am 15. October 3′ 36″; unter 45° nördlicher Breite 3′ 9″ bezw. 3′ 6″.

Es ist merkwürdig, dass die volksthümlichen Darstellungen der Astronomie diesen Gegenstand nicht berücksichtigen, — offenbar, weil bei uns auf dem Lande die Beobachtung nur ausnahmsweise angestellt werden kann.

Das Meeresleuchten kann Abends den aufmerksamen Beobachter stundenlang fesseln. Im dunklen Wasser tauchen grosse rundliche, bläulich glänzende Leuchtscheiben auf, in dem Augenblick und an[S. 22] dem Ort, wo sie gerade von der weissen Welle berührt werden, die von dem das Meer durchpflügenden Schiff ausgeht: Quallen, Medusen und andere Seethiere sind die Ursache des Leuchtens. Oder die ganze weisse Meeresoberfläche des Kielwassers hinter dem Schiff erglänzt in weissem Phosphorlicht. Hierbei spielen Leucht-Bakterien die Hauptrolle.

Zum Zeitvertreib berechnet man die Ausdehnung des Meereshorizontes und findet zu seinem Staunen, dass der Halbmesser nur 5–6 Seemeilen beträgt.[35] Wie ein Kind freut sich jeder, der zum ersten Mal die Kugelgestalt der Erde sich selbst vorbeweist, indem er zunächst den Schornstein, und später, bei grösserer Annäherung, den Rumpf eines fahrenden Dampfers erblickt.

Zu den Spielkarten brauche ich meine Zuflucht nicht zu nehmen. Ich verstehe keines der Kartenspiele, mit denen allerdings die meisten Reisenden einen Theil der „unendlichen“ Zeit hinbringen. Auf der Fahrt von Europa nach Amerika trifft man viele eingefleischte[S. 23] Kartenspieler, namentlich unter Kaufleuten, die an Wettgeschäfte gewöhnt sind. Das milde Whist- und Skat-Spiel im Rauchzimmer wird schon von dem waghalsigen Poker verdrängt. Ja, es scheint bereits gewerbsmässige Spieler zu geben, welche die Kosten der Fahrt nicht scheuen, in Hoffnung auf weit grösseren Gewinn.

Unschuldigere Spiele werden auf Deck geübt. 1. Himmel und Hölle, doch wird es nicht wie von unseren Knaben mit Scherben und der Fussspitze, sondern mit Brettchen und einem Schieber gespielt. (Ich sah ein ähnliches Spiel auf englischen Dampfern; das Brett hat seine Eintheilung in Rechtecke mit den verschiedenen Ziffern; geworfen wird mit rundlichen Metallplatten). 2. Auf einem festen Brett ist senkrecht nach oben ein kurzer, spitziger Pfahl befestigt. Ringe aus dickem Tau sind hergerichtet und werden aus der Entfernung von 10–15 Fuss auf den Pfahl geworfen. Es gehört Kunst und Uebung dazu, um nur dreimal von 12 Würfen zu treffen. Das schöne Geschlecht betheiligt sich lebhaft. (Gelegentlich werden die Ringe auch in einen kleinen leeren Wassereimer, aus derselben Entfernung, hineingeworfen.)

Von Erlebnissen oder gar von Abenteuern habe ich wenig zu melden. Das Meer war fast spiegelglatt, während der ganzen Fahrt, nur kleine weisse Wogenkämme sichtbar; der Himmel öfters blaugrau, aber doch freundlich; Abends erglänzte der Mond auf dem Wasser. Der röthlich schimmernde Mars erinnerte mich an die Lieben daheim, mit denen ich so oft an dem uns so nahe getretenen Wandelstern mich erfreut hatte, so dass selbst die kühnsten Annahmen, die einige halbgebildete Kentuckyer über die Kunstfertigkeit der Marsbewohner vorbrachten, mir die gute Stimmung nicht zu stören vermochten. Nachts vom 6./7. August tönte das Nebelhorn, ebenso am Sonntag, den 7., bis nach Mitternacht. In der Nähe der „Bänke“ von Neu-Fundland[S. 24] ist immer Nebel. An diesem Tage erblickten wir einen Dampfer und zwei Segler. Montag, den 8. August war entzückendes Wetter, blauer Himmel, Sonnenschein, tiefblaue See, fröhliche Stimmung bei Jung und Alt. Wie Noah einstmals voller Freuden das Oelblatt im Schnabel der Taube erblickte; so sehen wir, zum Zeichen, dass der Wasserwüste Ende nahe ist, kleine Vögelchen über den Wellen schweben. Wir sehen um 9 Uhr Vormittags das erste Fischerboot auf den Bänken; ein Dreimaster fährt in nächster Nähe an uns vorüber. Dass es auch alberne Menschen auf dem Dampfer giebt, zeigte eine Abendunterhaltung in der zweiten Cajüte: ein junger deutscher Kaufmann, der komische Begabung zu besitzen wähnte, ein amerikanischer Arzt, der in Berlin ernsteren Studien obgelegen und hier eine Neger-Predigt hielt, trugen die Kosten der Unterhaltung.

Dienstag, den 9. August, kam der Lootse an Bord. Er fährt in seinem Kutter mit mehreren Matrosen weit hinaus in die offene See und kreuzt dort, um den Dampfer zu erlauern. Er erhält für das Lootsengeschäft ungefähr 150 Dollar, nämlich 5 Dollar für jeden Fuss Tiefgang des Dampfers. Natürlich sind es geprüfte Leute, die ihr Fahrwasser kennen. Sowie der Lootse an Bord ist, übernimmt er die Leitung des Schiffes und erleichtert dem Capitän die Verantwortung für den Rest der Fahrt. Es ist ja ein recht dramatischer Augenblick, wenn der gewandte Mann die Schiffsleiter emporklimmt; die Zeitungen, mit denen er die Taschen vollgestopft hat, werden ihm schleunigst abgenommen, namentlich von den Neulingen, welche möglichst rasch Nachrichten von dem Weltgetriebe, dem sie für 6 Tage entrückt waren, zu erhalten streben. Aber sehr bald legen sie enttäuscht die Blätter wieder fort; dieselben enthalten nichts Neues; wenige Stunden nach unserer Abfahrt war der Lootse von New-York abgesegelt.

Wie verschieden sind doch die Neigungen und Strebungen der Menschen? Der eine will wissen, wie es zu Hause steht, ob Frieden in Europa herrscht. Der zweite blickt nach den Kursen. Der dritte fragt nur nach dem Ausgang der Jachtwettfahrten.

Uebrigens wird auch das Erscheinen des Lootsenbootes zu einer neuen Wette benutzt. Es sind 24 Boote, jedes führt eine Nummer, von 1 bis 24, auf dem Hauptsegel. Eine Partie wird gebildet mit 24 Loosen; derjenige gewinnt, welcher die Nummer des Lootsenbootes gezogen hatte. Mein vortreffliches Doppelfernrohr[36], das bisher edleren Zwecken gedient, wurde mir von den eifrigen Spielern abgefordert, um schon aus weiter Ferne die Nummer von dem Segel abzulesen.[S. 25] Hierbei ereignete sich ein spassiger Auftritt. Ein Amerikaner war erstaunt und fast entrüstet, dass mein deutsches Glas mehr zeigte, als das seinige. „Was kostet das Glas?“ fragte er. „25 Dollar“ antwortete ich. „Meines kostet 100“, sagte er stolz und fügte hinzu, „aber es ist auch aus Aluminium“. „Mit dem Aluminium können Sie nicht sehen, sondern nur mit den Gläsern,“ war meine letzte Antwort. Aber der Sieg der deutschen Arbeit war doch entschieden. Er liess sich später das Instrument aus Berlin nach Boston kommen.

Nachmittags tönte wieder das Nebelhorn; und sogar ein zweites für kurze Zeit, aus grosser Nähe. Wir lothen 47 Faden. Der Capitän gestattet einigen Auserwählten, die Brücke zu betreten.

Das letzte Abendessen ist besonders fein. Grosse Baumkuchen, auf deren Spitze Marzipan-Engel mit deutschen und amerikanischen Flaggen stehen, zieren die Tafel. Die Musiker spielen ihre besten Weisen. Geht doch heute das Blatt herum, auf welchem jeder Reisende seinen Beitrag für die Musik vermerkt. Man zeichnet 10 Mark, ebenso viel giebt man dem Aufwärter bei Tische und dem in der Cajüte; man vergisst auch nicht den Badediener. Die gehobene Stimmung der glücklich vollendeten Seefahrt öffnet Herzen und Hände. Auch die weiblichen Aufwärterinnen schmunzeln, denn trotz des guten Wetters war so manche Dame erkrankt und hilfsbedürftig genug gewesen, um sich jetzt dankbar zu zeigen.

Während der Tafel steht ein Amerikaner auf und hält in dem bei ihnen landesüblichen Wortschwall eine längere Rede, die so ausschliesslich an die anwesenden Amerikaner gerichtet ist, als ob sie allein da wären. Als er fertig ist, stehe ich auf und bringe in wenigen Worten einen deutschen Toast aus auf Capitän und Officiere.

Wir müssen durchaus in der Fremde daran erinnern, dass wir Deutschen auch eine Nation sind und eine eigne Sprache besitzen. Der feierliche Ball auf Deck, den ich auf den beiden früheren Fahrten mitgemacht, fällt diesmal aus wegen des Nebels.

Auch der letzte Tag der Fahrt, Mittwoch, den 10. August, bringt uns herrliches Wetter, sogar 23° C. Ich schwitze weidlich beim Packen. Um 8½ Uhr Morgens erscheint Fire-Island[37], dann Long-Island und Sandyhook, vor der Einfahrt in den Hafen von New-York. Bis hier[S. 26]her rechnet man die Meeresfahrt. Sie hatte 6 Tage 18 Stunden gedauert.[38]

Alle Reisenden sind festlich geschmückt. Die Einfahrt in die Narrows sehe ich wieder von der Brücke aus. Wir werfen Anker, mit dem Blick auf die Bay von New-York, die Statue der Freiheit, die Riesengebäude von New-York (Washington-, World-Building) und die berühmte Hängebrücke von Brooklyn.

Die Gesundheitsbeamten kommen an Bord, aber nicht für uns. Wer den Cajütenplatz bezahlt, kann unbehelligt das Reich des allmächtigen Dollar betreten. Der Zwischendeck-Reisende aber muss sein Impf-Zeugniss vorweisen; er ist auf der Reise vom Schiffsarzt frisch geimpft worden. Es kommen Zollbeamte, die uns den berühmten Zolleid abnehmen. Es kommen Freunde. Wir landen in Hoboken am westlichen Ufer des Hudsonflusses in der Riesenwerft des norddeutschen Lloyd und werden mit klingender Musik in deutschen Weisen empfangen.[39]


[S. 27]

II.
Eine Wasser- und Landpartie durch den amerikanischen Continent.

Einen Erdtheil zu durchqueren, von dem einen Weltmeer zum andern, ist für den Einzelnen ebenso reizvoll und belehrend, wie die erste Durchquerung, welche kühne Forscher unternahmen, wichtig und epochemachend für die Geschichte des gesammten Menschengeschlechts geworden.

Am bequemsten lässt sich eine derartige Reise durch den nordamerikanischen Continent machen.

Schon Südamerika ist erheblich schwieriger; das Innere von Asien, Afrika, Australien ist dem gewöhnlichen Reisenden vollkommen unzugänglich. In unserem geliebten Europa kann man wohl von der Nordsee zum Mittelmeer, aber nicht vom Weltmeer zum Weltmeer reisen; seien wir aufrichtig, unser Europa ist gar kein eigener Erdtheil, sondern nur ein Anhängsel von Asien.

Nordamerika bietet noch dazu den besonderen Vortheil, dass seine ganze Cultur eine neue ist, da die spärlichen Reste der Ureinwohner kaum noch in Betracht kommen. Neben dem geographischen Gesetz, dass der Continent ziemlich ringsum von Rand- und Küstengebirgen umgeben, erst einen mehr oder minder breiten Gürtel fruchtbaren Landes und dann in seiner Mitte einen mehr öden und selbst wüsten Bezirk enthält, tritt uns in voller Klarheit, ganz anders als in dem alt- und dichtbesiedelten Europa, auch das politische Gesetz entgegen, dass Cultur und Bevölkerungsdichte von den fruchtbaren Niederungen der Flüsse gegen das steinige Land ihres Oberlaufs rasch und gewaltig abnehmen.

Wie man auf dem Pic von Teneriffa in etlichen Stunden die verschiedenen Zonen der Pflanzengeographie durchwandern kann, so führt uns der Eisenbahnzug, der den Fraser-Cannon in Britisch Columbia[S. 28] durchsaust, im Verlaufe von wenigen Stunden aus der Einöde, in welcher nur einzelne lachs-speerende Indianer in ihren dem Felsblock angeklebten Hütten wohnen, bis an den reichbevölkerten, fruchtbaren Puget-Sund, wo in der sechs Jahre alten Stadt Vancouver stolze Granitpaläste hoch in die Lüfte emporragen, die electrische Eisenbahn durch die Strassen jagt, 485 Fuss lange Oceandampfer der Reisenden nach Japan, China und Ostindien harren.

Fünf pacifische Eisenbahnen, die ein gewaltiges Stück Culturarbeit enthalten, führen durch Nordamerika von dem atlantischen zum stillen Ocean: 1. Die centrale von S. Francisco nach Ogden in Utah und weiter nach Omaha in Nebraska. (Von hier ist Verbindung mit Chicago und New-York.) Dies ist die älteste dieser Bahnen, im Jahre 1869 vollendet. 2. Die Atlantic- and Pacific-Bahn von S. Francisco nach St. Louis, an der Vereinigung des Missouri und Mississippi. 3. Die südliche Pacific-Bahn von S. Francisco nach New-Orleans. 4. Die nördliche Pacific-Bahn von Tacoma in Washington nach St. Paul in Minnesota, (und von da weiter nach der östlichen Küste,) im Jahre 1883 vollendet.

Vor fünf Jahren habe ich die erste und die vierte befahren und die dabei gewonnenen Eindrücke in einem kleinen Büchlein (Von New-York bis S. Francisco, Leipzig 1888) niedergelegt.

5. Jetzt habe ich auch die canadische Pacificbahn[40] durchfahren, die von Montreal bis Vancouver in einer Länge von 2906 engl. Meilen sich erstreckt; ihr gebe ich in mehrfacher Beziehung den Vorzug vor den anderen.

Vor Allem ist sie malerischer und reizvoller, sodann reich an Abwechslung. Die bequeme Verbindung der canadischen Pacificbahn mit ihren Dampfern, welche die ungeheure Süsswasseranhäufung der grossen Seen (Lake Huron, L. Superior) durchkreuzen, ermöglicht es uns, den vierten Theil der ganzen Reise als angenehme und erfrischende Wasserpartie zu machen.[41] Wird noch ein kurzer Aufenthalt am Niagara und im Felsengebirge eingeschoben, so gelangt man in etwa 12 Tagen bequem von dem einen Ocean zum andern. Wer Eile hat, fährt mit dem Postzuge von Montreal nach Vancouver in sechs Tagen.

Ehe wir diese Ueberlandsreise antreten, wird es zweckmässig sein, uns einigermassen mit der Geschichte dieser gewaltigen Eisenbahn vertraut zu machen.

[S. 29]

Eine Eisenbahn quer durch Canada vom atlantischen zum stillen Ocean zu bauen, war lange Zeit hindurch der patriotische Traum einzelner canadischer Männer. Es wurde eine politische Nothwendigkeit, nachdem im Jahre 1867 die britischen Besitzungen in Nordamerika zum Dominion Canada (gegen 8 Millionen Quadratkilometer mit etwa 5 Millionen Einwohnern) sich vereinigt hatten.

Aber alles Land oberhalb des oberen Sees und jenseits des rothen Flusses (Red river), der in den Winnipegsee fliesst, war unbekannt und erst zu durchforschen. Im Jahre 1875 wurde das Werk von der Regierung begonnen, aber bald durch politische Parteiungen gehemmt und 1880 an eine Gesellschaft übertragen nebst 25 Millionen Dollar, ebenso vielen Acres Land und den schon fertig gestellten Strecken. Rasch ging die Gesellschaft an das Werk und war im Jahre 1885 damit fertig. Es ist die längste Eisenbahnlinie der Erde, von Quebec bis zum Stillen Ocean 3050 engl. Meilen. Dazu kommen noch zahlreiche Nebenlinien, so dass die gesammte Ausdehnung 5766 Meilen umfasst.

Die Faust des jungen Riesen vom Nordland wurde schon fühlbar im Welthandel, als man kaum erst eine rechte Kenntniss von seiner Existenz gewonnen. Von Alaska bis Californien herunter und hinüber bis Japan und China streckte er seine Hand aus. Der Eisengürtel durch Canada gab den Feldern, Bergwerken, Fabriken einen magnetischen Antrieb; die bescheidene Colonie von gestern ward zu der Nation von heute.[42] Dies ist wenigstens die Ansicht der Canadier, während die eifersüchtigen Bürger der Vereinigten Staaten vielfach mit Spott und Geringschätzung auf Canada herabblicken.

Von der gewaltigen Hauptstadt New-York, wo der vaterländische Dampfer gelandet, beginnen wir unsere Fahrt mit dem Tagdampfer[43] stromaufwärts auf dem Hudson-Fluss bis Albany, der Hauptstadt des Staates New-York.

Das ungeheure dreistöckige Schiff, das viele Hunderte von Reisenden aufnehmen kann und auch wirklich aufnimmt, zeigt uns das belebte Bild dieses unvergleichlichen Hafens von New-York und die Stadt selber mit ihren neuen, dem Thurm von Babel ähnlichen Gebäuden (World, Madison Square Garden, beide über 350 Fuss hoch,) und dann weiterhin das Landschaftsbild des majestätischen Hudsonflusses, den man in diesem Lande den Rhein von Amerika nennt und in dem üblichen Superlativ-Stil nicht bloss zu[S. 30] den grössten Sehenswürdigkeiten der Vereinigten Staaten rechnet, sondern auch noch dazu weit über unsern Rhein zu erheben pflegt.[44]

Die Fahrt ist wirklich lohnend. Aber so schön, wie der Rhein, ist mir der Hudson doch nicht vorgekommen. Ihm fehlt, wenigstens für mich, die dichterische Verklärung, der Sagenkranz, der um die Burgen und Berggipfel am Rheinstrom gewoben ist.

Dem Hudson fehlen die Burgen ganz, der Wein fast völlig. Dazu kommt, dass merkwürdiger Weise seine Ufer um so flacher werden, je weiter stromaufwärts man sich Albany nähert. Uebrigens liegt diese Stadt, 143 engl. Meilen nördlich von der Mündung, noch im Bereich der Gezeiten.

Sowie wir das Gebiet von New-York verlassen, erscheinen uns, während am rechten wie am linken Ufer Eisenbahnzüge[45] vorbeisausen, links (westlich) die Pallisaden, säulenartig gegliederte, bis 300 Fuss hohe, schroffe Erhebungen, oben schön bewaldet (15 Meilen lang); rechts (östlich), Yonkers, eine der ältesten Ansiedelungen im Hudsonthal; und nach der Ausweitung des lieblichen Tappansee’s Sunnyside, der ehemalige Wohnsitz des Dichters Washington Irving, weiter das berüchtigte Zuchthaus Sing-Sing, und endlich Crotonpoint, von wo New-York sein Trink-Wasser bezieht.

Die malerischste Partie des Hudson-Gebietes bilden die Highlands, mit Bergen bis zu 1000 Fuss Höhe. Hierselbst ist auch der Fluss mit schönen, bewaldeten Inseln geschmückt. Jenseits der Kadettenschule zu Westpoint erblickt man in der Ferne die Catskillberge, und erreicht Albany (w.) am späten Nachmittag.

Nach Besichtigung der Stadt und namentlich des Capitols, eines erstaunlichen Granitbaues von 300×400 Fuss bei 320 Fuss Höhe, bringt mich der Nachtzug (der N. Y. Central) über Buffalo nach Niagara, wo ich natürlich einen Tag verbleibe.[46]

Sodann fahre ich nach dem nahen Toronto, am Nordwestufer des Ontario-See’s, und lerne eine canadische Stadt kennen.

Es ist ja recht kindlich, dass wir seit unseren frühesten Schuljahren mit dem Begriff des Canadiers den der Unkenntniss von Europa’s übertünchter Höflichkeit gewissermassen unbewusst[S. 31] und zwangsweise verbinden. Aber, wenn auch das fortgesetzte Studium uns eine bessere Vorstellung von dem heutigen Canada beigebracht, wenn wir gelesen haben, dass Toronto 1799 gegründet ist, 1817 nur 1200 Einwohner zählte, 1891 aber über 180000; so sind wir doch überrascht und erstaunt, mit eignen Augen diese riesigen, acht Stockwerke hohen Geschäftshäuser und die ungeheure Zahl der electrischen Strassenwagen in — Canada zu sehen! Die Staats-Universität von Toronto ist ein gewaltiges Gebäude in normannischem Stil.

Die Wissenschaft ist international. In dem biologischen Institut der Universität treffe ich deutsche Bücher, von R. Friedländer & Sohn (Berlin, Carlstrasse) geliefert, Sterilisirungsapparate von Dr. Müncke (Berlin, Luisenstrasse), deutsche Mikroskope und endlich die ausgezeichneten Museum-Schränke, die mein Freund, Hofrath A. B. Meyer in Dresden, construirt hat.

Nach zwei angenehmen Tagen, die ich in Toronto verlebt, bringt mich die Eisenbahn in vier Stunden über die gut bebaute Ontariohalbinsel nach dem tiefblauen Owen Sund am Huron-See. Hier nimmt uns der Schrauben-Dampfer Manitoba auf, der 2600 Tonnen fasst, 300 Fuss lang und 300 Reisende zu befördern berechtigt ist.[47] Die Fahrt ist entzückend.

Sie vereinigt die Reize der Fluss- und der Meerfahrt. Denn unser See ist so spiegelglatt, wie nur irgend ein Fluss sein kann; die Ufer, die Inseln reich bewaldet. Aber, wie wir weiter vordringen, umfängt uns der kreisförmige Horizont des Meeres.

Eines ist aber anders. Wir begegnen einer ganz gewaltigen Zahl von Dampf- und Segelschiffen, wie man sie nie auf offenem Meere antrifft; die meisten sind Kauffahrer, mit Holz und Getreide beladen, sehr tüchtig gebaut und gut gehalten. Ich lerne auch eine neue Form von Schiffen kennen, „Whaleback“ genannt; sie sind aus Eisen, wie eine riesige, verhältnissmässig dicke, beiderseits zugespitzte Cigarre gestaltet, ohne Takelwerk, nicht schön, aber angeblich sehr praktisch.[48]

Als wir am nächsten Vormittag an dem Engpass Sault St. Marie ankommen, wo der obere See, dessen Oberfläche 191 Meter über dem Meeresspiegel liegt, plötzlich in einer schmalen schäumenden Rinne[49] sein Wasser in den über 5 Meter tiefer gelegenen Huronsee ergiesst,[S. 32] müssen wir wegen der grossen Zahl der anwesenden Schiffe mehrere Stunden warten, ehe wir durch die riesige Schleuse in den oberen See emporgehoben werden.

Durch Sault St. Marie soll jährlich eine grössere Tonnenzahl gehen, als durch den Suezcanal, nämlich 10 Millionen Tonnen im letzten Jahre, 58 Schiffe in 24 Stunden, nach Angabe des Schleusenmeisters.[50]

Uebrigens wird hier von den Vereinigten Staaten ein neuer, noch weiterer Schleusencanal gebaut, und von den Canadiern auf ihrem Gebiet (am östlichen Ufer) ein dritter. Es herrscht ziemliche Eifersucht zwischen beiden Staaten und sogar eine Art von Zollkrieg, weshalb die Canadier ihren Handel durch einen eigenen Canal unabhängig zu machen bestrebt sind.

Am nächsten Morgen umgiebt uns wiederum der weite Meereshorizont auf dem Oberen See; aber zahlreiche kleine Vögelchen, die munter am Takelwerk des Schiffes auf- und abklettern, verkünden die Nähe des Landes. Ein einsamer Leuchtthurm (auf Passage-Island) kommt Vormittags in Sicht; eine Zinnkiste voll Zeitungen wird für den Thürmer ins Wasser geworfen.

Bald nach Mittag erblicken wir das mächtige Donnerkap, das 1600 Fuss hoch ist und ganz steil in die See abfällt, kommen in die Donner-Bay und erreichen Nachmittags Port Arthur.

Die Stadt ist erst vier Jahre alt und trägt noch ihr hölzernes Kindergewand. Von hier fährt der Dampfer in die Mündung des Flusses Kaministiquia, nach Fort William: dort erwartet uns der Zug der canadischen Pacificbahn.

Derselbe enthält nächst der Maschine den Gepäckwagen, dann zwei Auswandrer-Wagen, zwei sogenannte Wagen erster Klasse, in welchen man nur kurze Strecken zurücklegen kann, und zwei Schlafwagen von der in Amerika üblichen Einrichtung. (In jedem Wagen 12 Sectionen mit je einem oberen und unteren Bett, Nachts durch dicke Vorhänge gegen den Mittelgang abgeschlossen.)

Die Eisenbahngesellschaft entwirft in ihren Druckschriften glühende Schilderungen von der Pracht und Bequemlichkeit dieser Wagen. Vieles ist richtig; aber wenn der Wagen mit 24 Personen, dazu mit etlichen schreienden Kindern, ferner mit dem für eine mehrtägige Reise nothwendigen oder auch nicht nothwendigen Reisegepäck und endlich mit Jagd- und Fischerei-Geräthen ganz vollgestopft ist; so geht ein gut Theil der Bequemlichkeit wieder verloren.

[S. 33]

Die Amerikaner sind sehr stolz auf ihr Eisenbahnsystem. Die Gerechtigkeit erfordert, ihnen unsere Anerkennung nicht zu versagen. In der That ist ihre Art für so lange Reisen mit unbedeutenden Haltepunkten ganz zweckmässig und namentlich der freien Bewegung förderlich. Aber nachdem ich über 15000 Kilometer auf nordamerikanischen Eisenbahnen zurückgelegt und eine erhebliche Strecke auf europäischen, muss ich doch gestehen, dass ich für meinen Theil eine gute Schlafwagencabine in Deutschland, Oesterreich, Frankreich oder im Eilzug nach Konstantinopel vorziehe.

Eine viertägige Eisenbahnfahrt steht uns bevor; oder, wenn wir in dem Felsengebirge Halt machen wollen, eine dreitägige. Die Fahrgeschwindigkeit ist mässig. (500 englische Meilen in 24 Stunden; 21 Meilen = 33 Kilometer in der Stunde.)

Der erste Morgen bietet uns ein reizvolles Bild, Rat Portage am hauptsächlichsten Ausfluss des Lake of the Wood, des grössten Sees, welchen die Bahn zwischen dem Oberen See und dem Stillen Ocean berührt: Wald, Fluss, Wasserfälle, kleine Felsdurchbrüche, kleine Häuser, riesige Mühlen.

Um 8 Uhr Morgens wird der Speisewagen in den Zug eingeschoben und — gestürmt. Drei starke Mahlzeiten an jedem Tag harren der Reisenden und werden von den meisten anstandslos bewältigt.

Mittags erreichen wir in der flachen, mit Gras, Blumen und niedrigem Busch bedeckten Haide, welche als ebene Prairie bezeichnet wird, die Hauptstadt der Provinz Manitoba, Winipeg. Hier war ein alter Sitz der Hudsonbay-Gesellschaft, jener friedlichen und tüchtigen Kaufleute, welche Pelze von den Indianern erhandelten und die Pioniere des amerikanischen Nord-Westens geworden sind. 1871 hatte der Ort (früher Fort Garry genannt) nur 100, jetzt zählt er 29000 Einwohner. Die Stadt liegt am Zusammenfluss des Red- und des Assiniboia-River, die für Dampfer schiffbar sind, sowie von fünf Seitenlinien der Eisenbahn.

Hier ist das Land-Amt der Eisenbahnen und das der Regierung. Anschläge in allen Sprachen (englisch, deutsch, skandinavisch, polnisch) richten sich an die Einwanderer. Dolmetscher der Regierung harren auch am Bahnhof.

Der Zug hält einige Stunden, zur Betrachtung der Stadt. In der Hauptstrasse sind zunächst noch die alten Holzhütten zu sehen, weiterhin kommen prächtige Geschäftshäuser und wahre Paläste. Ein idyllisches Bild, sehr geeignet für den Pinsel eines Knaus, war, behaglich vor seinem Häuschen sitzend, der Handelsmann T., ein russischer Jude.[S. 34] Vor 10 Jahren seinem Stiefvaterland entronnen, kam er in diese Gegend ohne einen Cent; „und jetzt ist der ganze Häuser-Block mein,“ sagte er mit einer bedeutsamen Handbewegung, — wie einst Polykrates auf das beherrschte Samos hinzeigte.

Da bald hinter Winipeg, von Poplar Point gegen Portage la Prairie, der Glanz von Manitoba beginnt, eine Ansiedelung der anderen folgt, und so bis weit nach Norden hin; so wäre es vielleicht zweckmässig, ein paar Worte über die Auswanderung nach Canada zu sagen.

Natürlich ist das für einen Nichtfachmann, der bloss durchreist, ein schwieriger Gegenstand. Ich will zunächst aus dem officiellen Werk „Manitoba“ (by John Macoun, M. A., Dominion Governments-Explorer of the North-West, London 1883, S. 637) das Folgende anführen:

„Landgüter können zu jedem Preis gekauft werden, von 1 Dollar für den Acre aufwärts; und 160 Acres freien Landes kann man als Heimstätte belegen gegen eine Gebühr von 10 Dollar.“[51] Die Auslagen für das erste Jahr berechnet der Verfasser auf 600 Dollar, den Besitz nach fünf Jahren fleissiger Arbeit auf 3000 Dollar.

Weniger verlässlich sind die Schriften der Eisenbahngesellschaft, welche in dem Landgürtel von 25 Meilen Breite, beiderseits von der Bahn, zwischen Winipeg und dem Felsengebirge in jedem Bezirk Land besitzt und — an den Mann bringen will. Sie bietet Land an zum Preise von 2,5 Dollar für den Acre und verlangt ein Zehntel baar, das Uebrige stundet sie bis zu neun Jahren bei 6 Procent Zinsen. Aus ihrer Schrift „Successful Farming in Manitoba (1891)“ ist zu ersehen, dass einzelne Farmer ein Kapital von 1000 bis 5000 Dollars mitbrachten, — andere gar nichts, „und gut vorwärts kamen, namentlich wenn sie zunächst als Arbeiter einige Ersparnisse gemacht.“[52] (Vergl. auch „Farming and Ranching in Western Canada.“) Obwohl die Heimstätte weder verpfändbar noch verkäuflich ist, und der Besitztitel erst nach Ablauf von fünf Jahren regelmässiger Bearbeitung erworben wird; so giebt es doch Banken, welche, mit Erlaubniss der Regierung, den Ansiedlern von vorn herein mit Vorschüssen aufhelfen.

[S. 35]

Auswanderung ist ein nothwendiges Uebel für Europa im Allgemeinen und für Deutschland im Besonderen. Der Hauptstrom unserer Auswanderer geht nach den Vereinigten Staaten. Ob es nicht für Viele besser wäre, nach Canada auszuwandern, ist eine wichtige Frage. Deutsche Ansiedler sind in Nordwest-Canada beliebt und kommen auch sehr gut fort.

Wir nehmen unsere Reise wieder auf und kommen Nachts in die wellige und dann in die ansteigende Prairie, die auch noch gut bebaut ist. Hier liegt Bell’s berühmte Riesenfarm von 100 Quadratmeilen, die mit militärischer Ordnung bewirthschaftet wird; man pflügt in Brigaden und erntet in Divisionen.

Am Morgen des zweiten Tages erreicht der Zug die Stadt Regina in der Provinz Assiniboia. (1875 Fuss hoch über dem Meeresspiegel, mit 2000 Einwohnern). Hier liegt die erste (östlichste) Musterfarm der canadischen Ackerbaugesellschaft; hier ist der Sitz der Regierung des Nordwestens; hier stehen die Baracken der vortrefflichen, berittenen, rothjäckigen Polizeisoldaten (1000 Mann), welche die musterhafte Ordnung des Nordwestens gewährleisten. Sie überwachen auch die Indianer.

Die Letzteren machen einen ungünstigen Eindruck. Sie kommen auf die Stationen, um Büffelhörner und allerlei Kram zu verkaufen. Ehemalige Krieger aus der wilden Bande des Sitting Bull, welche die Abtheilung des Generals Custer 1876 in Montana (U. S.) vollständig aufgerieben, singen heute ihre Kriegsgesänge für ein paar kleine Münzen. Viele sind mit Narben und Geschwüren behaftet. Ja, die so berühmte Schärfe des Auges ist ihnen abhanden gekommen. Die Frauen leiden vielfach und die Männer nicht selten an eingewurzelten Entzündungen der Augen und Flecken auf der Hornhaut. Es ist zwar verboten, ihnen „Feuerwasser“ zu verkaufen, bei Strafe von 50 Dollar oder zwei Monat Gefängniss; aber es geschieht doch, wie die Verurtheilungen beweisen.

Eine Indianer-Reservation, wo sie auf einem bestimmten, ihnen zugewiesenen Gebiet mit Unterstützung der Regierung nach ihrer Art leben, habe ich nicht besucht; wohl aber ein Dorf am Puget-Sund, die katholische Mission gegenüber von Vancouver. Die Holzkirche und die weissen Holzhäuser sahen recht gut aus, auch die Boote, die sie aus den dicken soliden Stämmen herausschnitzen; aber die Menschen entsprachen nicht dem idealen Bilde der Indianergeschichten, die unser Knabenalter begeisterten. Auch hier fand ich eine grosse Zahl von Leuten mit schweren, zum Theil wohl tuberculösen Geschwüren und deren Folgen; aber auch einzelne hellfarbige Mischlinge, die man nur mit Mühe von Europäern unterscheiden kann.

[S. 36]

Von Regina aus westwärts erstreckt sich 200 Meilen weit eine Ebene, die keinen Baum enthält. Bis zum Horizont reicht die einsame, öde Grassteppe, die bald den Charakter der amerikanischen Wüste annimmt; der Boden wird zerklüftet, Bündelgras und Sadebusch bilden die ganze Flora; einzelne Alkali-Seen (Old wife’s-Lakes) kommen in Sicht. Nur selten wird die Einsamkeit durch eine Wasserstation, ein Haus, einen Kuhhirten unterbrochen.

Die Gegend soll zur Viehzucht sehr geeignet sein. Bei Medicine Hat (2150 Fuss hoch, mit 1000 Einwohnern), wo immerbrennende Fackeln des natürlichen Gases die Bahnstrecke erleuchten, gelangen wir in die hohe Prairie.

Am dritten Morgen, bei Tagesgrauen, sehen wir uns inmitten der Felsengebirge. Wir sind 4000 Fuss über dem Meeresspiegel, die scharfkantigen Gipfel der Berge,[53] auf denen nur hier und da ein kleines Plätzchen für Schneeablagerung bleibt, steigen bis zu 10000 Fuss in die Höhe. Wasserrinnsale und Föhren beleben das Bild.

Um 6 Uhr Morgens erreichen wir Banff, das 4500 Fuss hoch, 2346 Meilen von Montreal, 560 Meilen von Vancouver liegt. Hier hat die Eisenbahngesellschaft ein grosses Gasthaus mit 180 Zimmern erbaut. Behaglich prasselt in der riesigen Halle das Feuer und wird durch drei Fuss lange Baumstämme unterhalten.

Von der Höhe des Tunnelberges, 1000 Fuss über dem Thal, hat man einen Blick, ähnlich wie in St. Moritz. Man erblickt unten eine seeartige Ausweitung des grünen Flusses,[54] das kleine Dorf Banff, das 200 Fuss höher gelegene Gasthaus: Alles umgeben von starrenden Felsen, die amphitheatralisch ansteigen; einige, gerade jenseits des Gasthauses, sind mit Schnee und Gletschern bedeckt.

800 Fuss über dem Thal entspringt eine warme Schwefelquelle.[55] Viele Leidende suchen hier Hilfe. An der Holztreppe zu dem Gasthaus[56] sind Krücken angenagelt mit ruhmrednerischen Heilberichten, — ebenso, nur nicht so schön abgefasst und geschrieben, wie im Asklepieion von Epidaurus vor 2000 Jahren, oder wie an manchen Wallfahrts-Orten unserer Tage.

Eine andere, weniger warme Schwefelquelle in einer Höhle des Thales ist durchaus einem Geiser ähnlich: ein weites Becken mit grünlichem, lauem Schwefelwasser angefüllt, worin einige kleine Quellen aufsprudeln; darüber ein domähnliches Steindach mit Lichtöffnung.

[S. 37]

In einer guten Stunde fährt man, vorbei am Fusse von Cascade Mountain, der einer ungeheuren Riesenburg ähnlich sieht und ganz steil in’s Thal abfällt, nach dem Teufels-See[57] und befährt diesen auf einem ganz kleinen Dampfer. Es ist ein langer Hochgebirgssee, rings umgeben von den nackten Steinungeheuern der Felsengebirge, die trotzig emporragen, nur unten am Ufer mit grünem Nadelholz bewachsen.

Indem ich die Eisenbahnfahrt nach dem Westen fortsetze, merke ich zum ersten Male seit New-York, dass es anfängt, leerer zu werden: ein Schlafwagen wird abgehängt.

Die Gebirgsfahrt ist entzückend schön. (Im Eisenbahnbuch steht: 1. „Sie ist sonder gleichen.“ 2. „Der Gletscher bei dem Gletscherhause soll grösser sein als alle Gletscher der Schweiz zusammen.“ — Das ist so die Geschäftssprache der neuen Welt.)

Zunächst kommen wir in ein waldiges Thal und verfolgen den Lauf des Bow-Flusses nach aufwärts. Castle Mountain, der 5000 Fuss über die Ebene der Bahn emporragt, trägt seinen Namen mit Recht; die Zinnen der gewaltigen Burg sind mit frischgefallenem Schnee bedeckt.

Nach zwei Stunden erreicht man die grosse Wasserscheide.[58] Zwei kleine Bäche beginnen hier von einem gemeinschaftlichen Ausgangspunkte. Der eine geht ostwärts in den Saskatchewan-Fluss, also in die Hudsonbay und den atlantischen Ocean; der andere westwärts in den Columbia-Fluss, bezw. in den pacifischen Ocean.

Nach dem ersten Präsidenten der C. P. R. heisst Stephen sowohl die Gipfelstation (5296 Fuss) als auch der höchste Berg in diesem Theil der Felsengebirge. Wir gelangen in den Wapta- oder Kicking-Horse-Pass, wo der gleichnamige Fluss 1000 Fuss unter uns in der Tiefe schäumt, umkreisen die Grundfläche des Riesen Mount Stephen, der 8000 Fuss über die Bahnebene emporsteigt und in gewaltiger Höhe über uns einen Gletscher trägt. Ziemlich weit oben gewahren wir auch die Zickzacktreppen, die einem Silberbergwerk angehören.

Dem Fluss folgend, gelangt man in den unteren Kicking-Horse-Cannon, wo das brausende Wasser und die Bahn sich den Raum der engen Schlucht streitig machen. Nur eine einsame Sägemühle unterbricht die Wildniss. Tunnel sind nur sparsam und kurz.

Wir fallen rasch in drei Stunden 600 Meter, und tauchen bei Golden aus der Schlucht in’s Freie. Sofort erblicken wir vor uns[S. 38] den Columbiafluss und die schöne Kette des Selkirk-Gebirges, die annähernd parallel ist mit der des Felsengebirges.

Bei Donald (2500 Fuss hoch) erreicht man die pacifische Abtheilung der Bahn, kreuzt den Columbiafluss und dringt in die Selkirks ein durch die enge Schlucht des Beaverflusses. Wir steigen wieder empor, den Fluss 1000 Fuss unter uns, durch dichte Föhrenwälder; über luftige Brücken, 250 Fuss über dem Bach; und erreichen die Passhöhe der Selkirks (Roger-Pass, 4275 Fuss hoch), inmitten hoher Gletscherberge: Cheops, Illiciwäet, Ross Peak, Donald. (Hier liegt das freundliche Gletscherhaus.) Diesseits und jenseits der Passhöhe sind mächtige Schneetunnel, z. Th. mit offenen Nebengeleisen für den Sommer.

Rasch fallen wir wieder und dringen in den Albert Cannon ein. Der Zug hält. Wir sehen von einem Holzbalkon aus 300 Fuss tief unter uns den schäumenden Fluss auf 20 Fuss Breite zusammengepresst.

Dann treffen wir, nach fünf Stunden Eisenbahnfahrt, wieder den Columbiafluss, welcher einen weiten Bogen nach Norden um die Selkirks gemacht, um 1000 Fuss gefallen und zu einem mächtigen, schiffbaren Strom angewachsen ist.

Am letzten Morgen ist ein Glanzpunkt der Reise die Fahrt durch den Fraser-Cannon (40 Meilen). Der Fraser ist der Hauptfluss in Britisch-Columbien und geht in den Puget-Sund. Interessant ist die alte Regierungs-Fahrstrasse durch diesen Cannon, die gelegentlich 1000 Fuss über den Fluss emporsteigt und scheinbar nur durch dünne Stäbchen über den Schluchten gestützt ist.

Der Cannon wird bald weiter, bald enger. Indianerhütten tauchen auf, entweder gegen das Felsufer, oder auf einem inselartigen Steinblock befestigt. Man sieht die Indianer ihren Lachs fischen oder dörren. Dann erscheinen Häuschen von Chinesen, die Gold waschen. Dazwischen einzelne Zelte von Abenteurern kaukasischer Rasse.

Von North-Bend bis Yale, 23 Meilen lang, ist der mächtige Fluss zwischen senkrechte Wälle von dunklen Felsen eingeengt. Bei der letzten Wendung des Flusses dringen wir in einen Tunnel ein und, wieder auftauchend, sehen wir ein breites Flussthal vor uns mit fruchtbarem Boden und kräftigem Baumwuchs; Viehheerden, Felder, Sägemühlen. Die Vegetation wird um so üppiger, je näher wir der Küste des stillen Oceans kommen. Der grosse Raum zwischen Schienen und Einzäunung ist mit breitblättrigen Farn und Sträuchern dicht bewachsen.

[S. 39]

Wir erreichen den Puget-Sund (Burrard Inlet) und Vancouver, das Ende der Canadischen Pacificbahn. Diese merkwürdige Stadt ist sechs Jahre alt und zählt heute 20 000 Einwohner, hat grossartige Hotels, sehr bedeutende Geschäftshäuser, zwei Banken, und mehrere Dampf-Sägemühlen, welche die 1–2 Meter dicken Föhrenstämme von gewaltiger Länge spielend bemeistern und die Balken und Bretter unmittelbar vom Holzplatz aus einerseits auf der Eisenbahn nach der holzarmen Prairie, andererseits zu Schiff um Cap Horn herum nach Montreal und nach Europa versenden.

Electrische Eisenbahnwagen durchsausen die Strassen, durchsausen den Urwald[59] auf schmaler, ausgebrannter Bahn nach dem 12 Meilen entfernten New-Westminster.

Ein schöner Naturpark auf einer Halbinsel enthält einen acht Meilen langen, gutgepflegten Fahrweg mit entzückenden Aussichtspunkten. Und in dem herrlichen Hafen, dicht neben der grossen Bahnstation und der Werft unmittelbar anliegend, ist ein 485 Fuss langer Oceandampfer „Empress of Japan“ verankert, dessen Wimpel westwärts flattern, westwärts nach dem fernen Osten.


[S. 40]

III.
Der stille Ocean.

Schon der Name des stillen Oceans macht auf den Landbewohner von Mitteleuropa einen überwältigenden Eindruck; der Begriff der ungeheuren Grösse,[60] welche ja die der sämmtlichen fünf Erdtheile übertrifft, fügt sich zu dem der gewaltigen Entfernung von der Heimath, die ungefähr ein Drittel des Erdumfangs ausmacht. Als ich, im Herbst 1887, bei dem Klippenhaus von San Francisco, zum ersten Mal das Glück hatte, dieses Weltmeer aus der Nähe zu betrachten, konnte ich nicht umhin, obwohl sonst symbolischen Handlungen abhold, meine Stirn mit dem Salzwasser zu benetzen und meinen Geist in jene merkwürdige Zeit zu versetzen, wo Vasco Nunnez de Balboa (am 25. September 1513) von einem Berg der Meeresenge zu Panama zuerst „das Südmeer“ erblickte, — um vier Jahre später von dem neidischen Gouverneur Pedrarias Davila widerrechtlich enthauptet zu werden; und Fernão de Magalhães, der erste Weltumsegler, nach stürmischer Fahrt auf dem atlantischen Ocean um die Südecke von Patagonien herumsegelnd (Nov. 1520) einen ausnahmsweise ruhigen Wasserspiegel vorfand und dadurch zur Benennung des stillen Oceans veranlasst wurde.

Jetzt hatte ich diese gewaltige Wasserwüste zu durchkreuzen, in nahezu zweiwöchentlicher Fahrt, auf der ich weder eine Insel, noch auch, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein einziges Schiff zu Gesicht bekommen würde. Gegenüber den zahlreichen Dampferlinien zwischen Europa und Nordamerika bestehen nur zwei zwischen Nordamerika und Ostasien.

[S. 41]

Die erste (ältere) führt von S. Franzisco nach Yokohama (4750 Seemeilen = 8787 Kilometer). Vor zehn Jahren war Dr. H. Meyer befriedigt durch die Leistung der ost-westlichen Dampfschiffgesellschaft[61], die Strecke mit einem Dampfer von 3000 Tonnen und 650 Pferdekräften bei einer mittleren Tagesgeschwindigkeit von 250 Seemeilen binnen 19 oder 20 Tagen zurückzulegen.

Heutzutage ist man so wenig damit zufrieden, dass das Schiff dieser Linie, welches unmittelbar vor uns in Yokohama landete, sage einen einzigen Cajütreisenden brachte, unser eigenes Schiff aber mehr als 80. Der Wettbewerb wirkt Wunder. Die canadische Pacific-Bahn[62] hat ganz neuerdings drei mächtige Seedampfer erbaut, welche die stolzen Namen „Kaiserin von Japan“, „Kaiserin von China“, „Kaiserin von Indien“ führen und die Strecke von Vancouver bis Yokohama (4340 Seemeilen = 8029 Kilometer) bei einer mittleren Tagesleistung von 350 Seemeilen in 13 bis 14 Tagen zurücklegen und zwei Mal im Monat die Post von London nach Yokohama in 28 Tagen hinschaffen, während der Weg durch den Suezkanal gegen 40 Tage beansprucht.

Fünfzig Jahre sind verstrichen, seitdem der erste Dampfer das pacifische Gewässer durchpflügte, der „Biber“[63] der Hudsonbay-Gesellschaft, dessen Wrack seit 1889 unter den Klippen von Burrard’s Einlass[64] hilflos seine Mastbaumspitzen aus dem Wasser emporstreckt. Und jetzt haben wir Stahlschiffe von 485 Fuss Länge und 51 Fuss Breite, schneeweiss gestrichen, um in der heissen Zeit die Cajüten kühler zu halten: für eine Fahrgeschwindigkeit von 19 Knoten gebaut und ungefähr 16 wirklich zurücklegend, mit Doppelschraube, dreifacher Expansionsmaschine, die 150 Tonnen Kohlen täglich verbraucht, mit wasserdichten Schotten und electrischer Beleuchtung.

Der Vergleich der atlantischen und pacifischen Dampfer drängt sich dem Reisenden von selber auf. Schönheit und Pracht hier wie dort; Bequemlichkeit im Osten noch grösser. Da die Ueberfüllung nicht so bedeutend ist, kann der Einzelreisende leichter eine eigne Cajüte erhalten, ohne den zweiten Platz zu bezahlen.[65] Es[S. 42] ist doch eine grosse Annehmlichkeit, für eine zweiwöchentliche Reise sich häuslich in seiner Cajüte einrichten und seine Sachen auspacken zu können. Es ist sogar ein Kleiderspind vorhanden. Die Bedienung in der Cajüte wie an der Tafel wird von Chinesen geleistet. Der Asiate ist von Natur ein besserer Diener,[66] als der Europäer, — wenn man nicht zu viel von ihm verlangt. Die electrische Klingel ist unnöthig. Ein leises Händeklatschen, wie überall in Ostasien, bewirkt das augenblickliche Erscheinen des Cajütendieners. Vom zweiten Tage an weiss er, dass ich mit Sonnenaufgang bade und danach in der Cajüte eine Tasse Thee nehme.

Bei Tisch nahen geräuschlos, auf ihren Filzsohlen, die bezopften, in blauseidne Röcke mit schneeweissen Aermeln gekleideten Aufwärter, über dem gelben, schlitzäugigen Antlitz das schwarze, beknopfte Käppchen, unter dem der lange schwarze Zopf herabhängt, und bringen dem Reisenden die Speisekarte. Freilich, ihr Englisch ist mangelhaft und lesen können sie nur ihre eigene Schrift. Deshalb gewöhnt man sich bald, von Vancouver bis Bombay, nicht das Gericht, sondern die Nummer[67] zu fordern. Immerhin ist das Auftreten der Ostasiaten als Aufwärter und Schiffsleute sehr geeignet, die Empfindung des fernen Ostens bei dem Reisenden hervorzurufen. Freilich, die herrschende Stellung hat der Kaukasier sich vorbehalten, — gradeso wie in dem Gasthaus von Wawona bei Yosemite in Californien, wo der Koch Chinese, der Kellner Neger, der Kutscher Halbblut, der Fischer Indianer, nur der Wirth ein weisser Mann war!

Auch die Reisegesellschaft war auf dem atlantischen Weltmeer ganz anders zusammengesetzt, als jetzt auf dem pacifischen.

Auf dem Zwischendeck der englischen Dampfer, von Liverpool nach New-York, herrscht der Irländer vor, der zu Hause in die frische Luft gesetzt worden, da man ihm, wegen Nichtbezahlung des Pachtzinses, das Dach der Hütte abgedeckt; und der nun schon unterwegs von Tammany-Ring und von einer Herrscherrolle in Staat und Gemeinde träumt.

Auf dem Zwischendeck des norddeutschen Lloyd von Bremerhafen nach New-York bilden deutsche Bauern mit ihren Familien und[S. 43] Handwerker die Mehrzahl, danach Slaven (Polen, Mähren) und Skandinavier. Bei gutem Wetter herrscht grosse Fröhlichkeit, „das deutsche Lied“ wird gesungen, auch „die Wacht am Rhein“, und „Deutschland, Deutschland über Alles“. Liederbücher und Abschriften einzelner Lieder wandern von Hand zu Hand. Es tönt die Fiedel und die Ziehharmonica, es tanzen Germanen und Slaven. Deutsche Werkmeister, die in den Vereinigten Staaten eine gute Stellung gefunden, kehren von ihrer Urlaubsreise heim. Natürlich fehlt nicht das Wandervolk Israel, namentlich aus dem „heiligen“ Russland; für sie stellt Amerika eine gute, wiewohl harte Schule dar: da kürzt sich Haar und Bart, der Kaftan wird zur Joppe, das schlaffe Wesen zu thatkräftigem Handeln; ihre freigeborenen Kinder zeigen keine Spur mehr von der russischen Sklaverei. Auf diesen Schiffen erinnern wir uns an die moderne friedliche Völkerwanderung über den atlantischen Ocean, welche weit beträchtlicher ist, als die alte der Germanen, die das römische Reich zerstört hat.

Auf dem pacifischen Ocean werden wir an die hunnischen und mongolischen Horden erinnert; wiewohl auch hier im 19. Jahrhundert Alles friedlich zugeht. Das Zwischendeck gehört nämlich den Chinesen, die von der pacifischen Küste Amerika’s, wo sie als Wäscher und Bügler, als Schneider und Schuster, als Köche und Aufwärter gewirkt und einige Ersparnisse gesammelt, in ihre Heimath, nach den Südprovinzen des grossen Reiches der Mitte, zurückkehren.

Der Unterschied zwischen atlantischer und pacifischer Seefahrt erstreckt sich sogar auf die Cajütreisenden, obwohl doch bei den sogenannten höheren Classen der Gesellschaft die allgemeine Cultur mehr und mehr alle Besonderheiten abschleift.

Auf dem Lloydschiff nach New-York herrscht der Deutsch-Amerikaner vor, der seine Einkäufe, hauptsächlich von Bekleidungsgegenständen und Metallwaaren, in Deutschland gemacht; seine Badereise nach Carlsbad oder Kissingen hinter sich hat, wo er dem durch das hastige Essen und die ungeheuren Mengen von Eiswasser geschwächten Magen zu neuer Ausdauer verholfen; seine Verwandten in Alldeutschland besucht, seine Kinder dorthin gebracht hat; — und nun wieder seiner Thätigkeit in den Vereinigten Staaten zustrebt: der Bierbrauerei, die dort so manchen deutschen Mann nicht bloss nährt, sondern reich macht, der Maschinenfabrik, der Korn- und Fleischgewinnung, dem Tabaks-, Oel-, Baumwollen-, Zuckergrosshandel, der Technik und Kunst, der Heilkunde.

Dazu kommen unternehmende Sendlinge deutscher Fabriken und Grosshandlungen, welche versuchen wollen, in den Vereinigten Staaten,[S. 44] trotz der hohen Zölle ihre Erzeugnisse abzusetzen, und ganz vereinzelte Vergnügungsreisende. Ferner trifft man auch noch neuerdings, seitdem die Bremer und Hamburger Linien so beliebt geworden, echte Amerikaner: solche, welche Europa „gemacht“ haben und noch einen Theil des angrenzenden Asien und Afrika dazu und mit Weib und Kind und mindestens 54 verschiedenen — Theelöffeln (aus den europäischen Hauptstädten sowie aus Tunis, Caïro, Jerusalem, Tiflis) heimkehren, um sie, nebst unbestimmten Reiseeindrücken, am ersten Nachmittag den erstaunten Nachbarn in St. Louis oder Cincinnati vorzulegen; nicht wenige Badereisende und Magenkranke; einige von Allen angestaunte sogenannte Millionäre, wenige Gelehrte und Staatsmänner.

Dazu kommen schliesslich noch einzelne Engländer, gerade genug, um bei den unvermeidlichen politischen Gesprächen einige Mannigfaltigkeit[68] herbeizuführen; von den übrigen Völkern gelegentlich ein einsamer Vertreter.

Ganz anders ist die Cajüt-Gesellschaft auf der „Kaiserin von Japan“ zusammengesetzt. Alldeutschland ist nur in bescheidener Zahl vertreten, durch 3 unter 84. Da ist zunächst ein wissensdurstiger und unternehmender Officier, der Urlaub auf ein Jahr bekommen und Asien studiren will; wie mir scheint, der fleissigste und gründlichste aller Reisenden des Schiffes. Da ist ein junger Kaufmann mit tadellosem Englisch und Benehmen, der durch vorsichtige Wahl seines Vaters schon in jungen Jahren zu dem Vergnügen einer Weltumseglung gelangt ist. Da bin ich selber. Aber die Mehrzahl aller Cajütreisenden (34 von 84) sind Missionäre aller Arten, aller Secten, — Amerikaner und Engländer: alte, im Dienst ergraute Prediger, die auch in der gewöhnlichen Unterhaltung den gehobenen Ton anschlagen; jüngere mit Weib und Kind; „grosse Frauen“, von deren Beredtsamkeit und Vorzügen die Tagesblätter von Vancouver überströmten, und junge, lächelnde Fräulein, die hoffnungsfreudig an die schwierige, unbekannte Aufgabe gehen, den altcivilisirten Ostasiaten eine neue Botschaft zu verkünden.

Asiaten selber, sogenannte Heiden, sind in der Cajüte nur sparsam vertreten, durch zwei würdevolle Japaner und eine Parsi-Familie aus Bombay. Weit zahlreicher waren die Muss-Asiaten aus Europa, Engländer, die in Japan als Kaufleute, in China[69] als Zollbeamte so lange[S. 45] leben, bis die Ersparnisse zu einem behaglichen Dasein in der Heimath ausreichen.

Hierzu kann auch noch ein „ehrenwerthes Parlamentsmitglied“ und ein Consulatsbeamter mit Gattin gerechnet werden.

Dann kommen die Vergnügungsreisenden, deren Zahl keineswegs so gross ist, wie man annehmen sollte, nämlich etwa zwei Dutzend, die eine Hälfte für Japan bestimmt, die andere wirkliche Erdumwanderer (Globetrotter), eine Menschengattung, auf die ich noch bei Gelegenheit zurückkommen werde.

Was nun unseren Kurs anlangt, so geht derselbe, sowie wir die offene See gewonnen, schnurstracks nach Westen, von der Insel Vancouver nach der Bucht von Yokohama, auf dem kürzesten Weg, der aber wieder auf Karten nach Kremer’s Grundriss[70] eine nach Norden erhabene Linie darstellt und mittwegs ganz dicht unter den Alëuten vorbeistreicht.

Trotz der hohen Verehrung, die ich den Büchern und Karten des deutschen Reichspostamtes zolle, muss ich bekennen, dass auf der grossen Uebersichtskarte des Weltpostverkehrs (Berlin 1892) der Kurs nicht ganz richtig bezeichnet ist, während auf der Karte des neuesten Bradshaw zwar die Zeichnung richtig, aber die Benennung falsch ist.[71]

Ein Blick auf meine eigne Karte und auf den folgenden Logbericht wird das Gesagte erläutern.

  Datum Breite Länge Entfernung Bemerkungen
Mittw. 31. Aug.           Ab Vanc. 4h 35′ Nchm., an Victor. 9h 45′ N.
Donn. 1. Sept. 48° 20′ N. 123° 55′ W. 111 Seemeilen Ab Vict. 6h 30′ Vorm.
Freitag 2. Sept. 50°   133° 40′ W. 395 Seemeilen  
Sonnab. 3. Sept. 50° 58′ N. 143° 45′ W. 390 Seemeilen  
Sonntag 4. Sept. 51°  0′ N. 154° 10′ W. 393 Seemeilen  
Montag 5. Sept. 51°  0′ N. 164° 25′ W. 387 Seemeilen  
Dienst. 6. Sept. 50° 26′ N. 174° 18′ W. 377 Seemeilen Orkan.
Mittw. 7. Sept.           Ausgelassen.
Donn. 8. Sept. 49° 19′ N. 176°  8′ Ö. 376 Seemeilen  
Freitag 9. Sept. 47° 53′ N. 166° 44′ Ö. 383 Seemeilen  
Sonnab. 10. Sept. 45° 47′ N. 157° 48′ Ö. 387 Seemeilen  
Sonnt. 11. Sept. 42° 47′ N. 149° 37′ Ö. 393 Seemeilen  
Montag 12. Sept. 39°  4′ N. 142°  4′ Ö. 367 Seemeilen  
Dienst. 13. Sept.           Um 12h Mittags auf der Rhede von Yokohama.

[S. 46]

Jetzt komme ich zur Beschreibung der Fahrt und meiner geringen Erlebnisse auf derselben.

Der Hafen von Vancouver ist prachtvoll und tief; das grosse Schiff liegt unmittelbar am Ufer, so dass wir zu Fuss über die Brücke an Bord gehen; und wenige Schritte entfernt von dem Schienenstrang der Eisenbahn, welche den nordamerikanischen Continent bis Halifax in Neu-Schottland durchquert. Alles, was der Dampfer zur Ausrüstung braucht, ist aus der nächsten Umgebung zu beschaffen, Kohlen aus Nanaimo auf der Insel Vancouver. Der deutsche Reisende wünscht von Herzen, dass wir auch einen solchen Hafen an der Weser besässen.

Entzückend ist die Ausfahrt um 4½ Uhr Nachmittags, aus Burrard’s Einlass, des von hohen, dicht bewaldeten Bergen umgebenen Meerbusens, an welchem die Stadt Vancouver liegt; durch den schmalen, mit Leuchtthürmchen wohl versehenen Engpass in die schönumwaldete englische Bay und dann in den eigentlichen Puget-Sund südwestlich, zwischen flachen Inseln, nach der Strasse San Juan di Fuca, welche die zum Dominion Canada gehörige Insel Vancouver von dem Festlande von Washington trennt, das erst vor Kurzem die Kinderschuhe des Territoriums ausgezogen hat und zu einem Staat in dem Bunde der Vereinigten Staaten Nordamerikas befördert ist. Victoria, auf der Insel Vancouver, die Hauptstadt von Britisch Columbia (mit 20000 Einwohnern), erreichen wir erst spät Abends 9½ Uhr und bleiben daselbst vor Anker bis zum nächsten Morgen um 6½ Uhr.

Meiner Gewohnheit getreu, bin ich des Morgens der Erste auf Deck und erblicke zur Rechten die lang gestreckte, dicht bewaldete, aber bisher noch wenig besiedelte Insel Vancouver, zur Linken die vorspringende Halbinsel des Festlandes, die den Vereinigten Staaten gehört. Zunächst ist das Wetter sehr schön, die Sonne bestrahlt das Schiff und die Wellen. Bald aber erhebt sich Nebel und umgiebt uns immer dichter. Es ist ein sehr merkwürdiger Anblick, wie im Nebel der Horizont näher und immer näher an uns heranrückt, dann plötzlich weiter wird, um rasch wieder sich zu verengen.

Die Sonne sieht aus wie weisses Silber, ganz ähnlich, wie ich sie in Aegypten zur Zeit des Sandsturmes gesehen.

Das Nebelhorn ertönt. Das Schiff fährt so langsam, dass wir die Fortbewegung kaum bemerken. Nachmittags um 3 Uhr sind wir noch nicht hinaus über die langgestreckte Insel Vancouver.

Der dritte Tag der Seefahrt beginnt wieder mit schönem Wetter. Trotz einiger Wolken bestrahlt die Sonne das Meer, das so spiegelglatt ist, wie in jenen Tagen, wo es den Namen des friedlichen er[S. 47]worben, und zeichnet eine breite, goldige Furche hinter dem westwärts eilenden Schiff.

Mittags wird das Wetter rauher, das Schiff mehr bewegt, so dass etliche Fälle von Seekrankheit vorkommen. Es fängt an zu regnen und regnet bis zur Nacht.

Inzwischen hatte ich einen vortrefflichen Zeitvertreib ausfindig gemacht. Im Rauchzimmer fand ich einen munteren Kreis gleich mir seetüchtiger Männer, Engländer und Amerikaner, Kaufleute und Beamte aus Ostasien, sowie einige Vergnügungsreisende, Juristen und Gross-Kaufleute, die studirt hatten, zum Theil sogar in Deutschland. Schnell wurde ein Club gegründet und munter verhandelt. Hauptgegenstände der Erörterung waren der Unterschied von Amerika und Europa, sowie Freihandel und Schutzzoll. Es giebt doch auch sehr gebildete Amerikaner, die James Bryce’s klassisches Werk „the American commonwealth“ nicht bloss selber kannten, sondern auch mir seine Bekanntschaft vermittelten: ich nenne sie die Boston-Leute, obwohl sie nicht alle aus Boston stammen; nur sind sie selten unter der grossen Zahl der mit Hilfe der erworbenen Dollar allenthalben umherreisenden Amerikaner.

Da hörte ich sehr richtige Ansichten über die Grösse und über die Schwächen des mächtigen Reiches der Vereinigten Staaten. Ungeheuer waren die materiellen Schwierigkeiten, die man zu überwinden hatte, um Urwälder auszurotten, Prairien in Weizenfelder zu verwandeln, den eisernen Schienengürtel durch Wüsteneien, Hunderte und Tausende von Meilen lang, von dem einen Weltmeer zum andern zu befestigen. In diesen Kämpfen erstarkte die Thatkraft und der Erfindungsgeist. Auf diesen Gebieten ist Amerika gross. Was ihm noch fehlt, ist die theoretische Wissenschaft, die Verfeinerung in Kunst und Geschmack. Hier haben sie von andern Völkern zu lernen und, wie die Einsichtigen richtig zugestehen, auch von Deutschland, das seit 50 Jahren eine so bedeutende Stellung in der Wissenschaft einnimmt.

Da merkte ich bald, dass in den Vereinigten Staaten noch andere Leute leben, als jener Möbelfabrikant von dem Dampfer des norddeutschen Lloyd, der sein Vaterland mit einer chinesischen Mauer umgeben wollte, um alle fremden Erzeugnisse auszuschliessen, weil ja die 60 Millionen der eignen Bürger ein genügendes Absatzgebiet sicherten, und alle Naturschätze für das menschliche Bedürfniss im eignen Lande zu haben wären. Hier gab es unter Fabrikanten und Kaufleuten verschiedene, die diese Fragen gründlich und praktisch studirt hatten und die Ueberzeugung aussprachen, dass die Abschaffung der Schutzzölle ihrem Vaterlande zum Segen gereichen würde. Ich[S. 48] lernte auch Manches über die Einrichtungen unseres Vaterlandes; denn das ist der grosse Vortheil des Reisens, dass man die Urtheile der ferner Stehenden vernimmt. An unserer socialen Gesetzgebung hatten sie Manches auszusetzen. Die Regierung mache sich dem Bürger zu sehr fühlbar. Die Arbeiterschutzgesetze in ihrer jetzigen Form ziehen künstlich Entschädigungsansprüche gross und fördern die Heuchelei.

Etwas Wahres ist daran; das hatte ich selber in ärztlichen Begutachtungen von Unfällen zu oft erfahren müssen.

Freimüthige Urtheile über die heimischen Zustände nimmt der Reisende, wenn er nicht beschränkt ist, gern entgegen; Angriffe wehrt er muthig ab: und mit Erfolg, selbst wenn er unter Fremden allein steht.

Der gewöhnliche Yankee ist vielfach in dem Wahn befangen, dass Europa und besonders Deutschland Ketten rassele. Hier hatte ich leichtes Spiel, ich konnte nachweisen, dass in dem „freien“ Amerika weit mehr arretirt wird, als bei uns; dass Ketten rasselnde Sträflinge nicht bei uns, wohl aber noch vor wenigen Jahren in Portland auf den Strassen zu sehen waren.

Noch am vierten Tag begleiteten uns grosse dunkle Seemöven; mit gewaltiger Flügelspannung schweben sie prachtvoll und lieben es, gelegentlich die Flügelspitze an dem Wellenbug zu netzen; sie fliegen schneller, als wir fahren, denn trotz der grossen Bögen, die sie seitwärts beschreiben, kommen sie doch mit. Am folgenden Tag sind sie fort. Wir sind allein auf der gewaltigen Wasserwüste des stillen Oceans, dessen Breite bewirkt hat, dass Cipangu, nach dem Columbus ausgesegelt, doch noch zwei Menschenalter länger in seiner weltfernen Einsamkeit ungestört verblieben ist, als das derzeit unbekannte und ungeahnte Amerika.

Am sechsten Tag der Seefahrt (Montag, den 5. September) sind wir nahe der Ostgrenze der Alëuten, das Wetter wird schlechter. Am folgenden (Dienstag, 6. September) haben wir den Sturm, und zwar aus Osten, so dass wir 15 Knoten durch die Maschine machen und zwei dazu durch den Wind. Der Himmel ist dunkelgrau, das Schiff ächzt und knackt. Die haushohe, schaumbedeckte Woge klatscht gegen das wohlverwahrte Sturmfenster des Oberdecks. Sowie ich das Verdeck betrete, werde ich gegen die Brüstung geschleudert. Aber es geht mir besser, als dem ersten Officier, der sofort das Schlüsselbein bricht. Ich gewinne einen sicheren Sitz und Halt auf einer angeschraubten Bank des Verdecks und geniesse das erhabene Naturschauspiel, dem Weniges gleichzustellen ist, höchstens ein Gewitter in den Tropen. Sowie das Schiff seitwärts sich bewegt, sieht es aus, als ob die haushohe Wassermauer über uns zusammenstürzen müsste, um uns im Schaum zu begraben; aber sofort[S. 49] hebt sich das muntere Schiff wieder empor und tanzt auf dem Wellenberg weiter. Wir sind unter der Mitte der Alëuten. Die meisten Reisenden waren krank, da der Sturm den ganzen Tag hindurch wüthete.

Nur wenige erschienen zum Mittagsmahl. Aber die Mitglieder unseres philosophischen Clubs behaupteten ihre Stellung im Rauchzimmer; freilich mussten wir oft den Fuss gegen den angeschraubten Tisch stemmen, um nicht vom Stuhl herunter zu Boden geschleudert zu werden.

Endlich um 10½ Uhr Abends ging der Mond auf und besänftigte die Wuth der Wogen. Die Sterne erglänzten mit mildem Schein. Es war wieder möglich, auf dem Verdeck zu spazieren. In der Cajüte fand ich alles durcheinander geworfen, das obere zu unterst gekehrt.

Als wir am andern Morgen erwachten, am achten Tage der Seefahrt, schrieben wir nicht Mittwoch, den 7. September, sondern Donnerstag, den 8. September.

Heutzutage ist die Sache Jedem bekannt, wenn nicht aus der Schule, so doch aus dem Theater. Aber Jules Verne hat in seiner „Reise um die Erde in 80 Tagen“ (die Jedem, der die Reise wirklich gemacht, doppelt dumm vorkommt,) das Motiv nicht erfunden. Bereits 350 Jahre früher waren Magalhães’ Reisegefährten, welche zum ersten Mal die ganze Erde in westlicher Richtung umkreist hatten, in das grösste Erstaunen gerathen, als sie, nach Spanien zurückgekehrt, in ihrem Schiffskalender um einen Tag zurück waren; sie glaubten zunächst, dass sie unterwegs vergessen hätten, einen Tag zu verzeichnen.

Ein jeder Ort wechselt den Monatstag in dem Augenblick, wo der Mitternachtsmeridian über ihn weggeht. In demselben Zeitpunkt, wo in Greenwich Mittag des 7. September gezählt wird, ist 180° westwärts davon Mitternacht, der Beginn des 8. September.

Fährt ein Schiff immer westwärts von Greenwich, in gleicher Richtung mit der scheinbaren Bewegung der Sonne; so hat es jedes Mal zwischen zwei Mittagen eine längere Zeit, als 24 Stunden. Die Verlängerung des Tages beträgt für jeden Grad westlicher Abweichung 4 Minuten;[72] also in Wirklichkeit 40 Minuten, wenn das Schiff täglich etwa 10 Längengrade zurücklegt. Hat das Schiff in gleicher Richtung mit der scheinbaren Bewegung der Sonne den ganzen Erdball umkreist, so ist ihm auf dieser Reise die Sonne ein Mal weniger durch[S. 50] seinen Meridian gegangen, als daheim; das Schiffsbuch ist, bei der Landung zu Hause, um einen Tag zurück. Deshalb pflegt der Capitän, wenn er den 180° Längengrad westlich von Greenwich passirt, einen Wochentag und ein Datum zu überschlagen. So kann der geplagte Seemann, wenn er besonderes — Glück hat, sogar um seinen Geburtstag kommen!

Fährt dagegen das Schiff ostwärts um die Erde, der scheinbaren Bewegung der Sonne entgegen; so legt es die Zeit von einem Mittagsstand der Sonne bis zum nächsten in weniger als 24 Stunden zurück, nämlich um 10×4 = 40 Minuten weniger, wenn es in nahezu 24 Stunden 10 Längengrade überschreitet. Die Sonne ist ihm ein Mal mehr durch den Meridian gegangen, als daheim. Das Schiffsbuch ist bei der Landung zu Hause um einen Tag weiter.

Herr Phineas Fox hat seine verrückte Wette gewonnen, obwohl er es selber nicht ahnte. Aber nach dem Logbericht kann der so pünktliche Mann nicht gesehen haben; sonst würde er bei Ueberschreitung des 180° Meridians östlicher Länge, zwischen Asien und Amerika, gemerkt haben, dass das Schiffsbuch denselben Wochentag und dasselbe Datum an zwei aufeinander folgenden Tagen ansetzte.

Das Wetter ist weit besser geworden, aber ein leises Nachgrollen des Sturmes noch merklich. Das Schiff tanzt auf den Wogen, die Doppelschwingung von rechts nach links dauert etwa 5 Secunden. (Später auf dem indischen Ocean mass ich 10 Secunden und 12 von vorn nach hinten.) Aber kein Rollen, kein Stampfen. Die Sonne ist klar, die Welt ist heiter.

Am folgenden Tag (dem neunten der Seereise, Freitag, den 9. September) ist das Meer wieder spiegelglatt, aber am 10. September ertönte von Neuem das Nebelhorn. Auf dem stillen Ocean ist mehr Nebel als auf dem atlantischen; die Alëuten bilden zwar eine Barre gegen die Eisberge, aber kaltes Wasser strömt herab vom Behringsmeer und bewirkt weiter südlich die Nebel.

Die Musse der letzten Tage benutzte ich, um mehrere Bücher über Japan zu lesen und um

Zwei ernste Reisegeschichten

zu schreiben, welche den einen Vorzug besitzen, eigene Erlebnisse zu schildern.

1. Der russische Weber im Felsengebirge.

Der Postzug der canadischen Eisenbahn hat soeben die Passhöhe der Felsengebirge überschritten; um die Grundfläche des ungeheuren Stephen-Berges herum, tief unter seinem Gletscher und hoch über[S. 51] dem schäumenden Wapta-Fluss, braust er durch die enge Schlucht und hält bei Golden.

Es ist ein prachtvoller August-Nachmittag. Der Reisende, dem nicht bloss ein wundervolles Schauspiel, sondern auch, im Speisewagen, ein vortreffliches Mittagsessen zu Theil geworden, geht in behaglichster Stimmung vor dem kleinen Bahnhofsgebäude auf und nieder. Da schlägt an sein Ohr die Stimme der Heimath, die Muttersprache, deren freundlichen Laut er auf der langen Fahrt so selten vernommen. „Ja, wenn man nur wüsste, was es kostet, und ob sie etwas ordentliches für unser bischen Geld geben.“ So sprach in sorgenvollem Ton eine ärmlich gekleidete Frau zu ihrem langaufgeschossenen Gatten, dessen nicht sehr klug aussehendes Antlitz von wirrem Haupt- und Barthaar umrahmt wurde, während sie ein kleines, nicht sonderlich reingehaltenes Bübchen an der Hand hielt.

In zwei Minuten weiss ich Alles. Es sind rührend kindliche Leute, lutherische Weber deutscher Abkunft aus Südrussland. Dort ging es ihnen recht herzlich schlecht. Ihr Bruder ist vor einigen Jahren ausgewandert und lebt zu Albany im Staat Oregon, nicht weit von der Küste des stillen Oceans, als einfacher Arbeiter, doch in einem menschenwürdigen Dasein. Er hat ihnen Muth gemacht, das Gleiche zu versuchen; er hat ihnen die Fahrkarten gesendet. Nun haben sie sich aufgemacht, sie, die kaum Mittel und Kenntnisse besitzen, um von ihrem Heimathsdorf die nächste Stadt zu erreichen! Sie haben Müh’ und Noth genug auf der langen Fahrt erduldet, — allerdings, wie ich höre, ganz andere als die Argonauten der griechischen Zeit und die der californischen, die auch nach dem goldenen Vliess auszogen.

Das Zwischendeck des Hamburger Dampfers machte ihnen wenig Beschwerden. An Mühsal und Entbehrung gewöhnt, fanden sie diesen Theil der Reise noch einigermassen behaglich; sie konnten doch reden, klagen, bitten; man verstand ihre Sprache und half ihnen ein wenig.

Aber jetzt haben sie den Boden des ersehnten Wunderlandes Amerika betreten. Gleichgiltig und steinhart tritt Jeder den Fremden entgegen.

Elf Tage sind sie im Auswandrerwagen unterwegs von New-York bis hierher. Drei Tage und Nächte sind sie vergeblich gefahren und wieder an den Ausgangspunkt zurück gebracht worden. Das Schiff, das sie über die grossen Landseen befördern sollte, war nicht zur Stelle. Kein Mensch hat sich um sie bekümmert;[73] nur Einer,[S. 52] eben so arm wie sie, hat ihnen ein Telegramm aufgesetzt, das sie absenden sollen, damit ihr Schwager, ihr einziger Halt in dem betäubenden Gewirr der neuen Welt, sie an dem Endpunkt der Fahrt, Portland in Oregon, erwarten könne.

Krampfhaft hält die Frau in der Rechten das Blatt Papier, dessen Schriftzüge ihr unbekannt sind und dessen Inhalt noch dazu — ganz unbrauchbar ist, und fragt bekümmert, ob die Leute das auch für 25 Kopeken (sie meint Cents) befördern werden. Zwei derartige Geldstücke besitzt sie; das eine ist für diesen Zweck ihr unantastbarer Kriegsschatz, das zweite möchte sie gern opfern, um ihrem Bübchen ein warmes Gericht zu kaufen. Denn seit New-York haben sie nur trocknes Brod genossen, das sie mitgebracht, und Wasser, welches die Eisenbahngesellschaft frei liefert. Die Aermste, sie kannte nicht den Gebührensatz des canadischen Telegraphen-Amtes, ebensowenig wie den der sogenannten Erfrischungsräume. Aber voll Muth und Vertrauen strebte sie vorwärts, während die stärkere, aber nicht klügere Hälfte in stummer Verzweiflung sich nachschleppen liess.

Schon öfters habe ich Gelegenheit gehabt, eine gewisse Hartherzigkeit gegen Bettler bei Amerikanern und auch bei Engländern zu beobachten. Aber dieses Mal war der Ertrag einer für die armen Leute veranstalteten Sammlung so reichlich, dass sie förmlich verdutzt dreinschauten.

Die Depesche wurde mit Hilfe des Kursbuches und kundiger Leute des Landes richtig gestellt und abgesendet; bei der Speisestation fütterten wir unsere hilflosen Vögelchen. Am andern Morgen stellten wir sie an das richtige Geleise für ihren Zug. „Ich möchte Ihnen doch gern schreiben, wenn es uns gut geht,“ sagte die Frau beim Abschied.

2. Hung-tse-sing auf dem stillen Ocean.

Vorüber war der Sturm, der den ganzen Tag mit ununterbrochner Heftigkeit gewüthet, aber unsrem guten Dampfschiff, der „Kaiserin von Japan“, nichts hatte anthun können, — mehr den Insassen und unsrem Gepäck. Als ich gegen Abend die Cabine betrat, sah es aus wie eine Plünderung, Alles war durcheinander geschleudert. Behaglich sassen wir nachher in der Ecke des Rauchzimmers.

[S. 53]

Am Tage hatten wir in dem dicken Grau des Himmels von der Sonne nicht das Geringste zu sehen vermocht. Jetzt ging der Mond auf und überstrahlte die noch hochgehenden Wogen. Angelockt von dem herrlichen Schauspiel traten wir hinaus auf das Verdeck. Da drang aus dem dunklen Hintergrund ein Choral an unser Ohr, eine wehmüthige Weise, gesungen von den Männern, Frauen und Mädchen, die im Dienste der Mission von England und Amerika nach Japan und nach China gehen, über ein Drittel der Reisenden auf unserem Schiff.

Wem gilt der Trauergesang? Soeben ist Einer im Zwischendeck gestorben, sie beten für ihn.

Aber wer ist es? Hung-tse-sing, der fleissige Chinese aus Vancouver am Puget-Sund, der unermüdlich in seinem winzigen Holzhäuschen, das nur ein Stockwerk, ein Fenster, einen Wohnraum besitzt, vom Morgen bis Abend wusch und bügelte, der Brustschmerzen und des quälenden Hustens nicht achtete, alle Unannehmlichkeiten, die den bezopften Sohn des Reiches der Mitte in den Ländern der „rothharigen Barbaren“ verfolgen, mit der philosophischen Ruhe und Ueberlegenheit seiner uralten Cultur hinnahm. Galt es doch, ein grosses Ziel zu erreichen. Nur noch wenige Goldstücke fehlten ihm, dann hatte er genug, um in seiner gebildeten Welt und geliebten Heimath seiner Frau und seinem drolligen Büblein, die er in der Provinz Canton zurückgelassen, und sich selber ein sorgenfreies behagliches Leben zu sichern. Jeden Abend zählte er seinen kleinen Schatz, verglich seine Papiere und rechnete die Monate und Tage von Neuem durch, die er noch in der Verbannung zuzubringen hatte, — obwohl er ja schon lange mit zierlicher Schrift über den Arbeitstisch den Tag seiner Abreise gemalt und den Dampfer, der ihn in das gelobte Land befördern sollte. Da kam der 30. August, ein heisser Tag, der ihm viel Arbeit brachte. Am folgenden Tag segelt ja der grosse Dampfer, die „Kaiserin von Japan“, nach dem märchenhaften Lande des Ostens. Alle Hotels sind überfüllt; alle Cajütenpassagiere haben ihre Wäsche für morgen bestellt. Er schafft unverdrossen, die Arbeit verheisst reiche Ernte; einen Monat früher, als er geträumt und gehofft, wird er die Heimath schauen. Kräftig presst er das heisse Bügeleisen gegen das schneeige Weiss, als wäre es das Steuerruder des Schiffes, das ihn heimwärts geleitet.

Da krampft es schmerzhaft in seiner Brust, ein heisser Strom steigt empor und will ihn ersticken, — ein Strom von Blut; und mit einem Angstschrei sinkt er zu Boden.

Niemand hört ihn. Er ist allein mit seinem Leiden. Nicht der Tod an sich ist es, den er fürchtet, so gern er auch sein Heimathland,[S. 54] seine Lieben noch einmal schauen möchte: es ist der Tod im Lande der Barbaren.

Allmählich erholt er sich, mühsam erreicht er die Thür und schleppt sich über die Strasse zu seinem nächsten Landsmann; dort sinkt er erschöpft zu Boden mit dem Angstruf; „Auf’s Schiff, bringt mich auf’s Schiff; ich will nach Hause.“

Sie verstehen ihn, die ernsten, klugen Gesichter. So ward er auf unser Schiff getragen; so lag er im Zwischendeck, ruhig und ergeben, ein Weiser. So fand ihn am siebenten Tage der Seefahrt der Sturm und im Sturm der Tod.

Der Tod auf hoher See, aber nicht ein Seemanns-Begräbniss. Durch Vertrag haben die Chinesen das Recht erworben, dass ihre Gebeine nach ihrer Heimath gebracht werden; sie zahlen viel dafür, nicht bloss fünfundzwanzig der so heissgeliebten Thaler, — und war der Verstorbene mittellos, so zahlen es sofort seine Landsleute und Gefährten, — sondern dazu noch das Opfer ihrer Empfindung: obwohl es ihnen ein Greuel ist, dulden sie, für den höheren Zweck, dass zur Einbalsamirung ihr Leib aufgeschnitten wird, — von jenem barbarischen Doctor, dessen Hilfe sie bei ihren Lebzeiten unter keinen Umständen in Anspruch nehmen.

Ich stieg hinab in das Zwischendeck. Da lag der Todte aufgebahrt, kein Zeichen von Schmerz in dem blassgelben, abgemagerten Angesicht. Unwirsch sahen mich die Zopfträger an; einer aber, mit dem ich schon öfters gesprochen, sagte mir, indem er nach der Richtung hinwies, von wo der Gesang herkam: „Unsere Hölle ist ihm lieber als Euer Himmel.“


Uebrigens wurden auch von der Schiffsgesellschaft mehrere Versuche unternommen, die Zeit zu verkürzen und die Langeweile zu vertreiben.

Am Abend des 9. September hielt eine Frau im Salon einen Vortrag über die Ziele der Frauen-Temperenzgesellschaft, natürlich für diejenigen englischen und amerikanischen Männer, die es nöthig hatten, nicht für die Mitglieder unseres Clubs, die nach einstimmigem Beschluss fern bleiben.

Aber es war nicht so schwer, Nachrichten über den Verlauf dieser Sitzung zu erhalten. Ein Vorsitzender (chairman) stellte die Rednerin vor und pries ihre Tugenden und Verdienste; das dauerte 20 Minuten. Dann erhob sich die Rednerin und pries das grosse Werk, das sie vollendet habe, vollende und vollenden werde.

[S. 55]

Am Abend des 12. September war gesellige Unterhaltung, Clavier­spiel, Gesang, Declamation, Schnellmalerei, Vortrag, 16 Nummern. Die Musik liess viel zu wünschen übrig für denjenigen, der an die bessren Leistungen unserer Damen gewöhnt ist. Die Gesänge mehrerer Matrosen mussten sogar als Geheul bezeichnet werden. Der italienische Caricaturenmaler erzielte wenig Aehnlichkeit, wohl aber den strafenden Blick des „Ehrenwerthen“, als er sich an dessen erhabenes, wiewohl jugendlich bartloses Antlitz und Modeanzug heranwagte; nun, er geht nach Japan und wird dort hoffentlich besser zeichnen lernen. Der „Ehrenwerthe“ selber hielt einen längeren Vortrag über „politische Phasen“, in welchen er nicht ohne Geist, aber mit zu viel Behagen und aufdringlichem Selbstbewusstsein die Geschichte seiner zwei Erwählungen zum Parlament auseinandersetzte, die ältesten Wahlwitze auskramte und der Einsicht seiner Wähler ein nicht sehr schmeichelhaftes Zeugniss ausstellte.

Wirkungsvoll war allerdings der Vers, den in seinem hauptsächlich von Bergwerksarbeitern bewohnten „verrotteten Burgflecken“ am Wahltage die Schaar der festlich gekleideten Schulkinder der „Radicalen“ im Zug durch den Ort gesungen haben:

Jonny[74] is a Gentleman,
But Willy[74] is a fool,
Before he goes to Parliament,
He best returns to school.

Als die Missionäre an die Reihe kamen, zogen wir uns in unsere Burg des Rauchzimmers zurück, wo ein lustiger Herr aus Chicago mit seinem „Codack“, ohne den kein Amerikaner eine Vergnügungsreise unternimmt,[75] ein Augenblicks-Blitz-Bild verfertigte. Ich habe auch später den Abzug des Bildes erhalten.

Nachdem wir schon am Abend des 12. September eifrigst nach Land gespäht, ich selber aber Alles, was andere dafür gehalten, mit Hilfe meines vorzüglichen Berliner Doppelfernrohres als Wolkenbildungen dicht über dem Horizont erkannt hatte; konnte am Morgen des 13. September ein Zweifel nicht länger bestehen bleiben. Deutlich[S. 56] erblickten wir die bergige Küste der Hauptinsel des japanischen Reiches, die wir, nach unseren Schulerinnerungen, Nippon, die Japaner aber Hondo nennen. Freilich von dem schönen Himmel Japans und von der herrlichen Form des Vulcan Fuji war nichts zu sehen, wegen der trüben Luft. An den mit modernsten Kanonen gespickten Inselfestungen vorbei fahren wir in die Bucht von Yokohama und werfen Anker um 12 Uhr Mittags auf der Rhede, während das schlechte Wetter sich zum Sturm gesteigert hatte. Es war ungemein schwierig, den Dampfer an den Bojen zu befestigen; noch schwieriger, das grosse Frachtboot an seine Breitseite zu bringen. Da war die Kraft und Kunst der japanischen Hafenleute zu bewundern. Gelbbraune, nicht sehr grosse, aber muskelstarke Männer, nur mit Schurz bekleidet, das Haupt mit einem schmalen Tuch umwunden, springen kühn in die aufgeregten Wogen, schwimmen zum Tau des Dampfers und befestigen zunächst ihren eignen Strick daran, mit dessen Hilfe sie das Tau an die Boje bringen. Natürlich geht das nicht ab ohne ermunternden und ordnenden Zuruf. Aber Alles verläuft nach der festgesetzten Ordnung, wie ein gut vorbereitetes Lustspiel.

Dazu kommt die grosse Zahl von Schiffern und Packern, die auf dem Rücken des blauen Rockes wie in einem zierlichen Wappen das Zeichen ihrer Beschäftigung und ihrer Nummer tragen. Alles dies macht einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck.

Wenn nur die Wellen nicht so hoch gingen! Der Portugiese[76] des grossen Hotels zu Yokohama hat den Kopf verloren. Sonst holt er mit seinem winzigen Dampfer (Steam launch) Reisende und Gepäck ab, um sie in dem Gasthaus abzuliefern. Heute will er Gepäck gar nicht übernehmen; vielleicht Nachmittags, wenn das Wetter besser geworden. Da tritt der Wettbewerb ein. Der Japaner vom Clubhotel, das auch gerühmt wird, übernimmt Alles. Natürlich geht es auch mit ihm nicht sehr rasch. Wir nehmen noch ruhig unser Frühstück. Dann schreiten wir vorsichtig die schwanke Schiffstreppe hinab und gelangen in den Knirpsdampfer, der uns, zwar etwas durchnässt aber ohne Schaden, bei dem Zollhaus von Yokohama landet.[77] Ein Mannskraftwagen (Jinrikisha), gezogen von einem muskelstarken Japaner,[S. 57] befördert mich zu dem am Meeresufer schön gelegenen Clubhotel, wo mir für den Abend ein Zimmer zugesichert wird. Ich habe festen Boden unter meinen Füssen und die längste, ununterbrochene Seereise hinter mir.


[S. 58]

IV.
Japan.

Wer eine derartige Reise unternommen (nicht in der Absicht, silberne Theelöffel aus den fremden Städten, sondern Belehrung heimzubringen,) wird immer gut thun, sich einigermassen vorzubereiten,[78] damit in dem schnellen Wechsel der vorüberziehenden Bilder nicht das Wesentliche seinem Blick entgehe. Manches meinen wir ja zu wissen; wir glauben z. B. das Aussehen der Japaner zu kennen. Jeder von uns hat eine ganze Anzahl von ihnen gesehen, die zum Studium irgend eines Faches die weite Reise nach Europa unternommen haben und in europäischer Kleidung würdevoll einherschreiten. Aber wie oberflächlich unsere Kenntniss der Japaner bleibt, lernt man erst in ihrem Lande kennen.

Die Japaner selber hielten sich für Ureinwohner eigner Rasse. Die europäischen Forscher erklären sie für eine mongolische Be[S. 59]völkerung, welche aus der Tatarei über Korea[79] auf die Inseln vorgedrungen sei und mit den unterworfenen Ureinwohnern, den mongoloïden Aïno’s, sich vermischt habe, vielleicht auch mit einigen vom Süden her eingewanderten Malayen. Ihre Sprache gehört zu der (agglutinirenden) turanischen oder tatarischen Sprachfamilie.

Die Schriftzeichen haben sie von den Chinesen übernommen, aber auch eigne dazu erfunden.

Die Japaner haben gelbliche Hautfarbe, schlichtes schwarzes Haar, sparsamen Bart, breite hervorragende Backenknochen, eine flache Nase und schmale, etwas schräg stehende Lidspalten. Der japanische Mann ist etwa so gross wie die europäische Frau (im Mittelmass 150 Centimeter); die japanische Frau entsprechend kleiner.

Sie ist in Wirklichkeit schöner, als das sattsam bekannte Ideal der japanischen Maler mit dem ovalen Gesicht, den übertrieben schräg liegenden Schlitzaugen, der feinen Adlernase und dem ganz kleinen Rosenmündchen.

Zuverlässiger, als der Pinsel des voreingenommenen Malers, zeichnet der Sonnenstrahl. Anbei folgt die Wiedergabe des höchst gelungenen, getuschten Lichtbildes[80] einer jungen Japanerin, das ich in Kobe gekauft habe.

Ich bemerke, dass die Schönheit der jungen Mädchen von den Japanern mehr gepriesen wird, als die der Frauen, welche rasch altern. Der Europäer muss, wie man sagt, 12 Monate im Lande verweilen, bis er vollständig an die schlitzäugige Schönheit sich gewöhnt hat. Aber hässlich wird Niemand sie finden.[81] Die zierliche Gestalt, die kleinen Hände und Füsse, die zarte Haut, die munteren, lustigen Augen, das feine Ohr, welches durch keinen Ring entstellt wird, das reiche rabenschwarze Haar, dessen künstlich aufgebauschte Anordnung[82] ihrem Gesichtchen ganz vortrefflich steht, das lebhaft gefärbte schlafrockähnliche Gewand (kimono) mit dem breiten Brustgürtel (obi), — alles dies vereinigt sich zu einem ebenmässigen Ganzen, das auf den Beschauer einen gefälligen Eindruck[S. 61] macht, trotz der hölzernen Stöckelschuhe. (Geta, aus einem Brettchen mit zwei unteren Querleisten.) Hoffentlich misslingt der Plan der Kaiserin von Japan, bei den Frauen ihres Landes die kleidsame, heimische Tracht durch die europäische zu verdrängen.

Japanerin

Und die japanischen Männer sehen in dem weiten und weitärmeligen, etwas kürzeren Obergewand (kimono) aus zartgetöntem Seidenstoff mit dem von irgend einer Blume oder einem anderen Pflanzentheil entlehnten Familienwappen,[83] den sehr weiten Hosen (Hakawa), welche über dem Kimono mit einem Gürtel befestigt werden und dem gleichfalls wappengeschmückten seidnen Obergewand (kamischimo oder rei-fuku), auch wenn sie Holzsandalen an den (mit blendend weissen Strümpfen gezierten) Füssen tragen, weit staatlicher aus, als in unserem Frack mit Klapphut und mit weisser Halsbinde. Die folgende Figur ist die Wiedergabe eines Lichtbildes, welches der zu meinem Empfang gewählte Ausschuss der Augenärzte zu Tokio für mich anfertigen liess. Es ist weit besser gelungen, als Rein’s Bild japanischer Typen (I, 454) und stellt jedenfalls die neueste Mode der Hauptstadt dar. Die Herren hatten in richtigem Tact ihre Volkstracht angelegt. Wie man sieht, gehört dazu keine Kopfbedeckung.[84] In der Provinz hatten die Aerzte bei ähnlicher Gelegenheit, um mich zu ehren, europäische Kleidung angezogen. Dies Bild scheint mir weit weniger gelungen.

Von der Geschichte der Japaner weiss der gebildete Europäer gewöhnlichen Schlages ganz erstaunlich wenig, da Ostasien bei uns eben nicht zur Weltgeschichte gehört, und auch von den gelehrtesten Geschichtsforschern, wie von Ranke, nicht dazu gerechnet wird. Das ist eine Thatsache. Die Redensarten, dass wir Japans Geschichte nicht brauchen, dass die Japaner uns niemals beeinflusst haben, dass die mongolischen Völker überhaupt nicht eine solche organische Entwicklung aufzuweisen haben, wie die Arier, sind eben — Redensarten.

Wenn das Bestreben des Gebildeten dahin geht, alles Geschehene zu begreifen; so können wir ein grosses Volk Asiens, das an Kunst und guter Sitte den besten gleichkommt und viele in Europa übertrifft, nicht einfach von unserer Betrachtung ausschliessen. Machen wir das kleine Europa zum alleinigen Mittelpunkt, so sind[S. 63] wir ganz ebenso einseitig wie Plato es zu seinem Bedauern gewesen, da er die kleine Erde als Mittelpunkt des Weltalls beschrieben.

Japaner

Es ist vollkommen unrichtig, dass bisher vom japanischen Können uns nichts zu Gute gekommen. Man betrachte die Leistungen unserer Kunstgewerbe und unsern Zimmerschmuck. In Zukunft werden wir vielleicht noch Manches von ihnen lernen, die jetzt — unsere wissensdurstigsten Schüler darstellen.

Dass die mongolischen Völker starr wie Stein wären und keine Entwicklung zeigten, bestreiten die Kenner ihrer Literatur, wie von der Gabelentz; bestreitet jeder, dem es vergönnt war, den Boden von Ostasien zu betreten und mit offenen Augen um sich zu schauen. Japan vollends hat in unseren Tagen, so schnell, wie kein anderes Volk in der uns bekannten Geschichte, gewissermassen in einem einzigen kühnen Sprunge, den Uebergang von einem mittelalterlichen Feudalsystem zu einer ganz modernen Staatsverfassung vollzogen. Und dieses Volk sollte vorher gar keine Entwicklung gehabt haben? Hüten wir uns, Dinge zu leugnen, weil wir sie nicht kennen.

Die japanische Geschichte reicht nicht zurück über das 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung; erst seit dieser Zeit erhielt Japan die Schrift; das älteste japanische Buch, welches bis auf unsere Tage gekommen, eine Geschichtsaufzeichnung (Kojiki), ist vom Jahre 712, der älteste Buchdruck vom Jahre 770 n. Chr.

Alles Frühere ist Mythe. Wir übergehen die japanischen Sagen von der Weltschöpfung und von dem göttlichen Zeitalter, in dem Götter über Japan herrschten.

Der erste menschliche Kaiser (Mikado),[85] Jim-mu-Tenno, ein Abkömmling der Sonnengöttin (Amaterasu) soll 600 v. Chr. gelebt haben. Ein Spross seiner Familie sei der heutige Herrscher. (Die Japaner zählen 121 Mikados und 9 Kaiserinnen in 2½ Jahrtausenden; dass die Herrscherfamilie nicht ausgestorben, erklärt sich aus der Einrichtung der Nebenfrauen.) Um 200 n. Chr. soll Korea von der Kaiserin Jingō erobert sein.

1. Sicher ist, dass der Buddhismus um die Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. von Korea aus nach Japan kam, und danach chinesische Schrift und Einrichtungen angenommen wurden. Der göttlich verehrte Mikado, der Schützer des alten Ahnendienstes (Shinto), lebte, dem Volke unsichtbar, zu Kyoto.

[S. 64]

2. Nach langen Kämpfen zwischen zwei eifersüchtigen Clans wurde 1192 n. Chr. Yoritomo zum Hausmeier (Shogun)[86] oder weltlichen Herrscher ernannt. 1274–1281 wurden die Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, ihre Heere und Flotten vernichtet. 1542 landeten die Portugiesen, 1587 begann ihre Austreibung.

3. 1603 kam die kraftvolle Tokugawa-Familie, die den Buddhismus förderte, zum Shogunat und regierte bis 1868. Die drei ersten Herrscher waren Jeyasu, der grösste Mann der japanischen Geschichte, † 1616; Hidetada, † 1682; Jemitsu, † 1651. Von 1614 bis 1854 war Japan den Fremden verschlossen. (Nur die Holländer durften in Nagasaki eine Handelsfactorei halten.) Ackerbau und Kunst standen in hoher Blüthe. Es herrschte eine Feudalverfassung mit Fürsten (Daimio)[87] und Rittern (Samurai)[88]. Zum gewöhnlichen Volk (heimin) gehörten alle, ausser Fürstendienern und Priestern, nämlich 1. Ackerbauer, 2. Handwerker, 3. Kaufleute. (Gerber und Todtengräber galten als Unreine, Eta.)

4. Im Anschluss an die (durch die Flotte des amerikanischen Commodore Perry 1854 erzwungenen) Verträge mit amerikanischen und europäischen Staaten kam es zu einer Revolution, aus welcher der Mikado 1868 siegreich hervorging.

Das Feudalsystem wurde abgeschafft, das Tragen der Schwerter verboten, neue Gesetze eingeführt und 1889 eine Verfassung mit Volksvertretung, nach preussischem Muster, gegeben.

Es besteht vollkommene Religionsfreiheit, doch wird neuerdings Shinto wieder mehr begünstigt.

Und wie steht es mit der Religion? Das wird sofort so mancher Europäer fragen. Aber der gebildete Japaner wird lächelnd erwiedern: „Wir haben gar keine Religion, Shinto ist eine Art von Patriotismus, die Buddha-Lehre eine Philosophie. — Geh’ aufs Land. Der Japaner besucht bei Lebzeiten den Shintotempel und wird nach seinem Tode vom Buddha-Priester bestattet.“

[S. 65]

Und die europäischen Kenner[89] stimmen vollkommen bei. Shinto hat keine Glaubenslehre, kein heiliges Buch. Japanische Schriftsteller unserer Tage behaupten, dass ihr Volk, vermöge seiner angebornen Gutart, ein solches Sittengesetz gar nicht brauche, wie die Chinesen und Europäer; und dass die letzteren wohl eine vortreffliche Bibel besässen, aber ihr Leben nicht danach einrichteten.

Drei Zeitabschnitte sind bezüglich des Shinto zu unterscheiden.

In dem ersten, von unbekanntem Uranfang bis etwa 550 Jahre n. Chr., hatten die Japaner keinen Begriff davon, dass Religion eine besondere Einrichtung sei. Sie verehrten die Götter, d. h. die abgeschiedenen Vorfahren des lebenden göttlichen Herrschers (Mikado); beteten auch zu dem Gott des Windes, des Feuers, der Nahrung u. A. Priester (Kannushi) thaten den Dienst, jeder in seinem Tempel, für den örtlichen Gott: aber sie predigten nicht dem Volke. Eine jungfräuliche Tochter des Mikado waltete im heiligen Hain zu Ise über den Spiegel, das Schwert und den Edelstein, welche ihr Vater von seiner erhabenen Urahnin, der Sonnengöttin Amaterasu, geerbt. Shinto bestand aus Gebräuchen, die eben so viel politische wie religiöse Bedeutung besassen.

Die buddhistischen Priester, welche in der Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. von Korea nach Japan vordrangen, waren staatsmännisch genug, die volksthümlichen Shintogötter, als Verkörperungen früherer Buddha’s, in ihren Himmel mit aufzunehmen. Sie schufen erst den Namen Shin-to. (Shin, Geist und , Lehre — chinesisch. Auf japanisch heisst der Geist Kami, daher der Name Kami-Lehre.) Die buddhistischen Priester verwalteten auch die meisten Shintotempel. Es entstand seit dem Mikado Saga-Tennô (810–823 n. Chr.) die Mischreligion Riyobu-Shinto, d. h. beiderlei Götterlehre.

Die Neugestaltung, Läuterung und Wiederbelebung begann 1700 n. Chr. und ist 1868 mit der Wiedereinsetzung des Mikado, des Shinto-Hort’s, zum Siege gelangt. Die alten volksthümlichen Sagen und Gedichte wurden wieder hervorgesucht, die Lehren des Buddha und Confucius wegen ihres fremden Ursprungs verworfen. So begann in unseren Tagen die „Reinigung“ der Shintotempel von buddhistischen Götterbildern, wodurch allerdings (ebenso wie von den europäischen Bilderzerbrechern und -Stürmern und Puritanern) so manches Kunstwerk für immer vernichtet wurde. Die Buddhapriester,[S. 66] so duldsam sie auch im Allgemeinen sind, haben es in diesem Kampf mitunter vorgezogen, das Heiligthum durch Feuer lieber der Nirwana, als unversehrt den Shinto-Priestern zu übergeben.

Ich fand die Stätten der Shintotempel gedrängt voll von der fröhlichen Menge, die meisten Buddhatempel aber leer.

Der Shintotempel (Miya = verehrungswürdiges Haus) ist gekennzeichnet durch die seltsamen Thore, aus zwei senkrechten und zwei queren Balken, von denen der obere an den beiden Enden ein wenig nach aufwärts gekrümmt ist. (Torij = Vogelruhe.) Darauf folgt ein gepflasterter Zugang und das einfache Haus, aus dem Holze des heiligen Hinoki-Baumes (Chamaecyparis) verfertigt, mit alterthümlichem, aus der Rinde desselben Baumes hergestelltem Dach, im Innern vollkommen schmucklos und leer von Götterbildern. Auf einem einfachen Altartisch liegt ein runder Metallspiegel als Sinnbild der Sonne; daneben hängen einige weisse Papierstreifen (Gôhei = Kaiserliches Geschenk,)[90] angeblich Sinnbilder der Kleider, die man früher opferte; auch ein Edelstein oder Bergcrystall als Sinnbild der Reinheit des Kami; endlich zwei Vasen mit Zweigen des immergrünen Sakaki-Baumes (Cleyera japonica). Das Shinto-Gebet beginnt mit den Worten: O Kami, der du thronest im hohen Himmelsfelde.

Der Buddhismus beherrscht den Osten von Asien, wie der Mohammedanismus den Westen, und zählt angeblich 500 Millionen Bekenner, d. i. ein Drittel der Erdbevölkerung.

Im 7. Jahrhundert v. Chr. verliess der junge Königssohn Siddhârta seinen Palast in Kapilavastu, dem heutigen Behar, südlich von Patna, in der Gangesebene; verliess sein Weib und Kind, und zog in die Einsamkeit. Unter dem heiligen Bo oder Bohi-Baum (Ficus religiosa) widerstand er dem Teufel (Mara) und wurde Buddha (ein Heiliger), Çakyamuni[91] Gautama Buddha. Im gelben Gewand, geschorenen Hauptes, seinen Lebensunterhalt bettelnd, zieht er von Ort zu Ort und verkündet seine neue Lehre. Ihre Grundzüge sind (nach Eitel und Rein): 1. Atheïsmus, Vergötterung von Menschen und Ideen. 2. Die Lehre von der Seelenwanderung, welche das Kasten-Wesen beseitigt. 3. Erlösung durch eigne Kraft und Uebergang in Nirwana, wo die Seele das Bewusstsein ihrer Existenz verliert. „Wie der Thautropfen verschwindet in der leuchtenden See, so lösen sich die Heiligen in Nirwana auf.“

[S. 67]

Nach den fünf Hauptgeboten darf der Buddhist nicht tödten ein lebendes Wesen, nicht stehlen, nicht der Unzucht fröhnen, nicht lügen, kein geistiges Getränk zu sich nehmen. So steigt er empor in der Seelenwanderung zu immer höheren Stufen.

Der Buddhismus hat Japan seine Cultur gebracht. Aber er ist allmählich zu einem groben Götzendienst entartet. Neben den sieben Glücksgöttern (der des Reichthums, Daikoku, ein feister Mann auf einem Reis-Sack, ist auf dem neuen japanischen Papiergeld sehr hübsch dargestellt,) und den sechs Nothhelfern sowie dem „Dorfarzt“ Binzuru, dessen sitzende Holzbildsäule der Leidende an der Stelle reibt, wo er selber Schmerz empfindet, ist besonders beliebt die Göttin der Gnade (Kannón) und die Buddha’s, die in Milde und Seelenruhe auf den Blättern einer ausgebreiteten Lotosblume ruhen, des Sinnbildes der aus dem Schlamm sich emporringenden Reinheit.

Hochberühmt sind die grossen Buddha’s (Dai-buts) von Kamakura bei Yokohama, von Nara und Kyoto.

Der Buddhatempel in Japan (tera) liegt gewöhnlich in einem Hain. Verschiedene Thore (mon), von fratzenhaften Wächtern („Königen“) und Thieren bewacht, führen zu Höfen, die mit hohen Bäumen, Steinlaternen, Bibliotheken, Schatzhäusern geschmückt sind, bis man das prachtvoll geschnitzte Tempelhaus erreicht, das im Innern von Gold und farbigem Lack strahlt. Ein grosser goldiger Buddha thront auf einem Altar. Mit den immergrünen Zweigen des heiligen Baumes Skimmi (Stern-Anis, Illicium religiosum) füllt man die Vasen. Der Gottesdienst ist manchem europäischen nicht unähnlich.

Das Gebet der Buddhisten beginnt mit den indischen Worten: Namu amida Butsu, Heil dem Lichtglanz Buddha. In einem Punkt sind Shinto- und Buddhatempel gleich: Vor dem Eingang steht ein grosser Kasten, eine Riesen-Sparbüchse, wo hinein der Beter sein Scherflein wirft.[92]

Der weise Koshi[93] (Khung futse), der im 6. Jahrhundert v. Chr. in China lebte, hat die Beziehungen des Menschen zur Gottheit und die Unsterblichkeit der Seele nicht erörtert, sondern nur die Tugenden das Bürgers. Obenan steht die Liebe zu den Eltern, dann folgt Gattentreue, Gehorsam gegen die Staatsgesetze. Die fünf menschlichen Beziehungen (Go-rin): zwischen Vater und Sohn, Herrn und Diener,[S. 68] Mann und Frau, zwischen Freunden und Geschwistern hat Jeyasu aus der Sittenlehre des Koshi in seine Gesetzgebung übernommen. Danach gestaltete der Samurai sein Ideal von Pflicht und Ehre. Noch in unseren Tagen stellte der aus der chinesischen Schule hervorgegangene Leibarzt des Mikado Asada Shokaku den folgenden Grundsatz auf: „Koshi bildet den Charakter, Shokanron[94] erhält das Leben.“

Ueber die Geographie genügen wenige Worte[95]. Japan ist das östlichste Land Asiens und erstreckt sich vom 23° bis 51° nördl. Br. und vom 123° bis 156° östl. Länge. In dem weiten Ring thätiger und erloschener Vulcane, welcher den stillen Ocean umschliesst, bildet es mit seinen vier grossen Inseln und einer beträchtlichen Zahl kleinerer ein 450 Meilen langes Glied, am welchem die Wogen des Weltmeeres gefährlich branden und woran Erdbeben häufig in beängstigender Weise rütteln. Auf 382000 qkm wohnen 40 Millionen. (105 auf 1 qkm, gegen 91 in Deutschland, das 540000 qkm und gegen 50 Millionen Einwohner zählt.) Die Bevölkerungszunahme in Japan ist beträchtlich. (0,9 Prozent jährlich, in Deutschland 1,14 Prozent von 1875 bis 1880.)

Die Hauptinsel heisst Hondo, bei uns Nippon, die beiden südlichen Inseln Kiushiu (Neunland) und Shikoku (Vierland). Die nördliche Insel Yezo ist sehr schwach bevölkert (3 auf 1 qkm) und wird von Vergnügungsreisenden nur sehr selten besucht. Dazu kommen noch die Kurilen und die Riu-kiu Inseln.

Als Marco Polo den staunenden Europäern von der goldreichen Insel Zipangu im fernen Osten erzählte — die zu erreichen, zu plündern, zu bekehren auch später Columbus ausfuhr, — hat er die chinesische Bezeichnung des Landes wiedergegeben: Ji-pōn-kwo, Sonnen-Aufgang-Land. Die Japaner nannten ihr Land zuerst Yamato, nach einer mittleren Provinz der Hauptinsel, oder das grosse glückliche Land u. dgl.; erst seit 670 n. Chr. Nihon oder Nippon, von Nitsu, Sonne, und hon, Aufgang. Daraus haben die Portugiesen und Holländer die verdorbene Benennung Japón, Japán abgeleitet. Die Japaner nannten ihr Land auch früher, als sie von den andern Ländern noch keine ordentliche Kenntniss hatten, Dai-Nippon, das grosse Nippon; doch haben sie, klüger als andere Völker, das Beiwort wieder aufgegeben.

[S. 69]

So vorbereitet, setzte ich meinen Fuss auf den Boden der Insel, welche „den Fichtenbaum mit der Palme vermählt hat,“[96] — aber ich fand Alles anders, als ich erwartet, und wurde durch die Eigenart von Land und Leuten auf das freudigste überrascht.

Sehr oft, ja ganz regelmässig bin ich später, nach der Heimkehr, befragt worden, was unterwegs am schönsten gewesen. Diese Fragstellung ist fehlerhaft, daher die Frage nicht zu beantworten. Dinge, die nicht miteinander zu vergleichen sind, müssen für sich betrachtet werden. Die Bauwerke waren am schönsten im Reiche des Grossmogul, der Pflanzenwuchs am grossartigsten auf Ceylon, die Menschen am liebenswürdigsten in Japan.

Allerdings hatte ich besonderes Glück gehabt und, Dank meinen ehemaligen Zuhörern, viel mehr, namentlich von der Sitte und der Kunst des Volkes, zu sehen bekommen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.

Der Landungsplatz Yokohama fesselt die Meisten nicht lange, da sie nach der Hauptstadt Tokyo streben.

Yokohama („Querstrand“) war ein unbedeutendes Fischerdorf, als Commodore Perry 1854 in der Bucht Anker warf und den Handelsvertrag von der japanischen Regierung erzwang. Der erste Vertragshafen, welcher den Fremden eröffnet wurde, war das Städtchen Kanagawa, etwa 2 km nördlich von dem Fischerdorf. Aber da das Städtchen an dem Tokaīdo lag, der östlichen Uferstrasse des z. Z. noch im Feudalzustand befindlichen Reiches, wo die bewaffneten Züge der Fürsten und Ritter zu leicht Zusammenstösse mit den Fremden herbeiführen konnten; so verlegte man 1858 den Vertragshafen nach Yokohama: 1860 wurde hierselbst die Fremdenstadt am Meeresufer nach einer Feuersbrunst wieder neu aufgebaut, 1867 der berühmte Bergrücken (Bluff) mit Landhäusern besiedelt, 1875 die englische Besatzung zurückgezogen, 1887 die Quellwasserleitung eröffnet.

Eine rasch wachsende Japanerstadt (und ein Chinesenviertel) lehnte sich an die europäische „Ansiedlung,“ die durch einen breiten Canal an der Landseite begrenzt wird. Jetzt beträgt die Einwohnerzahl schon 120000.[97] Yokohama ist der wichtigste von den vier Ver[S. 70]tragshäfen[98] (Y., Kobe, Nagasaki, Hakodate) und hat 1881–1885 an 69 Procent der Ausfuhr, 67,5 Procent der Einfuhr geleistet; dieser Hafen führt aus Japan fast die ganze Seide aus, den grössten Theil des Thee’s und der kunstgewerblichen Erzeugnisse; im Jahre 1887 war der Werth seiner Einfuhr 19, seiner Ausfuhr 21 Millionen Yen (1 Yen = 3 Mark); im Jahre 1889 aber 34, bezw. 41 Millionen[99], woran die Deutschen mit 15 Procent betheiligt waren. Die japanische Regierung hat sofort ihre Aufgabe begriffen und gelöst: eine grossartige Uferstrasse mit Quai aus Granitblöcken, Ladeplätze, Zoll- und Lagerhäuser, Post- und Telegraphen-Anstalten[100] erbaut und brauchbare Beamte angestellt, die unendlich viel besser sind, als die Hindu’s im britischen Ostindien.

In jedem Monat fährt zwei Mal ein grosser Dampfer der englischen P. & O. und einer der franz. M. M. Gesellschaft, einer des norddeutschen Lloyd von Yokohama über Indien nach Europa; zwei Mal je einer nach Vancouver und nach Frisco.

Wenn man die schöne 1½ englische Meilen lange Uferstrasse (Bund)[101] vom Zollhaus bis nach den Bluffs, oder die mit der ersteren gleichlaufende Geschäftsstrasse durchwandert, so wird man durch die Häuser und sonstigen Baulichkeiten nicht an Ostasien erinnert. Auch die Menschen sind meist Europäer, ausser Polizisten, Kuli’s und Wagenziehern.

Mit Vergnügen erblicken wir die Agentur des norddeutschen Lloyd, das Consulat des deutschen Reiches, den deutschen Club. In letzterem nahm ich das Mittagsessen und machte die Bekanntschaft von ausgezeichneten Landsleuten, die hier in Ostasien die vornehmen Ueberlieferungen der alten Hansa fortsetzen. In jedem Hafen, den ich besuchte, in Kobe, Nagasaki, Hongkong, Canton, Singapore, Colombo, Calcutta, Bombay, fand ich zu meiner Freude das gleiche und las in dem englischen Führer (Bradshaw) die ärgerliche Bestätigung: „There are many German in this city.“ In mehreren dieser Städte liegt die Hälfte des Handels in deutschen Händen. Deutschland ist eine[S. 71] Macht in Ostasien. Seien wir nur nicht zu bescheiden und zu zimperlich; nehmen wir nur nicht auf die andern, z. B. die Engländer, mehr Rücksicht, als unser Recht und unser Vortheil es zulassen.

Im deutschen Club gab es gutes Essen und gutes Bier, aber auch eine Probe ostasiatischer Sitten. Ich erhielt bei Tisch einen Brief von zwei ausgezeichneten japanischen Aerzten, aus Tokyo, ehemaligen Schülern von mir, die im Hotel mich vergeblich aufgesucht und nun fragten, wann und wo sie mich sprechen könnten. Sofort erfuhr ich von meinen Gastgebern, dass kein Japaner in einen europäischen Club eingeführt werden könne.

Es liegt mir fern, diese Satzung abfällig zu beurtheilen, da sie in der jetzigen Uebergangszeit vielleicht eine Nothwendigkeit darstellt; aber die so ritterlich denkenden Japaner müssen das als eine Beleidigung empfinden, für welche sie durch die Gründung eigener Clubs nicht ganz sich entschädigen können. Ich kürzte also mein Mittagsmahl ab und ging zu meinen östlichen Freunden.

Ruhe sollte ich den Abend nicht gleich finden. Erst bebte die Erde,[102] aber so schwach, dass ich es kaum gemerkt hätte, wenn ich, der Sohn der erdbebenfreien Mark Brandenburg, nicht schon 1886 zu Pyrgos im Peloponnes die Bekanntschaft dieser merkwürdigen Bewegung der Erdrinde gemacht. Dann kamen japanische Freunde, die wegen übergrosser Höflichkeit erst spät zum Gehen sich entschlossen.

Hierauf schickte mir ein Bekannter vom Schiff ein Buch. Endlich schlüpfte, wie ich beim Packen war, geräuschlos ein Japaner in mein Zimmer. Auf die ärgerliche Frage, was er denn wolle, erwiederte er freundlich: „Ich tätowire“; und war sehr erstaunt, als ich ihm antworte: „Ich auch. Gehen Sie.“ Er hatte mich wohl nicht verstanden. (Das Tätowiren von weissen Flecken des menschlichen Auges gehört zur ärztlichen Kunstübung.) Ich verstand ihn desto besser.

Das Tätowiren der Körperhaut, eine uralte japanische Sitte, von chinesischen Reisenden schon im Beginn unserer Zeitrechnung beschrieben, besonders unter den Tokugawa Shoguns bei den Lanzknechten beliebt, aber auch bei Pferdejungen und Läufern, die ihren ganzen Körper mit schönen Frauen, Drachen, Jagden, Schlachten kunstvoll und farbenprächtig schmücken liessen;[103] aber seit 1868 von der Regierung als eine barbarische Sitte verboten, ist 1881 durch den Prinzen von Wales bei den Globetrottern in Aufnahme gekommen und wird[S. 72] von Hori[104] Chiyo und Hori Yasu kunstvoll geübt — sogar unter Anwendung des schmerzstillenden Cocaïns!

Am folgenden Tage, Mittwoch, den 14. September, fuhr ich mit der Eisenbahn von Yokohama nach Tokyo (18 englische Meilen = 32,4 km.) in 50 Minuten, mit fünf Halteplätzen.) Es ist dies die älteste Eisenbahn in Japan,[105] sie wurde 1872 eröffnet.

Die Gebäude sind einfach, an den kleineren Halteplätzen aus Holz; aber durch grosse Holzbrücken und Uebergänge über den Bahnkörper wird für Sicherheit der Reisenden gut gesorgt, besser als in den Vereinigten Staaten; der Bau ist sorgfältig, die Bequemlichkeit der Wagen ausreichend, unvergleichlich die Höflichkeit der Beamten. Die am Schalter sprechen etwas englisch. Ein Pförtner in Diensttracht nimmt dem europäischen Gast die Handtasche ab und trägt sie in den Wagen erster Classe; aber das angebotene Trinkgeld weist er kurz und würdig zurück.

Wie in Ostindien, so auch in Japan, haben die Einheimischen rasch mit dem neuen und billigen Beförderungsmittel der Eisenbahn Freundschaft geschlossen. Man erlebt die ergötzlichsten Scenen. Fröhliches Geplapper der Menschen und munteres Geklapper der Holzschuhe kennzeichnen jeden Halteplatz.

Eilzüge giebt es nicht. Die Eisenbahn hält an jedem grösseren Dorf; sie ist eben für die Japaner da, nicht für die wenigen Fremden, welche die Zeit als ein kostbares Gut betrachten.

Von dem ersten Haltepunkt, dem schon erwähnten Kanagawa, in dessen seichter Bucht nur wenige Küstenfahrt-Segler verankert liegen, erblickt man das Wahrzeichen Japan’s, den (z. Z. allerdings unthätigen) Feuer-Berg Fuji, der bei den japanischen Malern dieselbe Rolle spielt, wie der Vesuv bei den neapolitanischen.

Vom Zuge aus erkennt man auch die alte Hauptstrasse des Tokaïdo, mit ihrer doppelten Pinienreihe.

Man sieht die liebliche Landschaft Japans: allenthalben zierliche, kleine Felder verschiedener Art, die Hütten mit Strohdach und Gärtchen, sanfte Hügel, weiter abliegende Berge, Bäche und Flüsse, auch[S. 73] die nicht zu ferne Meeresküste. Bald ist die Hauptstadt erreicht, der Zug rollt in den grossen Shimbashi-Bahnhof, der nahe der Mitte der Uferlinie von Tokyo gelegen ist.

Hier harrte meiner die angenehmste Ueberraschung. Der ganze Aerzte-Ausschuss war zur Stelle, um mich zu empfangen. Im Wartesaal werden mir diejenigen Herren vorgestellt, die ich noch nicht kenne. Ich werde in einen mit zwei nicht sehr feurigen Pferden bespannten, offenen Wagen gesetzt und ins Hotel gefahren. Vor mir zwei Läufer, welche die kleinen und grossen Kinder vor den (in diesem Lande immerhin seltenen) Wagen-Pferden warnen; hinter mir der ganze Zug im Gänsemarsch, jeder Arzt in dem landesüblichen Wägelchen, das, zur Feier des Tages, mit zwei Mann hinter einander bespannt war. Das Imperial-Hotel ist schön gelegen, in der Mitte der Stadt, und das beste, welches ich wenigstens in Asien gefunden: ein sehr stattliches Gebäude mit prachtvollen Speisesälen, Lese- und Billardräumen, grossen, gut ausgestatteten Zimmern und Bädern,[106] electrischer Beleuchtung, guter Verpflegung, aufmerksamer Bedienung. Die ganze Verwaltung wird von Japanern geleitet, die Preise sind mässig:[107] das Hotel hat einen Zuschuss von der Regierung, welche einen Ort braucht, wo Festessen der Gouverneure u. dergl. in europäischem Styl gegeben werden können.

Bei einem guten Glase Bier wurde der Feldzugsplan festgestellt. Hier zeigte sich eine Eigenthümlichkeit der liebenswürdigen Japaner: sie konnten mit der Berathung nicht fertig werden, bis ich, mit meiner frisch gebackenen Weisheit, die „Odawara-Sitzung[108] beendete und ihnen erklärte, dass ich erst die Sehenswürdigkeiten von Tokyo und Nikko betrachten und dann zu den ärztlichen Sitzungen kommen würde, die sie inzwischen genügend vorbereiten könnten.

Meine Freunde waren auch ein wenig unpraktisch, wenigstens nicht reiseerfahren. Auf meinen Tags zuvor in Yokohama ausgesprochenen Wunsch hatten sie mir einen Führer gemiethet, was in den Reisebüchern dringend angerathen wird und ja auch sehr zweckmässig[S. 74] scheint, da man auf der Fahrt von Vancouver nach Yokohama die japanische Sprache nicht zu erlernen vermag.

Sie empfahlen ihn mir als den besten. Es ist ein kleiner, pockennarbiger Herr, der das Gymnasium durchgemacht hat, mehreren von ihnen persönlich bekannt, viel zu würdig für die 2 Yen Tageslohn,[109] die er zu empfangen hat.

Sowie ich ihn aber angenommen, werden sie bedenklich und sagen mir, dass er einen schlechten Charakter besitze. Vielleicht ist er nicht besser und nicht schlechter, als alle anderen. Doch hatte ich nun ein Vorurtheil gegen ihn. Ausserdem sprach er ausnahmsweise nicht englisch, sondern französisch, noch dazu mit schwer verständlicher Aussprache. Für das, was dem Reisenden merkwürdig ist, fehlte ihm, wie den meisten seiner Genossen, der Sinn; ich musste also das — englische Reisebuch in der Hand halten, deutsch denken, französisch fragen, die französische Antwort in meinem deutschen Hirn mit dem englischen Buch vergleichen. Das hielt ich nur einen Tag aus. Der zweite Führer, den ich danach annahm, wurde mir untreu, da er eine amerikanische Partei von drei Herren gewinnen konnte, die ihm täglich ½ Yen mehr zu zahlen hatte. Der Dritte führte mich zu Miyanoshita nicht, wie ich gewollt, in das vom Reisebuch an erster Stelle empfohlene, gut besuchte Hotel, sondern in ein anderes, wo ausser mir hauptsächlich nur Ratten hausten. Da gab ich die Führer auf und reiste allein durch das Land, übrigens mit voller Sicherheit und vollstem Vertrauen: es giebt kein Land der Erde, wo der Fremde sichrer reist, als in Japan; das liegt in der Gutartigkeit des Volkes und der mustergiltigen Polizei.[110]

Allerdings einen Pass muss der Reisende haben, sowie er die sieben offnen oder Vertragsstädte (Yokohama, Kobe, Osaka, Nagasaki, Hakodate, Nijgata und dazu Tokyo) zu verlassen, bezw. ihren Umkreis von 10 ri = 24½ engl. Meilen Halbmesser zu überschreiten beabsichtigt. Die Forderung des Passes wird ernst genommen. Der Europäer[111] erhält ohne japanischen Pass weder eine Eisenbahnfahrkarte noch ein Nachtlager. Der Pass wird nicht für ganz Japan und nicht für längere Zeit bewilligt. Der Reisende macht bei der Ge[S. 75]sandtschaft seines Reiches eine Eingabe, worin er Plan und Dauer der Reise andeutet; gewöhnlich verlangt man die Erlaubniss für 13 Provinzen zwischen den Tempeln von Nikko (nördlich von Tokyo) und Nagasaki auf Kiushiu und für drei Monate: die Gesandtschaft erwirkt den Pass von dem auswärtigen Amt des Mikado.

Bereits am Nachmittag des ersten Tages, an dem ich mich auf unsrer Botschaft gemeldet, war mir durch die Liebenswürdigkeit unsrer Beamten mein Pass ins Hotel gesendet worden. Die Plackerei ist also nicht sehr gross. Von den zahlreichen Polizisten, die im Innern des Landes mich ebenso aufmerksam wie würdevoll betrachteten, hat keiner meinen Pass zu sehen verlangt. Sollte dies aber doch der Fall sein, so darf man nicht darauf rechnen, dass der japanische Polizist — etwa wie mancher türkische Zaptieh — nicht zu lesen verstände und mit dem Pass eines Andern oder einem beliebigen gestempelten Frachtbrief zufrieden wäre. Im Gegentheil, der passlose Fremde wird ohne Erbarmen nach dem nächsten Vertragshafen befördert.

Unser Landsmann Dr. Scriba, Professor der Chirurgie an der Universität Tokyo und Leibarzt des Mikado, hat mir die folgende Pass-Anecdote mitgetheilt. Als am 11. Mai 1891 der russische Thronfolger zu Otsu von einem japanischen Polizisten verwundet worden war, kam eiligst ein Adjutant zu ihm, mit der Aufforderung, sofort mit dem Mikado in einem Sonderzug nach der Unglücksstätte zu fahren. „Aber ich habe keinen Pass,“ wandte er ein. (Auch der im japanischen Staatsdienst stehende Europäer bedarf eines solchen.) „Sie fahren ja mit dem Mikado,“ erwiederte jener. — „Das nützt mir nichts,“ sagte unser Landsmann, „jeder Polizist kann mich, nach dem Buchstaben des Gesetzes, vor den Augen des Mikado verhaften.“ So erhielt er denn einen Pass, der für Nicht-Diplomaten beispiellos ist und ihn berechtigt, zu jeder Zeit nach jedem Punkt des japanischen Reiches zu reisen. Aber jene Fahrt nach Otsu ist bekanntermassen unterblieben.

Ist der Pass zur Stelle, so braucht man noch zur freien Bewegung japanisches Geld. Goldstücke[112] sieht man nur in den Museen, d. h. solche alter Prägung. Die Landesmünze ist seit 1871, wo in Osaka eine Präge-Anstalt unter Leitung eines Engländers eingerichtet[S. 76] worden, der Silber-Yen, der genau so gross und so schwer ist wie der mexicanische Dollar, auch eben so viel gilt, nämlich etwa 3 Mark;[113] aber eine bedeutend schönere Prägung aufweist.

Auf der Vorderseite ist ein geschmackvoller Blüthenkranz, oben offen; in der Oeffnung des Mikado’s Wappen, die 16blättrige Chrysanthemum-Blume; in der Mitte die japanische Inschrift, ein Yen. Auf der Rückseite im Mittelfelde ein stylisirter Drache, seltsam verschlungen, aber schöner als Fafner; darum eine japanische Inschrift und „one Yen“ in lateinischen Buchstaben.

Der Yen wird in 100 Sen getheilt. Das gangbarste Kleingeld sind Silberstücke von 10 Sen und Nickel zu 5 Sen. Die Kupfermünzen[114] kommen kaum in die Hand des Fremden. Nur in den Tempeln sah ich noch gelegentlich auf dem Boden die von den Armen geopferten alten Scheidemünzen aus Kupfer, Bronce oder Eisen, die ein viereckiges Loch besitzen, so dass man sie rollenweise auf einen Faden ziehen kann; träge kehrt der Priester mit dem Besen die Münzen zusammen, von denen ein Paar Tausend erst einen Yen ausmachen. Papiergeld kannte Ostasien schon lange vor Europa, die Japaner schon seit dem 14. Jahrhundert. Jetzt giebt es Scheine zu 1, 5, 10 Yen, mit dem Gott des Reichthums und europäischen Zahlen, also sehr bequem zum Gebrauch. Sie entstammen dem Dondorf’schen Geschäft in Frankfurt a. M. Das Papiergeld ist gleichwerthig mit Silber. Die Finanzverhältnisse Japans sind nach Ueberwindung der Uebergangsschwierigkeiten ganz günstig geworden.[115] Mit dem japanischen Geld wird man bald vertraut und giebt es auch gern aus, da die Preise niedrig sind, und der Reisende nicht geprellt oder übervortheilt wird.

Hat man Pass und Geld, so braucht man Verkehrsmittel. Diese sind leicht zu haben. Für grössere Reisen dienen Eisenbahn und Dampfschiff. Für kleinere Fahrten in der Stadt und auch über Land dient die Jin-riki-sha, d. h. Mann-Kraft-Wagen.[116] Es sind[S. 77] dies ganz leichte, einsitzige, zweirädrige Wägelchen mit beweglichem Lederdach, in deren Gabel der Kutscher sich selber einstellt, die beiden Stangen mit den Händen ergreift und munter forttrabt.

Hier haben wir ein sicheres Beispiel des raschen Fortschritts, auch bei mongolischen Völkern. Vor 1867 gab es nur Sänften in Japan und China für diejenigen, welche weder gehen noch reiten wollten. Jetzt herrscht die Jinrikisha von Tokyo bis Nagasaki, (von da bis Hongkong und Singapore, ja bis Colombo) und bietet den Einheimischen eine gute Ernährungsquelle. In Tokyo allein giebt es 38000 solcher Wagen. Sowie der Wagenmann seine 30 Sen am Tage verdient hat, kann er sich und seine Familie grossartig ernähren. Er lebt gut, isst besser, als mancher aus den Mittelklassen, Fisch zum Reis, gelegentlich auch Fleisch, des Morgens drei rohe Eier. Aber seine Leistung ist staunenswerth; kein Europäer, der es nicht ganz besonders geübt hat, kommt ihm gleich. Im Trabe zieht er einen Erwachsenen ein und zwei Stunden, ohne Athemnoth und Ermüdung. Zwei kräftige Leute ziehen auf guten Wegen den Wagen bis 10 deutsche Meilen = 70 km; doch gelten 50 km für ein gutes Tagewerk.[117] Früher trabte der Wagenmann noch bequemer, da er bei gutem Wetter nur das um die Stirn gewundene Kopftuch (oder einen Sonnenhut) sowie einen Schurz, neben seiner Tätowirung, trug; während neuerdings englische Damen so lange über die paradiesische Nacktheit „entrüstet“ waren, bis die allem Europäischen so zugethane Regierung Japans gefällig genug war, durch Verbot der Nacktheit die Einfuhr der Erzeugnisse von Manchester zu heben.

Prof. Bälz hat durch Versuche erwiesen, dass der nackte Körper beim Lauf sich weniger erhitzt, als der bekleidete. Die Wadenmuskulatur solcher Läufer ist so entwickelt, dass sie einem Bildhauer zum Muster dienen und selbst dem farnesischen Hercules die so oft angezweifelte Naturwahrheit wiedergeben könnte.

Unverdrossen patscht der Wagenmann mit seinen nackten Füssen in die Pfützen der ungepflasterten Strassen von Tokyo und dankt höflich nach langer Fahrt für jede 10 oder 20 Sen und für das kleinste Trinkgeld. (Fahrgeld ist 7–15 Sen für das ri = 2½ englische Meilen, etwa 60 Sen für einen halben Tag, 1–1½ Yen für den ganzen Tag.) Aber bewunderungswürdig wird das redende Pferdchen Gullivan’s auf dem Lande, in den Bergen, wo die Strassen so schlecht sind, dass kein Ponny den Wagen befördern könnte. Der Europäer steigt aus, um die Kräfte der Männer zu schonen; aber ihr[S. 78] Ehrgefühl duldet dies nicht lange; mit freundlicher Gebärde laden sie uns bald ein, wieder aufzusteigen.[118]

Kein Reisender trägt Bedenken, Abends spät durch die theilweise ganz dunkle und auf grosse Strecken unbebaute Stadt Tokyo mit dem ersten besten Wagenmann zu fahren; — in manchen Gegenden von Italien und Constantinopel[119] würde er sich wohl hüten oder es übel bereuen. Uebrigens ist die polizeiliche Ueberwachung sehr gründlich. Jeder Wagen hat seine Nummer und Bezeichnung, jeder Wagenmann trägt Abends die brennende Papierlaterne in der Hand. Oft genug bei Tage wird der Wagen von Polizisten genau gemustert. Die Rüstung des Wagenmanns, Rock, Hosen, Sonnenhut, Laterne, kostet 4 Yen; den Wagen kann er auch gegen Zinszahlung miethen; geht etwas daran entzwei, so bringt er selber es in Ordnung. Unser Hotel hatte eine förmliche Leibwache von Wagenmännern, die der Reihe nach herankamen, auf dem grossen Sonnenhut den Namen des Gasthauses mit Stolz trugen und am Eingang des Hofes in einem kleinen Hause wohnten, offenbar auch Nachts den Wächterdienst versahen. Schon nach kurzer Zeit hat sich zwischen dem Reisenden, wenn er nicht knickrig ist, und dem Wagenmann ein freundschaftliches Verhältniss herausgebildet. Allerdings, englisch können diese Leute nicht sprechen, auch wenn sie es glauben und versichern. Aber sowie man im Hotel durch den Wirth ihnen die Punkte mittheilt, die besucht werden sollen; so geht es ganz ausgezeichnet, ohne lästigen Führer oder Dolmetscher.

Zu Fuss in dem riesigen Tokyo seinen Weg zu finden, wird der vernünftige Reisende gar nicht erst versuchen; die Stadt ist zu ausgedehnt, zu unregelmässig, die Häuser und Strassen zu gleichartig.

Die Stadt Yedo ist 1450 n. Chr. gegründet. Der Name bedeutet Wasser-Thor. Die Bucht, in welche der Fluss Sumida-gawa sich ergiesst, ging damals viel weiter ins Land hinein. 1590 wurde Yedo durch Jeyasu zur militärischen Hauptstadt von Japan umgestaltet. In der alten Feudalzeit musste jeder Daimio alljährlich seine Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun unternehmen; ja, seit 1642, einen Theil des Jahres dort wohnen. Noch bestehen die doppelten Festungs[S. 79]gräben, ein Theil der riesigen Umfassungsmauern und der 27 Thore, die Jeyasu geschaffen.

Burg (Shiro) heisst noch heute beim Volke der mittlere Bezirk der Stadt. Hier liegen Regierungsgebäude, Gesandtschaftshäuser und, durch einen breiten Graben abgeschlossen, die romantisch-einsamen Gärten mit dem (nach dem Brand vom Jahre 1873) erst 1889 neu erbauten Palast des Mikado[120], zu dem eine prächtige Brücke (Niju) führt.

Den Umkreis der Burg (Sotoshiro) bildet die Handels- und Gewerbe-Stadt von Tokyo. Daran schliessen sich im weiteren Umkreis die Vorstädte. Die Stadt gehört zu den ausgedehntesten der Erde, sie deckt über 200 qkm, schliesst grosse Gärten und Parks, selbst Felder ein; und zählt 310000, meist kleine, hölzerne Häuser sowie (mit Einrechnung der Vororte) 1300000 Einwohner.

Die Geschichte Tokyo’s zeigt uns eine Kette von Feuersbrünsten[121], Erdbeben, Seuchen. 1601 wurde die ganze Stadt ein Raub der Flammen; 1651 wurden 500 Daimio-Paläste, 350 Tempel und 1200 Strassen zerstört, wobei 100000 Menschen das Leben einbüssten, wenn dies nicht eine arge Uebertreibung ist. Aber noch 1875 wüthete ein starkes Feuer, bei dem mehrere Hundert Menschen das Leben verloren. Jeder Tag bringt noch jetzt zwei Schadenfeuer, noch heute sieht man ganze Bezirke öde und ausgebrannt, der neuen Bebauung harrend. Jährlich verbrennen jetzt in Tokyo 5000 Häuser (im Durchschnittswerth von je 300 Yen) oder 1:60. Man sagte mir, dass ein Haus nur 5–7 Jahre stehe, bis es abbrenne. Doch muss dies übertrieben sein, nach der eben angeführten Brand-Statistik.

[S. 80]

Die Feuerwehr ist eine alte und gute Einrichtung. An den Strassenecken sieht man hohe senkrechte Leitern, mit einer Lärm-Glocke oben; der Wachtmann hält fleissig Umschau. Brennt das Haus nieder, so geht der Japaner unverzagt mit seinem Bündelchen zu einem guten Freunde, der ihn aufnimmt und beim Aufbau eines neuen Holzhäuschens unterstützt.

Ein Erdbeben im Jahre 1703 soll 37000, eines im Jahre 1855 100000 und eine Pest im Jahre 1773 gar 190000 Menschen hinweggerafft haben. Doch scheint dies beträchtlich übertrieben zu sein.

1650–1653 wurden Wasserleitungen gebaut, 1660 das erste Theater; 1868 der Name Yedo in Tokyo, d. i. westliche Hauptstadt,[122] umgewandelt. 1869 wurde der Sitz der Regierung hierher verlegt, und die Stadt den Fremden eröffnet, seit 1872 auch Gebäude im europäischen Styl, in demselben Jahre die Eisenbahn nach Yokohama, 1882 eine Pferdebahn in den Hauptstrassen erbaut, 1885 electrische Beleuchtung und 1890 Telephon eingeführt.

Tokyo hat eine schöne Lage. Wellenförmig fällt das Thal, in dem es liegt, nach der Meeresbucht ab. Ein breiter Fluss und zahlreiche Wasserläufe durchziehen die Stadt.

Die Strassen der Millionstadt Tokyo[123] zeigen zwar dem aufmerksamen Beobachter ein äusserst fesselndes Volksleben, aber nirgends bedeutsame Bauwerke. Im Gegentheil, inmitten von Hauptstrassen glaubt man auf einem lustigen Jahrmarkt mit zehntausend Holzbuden sich zu befinden.

Tokyo ist eigentlich nur eine Zusammendrängung von 100 ausgedehnten Dörfern, zwischen denen noch Gärten und Landhäuser stehen geblieben. Die Tempel liegen abseits von der Strasse, hinter Riesenbäumen versteckt. Die wenigen europäischen Gebäude der Regierung und der fremden Gesandten befinden sich in einem Stadttheil, und zum Theil hinter Mauern und Gärten.

Das japanische Haus[124] ist von überraschender Einfachheit und Gleichförmigkeit. Es ist ein niedriger, ein- bis zweistöckiger Holzbau, ohne Fundament.

Hölzerne Pfosten, auf unbehauenen Steinen ruhend, stützen die Balken des stumpfwinkligen, schindelgedeckten Daches. Hinter der äusseren Reihe der Pfosten folgt eine zweite in 1 Meter Abstand, so[S. 81] dass eine umlaufende Veranda geschaffen wird. Die Diele ist um 2–3 Fuss über den Erdboden erhöht, ein Paar Holzstufen führen empor. Hier lässt der Japaner seine Schuhe, ehe er ins Innere des Hauses eintritt, da dicke Strohmatten in jeder japanischen Wohnung, von der Hütte bis zum Palast, den Fussboden vollständig decken und die Stelle unserer Betten, Tische, Sofa’s gleichzeitig vertreten.

Die Zimmer werden nach der Zahl der deckenden Matten (tatami, stets von 2×1 Meter) gemessen und sind durch verschiebbare Holzwände (von der Grösse der Matten) getrennt und darum, nach Wunsch und Bedürfniss, in jedem Augenblick zu vergrössern[125] oder zu verkleinern. Die Höhe der Zimmer beträgt 2½-3 Meter. Der etwa 1 Meter breite Abstand zwischen dem oberen Querbalken der Schiebewand und der Decke ist entweder geschlossen oder mit einem künstlerisch durchbrochenen Holzwerk (rama) ausgefüllt.

Licht erhält das Zimmer durch äussere Schiebewände, welche ein rechteckiges Netz von Holzstäben enthalten und mit durchscheinendem Papier[126] überklebt sind. Das matte, zerstreute Licht, welches diese „Fenster“ (shoji) liefern, ist uns nicht angenehm und offenbar für feinere Beschäftigung nicht ausreichend.[127] Den Tag über und bei gutem Wetter ist auch der nach der Strasse zu gelegene Arbeitsraum des Handwerkers, ja die ganze Vorderseite des Hauses offen. Schornsteine fehlen.(Doch werden sie neuerdings mehr und mehr beliebt.) Möbel giebt es nicht, ausser den Matten. Das beste Zimmer ist nach der Rückseite, mit Ausblick auf den winzigen Garten, — wie in Pompeji. Hier ist an der einen festen Wand eine kleine Erhöhung des Fussbodens mit zwei Blumentöpfen, einem Hängebild, sowie ein Erker mit Schränken, worin das Schlafzeug[128], auch Bücher und Kostbarkeiten sich befinden.

[S. 82]

Nachts wird durch Bretter, welche in Falzen laufen, das Haus geschlossen und das Schlussbrett durch einen Riegel versperrt. Der Reisende, welcher in einem japanischen Gasthaus abgestiegen, hört missvergnügt das lang dauernde Gepolter. Tags über stehen die Bretter in einer Lade, dem „Brettsack.“

Das japanische Haus (auch der Palast des Mikado zu Kyoto!) entbehrt der Dauerhaftigkeit, da es nur aus Holz und Papier besteht, und der Behaglichkeit, da ihm Möbel und Schutz gegen Kälte und Rauch fehlen. Ausserdem giebt es in Japan keine Canalisation; die kostbaren Dungstoffe für die Felder werden wie Schätze gehütet. Rein hat diese Schattenseiten sehr richtig hervorgehoben und der Amerikaner Morse, welcher eine Sonderschrift über das Haus der Japaner[129] veröffentlicht hat, kämpft mit Scheingründen und Deutschenhass[130] vergeblich dagegen an.

Zwei Vortheile hat das japanische Haus, es ist sehr billig und widersteht dem Erdbeben. Ersteres erkennt man aus Rein’s Angabe, dass der Herstellungswerth 150–1000 Mark beträgt. Letzteres sah ich zu Nagoya, wo alle Steinhäuser die bedenklichsten Risse von dem vor Jahresfrist beobachteten Erdbeben zeigten, die Holzhäuser unversehrt geblieben. Die Holzhäuser auf ein Mal durch Steinbauten für 40 Millionen Menschen zu ersetzen, wäre auch unmöglich, da das Geld dazu nicht vorhanden ist.

Jeder, selbst der Aermste, bewohnt ein Haus für sich, wenn gleich nur zur Miethe. Auf das japanische Haus kommen durchschnittlich vier Einwohner. Oefters wird nur die Zahl der Häuser eines Ortes, nicht die der Einwohner angegeben.

In kurzen Abständen sieht man zu Tokyo (und in den andern Städten Japan’s) schmale feuerfeste Gebäude (Kura), worin Nachts und bei Feuersgefahr der Kaufmann seine Kostbarkeiten birgt. Sie bestehen aus doppelten Wänden von Backsteinen, deren Zwischenraum, ähnlich wie bei den vielleicht erst 1000 Jahre später in Europa erfundenen Geldschränken, mit einem Gemenge von Holzasche und Sand ausgefüllt ist; ihre kleinen Fenster können durch doppelte Fensterläden aus Eisen nahezu luftdicht verschlossen werden. Die Flure sind mit Fliesen bedeckt, das Dach feuersicher. Es giebt öffentliche Kura, welche werthvolle Gegenstände gegen eine Gebühr aufbewahren. Niemand behält Kostbarkeiten über Nacht in einem japanischen Haus aus Holz und Papier.

[S. 83]

Das Volksleben ist unbeschreiblich anmuthig wegen der Höflichkeit und Geschicklichkeit der Japaner. Trotz regen Verkehrs giebt es weder Lärm noch Gedränge.

Es ist ein wahres Vergnügen zu sehen, wie geschickt jeder Krämer in der mit lebhaften Schildereien behängten Bude seine Waare einwickelt, und der Käufer sie davon trägt.

Von dem Bahnhof Shimbashi nordwärts nach Nihonbashi, einer ziemlich in der Mitte der Stadt gelegenen Canalbrücke, von der aus alle Entfernungen in Japan gerechnet werden, führt die breite Hauptstrasse, welche Bazars, Curiositätenhandlungen, auch mehrere europäische Läden und sogar eine Pferdebahn enthält, die trotz der überaus billigen Preise der Jinrikisha’s gut besetzt ist.

Zu den Hauptsehenswürdigkeiten von Tokyo gehört der Park von Shiba und der von Ueno.

Shiba, am Südwestende der Stadt, ist der Grund des Tempels von Zojoji, welcher der buddhistischen Jodo-Secte angehört und von Jeyasu dazu ausersehen wurde, die Todtentafeln[131] (ihai) der Tokugawa-Familie aufzunehmen.

Sechs der vierzehn Tokugawa-Shogune liegen hier begraben, darunter der zweite, Hidetada † 1632 n. Chr.), und der vierzehnte, Jemochi † 1866).

Der Haupttempel ist am 1. Januar 1874 niedergebrannt, da er von den Buddhisten auf die Shintoïsten übertragen werden sollte; und weit kleiner und weniger prächtig wieder aufgebaut. Die Todtenkapellen der göttlich verehrten Herrscher stehen unversehrt.

Zuerst kommt man zu den Grabdenkmälern des siebenten und neunten Shoguns (Jetsuga, † 1751, und Jeshige, † 1761). Durch ein riesiges, schön geschnitztes Holzthor, das der beiden Dewa-Könige oder Tempel-Wächter, gelangen wir auf einen grossen, sehr sauber gehaltenen Hof, der in einer ganz eigenthümlichen, echt japanischen Weise geschmückt ist mit zahlreichen Reihen mannshoher Steinlaternen, den Ehrengaben der Daimio. Jede Laterne besteht aus vier Theilen, nämlich aus einem Untersatz, der wie ein stylisirter Blumenkelch gestaltet ist, aus einer kurzen, mannigfach gegliederten Säule, aus dem viereckigen ausgehöhlten, mit vier Lichtöffnungen versehenen Lampenbehälter und aus einem phantastischen Pagodendach.

Ein zweites Thor, mit prachtvoll geschnitzten Drachen rings um die Holzpfeiler geschmückt, und Thor der kaiserlichen Tafel ge[S. 84]nannt, weil es den seligen Namen des Shogun, von der eignen Hand des Pabst-Mikado geschrieben, enthält, bringt uns nach dem zweiten Hof, der noch schöner als der erste, nämlich mit 112 mannshohen Bronze-Laternen geziert ist.

Das dritte Thor finden wir noch prachtvoller, als das zweite; es ist von beiden Seiten mit einem Gitter aus schön geschnitzten und bemalten Blumen und Vögeln und an der Decke des Durchgangs mit dem Bilde eines Engels (von Kano Ryosetsu) versehen. Von hier führt eine kurze, bedeckte Holzpfeilerhalle zu dem eigentlichen Todten-Tempel, dessen Dach mit den Pfeilern durch zwei geschnitzte Balken verbunden ist, die mit Recht als auf- und absteigender Drache bezeichnet werden.

Der Fremde klatscht in die Hände und zieht seine Schuhe aus. Ein junger Priester, der schliesslich für eine Gabe von 20 Sen sich dankend verneigt, geleitet ihn in das Innere. Jeder dieser Todtentempel besteht aus drei Theilen, aus der äusseren Gebetskapelle (haiden), einem schmalen Gang (ai-no-ma) und dem inneren Heiligthum (honden). In alter Zeit, wenn der Shogun erschien, um seinen Ahnen Verehrung zu zollen, betrat er allein das Allerheiligste, die Daimīo blieben auf dem Gang, die Samurai in der Vorhalle, — ganz ähnlich wie in den Tempeln der alten Aegypter.

Alle Wände sind mit Gold und farbigen Lack-Verzierungen bedeckt. Im Allerheiligsten lehnen sich gegen die Hinterwand drei Gold-Lack-Schreine; der rechte enthält angeblich — denn die Thüren werden nie geöffnet! — das Holzbild des Vaters vom siebenten Shogun, der mittlere das des Shogun selber, der linke aber das des neunten. Zu beiden Seiten jedes Schreines stehen Bilder von Schutzgöttern; dann das Bild von Kwannon, der Göttin der Gnade, und Benten, der Göttin der Liebe. Allenthalben sieht man das Wappen der Tokugawafamilie (Awoï Mon), in einem Doppelkreise drei stylisirte Blätter der Haselwurz (Kamo-aoi, Asarum, Aristolochiac.); und ferner die Lotuspflanze, das buddhistische Sinnbild der Reinheit.

Der Europäer, welcher zum ersten Male ein solches Tempelgebäude besucht, und in seinem Reisebuch liest, dass es eine „Symphonie von Gold und Lack, einen Traum von Schönheit“ darstellt, fragt kopfschüttelnd, ob er die Sache nicht versteht oder — der Verfasser des Buches. Wenn er aber erstlich berücksichtigt, dass der Tempel nicht als Schaustück für Reisende aus Europa oder Nordamerika, sondern für den japanischen Geschmack errichtet ist; und ferner den Eindruck voll auf sich wirken lässt, ruhig auf den Boden gelagert und prüfend: so kommt er bald, namentlich bei wieder[S. 85]holten Besuchen, zu der Ueberzeugung, dass hier ein ganz eigenartiges und ebenmässiges Kunstwerk geschaffen ist, welches auch den europäischen Geschmack befriedigen kann, wenn man sich freihält von Vorurtheilen. Es ist ganz ähnlich, wie wenn ein an die italienischen Opern gewöhntes Ohr zum ersten Mal Richard Wagner’s Musikdrama vernimmt: unwillig sträubt es sich; giebt dann nach, bei genauerer Bekanntschaft, und ist schliesslich ganz entzückt und gehoben. Der Vergleich hinkt allerdings insofern, als ich keineswegs beabsichtige, die japanische Kunstschöpfung über die europäische zu erheben.

Ich muss gestehen, dass ich erst beim dritten Besuch von Shiba die Schönheit des Werkes empfand und erst in den Tempeln von Nikko Geschmack an diesen japanischen Kunstleistungen gewann.

Durch ein mit den fabelhaften Einhörnern (kirin) geziertes Thor und durch einen Hof, der wieder mit Bronze-Laternen geschmückt ist, gelangen wir über eine Steintreppe empor in die tiefe Einsamkeit, wo, von ernsten Fichten umgeben, die ganz einfachen Steinpagoden stehen, unter denen in einer Tiefe von 20 Fuss die sterblichen Reste der verehrten Shogune ruhen, — geschützt gegen Zerfall durch eine dicke Lage von Zinnober und Kohle.

Der Uebergang zu immer grösserer Pracht und die schliessliche Einfachheit des Grabes predigt laut von der Vergänglichkeit des Irdischen.

Ganz ähnlich sind die Todtentempel des sechsten, zwölften und vierzehnten Shogun und auch der Gattin des letzten, einer Tante des jetzigen Mikado.

Von hier führt der Weg zu dem Kloster von Zojoji und zu dem neuen, noch nicht ganz fertigen, sehr geräumigen Haupttempel mit der Bildsäule von Amida. Im Innern dieses Tempels könnte Einer wohl vergessen, dass er in Ostasien weilt.

Ein Kleinod dahinter ist das Tempelchen Gokoku-den, welches in einem goldnen Schrein den „schwarzen Amida“ bergen soll, den Jeyasu stets als Schutzgeist mit sich führte. Kühne Bilder von Falken an den Wänden erinnern an des Fürsten Vorliebe für die Beize.

Ausserhalb des Tempels steht unbedeckt ein Bronzebild von Shaka, — ein „nasser Heiliger“ (nure botoke), — vom Jahre 1761.

Es ist noch viel zu sehen, die Grabstätten der Shogun-Gattinnen, der Todtentempel des zweiten Shogun, wo zwei mächtige vergoldete Pfeiler das reich verzierte Dach tragen, und mitten im Gehölz die berühmte achteckige Halle (Hakakku-do), welche das Leergrab des Herrschers enthält: auf einer steinernen Lotusblume ruht der Schrein, das grösste Werk der Erde in Goldlack, unten geschmückt mit dem[S. 86] Löwen, dem Könige der Thiere, und der Päonie, der Königin des Pflanzenreichs; oben mit den acht schönen Landschaften von China und denen des Biwa-See’s in Japan. Der Schrein enthält nur ein Bildniss des Shogun und seine Todtentafel; der Körper ist tief unter dem Fussboden begraben: ganz ähnlich, wie in den Turbe’s der Sultane zu Stambul.

In der Nähe ist ein Shintotempel (Ankokuden), wo Jeyasu auch als Shintogottheit verehrt wird, und ferner Kōyō-kwan, das Ahorn-Clubhaus, das ich sehr bald von der besten Seite kennen lernen sollte.

Unsere Jinrikisha-Männer hatten inzwischen eine mehrstündige Ruhe genossen. Einer war mit uns gegangen bis an die Tempelpforten, theils um sein Auge zu erfreuen, theils um die Sonnenschirme zu halten; — denn die ausgezogenen Schuhe zu bewachen, ist unnöthig. Als sie jetzt den Befehl vernahmen, „nach den 47 Ronin“; stürmten sie stolz und freudig mit uns vorwärts. Denn sie lieben ihr Vaterland und seine Helden. Obwohl die Geschichte dieser Ronin durch Mitford’s tales of old Japan in Europa genügend bekannt geworden, möchte ich sie doch, der Vollständigkeit halber und für diejenigen Leser, die sie nicht kennen und — im Conversationslexicon nicht finden würden, hier in Kürze anschliessen.

Ronin heisst Wogenmann und bedeutet einen herrenlosen Vasall; in dem Lied chiushingura, „Lehnsmanns Treue“, und in den Schauspielen der beiden berühmten Dramen-Dichter Japans wird der Heldenmuth der 47 noch heute gefeiert.

Im Jahre 1727 n. Chr. hatte zu Yedo der Grosswürdenträger Kotsuke den jungen Daimio Takumi, der es verabsäumt, ihm Geschenke zu schicken, auf das gröblichste beleidigt. Kotsuke nöthigte Takumi, ihm die Sandalenbänder zu binden und sagte dann verächtlich: „Nicht einmal eine Sandale vermögt Ihr geschmackvoll zu binden. Ihr seid ein Bauerntölpel und versteht nichts von der Hofsitte zu Yedo.“ Da konnte Takumi seinen Zorn nicht länger bemeistern und verwundete Kotsuke am Kopfe. Takumi wurde entwaffnet, und, da er innerhalb der Palastmauem mit dem Schwert einen Menschen angegriffen; so wurden, nach den bestehenden strengen Gesetzen, seine Güter eingezogen, seine Familie verstossen, er selber zum Tode verurtheilt. Er wählte als Fürst das Harakiri.[132] Seine Dienstmannen, jetzt Ronin,[S. 87] zerstreuten sich. Aber der Erste, Oishi Kuranosuke, schloss mit 46 andern einen Bund; sie schworen, den Tod ihres Lehnsherrn zu rächen. Um jeden Verdacht abzuwenden, wurden die 46 zunächst Kaufleute und Handwerker; Kuranosuke aber ergab sich zu Kyoto dem Trunke, verstiess sein Weib mit den unmündigen Kindern, und trug viele Monate hindurch ein lasterhaftes Leben so offenkundig zur Schau, dass ihr Feind endlich seine Vorsicht aufgab. Dann entwich Kuranosuke heimlich nach Yedo, wo die Gefährten bereits harrten und die Ortsverhältnisse des Palastes von Kotsuke ausgekundschaftet hatten. In finstrer Winternacht überstiegen sie die Ringmauern und besetzten alle Ausgänge, nachdem sie unmittelbar zuvor den Nachbarn ihren Beweggrund mitgetheilt und bewirkt hatten, dass diese nicht Partei ergriffen. Bald waren die Samurai Kotsuke’s, so viele sich zur Wehre gesetzt, niedergehauen, — aber dieser selber nicht zu finden, bis er endlich in einem Wandschrank entdeckt wurde. Der Rächer liess sich vor ihm auf’s Knie nieder und sagte: „Hoheit! Als getreue Lehnsmänner sind wir heute Nacht erschienen, um den Tod unseres unglücklichen Herrn zu rächen. Ihr werdet die Gerechtigkeit unseres Unternehmens anerkennen. Wir beschwören Euch, Harakiri zu vollziehen.“ Da jener aus Feigheit sich weigerte, hieb Kuranosuke ihm den Kopf ab, mit demselben Kurzschwert, durch welches Takumi den Tod gefunden. Sie legten den Kopf in einen Korb, löschten alle Lichter und Feuer im Palast aus, um Feuersbrunst zu verhüten, und zogen, da der Tag angebrochen, in blutigen und zerrissenen Kleidern nach dem Tempel Sengakuji in der Vorstadt Takonawa. Alles Volk jubelte ihnen zu; Niemand wagte sie anzugreifen, zumal ein Verwandter des Takumi zu ihrem Schutz seine Samurai gesammelt; ein Fürst, bei dessen Palast sie vorbeizogen, liess sie sogar bewirthen. In dem Tempel wuschen sie das blutige Haupt und legten es am Grabe ihres Herrn nieder. Sie fügten sich dem Beschluss des obersten Rathes und starben, als Edelleute, alle durch Harakiri; und wurden neben ihrem Herrn beigesetzt.

[S. 88]

Das Volk ehrt die Heldengräber noch heute durch Besuch und brennende Weihrauchkerzen.

Die Leute waren sehr stolz, mir den Brunnen der Waschung, das Grabdenkmal des unglücklichen Fürsten Takumi und das seines bis in den Tod getreuen Lehnsmanns Kuranosuke zu zeigen. An dem letzteren hefte ich, der Landessitte gemäss, meine Karte zu den vielen Tausenden, die hier schon, auf Nägel gespiesst, zu sehen sind. Denn der Edle verdient es, der getreu war dem Worte des Confucius: „Du sollst nicht leben unter demselben Himmel und nicht betreten dieselbe Erde mit dem Mörder deines Herren.“[133]

Auf der Rückfahrt spendet man dem dicht am Eingang zum Shibapark gelegenen Bazar (Kwankōba) ein Stündchen und bewundert die niedlichen, geschmackvollen und dabei so überaus billigen Erzeugnisse japanischer Kunstfertigkeit. Alles ist hier zu haben, was der Japaner braucht: Stoffe und Gewänder, Gürtel, Fächer, Schirme, Haarschmuck, Ringe, Gemälde und Bilderbogen, Koffer und Schränke, Porzellan- und Steingutwaaren, Kinderspielzeug. Die Preise sind laut behördlicher Anordnung überall deutlich angeschrieben. Aufs höflichste verneigt sich der Käufer, wenn man um 15 Sen ein Täschchen für die Papier-Yen mit höchst eigenartigem Verschluss ersteht. Homerisches Gelächter erscholl in der Erfrischungshalle, als der Wirth die geforderte Bierflasche nicht zu entkorken verstand, und ich ihm diesen allerdings nicht so sehr wichtigen, weil selten verlangten, Theil seines Gewerbes handzüglich vorwies.

Dicht bei dem Shiba-Park ist ein berühmter Aussichtspunkt, der Hügel Atago-yama. Zwei Wege führen hinauf; der „männliche“ ist steiler, der „weibliche“ mehr gewunden und leichter. Die Aussicht ist nicht so sehr merkwürdig; die riesige Stadt erscheint wie ein Haufen von Dörfern, da die Häuser fast alle klein sind. Nur die riesengrosse russische Kirche, offenbar „für den Zuwachs“ eingerichtet, macht sich etwas aufdringlich geltend. Die Landschaft um die Hauptstadt ist sehr schön. Der Blick schweift einerseits bis zu dem Berg Fuji, und andrerseits über die Bay von Tokyo, zu dem Berg Kanozan.

Nach der Frühstückspause folgt die Fahrt nach dem in der Nordostecke der Stadt belegenen Ueno-Park, der Nachmittags sich besser darstellt. Shiba ist feierlich, Ueno volksthümlich.[S. 89] Ueno-Park, ursprünglich der Yedo-Wohnsitz der To-do-Familie, wurde 1625 vom Shogun Jemitsu übernommen; er wollte hier eine Reihe von Buddha-Tempeln gründen, die alles vorher dagewesene übertreffen sollten.

Der Haupttempel galt für einen Triumph japanischer Baukunst. Hier musste stets ein Sohn des regierenden Mikado als Oberpriester wohnen, so dass der Shogun ihn sofort zum Mikado ernennen konnte, wenn der Hof zu Kyoto Schwierigkeiten machte. (In der That versuchten dies mit dem Prinzen Kita Shirakawa die Parteigänger des letzten Shogun in dem Bürgerkriege; der siegreiche Mikado sandte den Prinzen grossmüthig nach Berlin, damit er sich dort in der Wissenschaft vervollkommne.) Dieser Prachttempel ist 1868 in der blutigen Schlacht von Ueno zwischen den Anhängern des Mikado und denen des Shogun niedergebrannt; an seiner Stelle steht jetzt das Museum. Der ganze Ueno-Park ist seit einigen Jahren der Stadtverwaltung von Tokyo übergeben.

Der Reisende besteigt einen kleinen Hügel und bewundert die Aussicht auf die Stadt, selber angestaunt von den Einheimischen, aber — nicht belästigt. Die Kinder werden bald zutraulich, besonders wenn man Backwerk oder Früchte unter sie vertheilt; vielleicht ein einzelner Wildfang brüllt mächtig ob des fremdartigen Anblicks, wird aber auch von den andern rasch besänftigt.

Die Erwachsenen bieten höflichst Sitzplätze an. Ein steinernes Denkmal ist dem Gedächtniss der hier für die Sache des Mikado gefallenen Soldaten gewidmet.

Der berühmte Kirschbaumweg, im Frühling zur Zeit der Blüthe das Entzücken der Japaner[134], war auch jetzt, im Herbst, recht schön, wiewohl ohne Blüthenschmuck. Zur Linken ist ein kleiner See, auf einer vorspringenden Landzunge ein sagengeschmückter Tempel der Liebesgöttin (Benten) und, mit schöner Aussicht, Hotel Seiyoken, wo ich gute Erfrischung fand, als ich einmal einen ganzen Tag dem Ueno-Park widmete. Das Bronzebild von Buddha, 21 Fuss hoch, aus dem Jahre 1660 n. Chr., ist unschön.

Durch ein Thor, das noch deutlich Kugelspuren von den Kämpfen zeigt, tritt man ein in einen wunderschönen Cryptomerienhain mit einer[S. 90] langen Reihe von Steinlaternen, die zu einem Heiligthum des Gongen-Sama (Jeyasu) führt. Dasselbe beherbergt an den Wänden die Bilder der „33 Dichter-Geister“ (San-ju-rok-kasen) aus dem 8., 9. und 10. Jahrhundert. Unser Auge muss sich erst daran gewöhnen, dass der Mensch ein Dreieck sein kann, mit dem Kopf als Spitze. Aber ein Japaner, der in weitem Prachtgewand auf seinen Knien kauert, ist thatsächlich ein solches Dreieck. Das Ueno-Museum, ein grosses Gebäude in europäischem Styl, verdankt seinen Ursprung der letzten japanischen Gewerbe-Ausstellung vom Jahre 1890. Der Eintrittspreis ist sehr gering, die Räume sind gut besucht von Einheimischen.[135] Die Ausstellung von Porzellan, Lack, Bronze, Holzwaaren, Geweben, Gemälden hat mich nicht entzückt. Die wirklichen Prachtstücke sind theils nach Europa gewandert, theils in Klöstern und Palästen verborgen. Dazu kommt, dass die Japaner, in ihrer schwärmerischen Vorliebe für unsre Bildung, ganz gewöhnliche Machwerke europäischer Werkstätten in buntem Durcheinander mit ausgestellt haben. Auch die zoologische und botanische Abtheilung vermochte nicht mich so zu fesseln, wie die wissbegierigen Eingeborenen. Interessanter waren mir Staats-Wagen (für Ochsengespann bestimmt), Staats-Sänften und das Schiff des Shogun. Ferner vor- und urgeschichtliche Gegenstände, Perlen aus Agat, die, zu Halsbändern geordnet, von Mann und Weib getragen wurden; Speer- und Pfeilspitzen, Schwerter, alte Töpferwaaren, darunter kleine, irdene Figuren von Mann und Ross, die (seit dem Gesetz des elften Mikado, des edlen Suinin Tenno, um das Jahr 2 n. Chr.) dem todten Fürsten, an Stelle seiner vorher wirklich geopferten Mannen und Rosse, mit ins Grab gegeben wurden.[136] Sodann buddhistische Alterthümer, besonders vom Tempel Horuji in der Stammprovinz Yamato, und aus Nara Gegenstände des Shintodienstes. Endlich Ueberreste aus der portugiesischen Zeit. Der römische Bürgerbrief des Japaners Hashikura, der 1614–1620 eine Gesandtschaft zum Papst nach Rom geführt hatte, sein Oelbild mit Crucifix, ein kleines japanisches Buch der katholischen Glaubenslehre (in Silbenschrift, hiragana); und — im Gegensatz dazu — die Trampelbretter (fumi-ita), Metalltafeln mit Reliefdarstellung des Erlösers, des Kreuzes, der heiligen Jungfrau, auf welche, nach Austreibung der Portugiesen und nach dem Verbot der christlichen Religion, diejenigen[S. 91] Japaner, welche man für heimliche Anhänger dieser Lehre hielt, trampeln[137] mussten, um sich von dem Verdacht zu reinigen.

Die Holländer sollen diese merkwürdigen Bildnisse den Japanern für schweres Geld geliefert haben.

Eine Kunstschule, eine öffentliche Bücherei und eine Akademie sind in der Nachbarschaft des Museums eingerichtet, und auch ein Thiergarten, der aber noch verbesserungsfähig erscheint und jedenfalls für die japanischen Maler wichtig ist, zur Erweiterung ihres Thierkreises.

Weit merkwürdiger für den Fremden sind aber die Shogun-Gräber (Go Reiya). Der vierte aus der Tokugawa-Familie (Jetsuna, † 1680), der fünfte, achte, zehnte, elfte und der dreizehnte (Jesada, † 1858) liegen hier begraben.

Der zweite Todtentempel (Ni no Go Reiya), hat prachtvolle Säulenhallen, im Saal (16×7 Ellen) ein Cassettendach mit goldenen Drachen auf blauem Grunde, vergoldeten Wänden mit den landesüblichen Löwen. Dann folgt wieder der schmale Gang (4 Ellen breit) und das Allerheiligste (11×7 Ellen) mit den mächtigen Goldlack-Schreinen. Die Gräber sind dahinter.

Der erste Todtentempel (Ichi no G. R.) ist dem ersten ähnlich.

Bevor wir Ueno verlassen, werfen wir noch einen Blick auf die ständige Verkaufs-Ausstellung, die auch hier sich befindet, und bewundern wiederum die Nettigkeit und Billigkeit der gewöhnlichen Japan-Waaren. Ein Regenschirm aus Bambus mit Oelpapier, ganz brauchbar für seinen Zweck und auch ganz haltbar, wenigstens in der geschickten Hand des Japaners, kostet 20 Sen = 60 Pfennige.

Sehr eigenthümlich erscheinen uns die Gemälde, mit denen der gewöhnliche Japaner den Erker seiner guten Stube schmückt. Zahllos sind die kleinen Töpferwaaren, Porzellangeräthe, Bronzen, Spielzeuge. Der Koffer, den der Japaner für Haus und Reise braucht, ist ein Holzgestell mit starkem Papier verklebt; auf unseren Reisen würde derselbe beim ersten Hinwerfen zerbrechen. Die geschnitzten Wandschränke für Buddha’s Bildsäule sind alle nach einem Muster, innen vergoldet. Ein prachtvoller Fächer aus Schildkröt mit Bronze-Vögeln und Pflanzen kostet nur 10 Yen. Da die Metall-Oese am Handgriff mir nicht fein genug vorkam, kaufte ich ihn nicht; konnte aber später in Kyoto, dem Hauptort für Fächerherstellung, ein gleiches Stück nicht finden. In dem zum Gebäude gehörigen Garten sind die beliebten Zwergpflanzen[138] ausgestellt, z. B. ein Fichtenhain in[S. 92] einem tellergrossen Blumentopf. In dem Garten ist auch eine Erfrischungshalle, wo ich mit meinen jungen Freunden bei einem ganz guten Glase Bier und einer rauchbaren Cigarre[139] über wissenschaftliche Gegenstände plaudern kann.

Dicht bei Ueno liegt der Bezirk von Asakusa.

Zuerst fällt auf Higashi Hongwanji[140], der Haupttempel von Tokyo, im Besitz der buddhistischen Monto-Secte, 1657 gegründet, zwar einfach, aber in grossen Verhältnissen. Die Fläche der Haupthalle misst 140 Matten. Ueber dem Schrein ist vergoldetes, offenes Schnitzwerk von Engeln und Phoenix. Das schwarze Bild von Amida ist in dem vergoldeten Lackschrein sichtbar. Dies scheint ausnahmsweise ein volksthümlicher Buddhisten-Tempel zu sein; das fröhlichste Gewimmel von Gross und Klein ist hier anzutreffen. An den grossen Säulen der Halle sind Anschläge, welche das Rauchen und das Nachmittagsschläfchen verbieten!

Aber an Volksthümlichkeit überragt Alles der dicht dabei stehende Buddhisten-Tempel Asakusa Kwannon. Das eigentliche Cultbild der Göttin der Gnade (Kwannon) soll um das Jahr 600 n. Chr. hierselbst von einem verbannten Edelmann in der Mündung des Asakusaflusses mit einem Netz gefischt und nur 1⅘″ hoch sein. Es wird niemals gezeigt. Ein grösseres vor dem Altar wird einmal im Jahre (am 13. Dezember) dem Volk gewiesen. Die gegenwärtigen Baulichkeiten stammen aus der Zeit von Jemitsu († 1651 n. Chr.) Sie gehören der buddhistischen Tendai-Secte.

Der Tempelgrund (Koënchi) ist ein vergnügter Wurstelprater in japanischem Styl. Da sind Buden voll Süssigkeiten und Backwerk für Klein und Gross, voll Spielzeug und billigstem Schmuck, Augenblicksphotographen, Panoramen, Thonfigurencabinette, Ringer, Taschenspieler und Kunstreiter. Die Pferde sind mit Rücksicht auf den winzigen Raum sehr still und vernünftig, desto beweglicher die Reiter. Alles ist voll, jeder Nachmittag wird als Feiertag behandelt. Unser Sprichwort: „Saure Wochen, frohe Feste“, hat in diesem kindlich-glücklichen Land der aufgehenden Sonne gar keine Bedeutung.

Auch im Tempel geht es lustig und geräuschvoll zu, wie zu[S. 93] Jerusalem, als die Bankhalter mittelst der Geissel ausgetrieben wurden; oder wie in Deutschland zu Tetzels Zeiten. Der Vergleich drängt sich um so mehr auf, als eine beängstigende Aehnlichkeit der buddhistischen Priester und Heiligen mit den europäischen dem Reisenden vor Augen steht.

Unter dem lauten Ertönen der mächtigen Asakasu-Glocke trete ich durch das zweistöckige Thor (an dem rechts Riesen-Sandalen hängen, Weihgeschenke von Schnellläufern, und links ein Heiligenschrein mit einer Gebetmühle sich befindet,) hinein in die grosse Halle und sehe das Gewühl von Gläubigen, Männern und Frauen, welche Weihrauchkerzen, Heiligenbilder, fromme Büchlein unter lebhaftem Geplapper von den Priestern erhandeln; andere, welche eine Münze in den Opferstock werfen, in die Hände klatschen, um die Heiligen aufmerksam zu machen und sich auf den Boden neigen; noch andere, welche die Holzbildsäule des Heilgottes Binzuru eifrigst reiben, — an der Stelle, wo es ihnen weh thut. Einst war es ein berühmtes Holzbildwerk von Jikaku Daishi; jetzt ist es mürbe und abgerieben, — wie bei uns ein lebendiger, vielbegehrter Arzt. Im Innern des Tempels, an dem Altar oder Hauptschrein sind förmliche Verkaufsbuden eingerichtet. Die Bilder der Gnadengöttin, die man hier feilhält, gelten als Zauber gegen Krankheit, als Nothhelfer in schwerer Entbindung. Auch werden Wahrsagekarten verkauft und kleine Blätter, worauf geschrieben steht, ob das Kind in Hoffnung ein Knabe oder ein Mädchen sein wird.[141]

Allenthalben hängen an den Wänden Laternen und Bilder als Weihgeschenke. „Das Leben ein Traum“, dargestellt durch zwei Menschen und einen Tiger, die alle schlafen; die Hauptscene aus einem lyrischen Drama (No), in dem ein rothhariges Seeungeheuer auftritt; chinesische Helden und Kriegsgötter; ein japanischer Bogenspanner und „Rinaldo, den seine Rosa weckt“; — endlich Engel, die letzteren in den höchsten Regionen, nämlich am Dach, — das sind die Gegenstände der wichtigeren Weihgemälde, soweit man in dem Lärm und Gedränge es beobachten kann.

Der Altar ist durch ein Drahtgitter von dem Schiff getrennt; aber ein freundliches Wort zu dem Hauptpriester, und ein kleines Geschenk dazu, verschafft uns Einlass. Der Hochaltar, von Heiligenbildern beiderseits bewacht, enthält Lampen, Blumen, heilige Gefässe, den Schrein der Gnadengöttin, und zahllose Weihgeschenke, da hier[S. 94] Gebete für Kranke abgehalten werden. Hinter dem Haupttempel ist ein kleines Heiligthum, dessen Weihgeschenke alle mit dem Wort „Auge“ beschrieben sind und von Augenleidenden herrühren.

Ein Tempel (Jizo-do) enthält zahllose Steinbildsäulen von (verstorbenen) Kindern, rings um die des Jizo, des Schützers der Kleinen. Entsprechend der japanischen Duldsamkeit ist hier auch auf dem Tempelgrund ein Shintoheiligthum, den drei Fischern der örtlichen Sage gewidmet. Vorbei an einer Bühne für den heiligen Tanz (Kagura) erreicht man eine Drehbibliothek (Rinzō) so gross wie ein japanisches Zimmer, ganz leicht auf einem Zapfen zu drehen und durch einen kräftigen Stoss in Bewegung zu setzen. Die Inschrift lautet: „Da die buddhistischen Schriften 6771 Bände umfassen, kann ein Einzelner sie nicht alle durchlesen. Aber ein annähernd gleiches Verdienst erwirbt sich, wer die Bibliothek dreimal um ihre Achse dreht“. — Ein chinesischer Priester Fu Daishi im 6. Jahrhundert n. Chr. soll diese Dreh-Bücherei[142] erfunden haben.

Die Pagode nebenbei ist nicht mehr zugänglich. Und den zwölfstöckigen Aussichtsthurm, der 1890 erbaut ist, schenkte ich mir, da sein (durch electrische Kraft betriebener) Personenaufzug nicht in Wirksamkeit war.

Nach Hause fahre ich über eine grosse Brücke, die Tokyo mit der östlichen Vorstadt (Honjo) verbindet, und dann südwärts, am Flussufer entlang. Allenthalben herrscht fröhliche Festesfreude. In Japan giebt es noch mehr Feiertage, als in Bayern. Jede Gelegenheit wird benutzt. Aber die Leutchen sind alle maassvoll in der Fröhlichkeit, zierlich geputzt und höflich. Uebertrieben ist höchstens das Trommeln der Knaben vor den Tempeln, um Gäste anzulocken.

Auf einem Holzgestell inmitten eines freien Platzes ist eine Stegreifbühne aufgestellt. Unter unendlichem Jubel des Volkes wird der japanische Polichinell geprügelt.

Eigenartig ist der japanische Geschäfts-Garten. Die Pflanzen stehen ausserordentlich dicht an einander, offenbar ist der Boden kostbar. Die Gänge sind schmal und gefüllt mit Bewundrern. Aber mehr als die Nase wird das Auge geweidet.

Allerdings der bekannte Satz, dass „in Japan die Blumen keinen Duft, die Vögel keinen Sang, die Früchte keinen Wohlgeschmack“ haben, ist nichts weniger als genau, sondern nur eine jener Reisebuch-Behauptungen. Die Japaner haben ihre Nachtigall (Unguisu) und ihren Blüthenduft.

[S. 95]

So heisst es in einer von Dr. R. Lange übersetzten Liedersammlung:

„Fällst Du Blüthe der Pflaume auch ab, so lass mir den Duft doch.
Trag’ ich Verlangen nach Dir, wird er mich mahnen an Dich.“

Dafür ist die Augenweide der Japaner an blühenden Gewächsen ganz allgemein und seit mehr als 1000 Jahren vielleicht mehr entwickelt, als bei irgend einem andern Volke.

Ich sah in diesem Garten ein kleines Kind von 2–3 Jahren, auf dem Rücken der Mutter durch ein Kreuzband befestigt; so wie es eine Blumenhecke erblickt, klatscht das Würmchen, das noch nicht reden kann, vergnügt in die Hände. Wenn der Jinrikisha-Mann, der von 30 Sen den Tag leben kann, 40 verdient hat; so kauft er Abends nebst Esswaaren für einige Pfennige Blumen und trägt sie wohlgefällig in sein bescheidenes Heim. Für die Arbeiter ist in London Abends Nahrungsmittel-Markt bei Gasbeleuchtung; in Tokyo Blumenmarkt (Hana-ichi) bei Laternenlicht.

Die Japaner lieben den blühenden Zweig, nicht den Strauss. Von den Pflanzen haben sie das Meiste und Wichtigste ihrer Kunstgestaltungen entlehnt, ihre Wappen sind Pflanzen; eine schöne Blume dem Freunde zu senden, ist verbreitete Sitte und Höflichkeit.

Dem Gärtner zahlt man nichts für den Genuss. Aber er hat einen Theil seines Raumes an Theehäuschen abvermiethet. Dort sitzt der Fremde, der Sitte folgend, nieder, schlürft den üblichen Trank und hinterlegt eine kleine Silbermünze.


Ausflüge von Tokyo. — Nikko, Miyanoshita, Kamakura.

Der schönste Ausflug von Tokyo ist nordwärts nach dem Tempelbezirk von Nikko[143], 90 englische oder 19 geographische Meilen, mit der Eisenbahn in 5 Stunden. Heute genügen 3 Tage. Vor 10 Jahren brauchte H. Meyer 10 Tage dazu; er musste im Miethswagen fahren sowie Kochofen und Diener mitnehmen.

Nikko kekko, Nikko ist entzückend, — dies hört man so häufig in Japan, wie in Frankreich, dass Paris die Hauptstadt des Erdballes sei.

Das Land ist herrlich angebaut wie ein Garten. Reis, Thee, Baumwolle, Maulbeerbäume, Gemüsefelder, — Alles wechselt in bunter Reihe mit kleinen Ortschaften. In Japan waren 1887 an 4½ Millionen Hektar unter Bebauung, in Deutschland 22 Millionen. In unserem Vaterland[S. 96] kommen 47 Ar auf den Einwohner, in Japan genügen elf. Die Felder sind selten grösser als ½ Morgen, ja mitunter nur einige Quadratmeter gross. Die Wirthschaften sind klein, 1–1½ ha. Grossgüter giebt es nicht. 40 Procent der Landwirthe sind Besitzer, die andern Pächter.

40 Procent der Bevölkerung sind Bauern, und weitere 25 Procent betreiben Ackerbau im Nebengewerbe. 58 Procent der Staatseinnahmen kommen vom Ackerbau, ja, wenn man die landwirthschaftlichen Gewerbe, wie Sake-Brennereien hinzurechnet, 80 Procent. Arbeitsvieh wird wenig verwendet. Folglich fehlt thierischer Dung. Deshalb wird der menschliche auf das sorgfältigste aufgehoben und verwerthet. Künstliche Bewässerung wird seit den ältesten Zeiten geübt. Mit dem Tretrad wird das Wasser aus dem Graben auf die Felder gehoben. Auch sieht man zahlreiche Ziehbrunnen. Reisfelder müssen ganz unter Wasser gesetzt werden. 100 Millionen Scheffel[144] werden jährlich geerntet oder 2⅔ Scheffel für den Einwohner. Mehr als die Hälfte des japanischen Ackerlandes besteht aus Reisfeldern.

Der Sonnengöttin Amaterasu, welche für die Japaner auch die Rolle der Ceres spielt, wird in ihrem Tempel zu Ise geopfert, damit die fünf Stengelfrüchte (Gokoku) Reis, Gerste, Weizen, Hirse, Bohnen gedeihen. „Landwirthschaft ist die Quelle des Landes,“ so lautet ein japanisches Sprichwort, das gewiss unserem „Bunde der Landwirthe“ gefallen wird, das aber in seiner Einseitigkeit aus der Zeit der völligen Absperrung herstammt. Unter den drei Classen des gewöhnlichen Volkes (heimin) stand der Bauer (hijakushô) höher, als der Handwerker (shokunin) und der Kaufmann (akindo). Der Samurai verschmähte es nicht, selber das Feld zu bestellen, gerade so wie der römische Patricier. Nur selten wird das japanische Landschaftsbild durch ein fremdartiges Gebäude, z. B. eine Papierfabrik, unterbrochen.

Bei Utsonomiya (65 englische Meilen von Tokyo) verlässt man die Nordbahn und geht über auf die nordwestlich verlaufende Zweigbahn nach Nikko.

Bald erscheinen niedrige, lieblich grüne Berge und die erhabene Fichten-Baumreihe, welche nach den Gräbern der grossen Shogune hinleitet. Neben der Strasse für Jedermann gab es auch eine zweite (Reiheishi Kaidō), ebenfalls von Fichtenbäumen eingesäumt, für die Gesandtschaft des Mikado, welche Geschenke zum Grabe des grossen[S. 97] Jeyasu brachte. Die Fichten (Cryptomerien) Japan’s sind nicht so gewaltig wie die Sesquojen beim Yosemite-Thal in Californien[145], nicht einmal so mächtig wie die canadischen; aber es sind ebenmässige, wunderschöne, Ehrfurcht gebietende Bäume von 2–3 Meter Umfang. Mit grosser Kunst haben die Japaner es verstanden, sie zum Hintergrund der Todtentempel zu wählen. Offenbar bestanden die Fichtenhaine zu Nikko schon lange, als Jeyasu’s Grabeskirche hier erbaut wurde.

Das Dorf (Hashi-ichi), wo unser Zug endigt, (2000 Fuss über dem Meeresspiegel,) ist, wie die meisten in Japan, schmal und sehr lang. In dem üblichen Manneswagen fährt man zwei englische Meilen durch die Doppelreihe von Häusern, Pilgerherbergen und Läden, wo Erzeugnisse des heimischen Gewerbefleisses, Pelzwaaren und Holzschnitzereien,[146] ausliegen, ferner Lichtbilder von diesem, dem berühmtesten Theile von Japan, während an den freien Plätzen nicht bloss Jinrikisha’s, sondern sogar auch kleine Reitpferde auf Reisende harren. Trotz aller Besonderheiten von Land und Leuten sieht das Ganze einem schweizer Gebirgsdorf mit reichem Fremdenverkehr einigermassen ähnlich.

Im Nikko-Hotel, am Ende des Ortes und in der Nähe der Tempel, finde ich eine befriedigende Unterkunft und treffe mehr als Einen von den Schaaren, die mir zur See Begleiter waren.

Ein Shinto-Tempel hatte in Nikko seit uralter Zeit bestanden, er ward aber später nach Utsunomiya verlegt. Ein buddhistischer Tempel wurde 767 n. Chr. von dem heiligen Shōdo Shōnin errichtet, von dem die japanischen Acta Sanctorum der Wunder genug zu erzählen wissen, z. B. dass ein göttliches Wesen ihm, als er den reissenden Fluss bei Nikko nicht passiren konnte, in einem Augenblick eine gewölbte Schlangenbrücke herstellte. Im Jahre 1616 begann der zweite Shogun aus der Tokugawa-Familie den Todtentempel für seinen Vater Jeyasu. Im folgenden Jahre wurde der Leichnam unter grosser Feierlichkeit dorthin gebracht und beigesetzt. Abt des Klosters war stets ein Sohn des Mikado; er wohnte in Yedo und kam drei Mal jährlich nach Nikko. (Der letzte war der bei Besprechung des Ueno-Tempels genannte Prinz Kita Shirakawa.)

Auch der dritte Shogun (Jemitsu) hat in Nikko sein Grabdenkmal.

Entzücken und Begeisterung über die Tempel von Nikko findet man in vielen Schriften von Damen und Herren. Seltener, weil[S. 98] schwieriger, ist die Begründung der Gefühlsschwärmerei durch genaue Beschreibung.

Wer, mit solchen Schriften in der Hand, prüfend in den Tempel eintritt, ist zunächst enttäuscht, — namentlich, wenn er durch unser klassisches Gymnasium hindurch gegangen und auch noch in seinen Mannesjahren die hohe Schule der antiken Kunst in Florenz, Rom, Neapel, Athen, Olympia, sowie in den Sammlungen der europäischen Gross-Städte durchgemacht. Aber langsam und allmählich ändert sich der Eindruck. Wenn auch des Wunderlichen viel vorhanden ist, so fehlt doch nicht das Erhabene und das Schöne.

Vernünftige Ueberlegung siegt über eingewurzelte Geschmacksvorurtheile. Es ist ungereimt, griechische Ideale auf ostasiatische Kunstübung anzuwenden.

Die japanischen Tempel sind errichtet für Japaner, nicht für den Reisenden aus Europa und den Vereinigten Staaten. Wenn sie die Japaner voll und ganz befriedigen, und das ist der Fall, so müssen sie als gelungen und vollkommen angesehen werden.

Wie verschieden haben doch die verschiedenen Culturvölker des Alterthums und der Neuzeit, jedes nach seiner Art, den Gedanken des Göttlichen im Tempelbau auszudrücken versucht! Da ich weder Gottesgelehrter noch Baumeister bin, so muss ich mich auf das beschränken, was ich selber mit meinen Augen gesehen.

So mächtig uns noch heute, nach Jahrtausenden, die Reste der altägyptischen Tempel vorkommen, ganz anders war ihr Aussehen, als sie zur Zeit der Pharaonen noch unversehrt aufrecht standen, umgeben von den riesigen Umfassungsmauern, am Eingang mächtige Thorthürme (Pylonen), mit eingemeisselten, weithin sichtbaren Götterbildern und Hieroglyphen und mit 100 Fuss hohen, bewimpelten Masten und zahllosen Flaggen. Viele Aegypter durften für ihr ganzes Leben nur diese Aussenseite schauen und die ungeheuren Königsbilder aus Stein, die in majestätischer Haltung davor Wacht hielten, wie die „Memnons-Säulen“ zu Theben, deren Besuch den Gebildeten, welche in der römischen Kaiserzeit Aegypten bereisten, ganz unerlässlich schien, obwohl sie nicht mit zu den sieben Weltwundern gerechnet wurden. Jedenfalls konnte die Hauptmasse des Volkes nur bis in den ersten, gewaltigen, säulenumgebenen Hof vordringen, dessen Abschluss nach innen zu, eine Reihe von Lotos- oder Palmenblatt-Säulen, zu beiden Seiten des Eingangs durch übermannshohe Mauer-Schranken versperrt war. Nun folgte eine Flucht von säulengetragenen Sälen, alle von unbeschreiblicher Pracht, alles Bauwerk (sogar die Umfassungsmauern und die dunkelsten Keller) mit schöngeschnittenen Hieroglyphen und zahl[S. 99]losen (allerdings unserem Geschmack nicht entsprechenden) Götterbildern geschmückt, endlich das Allerheiligste, ein ganz dunkles Gemach, aus einem ungeheuren Steinblock gehauen, worin das eigentliche Götterbild, der Gegenstand der Verehrung, aufbewahrt wurde.

In dieser scheinbar unzähligen Reihe von Gemächern ist jedes folgende niedriger, als das vorhergehende; jede folgende Thür der gradlinigen Flucht erscheint nicht bloss dem Beschauer auf dem Hofe perspectivisch verkleinert, sondern ist thatsächlich kleiner, als die vorhergehende, so dass der sinnlich überwältigende Eindruck einer ungeheuren Ferne, des Unendlichen und Geheimnissvollen, auf das empfängliche Gemüth des abergläubischen Nilanwohners hervorgebracht werden musste, wenn bei den nächtlichen Festen die Lampen aus der Thür des Allerheiligsten hervorschimmerten.

Die alten Hebräer waren original in ihren religiösen Schriften, aber nicht in ihren Tempel-Bauten. Die Bundeslade entspricht ägyptischen Vorbildern. Von phönicischen Künstlern wurde Salomon’s Wunderwerk errichtet.

Die Entwicklung[147] des altgriechischen Tempels zu schildern, übersteigt meine Kräfte. Betrachten wir als Beispiel aus der besten Zeit den Parthenon auf dem Burgberg zu Athen. Schönheit des Stoffs und der Form, vollendetes Ebenmass und reicher, aber nicht überladener Schmuck mit Bilderwerken kennzeichnen das hohe, rechteckige Haus, welches die perikleische Zeit für die Schutzgöttin der glänzenden, berühmten, veilchenumkränzten Stadt errichtet hat.

Der Eingang ist von Osten. Die säulengetragene Vorhalle zeigt an der dreieckigen Stirn entzückende Marmorbilder. Ebenso an der gleichgestalteten Hinterseite. Sie stellen dar die Geburt der Göttin und ihre Besitzergreifung des athenischen Landes.

Im Hauptgemach unter freiem Himmel steht das Cultbild der Göttin aus Gold und Elfenbein, das Wunderwerk des Phidias. Die hintere Halle birgt den Staatsschatz. Die Metopenbildwerke und den umlaufenden Fries, die Darstellung des Festzuges zu den Panathenäen, rechnen wir noch heute zu dem schönsten Reste der griechischen Bildhauerkunst.

So wunderbar der ganze Marmorbau, gewiss eines der herrlichsten Gebäude, die jemals errichtet worden, — er diente wohl der Betrachtung und der feierlichen Wallfahrt; aber die eigentliche Verehrung[S. 100] hatte draussen im Freien ihre Stätte: auf dem Altar vor dem Tempel wurden die Opfer verbrannt.

Die Römer, gross als Staatenbildner, in der Kunst und Wissenschaft waren sie klein und unselbständig. Wie viel sie den Etruskern verdanken, können wir nur vermuthen. Aber bedeutend war sicher der Einfluss der Griechen von Unteritalien oder Grossgriechenland. Aeusserlich sieht der römische Tempel dem Laien fast ebenso aus, wie der griechische. Im Innern sind Unterschiede. Die Vorhalle ist grösser. Die Hinterhalle fehlt. Das Cultbild steht im Hintergrund des Hauptgemaches, unmittelbar davor der Altar.

Trotzdem diese Eigenthümlichkeit auch in der altchristlichen Kirche des Römerreiches, der Basilica, auftritt, scheint die letztere nicht aus dem römischen Tempel hervorgegangen zu sein, sondern aus der römischen Gerichtshalle. Zwei Säulenreihen tragen das platte Dach und theilen den Raum in drei Schiffe; dann kommt der erhöhte Chor, der prächtig geschmückte Altar und in der nach Osten gerichteten Nische das Bild der Verehrung. Wohl die herrlichste Basilica der Erde ist San Paolo fuori le mura im ewigen Rom.

Noch zwei Typen hat die christliche Baukunst geschaffen, den centralen Kuppelbau, für den im heidnischen Pantheon zu Rom ein Vorbild gegeben war, und den gothischen Dom. Den ersteren bewundern wir in der heiligen Sophia zu Constantinopel, den letzteren in unserem Köln.

Zweifellos ist die Kuppel ein Sinnbild des Himmelsgewölbes, während die kühn emporstrebenden Säulen des gothischen Domes und die Spitzbogen den Blick gewissermassen in eine unergründliche Höhe emporlenken.

Die Mohammedaner haben in der ersten Zeit sicher die Basilica nachgeahmt, wie in der Moschee des Amr zu Kairo (aus der Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr.) deutlich zu sehen.

Den Kuppelbau der heiligen Sophia zu Constantinopel haben sie einfach in eine Moschee umgewandelt: die prachtvollen Mosaiken übertüncht, da sie im Gotteshaus Bilder nicht dulden; ferner eine Gebetnische (Michrab) nach Südosten,[148] in der Richtung auf das Grab Mohammed’s, eingebaut, so dass jetzt alle Gebet-Teppiche auf dem Fussboden schräg gegen die Hauptachse des Tempels verlaufen; sodann eine steile Kanzeltreppe (Mimbar) errichtet, und vor dem[S. 101] Tempel ihre schlanken Spitzthürme (Minaret) erbaut, von deren Höhe der Muezzin mit wohllautendem Gesang die Gläubigen zu Gebet ruft.

Die Mohammedaner haben zu Stambul nach diesem Vorbild andre Moscheen erbaut, deren Kuppeln weit schöner sind, als die der heiligen Sophia. Aber den Gipfel der Vollendung erreichten die Kuppel-Bauten der Grossmogul zu Agra und Delhi, die dem Parthenon ebenbürtig zur Seite stehen und des grossen Vortheils sich erfreuen, dass sie ziemlich unversehrt auf unsere Tage gekommen sind.

Voll dieser Gedanken, die ich am ersten Abend zu Nikko, nach dem ersten vorläufigen Besuch der Tempel, in meinem Tagebuch verzeichnet, trat ich am nächsten Morgen den Weg an zur genaueren Besichtigung.

Ob die Japaner Religion besitzen, darüber lass’ ich die Gelehrten streiten. Tempel haben sie; ihre schönsten in Nikko,[149] die Grabestempel der göttlich verehrten Herrscher. Sie weichen wesentlich ab von den vorher geschilderten der andern Völker. Aber Natur und Kunst haben die Japaner hier geschmackvoll vereinigt, um den Eindruck des Feierlichen hervorzurufen.

Schon durch die meilenlange, zu beiden Seiten mit Cryptomerien besetzte Zugangsstrasse wird die Aufmerksamkeit des Pilgers gefesselt und auf das Kommende vorbereitet.

Am oberen Ende des Dorfes liegt Mihashi, eine lebhaft roth lackirte Holzbrücke, welche, auf Steinpfeilern ruhend, den 40 Fuss breiten Fluss (Daiya-gawa) überspannt und den kundigen Wandrer an das Wunder mit Shōdo-Shōnin erinnert, um so mehr als sie zu beiden Seiten durch Gitter für gewöhnliche Sterbliche stets verschlossen ist. Hundert Fuss flussabwärts findet man die gangbare Brücke und kommt über dieselbe in die heilige Strasse. Dieselbe führt, tief eingeschnitten, so dass die Wurzel-Enden der mächtigen Bäume in der Höhe unseres Hauptes liegen, durch einen Cryptomerienhain, der von wunderbarer Schönheit und, weil besser gehalten, noch eindrucksvoller ist, als der berühmte Cypressenhain von Skutari.

Vorbei an einem Kloster und einer 42 Fuss hohen Kupfersäule mit dem Tokugawa-Wappen, erreicht man den Eingang zum Mausoleum des Jeyasu.

Eine breite Treppe zwischen zwei Cryptomerien-Reihen führt hinauf zu einem Steingatter (Torij) von 27 Fuss Höhe und 3½ Fuss[S. 102] Dicke der Säulen. Sowie man eingetreten, erscheint zur Linken ein höchst anmuthiger fünfstöckiger Thurm (Pagode),[150] der in lebhaften Farben prangt, 104 Fuss emporsteigt und oben 18 Fuss Seitenlänge hat. Rings um den ersten Stock sind, wie gewöhnlich, bemalte Holzschnitzbilder der chinesisch-japanischen zwölf Zeichen des Thierkreises.

Ein gepflasterter Weg führt zum ersten Thor, Ni-o-mon, d. h. Thor der beiden Könige. Doch sind diese „Schutzgeister“ aus ihren Nischen entfernt und durch zwei Fabelthiere ersetzt. Höchst kunstvolle Schnitzereien schmücken diesen Holzbau: Tapire, die als Zauber gegen Pestilenz gelten, Einhörner und andere Ungeheuer, Löwen und sehr gut ausgeführte Tiger.

Jetzt folgt der erste Hof mit drei lebhaft gefärbten, hübschen Schatzhäusern, worin heilige Geräthe und Andenken vom grossen Jeyasu aufbewahrt werden. An dem einen sind bemalte Reliefs, Elephanten mit falscher Beugung der Hinterbeine. (Ein lebendiger Elephant war gewiss eine grosse Seltenheit in Japan.) Links vom Thor steht, innerhalb eines Steingitters, eine stattliche Fichte, dieselbe, welche Jeyasu, als sie kleiner war, stets in einem Blumentopf mit sich zu führen pflegte. Daneben befindet sich der (ehemalige) Stall für die heiligen weissen Pferde, welche die Wagen der Götter an den Festtagen zu ziehen hatten. Ueber dem Thor sind drei bemalte Holzschnitzereien, Affen, welche mit ihren Händen den Mund, andere, welche die Ohren, noch andere, welche die Augen zuschliessen.

Sie werden wohl die Affen der drei Länder (Japan, China, Indien) genannt, bedeuten aber sinnbildlich die Enthaltsamkeit von Lügen, Verläumdungen, Begehrlichkeiten.

Ein schön überdachter, mächtiger, ausgehöhlter Granitwürfel dient als Weihwasser-Becken und ein Gebäude daneben enthält eine achteckige Dreh-Bücherei mit der vollständigen Sammlung der buddhistischen Schriften.

Ueber eine kleine Steintreppe gelangen wir empor zu einem Vorhof. Hier stehen Huldigungsgaben der Lehns-Staaten: ein Bronzecandelaber vom König von Loochoo (Riukiu), eine grosse Glocke vom König von Korea, von demselben eine Riesenlaterne, von den Holländern ein etwas schäbiger, werthloser Candelaber. 118 Laternen, zum Theil von grosser Schönheit, haben die Daimio gestiftet.

Eine weitere Treppe führt empor zu dem zweiten Thor (Yomei-mon). Dieses ist von wunderbarer Schönheit — „und doch bloss[S. 103] ein Thor.“ Die Säulen sind weiss, mit geschnitzten geometrischen Figuren. Die letzteren kehren die Concavität nach oben; aber auf einer, jenseits des Thores, — nach unten, um den Neid des Himmels abzuwenden. In den äusseren Nischen stehen mit Pfeil und Bogen bewaffnete Helden, in den inneren Unthiere, oben sieht man Einhörner, Drachen, Balcone mit Putten und mit weisen Chinesen. Das weit ausladende Dach hat anmuthige Formen.

Rechts und links von dem Thor erstrecken sich lange Gänge, deren Aussenwände mit naturgetreuen, bemalten Schnitzereien von Vögeln, Bäumen und Blumen geschmückt sind. Durch ziemlich einfache Innen- und Zwischenwände hat man eine Reihe von Gemächern für genügsame Priester geschaffen. Ich sah aber hier einen japanischen Maler eingerichtet, der in vollkommen richtiger Perspective und sehr naturgetreu Oelbilder dieser klassischen Stätte für die Weltausstellung in Chicago anfertigte. Auf Befragen gab er an, dass er nie einen europäischen Lehrmeister gehabt.

Der zweite Hof, den wir nunmehr betreten, enthält zur Rechten ein Gebäude zum Verbrennen des duftenden, heiligen Cedernholzes und eines für den heiligen Tanz. Ich sah den letzteren und merkte es nicht: eine Jungfrau, mit Fächer und Klapper, ging, sich neigend und beugend, auf einer niedrigen Bühne auf und nieder. Links ist ein Gebäude mit den heiligen Wagen, die im Festzug am 1. Juli umhergeführt werden, wenn (nach der Annahme) die göttlichen Seelen von Jeyasu, Hideyoshi und Yoritomo darin verweilen.

Geradeaus kommt man an den eigentlichen Tempelbezirk, der von einem niedrigen Gitter (mit schön geschnitzten Vögeln) umgeben ist. Hinein führt ein Thor aus chinesischen Hölzern mit eingelegter Arbeit.

Der Tempel hat ein prachtvolles Dach mit geschnitzten Drachen als Stützbalken. Der Innenraum (haiden) misst 42×27 Fuss, mit einem Nebenraume zu jeder Seite. Die Wände sind aus Goldlack mit farbigen Figuren in blau, roth und gold. An den Thürpfosten sind dicke Säulen von Lack, an den Wänden Gemälde von Einhörnern und Adlern auf Goldgrund, die Decke cassettirt mit Drachenfiguren. Man steigt einige Stufen hinab und sieht vor sich eine Treppe, und jenseits derselben eine goldige Thür, welche die Kapelle mit den heiligen Bildnissen — verschliesst.

Der Tempel ist prachtvoll und feierlich, besonders in dem beliebten Halbdunkel. Fällt dann ein Sonnenstrahl durch die Spalten der Fenstervorhänge (aus Bambusstäben und Seide), so beleben sich die Farben auf das anmuthigste.

Wunderbar ist der Zugang zu dem Grabmal. Erst kommt[S. 104] man an ein Thor, mit dem vorzüglichen und von den Japanern hochgepriesenen Schnitzwerk einer schlafenden Katze (von Hidari Jingorō) und steigt empor über eine feierliche Steintreppe, 240 Stufen, von Moos bewachsen und überschattet von geradezu herrlichen Cryptomerien. Das Grabmal selbst ist eine kleine Pagode aus heller Bronze, davor steht (auf einer Schildkröte) ein Bronzekranich[151] mit einem Leuchter im Schnabel und ein Bronze-Lotosblumentopf, alles umgeben von einem Steingitter.

Etwas weiter liegt das Grabmal des Jemitsu, des dritten Shogun aus der Tokugawa-Familie († 1651).

Wieder sind drei durch Höfe geschiedene Thore vorhanden. In den inneren Nischen des zweiten steht der Gott des Windes mit einem Schlauch[152] und der Gott des Donners mit Hantel-ähnlichen Trommelstöcken.

Sowie man durch das dritte Thor getreten, erscheint ein liebliches Landschaftsbild, der bis oben hin bewaldete Hügel des Grabmals. Halle und Kapelle sind weniger prächtig als die des Jeyasu, das Grabdenkmal ähnlich.

Der Zutritt zu dem Tempelbezirk ist bequem. Man ersteht eine Einlasskarte für 35 Sen. Die Japaner lassen ihre Schuhe beim ersten Gitter und miethen sich für eine kleine Münze ein heiliges Paar Holzschuhe, das allein würdig ist, diesen Weg zu betreten. Das Innere der Kapellen ist natürlich nur nach dem Ablegen der Stiefel oder nach dem Ueberziehen von weissen Leinwandschuhen zugänglich. In dem Tempelbezirk darf nicht geraucht werden. —

Nachmittags machte ich in Jinrikisha (mit zwei Mann) einen Ausflug nach dem Urami-ga-taki oder Hinten-Schau-Wasserfall. Leichter als bei dem Niagara, aber mit demselben fragwürdigen Genuss, kann man zwischen Felswand und den 50 Fuss hohen Wassersturz treten. Weit schöner sieht der Fall von vorn aus. Die vorsorglichen Japaner haben ein niedliches Theehaus in die Felsblöcke eingenistet. Bewunderungswürdig ist die Geduld und das Geschick der Wagen-Männer oder -Jünglinge. Sie keuchen und feuern sich[S. 105] gegenseitig an, klagen aber nicht. Steigt der Europäer aus, dem es unangenehm ist, dass Mitmenschen für ihn so sich plagen; so leiden sie das nicht lange und laden sehr bald mit freundlicher Geberde zum Einsteigen ein. Sie stützen den Schwerpunkt des Wagens, verhüten das Umfallen, leiten ihn sanft über Steine und kleine Abgründe. Kein Ponny würde den Wagen über diesen Weg befördern.

Auf dem Rückweg besuchen wir Kamman-ga-fuchi, wo über den Stromschnellen auf einem anscheinend unnahbaren Felsen ein Sanscrit-Wort (Hammam) eingemeisselt ist, — angeblich durch den heiligen Kobo Daishi, der seine Feder gegen den Fels schleuderte. Am Ufer stehen Hunderte von Amida-Bildsäulen, die angeblich kein Mensch richtig zählen könne.

Der Aberglauben ist etwas einförmig, auch — in Japan. Doch lächeln die Japaner über den ihrigen, auch die gewöhnlichen Kulis.

Nachdem ich noch zum dritten Mal die Tempel besucht, — die Priester schüttelten schon den Kopf über den hartnäckigen Fremdling, — fuhr ich nach Tokyo zurück und machte am folgenden Tage den zweiten Ausflug, nach Miyanoshita.

Da dies nur eine „schöne Gegend“ ist, südwestlich von Tokyo, nicht weit von dem 12000 Fuss hohen, ruhenden Vulkan Fuji, ohne erhebliche Besonderheiten und namentlich ohne Alterthümer; so will ich mich ganz kurz fassen. Von Tokyo fährt man mit der Eisenbahn über Yokohama nach Kozu. Von hier mit der Pferdebahn weiter nach Odowara und Jumoto (1 Stunde). Mein Führer, den ich leider noch hatte, behauptete, es schicke sich nicht für mich, im gewöhnlichen Pferdebahnwagen mit dem Volk zusammen zu sitzen, und miethete für mich einen besonderen Wagen. Doch zeugte der Preis (1½ Yen) von japanischer Genügsamkeit.

Odowara war früher Sitz der Hojo-Familie, im Jahre 1590 wurde ihre Macht durch den Taikō Hideyoshi gebrochen. Als sie in ihrem festen Schloss zu Odowara endlos darüber beriethen, ob sie angreifen oder auf Vertheidigung sich beschränken sollten, überfiel Hideyoshi das Schloss und nahm es durch einen Handstreich. Daher ist bei den Japanern die Odowarasitzung sprichwörtlich geworden.

Von Yumoto bringt die Jinrikisha den Reisenden durch eine romantische Schlucht bergaufwärts nach Miyanoshita. Das beste Gasthaus ist Fuji-ya.

Mein Führer behauptete aber, wir müssten nach Nara-ya. Das Haus war auch gross, aber ganz leer. Ausser mir waren nur zwei Parsi und ein nervenkranker Engländer da, und — zahlreiche Ratten, die man Nachts über der Decke nur allzu deutlich hörte.

[S. 106]

Da ich den Wunsch äusserte, einen von den berühmten Spaziergängen kennen zu lernen, brachte mich mein Führer in ein nasses Bambusdickicht, um dem Fremdling bündig zu beweisen, dass man in Japan nicht — zu Fuss gehen soll.

An einen Ausflug nach dem Hakone-See war wegen des Regens, an eine Besteigung des Fuji ebendeswegen und wegen der vorgerückten Jahreszeit gar nicht zu denken. Berge, Seen und Wasserfälle hatte ich in Europa schon oft genug und mit grösserer Bequemlichkeit betrachtet. So kehrte ich denn baldigst nach Tokyo zurück, wo die Zeit der Feste für mich anhob.

Der dritte Ausflug ist der nach Kamakura und Enoshima. Kamakura, südwärts von Yokohama,[153] an der Sagami-Bucht gelegen, ist jetzt ein Dorf, mit Sommerwohnungen für die Europäer von Yokohama; einst war es die mächtige Hauptstadt von Ost-Japan.

Yoritomo (1192 n. Chr.), der Schöpfer des Shogunats und der Feudalverfassung, die bis 1868 angedauert, verlegte den Sitz der Regierung hierher. Hier wurden die Gesandten des Mongolen Kublai Khan, die Unterwerfung Japan’s gefordert, enthauptet. In der Blüthezeit des Mittelalters soll die Stadt über eine Million Einwohner gezählt haben. Die Gründung von Yedo (1603) versetzte ihr den Todesstoss.

Die Sehenswürdigkeit von Kamakura ist Dai-butsu, der grosse Buddha. Auf einer riesigen Lotosblume sitzt der beschauliche Weise von 49 Fuss Höhe, aus Bronze gegossen,[154] seit dem Jahre 1252 n. Chr. und hat den Tempel lange überdauert, der einst ihn überdachte, aber 1494, also kurz nach der Entdeckung Amerika’s, durch eine Springfluth zerstört wurde. Diese Bildsäule soll die wahre Idee des Buddhismus am reinsten darstellen, nämlich die geistige Ruhe, welche hervorgeht aus Erkenntniss und Bezwingung der Leidenschaften.

Jedenfalls ist es die beste Bildsäule von Shaka, die ich zu sehen bekam. Aber seltsam berührt uns doch die Weisheitswarze auf der Mitte der Stirn und das verlängerte Ohrläppchen.

In Japan trägt kein Mensch Ohrringe; in Indien, woher die Grundform Shaka’s stammt, alle, Männlein und Weiblein; es giebt auch[S. 107] dort keine kleinen, einige sind aber grösser und die entsprechenden Ohrzipfel bedeutend länger.

Das Reisebuch sagt, dass die stille Grösse des Bildwerkes erst bei wiederholtem Besuch empfunden werde. Das ist möglich, aber für uns gleichgiltig, da wir nicht wiederkehren können. Jedenfalls sind solche Bildsäulen für den Reisenden lohnender, die man nur zu betrachten braucht, um sie zu verstehen und zu bewundern.[155]

Weit schöner, als der Daibutsu, ist in dem benachbarten Tempel der Kwannon eine sitzende Bronzefigur aus dem 15. Jahrhundert, in kaum halber Lebensgrösse: wenn man von den halbgeschlossenen, etwas schläfrigen Augen absieht, könnte man sie für das Werk eines Griechen halten. Die vergoldete Riesen-Bildsäule der Göttin selber (von 30 Fuss Höhe) lohnt kaum das Ansehen und das Trinkgeld an den Priester. Desto schöner ist die Aussicht von dem ragenden Tempel über das Gestade und das Meer. Auch in diesen friedlichen Gefilden waren kriegerische Uebungen. Japanische Soldaten, die etwa so aussahen wie deutsche Rekruten in nicht passenden Uniformen und mit falschen Mützen, ruhten gemächlich vor einem Theehaus und schäkerten mit den Mädchen.

Die liebliche, immergrüne Insel Enoshima, seit alter Zeit der Göttin der Liebe (Benten) geweiht, hängt durch eine schmale Düne mit dem Festland zusammen. Wenn man die steile Strasse emporsteigt, wo Haus bei Haus alle möglichen Meereserzeugnisse, Fische und Muscheln zum Essen, Glasschwamm (Hyalonema Sieboldi) und Muschelschalen, rohe wie künstlich verarbeitete, als Andenken, feilgeboten werden, glaubt man ein japanisches Santa Lucia vor sich zu sehen. Ich raste oben auf der Höhe in einem Theehaus, mit einem zufälligen Reisegefährten, dem deutschen Pastor Schmiedel, der von allen englisch redenden Missionären, die ich in Ostasien getroffen, höchst vortheilhaft durch zwei Vorzüge sich auszeichnete, nämlich durch Gelehrsamkeit und Duldsamkeit.


[S. 108]

Eine Theater-Vorstellung in Tokyo.

Pünktlich, wie verabredet, um 3 Uhr Nachmittags, holt mich mein Freund ab. Trotz der frühen Tageszeit war es keineswegs eine Vorstellung für Kinder. Denn das Hauptstück enthielt, wie mir gleich mitgetheilt worden, — einen fünffachen Mord sowie den Selbstmord des Mörders unter erschwerendsten Umständen, Alles auf offener Bühne.

„Nehmen Sie lieber Ihre Pantoffeln mit!,“ sagte mein Freund; und rasch bestieg Jeder von uns seine zweirädrige Droschke, die, von zwei hintereinander eingespannten Männern gezogen, schneller und sanfter dahineilte, als so manches Fuhrwerk, das bei früherer Gelegenheit mich zu den Brettern, die die Welt bedeuten, hinbeförderte.

Wir sind angelangt. Höfliche Männer ziehen mir die Stiefel aus, meine gelbledernen, zum Glück ganz neuen Pantoffeln an. Auf weichen Matten, mehr gleitend als schreitend, gelange ich vorwärts in ein kleines Zimmerchen, wo freundlich lächelnde Mädchen in tadelloser Schmetterlingsfrisur, in buntseidenen Gewändern mit breitem rothen oder violetten Gürtel, auf den Knien und das Haupt zur Erde neigend, uns winzig kleine Schälchen voll klarer, heisser, hellgrüner, bitterer Flüssigkeit überreichen, die Thee sein soll. Wir sind in dem Theehause des Theaters, welches in ortsüblicher Weise den Verkauf der Einlasskarten verwaltet.[156] Aber wir verweilen hier nicht lange. Rasch weiter gleitend, auf Matten, lackirtem Fussboden und kleinen Treppchen, befinde ich mich bald in einer der vornehmsten Logen des grossen, aus Holz erbauten und durch die breit durchbrochenen Wände hindurch vom Tageslicht hell genug erleuchteten Theaters. Ich selber (und ich allein im ganzen Theater) sitze auf einem Stuhl, umgeben oder besser umlagert von all’ meinen jungen Freunden, die, um mich zu erfreuen, ihre kleidsame Volkstracht angelegt, einen dünnen, seidenen, hellfarbigen, kurzen Schlafrock, geziert mit dem Wappen der Familie, das aber nach dem liebenswürdigen Geschmack des Landes, nicht wie bei uns aus grimmen Leuen und solchem Gethier, sondern aus freundlichen Blumen zusammengesetzt ist. Sofort wird mir die Cigarette gereicht und das Kästchen mit glimmender Kohle, dazu sprudelndes Getränk und vielerlei Süssigkeiten.

Wir befinden uns in dem Haupttheater zu Tokyo, der Residenz des Mikado.

[S. 109]

Das Gebäude stellt eine riesige, mit Holz überdachte Halle dar. Drei Seitenränge sind vorhanden, aber die Wände zeigen die japanische — Offenheit. Unsere Wagenmänner können von draussen bequem über die Köpfe der Sperrsitz-Gäste hinweg umsonst zusehen; und ausser ihnen Jeder, der Lust hat. Der Sperrsitz zu ebener Erde ist schachbrettartig in kleine Verschläge eingetheilt. In jedem kauern ihrer vier Personen auf den Matten. Man sieht hie und da eine ganze Familie, die mit Reisnapf, Theetopf, Zuckerwerk, Tabaksgeräth sich häuslich niedergelassen hat. Zwischenwege giebt es nicht. Um zu ihren Plätzen zu gelangen, müssen sie auf den Zwischenbalustraden, die man — Blumenpfade nennt, entlang turnen. Das thun auch die Damen und zwar ganz geschickt. Alle Welt ist in Strümpfen; und in sehr weissen. Alle Welt, einschliesslich der Damen, raucht Tabak aus der winzig kleinen japanischen Pfeife und ist kreuzfidel. Die Damen sind prachtvoll geputzt in den buntesten Gewändern; das schwarze glänzende Haar, das wie lackirt aussieht, ist in der phantastischen Schmetterlings-Frisur geordnet. Die heitere Abwechslung, welche durch die Anwesenheit der Damen auf allen Plätzen hervorgerufen wird, die ungezwungene Unterhaltung während der Zwischenakte (und zum Theil auch während des Spiels) unterscheidet ganz wesentlich das japanische Theater von dem verwandten chinesischen.[157]

Das Stück beginnt. Den Namen[158] zu erfahren war schon recht schwierig, obgleich meine jungen Freunde und ehemaligen Schüler, des Deutschen mächtig, grosse Mühe mit der Erklärung sich gaben. Die wörtliche Uebersetzung des Titels lautet: „Der frischgeschnittene Satsuma“. Das letztere Wort bedeutet einen südlichen Clan von der Insel Kiuschiu, der eine grosse Rolle in der Geschichte Japans gespielt hat und noch heute in der constitutionellen Entwicklung zu spielen scheint. Das Wort bedeutet auch ein Kleidungsstück, das diesem Clan eigen ist. In unserem Stück, welches vor etwa 130 Jahren geschrieben, aber für die Zwecke des heutigen Theaters neu hergerichtet ist, bezeichnet es den Helden, den der berühmte Schauspieler Danyūro[159][S. 110] spielt, einen Samurai oder Krieger mit zwei Schwertern im Gürtel, der in einem Lokal mit Damenbedienung aus einem nüchternen Weiberfeind in einen Trunkenbold, Verschwender und Mädchenjäger umgewandelt wird. Für unsere Begriffe ist die Entwicklung unklar, der Gang schleppend, die Fabel des Stückes arabeskenartig verflochten. Aber wir sind hier nicht massgebend. Der Japaner hat unendlich viel mehr Geduld, als der Europäer.

Zuerst kommt eine vergnügte Kneiperei in dem Wirthshaus. Der Samurai, von seinem Vorgesetzten mit Geld ausgestattet, um eine kostbare Uhr in der Stadt ausbessern zu lassen, geräth in das liederliche Wirthshaus und wird von dem Wirth, dessen Weib und drei Mädchen[160] bearbeitet. Plötzlich tritt ein junger Liebhaber auf und schleudert ein viertes Mädchen zu Boden. Er scheint Grund zur Eifersucht zu haben. Dann wird er von seinem Vater verstossen, weil er von dem Mädchen doch nicht lassen will. Diese beiden Motive verschwinden im Fortgang des Stückes.

Der Samurai tritt in den Vordergrund. Er liebt das Mädchen Nummer Vier. Gegen ihn ist sie spröde. Er schickt ihr von dem anvertrauten Gelde fünfzig Thaler durch den Wirth. Dieser unterschlägt das Geld und leugnet seine Unterschrift. Denn die Japaner sind so schreibwüthig, wie einst die alten Aegypter; sie schreiben Alles auf, auch Hamlet’sche Monologe: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“

Der Held betrinkt sich. Sein treuer Diener schleppt ihn fort, und zwar „auf dem Wege in die Ferne;“ das ist ein von der nur mässig erhöhten Bühne aus mitten zwischen Sperrsitz und den entsprechenden Logen hindurch geleiteter Holzsteg.

Als am andern Morgen der Krieger zum Selbstbewusstsein seiner ehrlosen That kommt, ergreift er — nicht das Schwert, sondern zunächst den Schreibpinsel, um seine Abschiedsworte in zierlicher Sprache der Nachwelt zu überliefern.

[S. 111]

Jetzt muss ich noch erwähnen, dass das ganze Spiel von einem zwar nicht überlauten, aber durchaus eintönigen Guitarrengeklimper aus einem Verschlag rechts von der Bühne, begleitet wird. Aber bei bedeutenden Scenen setzen kräftigere Akkorde ein; jede hervorragende Person des Stückes hat sozusagen ihr Leitmotiv. Selbstgespräche aber werden nicht gesprochen, sondern durch Geberden dargestellt, während gleichzeitig aus einem Verschlag links von der Bühne ein Sänger der gewissermassen den Chor des griechischen Theaters vertritt, in etwas meckernder Fistelstimme, dem geehrten Publico die Gedanken, Befürchtungen, Vorsätze des Helden auseinandersetzt und ferner seine eignen Rathschläge hinzufügt.

Dazu kommt noch bei besonders packenden Scenen ein lautes Geräusch von Holz-Klappern, ähnlich wie in buddhistischen Tempeln, und ein kurzes einsilbiges Beifallsgeheul des Publicums!

Nachdem also der Samurai unter Gesangbegleitung seine „Lebensabiturientenrede“ niedergeschrieben, ergreift er das Schwert, das scharfe, und setzt es — nicht gegen die Brust, das ist nicht fein in Japan, sondern etwas tiefer; aber in demselben Augenblick stürzt der getreue Ekkehard herein, entreisst ihm das Schwert und holt einen Freund und Biedermann, der nach längerer Vermahnung aus eigenen Mitteln den Kassen-Fehlbetrag ausgleicht.

Soweit wäre nun Alles gut, und das Lustspiel zu Ende. Aber dann wäre Danyūro um seine Kraftleistung gekommen. Das Theater würde nicht ausverkauft sein. Also, der Samurai geht noch einmal in das Wirthshaus und fordert sein Geld zurück. Wirth, Frau und Mädchen behandeln ihn ausnehmend schlecht; sie leugnen Alles, sogar die Anwesenheit von Nummer vier, die er doch mit eignen Augen eintreten sah. Man behandelt ihn, wie einen unzurechnungsfähigen Trunkenbold, ja wie einen Betrüger. Wüthend geht er ab. Sein Fächer, den er vergessen, wird ihm auf die Strasse nachgeworfen! Diese Verletzung der japanischen Höflichkeit ist schlimmer, als ein Faustschlag ins Gesicht. Wüthendes Geschrei der Zuschauer, höchste Töne des Vorsängers, stummes Geberdenspiel des Helden auf dem Holzbrett, zwischen Sperrsitz und Logen. Schon will er zurückstürzen und blutige Rache nehmen. Aber er stösst das Schwert in den Gürtel und enteilt mit beflügelten Schritten.

Der Vorhang — er fällt nicht, er steigt nicht; oben in Oesen befestigt, wird er von discret durchschimmernden Männern rasch von der Seite her vorgeschoben.[161] Er zeigte Riesenblumen im Wasser,[S. 112] nach altägyptischer wie neujapanischer Perspective, das Nebeneinander übereinander gestellt. Ein gutes Theater braucht den Vorhang nicht zu kaufen, er wird von Verehrern gestiftet.

Die Zwischenmusik ist jetzt zu Ende. Auch unser Abendessen, das uns in einem Nebenzimmer, allerdings unter harmlosem Zuschauen des ganzen ersten Ranges, aufgetischt worden, sogar mit Bier, welches die Japaner ganz gut zu brauen von Deutschen gelernt haben.

Es ist Nacht auf der Bühne. Der Samurai erscheint vor dem Wirthshaus. Unklar scheint, warum er nicht eindringt. Denn ein gewöhnliches Haus in Japan kann man fast mit einem Federmesser öffnen.

Aber nun kommt ein realistischer Kniff. Woher kann er wissen, dass die ganze Gesellschaft, die er so ingrimmig hasst, zu Hause ist? Er verbirgt sich hinter einem Brunnen; eine Magd kommt heraus und erzählt einem Nachbar, dass sie alle fröhlich beisammen seien. Nun hat der Samurai es gehört. Auf den Zehen schleicht er näher und zieht sein Schwert.

Jetzt werden wir vertraut mit einer neuen Eigenheit der japanischen Bühne. Der grösste Theil derselben ist eine Kreisfläche, die auf einem Zapfen sich dreht.[162] Bei der nunmehr folgenden Haupthandlung, wo der Samurai seine fünf Opfer (Wirth, Wirthin und Mädchen Eins, Zwei, Drei) erschlägt, und die Erregung des Publicums auf das höchste gesteigert ist, dreht sich die Bühne langsam um die Achse, so dass man jetzt den Krieger draussen sieht, dann drinnen und in den verschiedenen Gemächern. Der Würgeengel ist unerbittlich. Der Dichter auch. Nicht bloss wird Jeder der Fünf vor unsern Augen abgeschlachtet; sondern nach dem ersten Stoss oder Schlag, wobei das Blut vor unsern Augen fliesst, da die Schauspieler Gummiblasen mit rother Flüssigkeit in den Händen halten,[163] folgt noch das Bauchaufschlitzen und Halsabschneiden in der natürlichsten oder, wenn man diesen Ausdruck vorzieht, in der allerkünstlichsten Weise! Der Realismus feiert seinen höchsten Triumph. Das Knacken der Knochen bei Vertretern unsrer jüngsten Schule ist Kinderspiel gegen die anämischen Krämpfe des blutüberströmten, sterbenden Kneipwirths, dessen Darsteller offenbar im Schlachthaus erfolgreiche Studien angestellt hat.

[S. 113]

Wir kommen zu der letzten Scene. Japan’s stärkste Seite ist die Polizei. Es ist vielleicht die gründlichste der Welt. Ein Mörder darf nicht unentdeckt, nicht unbestraft bleiben. Da kommt die ganze Schaar, mit kurzen Schwertern bewaffnet. Es ist am steilen Flussufer in der Nacht. Aber der kühne Krieger ist ihnen entkommen. Er rudert kräftig sein Schifflein zum andern Ufer. Hier vollendet er sein Geschick.

Die ganze Scene ist sprachlos.

Harakiri nennen es die Europäer. Er stösst sich das Schwert in den Leib, ein Blutstrahl spritzt heraus und färbt das Hemd tief dunkelroth, sein Gesicht verzerrt sich; er zieht das Schwert, wie man glauben möchte, aus dem Leib und zerschneidet kunstvoll seine linke Halsschlagader. Dann sinkt er ins Boot und stirbt den stolzen Kriegertod, unerreichbar der Wuth seiner Verfolger.

Jetzt schien mir das Stück wirklich zu Ende zu sein, nachdem ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, schon zweimal vorher das Ende zu sehen geglaubt hatte. Der Sicherheit halber gehe ich hinter die Bühne und höre, dass es wirklich vorbei ist.

Das zweite, weniger erschütternde und mehr zeitgenössische Stück, worin eine Frau mit zwei Männern vorkam, habe ich nicht bis zu Ende gesehen; es war inzwischen 9 Uhr Abends geworden.

Ist nun das japanische Theater aus dem griechischen hervorgegangen, wie das unsrige? Wer weiss das zu beantworten? Meine japanischen Freunde sicher nicht. Und die Werke europäischer Gelehrten schweigen über diese Frage.[164]

Ein gewisser Einfluss des griechischen Drama’s auf das indische ist nicht von der Hand zu weisen, darf aber [nach Klein,[165] gegen Weber] nicht überschätzt werden. Sendlinge der Buddha-Lehre sind dann als Culturträger von Indien nach China, von China nach Japan vorgedrungen. Kalidâsa, der Verfasser des auch uns bekannten indischen Drama’s Sakuntula, lebte im 3. Jahrhundert n. Chr.; über 400 Jahre später der Kaiser Hiuentsong, der Urheber des chinesischen Drama’s. Andrerseits fanden die spanischen Eroberer in Peru ein ein[S. 114]heimisches geschichtliches Schauspiel vor, das offenbar an Ort und Stelle entstanden war.

Jedenfalls hat das japanische Drama[166] einen nationalen Ursprung in uralten religiösen Tänzen, die von Chorgesängen begleitet wurden. Im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. wurde durch den kunstliebenden Shogun Yoshimasa ein Fortschritt begründet: neben dem Chor traten zwei Schauspieler auf, die mehr in dramatischer Weise Theile der Dichtung vorführten und vortrugen. Diese Aufführung heisst No. Sie ist geschichtlich oder halbreligiös und in gewisser Beziehung dem ältesten Drama der Griechen nicht unähnlich. Scenerie ist nicht vorhanden, aber die Anzüge sind prachtvoll und von geschichtlicher Treue. Darum ist es ein kostspieliges Vergnügen der Grossen. Der letzte Mikado, der vor der Revolution in Kyoto Hof hielt und mit der Regierung des Landes nichts zu thun hatte, soll einen grossen Theil seiner Zeit auf das No-Spiel verwendet haben.

In Osaka bei Kyoto haben auch meine Freunde mir eine solche Aufführung veranstaltet, die der gewöhnliche Reisende nicht leicht zu sehen bekommt.

Drei Personen traten auf, der Held, die Prinzessin, ihre Dienerin, — alle in der echten Pracht der alten Zeit, der Held mit einem Riesenschurz, die Prinzessin mit Riesen-Aermeln und Puscheln. Der kleinste Fehler in der Tracht würde den japanischen Kenner um jeden Kunstgenuss bringen. Unter der langsam feierlichen Musik kehrt der Held heim von seinem Siegeszuge. Er kam, er sah, er siegte über die Prinzessin, die vergeblich von der treuen Dienerin zurückgehalten wird. Erst bleibt der Held stolz, dann wird er weich und ergriffen, die Liebe triumphirt, und das glückliche Pärchen schreitet würdevoll nach dem Hintergrund. Hier wurden die weiblichen Rollen von Mädchen (Tänzerinnen) gegeben; wenn ich nicht irre, auch die eine männliche.

Es wird gewiss auch inhaltreichere Stücke der Art geben; aber ich habe andere nicht gesehen.

Das Volkstheater (Shibai oder Kabuki) nahm im 17. Jahrhundert n. Chr. seinen Ursprung aus jenen kleinen Lustspielen, welche die Reihe von 6–7 No-Aufführungen zu unterbrechen pflegten, — gerade wie die alten Griechen auf die tragische Trilogie ein Satyrspiel folgen liessen.

Die Stücke sind entweder Geschichts- oder Sittenbilder.

Die beiden grössten Schauspieldichter[167] der Japaner lebten im 18. Jahrhundert und versuchten sich in beiden Arten; beide brachten[S. 115] die „Rache der 47 Knappen“[168] auf die Bühne. Im Volkstheater liebt man Scenerie und benutzt die Drehbühne, um zwei verschiedene Scenen unmittelbar auf einander folgen zu lassen. Das Volkstheater ist der einzige Platz, wo das alte Schopf-Japan noch naturgetreu vorgeführt wird, und gleichzeitig das heutige Leben des Völkchens, an den Zuschauern, studirt werden kann. Dass das japanische Theater sittenloser wäre als das unsrige, ist die vorschnelle Behauptung einer Unmöglichkeit.

Vor der neuen Verfassung waren die Schauspieler des No geehrt, die des Kabuki verachtet. Das hat sich jetzt auch geändert.


Ein Gastmahl und ein Fest im Clubhaus.

Auf eine wissenschaftliche Sitzung, die im Hause eines meiner Fachgenossen abgehalten wurde, folgte ein Festmahl. Die Speisekarte, welche jeder Gast erhielt, befand sich auf einem schön bemalten Fächer, der sinnbildlich den Namen des Gastes und des Wirthes (Sikayama = Hirschberg, Inouye = Ueber dem Brunnen), vereinigte. Wir sassen auf europäische Art an einer langen Tafel; auch die Frau des Wirthes, die zwar keine europäische Sprache verstand, aber, wiewohl schüchtern, so doch zierlich, ihr Glas gegen das unsrige erklingen liess. Es gab Fischsuppe, gefüllten Fisch, Lotos- und Lilienwurzel, Süssigkeiten, gebackene Vögel, Krabben, Polypen, Reis und noch vieles Andere.

Die Gerichte sind klein und zahlreich und werden jedem Gast besonders aufgetragen, immer mehrere zusammen auf einem lackirten Brettchen oder vielmehr ganz niedrigen Tischchen (Zen) angeordnet. Ein volles Mahl besteht aus zwei bis drei Gängen (Tischen), und jeder Gang aus sechs bis acht Gerichten. Alles sieht sehr appetitlich aus, schmeckt uns aber weniger gut, als den Japanern. Auch können wir mit den zwei Ess-Stäbchen, die wie ein Storchschnabel oder eine Zange zusammenwirken, nicht geschickt genug umgehen, was bei unsern Wirthen harmloses Lächeln hervorruft. Gabeln, Messer, Löffel giebt es nicht. Suppe wird aus dem Tässchen getrunken, alles Uebrige ist so zerkleinert, dass die mit den zwei Ess-Stäbchen bewehrte Rechte es zum Munde führen kann. Unangenehm ist kein Gericht. Der rohe Fisch, ganz fein geschnitten und mit den Stäbchen in eine würzige Tunke getaucht, schmeckte mir besser, als — eine lebendige[S. 116] Auster. Natürlich, in einem gewöhnlichen japanischen Gasthaus wird gerade dieses Fisch-Gericht nicht so vortrefflich sein und alle die Verwünschungen verdienen, mit welchen es von europäischen und amerikanischen Reisenden überhäuft worden ist.

Getrunken wurde dazu Saki, der dünne japanische Reisschnaps, von dem es zahlreiche Arten giebt.

Doch will ich, zur Beruhigung wissenschaftlicher Seelen, die Uebersetzung der Speisekarte beifügen, die Herr Tsurutaro Sengo, Lector des Japanischen an unserm Seminare für orientalische Sprachen, für mich anzufertigen die Güte hatte.

  1. Der erste Tisch.
    1. Suimono: (Suppe mit Tai-Fisch und Iwatake-Pilz).
    2. Kuchitori, dessen Materialien:
      1. Wildes Geflügel,
      2. Krebse,
      3. Eier,
      4. Essbare Kastanien,
      5. Süsse Citrone.
    3. Sashimi, dessen Materialien:
      1. Suzuki-Fisch,
      2. Aralia edulis,
      3. Junge Gurken.
        Gewürz: Meerrettig.
    4. Hachizakana, dessen Material: Karei-Fisch, mit Gewürz, frischem Ingwer.
    5. Donburi, dessen Material: Anago-Fisch.
    6. Mizubachi, dessen Materialien:
      1. Namami-Fisch,
      2. Nori (Meerpflanze).
        Gewürz: Frischer Ingwer.
    7. Chawanmushi, dessen Materialien:
      1. Geflügel,
      2. Krebse,
      3. Essbare Kastanien.
        Das Verbindungsmittel bilden Eier.
  2. Der zweite Tisch.
    1. Namasu, dessen Materialien:
      1. Akagai-Muscheln,
      2. Melonen,
      3. Iwatake-Pilz.
      [S. 117]
    2. Shiru (Suppe).
    3. Komono, dessen Bestandtheile:
      1. Narazuke, Wurzel und Früchte,
      2. Misozuke, Wurzel und Früchte,
      3. Der grüne Salat (natürlich in japanischer Weise).
    4. Hira, dessen Bestandtheile:
      1. Grosse Krebse (eine Art von Hummern),
      2. Shiitake-Pilz,
      3. Gemüse.
        Gewürz: Süsse Citronen.
    5. Choko, dessen Material: Awabi-Muscheln.
    6. Tsubo, dessen Materialien:
      1. Tai-Fisch,
      2. Essbare Kastanien,
      3. Eier.
    7. Hikimono, dessen Bestandtheile:
      1. Tai-Fisch,
      2. Hummer,
      3. Hamaguri-Muscheln.
  1. Getränke:
    1) Kamenotoshi, japanisch.
    2) Shisoshu,
    3) Umeshu,
    4) Awamori,
    5) Mirin,
    6) Jōrōshu,
    7) Irozakari,
    8) Hōmeishu,
    9) Champagner, europäisch.

Der Uebersetzer bemerkt: Alle vierzehn Teller stellen verschiedene Kocharten dar. Aber es ist unmöglich, dieselben zu erklären oder zu übersetzen. Es ist auch unmöglich, die Namen verschiedener Fische zu übersetzen. Es sind im Ganzen: a) Fünf Arten feinster Fische, b) zwei Arten Hummern und eine Art Krebs, c) drei Arten feinster Muscheln, d) zwei Arten Geflügel, e) Eier, f) zwei Arten feinster Pilze, g) essbare Kastanien, h) Melonen, i) junge Gurken, k) Aralia edulis, l) Nori (Meerpflanze), m) verschiedene Gemüse und Früchte, n) Gewürze, süsse Citronen, frischer Ingwer, Meerrettig etc. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass das Fleisch irgend eines vierfüssigen[S. 118] Thieres (sei es Kalb, sei es Rind, sei es Hammel, sei es Reh,) vollständig fehlt. Der Grund ist der, dass es bei uns nicht als feines Fleisch gilt. Es darf auf einem feinen Diner nicht vorgesetzt werden, es sei denn ein europäisches. Auch die in Europa ausserordentlich hoch geschätzten Austern und Lachse gelten bei uns nicht als sehr fein, obgleich sie manchmal auf den Tisch der vornehmen Leute gebracht werden. Uebrigens sind die Austern bei uns (insbesondere in den südlichen Provinzen) sehr billig und werden auch von den armen Leuten gegessen. —

Ergötzt wurden beim Gastmahl Aug’ und Ohr durch Musik und Tanz. Musik ist nach Montesquieu ein angenehmes Geräusch; ein unangenehmes aber wird es für den Europäer, wenn es von Einwohnern der andern Erdtheile verübt wird, seien es „Araber“ in Tunis oder Aegypten, oder Türken in Constantinopel oder Smyrna, oder Hindu, Singalesen, Chinesen, Japaner; seien es zum Tanz singende Rothhäute in den Vereinigten Staaten oder in Canada.

Die Japaner haben Musik seit uralter Zeit besessen, aber ihre jetzige mit Harfen, Lauten, Leiern (Koto), die mittels eines dreieckigen Elfenbeinstabes gespielt werden, Fiedeln, Flöten, Trommeln haben sie von den buddhistischen Priestern aus China erhalten; höchstens die Guitarre (Samisen), das Lieblingsinstrument der Sängerinnen, von dem spanischen Manila.

Für die Guitarre giebt es auch keine Noten, wie für die heilige Musik. Es besteht noch grosser Streit unter den Gelehrten, ob die Japaner fünf Töne haben (ohne Quart und Septime des Grundtones) — wie „fünf Elemente“, oder unsre kleinere Tonleiter.

Einer meiner jüngeren Freunde, der mehrere Jahre in Europa gelebt, erklärte mir, dass er die Musik von Richard Wagner für sehr schön halte, aber gleichzeitig für sehr schwer; und dass die japanische Musik seinem Ohr angenehmer klinge, wegen der langen Gewöhnung, gerade so wie ihm die japanischen Speisen besser schmeckten, als die europäischen.

Auf unserm Gastmahl wurde unter Harfenbegleitung von den Töchtern des Hauses und deren Verwandten und Freundinnen, kleinen Mädchen von 5–10 Jahren, die auf das prachtvollste mit geblümten Seidengewändern bekleidet und geschmückt waren, ein eigens für diesen Zweck erfundener und sorgsam eingeübter Geberdentanz aufgeführt. Soweit ich es verstehen konnte, war es ein Tanz von Fischerinnen, die am Gestade des Meeres den aus der Ferne gekommenen Gast begrüssten und unter Schwenken von Segeln und Netzen auf das freundlichste willkommen hiessen.

[S. 119]

Von oberflächlichen Globetrottern ist die Meinung verbreitet worden, dass in Japan der Tanz nur von niedrig stehenden Mädchen geübt werde. Das ist ganz falsch. Erstlich giebt es auch wirkliche Künstlerinnen, die der gewöhnliche Reisende allerdings nicht so leicht zu sehen bekommt, da diese Veranstaltungen sehr kostspielig sind. Zweitens wird im Bannkreise des eignen Hauses, allerdings nur für die Angehörigen und Freunde, der kunstgemässe Tanz von den Töchtern vorgeführt.

Nach dem japanischen Mittagsessen wurde mir noch ein europäisches vorgesetzt, mit Messer und Gabel und mit europäischen Weinen.

Wenn der Gast schliesslich seinen Wagen besteigt, so findet er als Gastgeschenk einen zierlichen Korb vor, worin, gut zubereitet und höchst geschmackvoll ausgelegt, ein grosser Fisch und eine Languste, die Sinnbilder für Glück und langes Leben, sich befinden.

Natürlich bekommt der gewöhnliche Japaner nicht ein solches Mittagsmahl, wie ich es soeben beschrieben. Er isst drei Mal am Tage, Morgens, Mittags, Abends. Reis ist die Hauptsache. Deshalb heissen die drei Mahlzeiten Morgen-, Mittag- Abend-Reis, wie bei uns Morgen-, Mittag-, Abend-Brod.

Dazu kommen Bohnen und andere Hülsenfrüchte[169], Hirse, Fisch[170], und Früchte. Unter letzteren sind besonders beliebt Rettig und Eierpflanzen (Solanum melongena), Dattelfeigen sowie Birnen, die sehr gut aussehen, von jedem Japaner höchst geschickt geschält werden, aber schlecht schmecken. Brod, Butter, Käse, Milch fehlen; Eier werden genossen.

Jedem Japaner wird ein eignes, ganz niedriges Tischchen mit den Speisen vorgesetzt. Er kniet auf den Matten, trinkt die Suppe und isst die festen Speisen, die alle zerkleinert und sehr sauber hergerichtet sind, mit zwei Holzstäbchen, die er zwischen den Fingern der rechten Hand hält und geschickt wie eine Zange anwendet.

Die drei Genussmittel der Japaner sind 1. cha (Thee), ein leichter Aufguss, grün, lau, bitter; 2. sake (Reisschnaps), dünn, nicht sehr berauschend, aber für uns nicht wohlschmeckend. Der Japaner ist im Räuschchen nicht unliebenswürdig. Die Sake-Steuer brachte 1889/90 an 14 Millionen Yen. Die Einführung unseres Bieres bewirkte[S. 120] einen Rückgang in der Sake-Erzeugung. (1885: 244 Millionen Gallonen, 1887: 128 Millionen.) 3. tabako, der im Anfang des 17. Jahrhunderts von den Portugiesen aus Manila eingeführt wurde, und aus Pfeifchen mit einem fingerhutgrossen Kopf geraucht wird, von Jung und Alt, Mann und — Weib.

Der Europäer, namentlich der englische Rindfleischvertilger, verlässt das japanische Mahl zwar gefüllt, aber nicht befriedigt.

Die japanische Nahrung ist ärmer an Stickstoff (und besonders an Fett), aber doch reich an Kohlenstoff und ganz genügend, um davon gut zu leben, namentlich bei genügender Muskelthätigkeit. Die Kulis sind kräftig, die Mitglieder der höheren Classen aber schwach, da sie nicht hinreichend Bewegung haben.

In der Ernährung der japanischen (und chinesischen) Arbeiter spielt der Reis die hervorragendste Rolle; er macht nach Scheube etwa 72 Procent der Gesammtnahrung aus und wird von der arbeitenden Classe zu 750–1050 g, nach Wernich zuweilen sogar bis zu 1400 g täglich aufgenommen. Daneben werden Gerste, Sojabohnen, Rüben, Rettig, Kartoffeln, aber auch Fische (zuweilen etwas Rindfleisch) genossen. Diese Kost bietet nach Scheube, Kellner und Y. Mori und, nach den neuesten Bestimmungen von R. Mori, Oi und Jhisima[171] an der Truppenreiskost, 78–100 g Eiweiss, 10–17 g Fett und 335–620 g Kohlehydrat[172]. Dabei ist zu beachten, dass die Japaner kleine, meistens nur 42–58 kg schwere Leute sind!

Bei dieser vorwiegenden Reiskost ist die Leistungsfähigkeit der japanischen, wagenziehenden Kulis, wie bekannt, geradezu erstaunlich. Scheube will an sich selbst die Erfahrung gemacht haben, dass er unmittelbar nach einer, vorwiegend aus Reis bestehenden Mahlzeit einen grösseren Marsch ohne Beschwerden ausführen kann, während es nach einer reichlich Fleisch und Fett enthaltenden Mahlzeit ihm nur viel schwerer und mit Unbehagen möglich sei. Er spendet daher dem leicht verdaulichen, den Darm wenig belastenden, ziemlich eiweissreichen Reis (7–8 Procent Eiweiss) ein hohes Lob und betont, dass im wesentlichen das Ueberwiegen dieses Nahrungsmittels in der Kost der japanischen Kulis die grosse Ausdauer derselben bei schwerer Arbeit bedinge. Allen Erfahrungen zufolge ist gut gekochter Reis leicht bekömmlich, belästigt nicht die Verdauungsorgane und wird sehr gut verwerthet.[173]

[S. 121]

Dies Hauptnahrungsmittel, der Reis, wird in China seit 5000 Jahren angebaut und in Indien seit den ältesten Zeiten. Von China kam er nach Japan. Von Indien seit Alexander dem Grossen zu den Griechen.[174] (Der Sanscrit-Name vrihi ward iranisch zu brizi, daraus machten die Griechen oryza; dieses Wort liegt allen neueuropäischen Benennungen zu Grunde.) Aber erst die Araber brachten den Reisbau nach dem Nildelta und nach Spanien; seit 1530 wurde er durch die Spanier auch in Italien eingeführt, und 1701 auch nach Amerika (Carolina, Florida). Das Reisgericht herrscht von Florenz bis Pecking. 750 Millionen Menschen leben hauptsächlich von Reis, darunter unsere 40 Millionen Japaner: bis 70 Millionen hl. werden jährlich in Japan geerntet, 2 Millionen (in guten Erntejahren) ausgeführt. —

Am 24. September 1892 war das Festessen, welches die Aerzte von Tokyo mir gaben. Von den Mitgliedern des Ausschusses werde ich Mittags abgeholt, alle sind auf das festlichste gekleidet, in ihrer volksthümlichen Tracht, ich selber natürlich in Frack und weisser Binde, mit Klapphut. Zuerst werde ich mit ihnen zusammen photographirt, einmal mit dem Ausschuss der Augenärzte; dann mit dem der praktischen Aerzte, doch finden die ersteren soviel Vergnügen an der Sache, dass sie ihren Platz nicht räumen und auch auf dem zweiten Bilde mit den andern zusammen erscheinen. Der japanische Künstler[175] macht seine Sache ausgezeichnet.

Danach besuchen wir den Shinto-Tempel Shokonsha,[176] der zum Andenken an die für die Sache des Mikado im Bürgerkriege gefallenen Soldaten 1868 errichtet ist.

Auf ein einfaches, aber gewaltiges Bronze-Thor (Torij) folgt ein gepflasterter Weg, zu beiden Seiten mit Laternen besetzt. Vor dem Eingang steht ein mächtiger Steintrog mit geweihtem Wasser, ein Opferstock zur Aufnahme der von den Frommen gespendeten Münzen, eine Glocke. Das Innere des Tempelhauses ist, nach strengstem Shinto-Brauch, ganz einfach und leer. Nur einige Schwerter und Schlachtenbilder sollen den Besucher in die weihevolle Stimmung vaterlandsliebender Erinnerung versetzen.

Daneben ist ein Garten, den die Japaner besonders schön finden. Ganz entzückt sind sie von einem Baum, dessen Laub gruppenweis zu erhabenen Schilden zusammengedrängt ist.

[S. 122]

Der kleine japanische Ziergarten zeigt gewöhnlich einen ganz kleinen Teich, worin Goldfische und Schildkröten sich tummeln, einen brückenartigen Steg zu einem Inselchen, einen künstlichen Fels, eine Steinlaterne und wunderliche Künstelei in der Behandlung der Bäume und Sträucher, die theils zwerghaft gehalten, theils zu sonderbaren Gestalten gezwungen werden.

Unter den Blumen und Blüthengewächsen sind am beliebtesten die Pflaume, wilder Kirschbaum, Päonien, Fuji (Wistaria chinensis), Pawlonien, Azaleen, Lotos, Chrysanthemum. (Kiku, von dieser Blume stammt das Regierungswappen des Mikado, Kiku-no-hana-mon.)

Der Versammlungsort ist Kojo-kan, das Haus des rothen Ahornblattes. Das letztere erscheint, gewissermassen als Wappen, allenthalben, sowohl an den Wänden, wie auf den Tellern, wie auch auf der zierlichen Tracht der aufwartenden Mädchen. Das ganze erste Stockwerk des Hauses, von dem aus man eine schöne Aussicht hat (auf den Hafen und die umgebenden Gärten, aber nicht auf den Berg Fuji) ist durch Fortnahme der hölzernen Zwischenwände in einen ungeheuren Saal mit rings herumlaufender, offener Halle umgewandelt und mit deutschen und japanischen Fahnen (der rothen Sonne in weissem Felde) reich geschmückt. Es herrscht ein ungeheures Gewühl. Ueber 100 Aerzte sind zugegen, darunter die ersten des Landes. Zuerst kommt ein Begrüssungs-Saki und die Vorstellungen. Der Japaner liebt es hierbei, seine Besuchskarte zu überreichen und die des Gastes entgegenzunehmen. Mein eigner Vorrath war bald erschöpft. Um nicht unhöflich zu erscheinen, liess ich durch einen meiner Zuhörer neue anfertigen, mit einer kurzen Unterschrift in japanischer Sprache, und dieselbe später den Theilnehmern des Festes übersenden.

Die Festordnung war sehr reich und abwechselnd. Zunächst kommt ein Schnellmaler. Der Künstler breitet einen Bogen Seidenpapier von etwa 1 Meter Länge und ⅔ Meter Breite auf den Fussboden und malt mit wenigen Pinselstrichen und Farben zunächst einen Hirsch. Das ist ein Gruss für mich. Er beginnt mit einem Auge und dem Kopf, malt dann einen Fuss, den Stummelschwanz, zuletzt den Fussboden; er wird aber sehr gut fertig. Dann malt er einen Kranich, das ist der Glücksvogel. Hierauf einen Affen, einen Tiger; der letztere ist nicht ganz so naturgetreu, wie wir ihn heutzutage zu sehen gewohnt sind: offenbar fehlt dem Künstler die Anschauung des Thieres, das ja bekanntermassen in Japan’s Wäldern nicht vorkommt und auch nicht in Thier-Gärten gehalten wird. Dann folgt, was unerlässlich ist, eine Landschaft mit dem Berge Fuji. Endlich malt er mich selbst. Er hat wohl noch nie einen Europäer in Frack[S. 123] und weisser Binde, mit Klapphut in der Hand, gelben Lederpantofffeln an den Füssen, gemalt; trotzdem entledigt er sich seiner Aufgabe mit grossem Geschick, nur konnte ich das Gesicht nicht sehr ähnlich finden. Uebrigens stempelte er jedes Stück. Wie ich nachträglich erfuhr, ist er ein sehr berühmter Maler (Kuboto Beisen). Ich fand später zu Kyoto Kunstwerke von seiner Hand.

Die japanischen Maler kennen nicht die Perspective, sondern malen hockend Alles auf das liegende Papier aus einer Art von Vogelschau. Sie glauben, besser zu zeichnen, als die Europäer, und sind liebe- und geschmackvolle Naturbeobachter. Was sie leisten werden mit Perspective und Oelmalerei, entzieht sich heute noch unserer Beurtheilung.

Hierauf folgte das Festessen. Die Japaner nahmen in der landesüblichen kauernden Stellung ringsum an den Wänden Platz. Ich selber erhielt ein Kissen, um bequemer zu sitzen.

Die Speisekarte für Jeden war wieder ein bemalter Fächer, worauf, unter deutscher und japanischer Flagge, der Hirsch und der Berg Fuji erschien. Die Zahl der Gerichte war ungeheuer. Ich musste reichlich in Saki Bescheid trinken. Ein Herr kommt mit dem winzigen Schälchen voll Reisschnaps und leert es auf das Wohl des Gastes; letztrer nimmt dies Schälchen, taucht es in ein kleines Gefäss voll Wasser, das vor Jedem steht, und hält es leer der knieenden Hebe hin, die es aus einem kleinen Fläschchen von Neuem füllt. Meine Freunde waren zufrieden, wenn ich nur daran nippte; nicht aber, wie es eigentlich der Brauch heischt, austrank.

Uebrigens erhielt ich auch europäische Gerichte sowie Bier und Rothwein.

Die Festreden behandelten den Dank der japanischen Aerzte an die deutschen Lehrer der Heilkunde. Die Musik war die übliche. Die Tänzerinnen in prachtvoller Gewandung führten einen eigens für diesen Zweck erfundenen Flaggentanz aus, jede einzelne hatte eine deutsche und eine japanische Flagge an kurzem Stiel in den Händen; ferner einen echtjapanischen Fächertanz; endlich einen Tanz der Wäscherinnen, mit sehr kunstvoller Verschlingung von langen Leinwandtüchern.

Der Taschenspieler war höchst geschickt und unterhaltend. Sein Gehilfe legte mir und meinen Nachbarn einen geschlossenen Kasten vor, gefüllt mit zahlreichen Fächern, von denen jeder mit einer andern Blume geschmückt war. Drei Fächer wurden gezogen, er bildete jedesmal aus gefärbtem Reismehlteig die entsprechende Blume mit Blättern. Dass er die Blume richtig errieth, war ja ganz hübsch;[S. 124] aber wunderbar fand ich die Schnelligkeit, mit welcher er eine gefüllte Aster mit allen grünen, gerippten Blättern ohne Werkzeug, lediglich mit seinen Fingern, bildete und an dem in einem Blumentopf befindlichen Stengel befestigte. Aus einem abgerissenen Stück Papier entwickelt er viele Ellen Band, ein Feuerwerk und ein lebendes Huhn. Aus einem kleinen Stück Malzteig bläst er eine ungeheure Hohlkugel und holt aus dem Innern derselben zehn brennende Papierlaternen heraus, eine nach der andern, jede folgende grösser, als die vorhergehenden, die letzte von 1½ Fuss Höhe. Und das Alles macht er vor uns, in dem Clubsaal auf der Erde hockend, mit der freundlichsten Miene und dem heitersten Geplapper, ohne besondern Apparat. In allen diesen „brodlosen Künsten“ sind uns die Japaner weit überlegen.

Um 7 Uhr empfahl ich mich, nachdem ich zuvor noch die zahlreichsten Einladungen erhalten.


Deutschland in Japan.

Der deutsche Arzt, welcher nach der zweiwöchentlichen Seereise über den stillen Ocean, wo er keinem einzigen Schiffe begegnete, seinen Fuss auf den Boden des japanischen Reiches setzt, sieht vor sich ein liebliches Märchenland, wo Alles ungewöhnlich und seltsam, aber in seiner Eigenart doch höchst anmuthig und gefällig erscheint. Um so freudiger ist er überrascht, dass sogleich an sein Ohr der Laut der Heimathsprache klingt, die er auf der Fahrt über den nordamerikanischen Continent und über den stillen Ocean nur selten vernommen. Deutsch ist Lieblingssprache japanischer Aerzte.

Von Deutschen vernahmen sie zuerst die frohe Botschaft einer neuen Heilkunde, die sie aus den verknöcherten Formeln ostasiatischer Grübelei erlöste. Deutsche Professoren wirkten und wirken zum Theil noch heute an ihrer Universität zu Tokyo. Deutsch sprechen deren japanische Nachfolger und Collegen. Deutsch lernt schon auf dem Gymnasium der zukünftige Student der Heilkunde; und glücklich wird von seinen Freunden gepriesen, wem es vergönnt ward, in Deutschland seine Studien zu vollenden. Deutsch spricht so mancher Generalarzt der Armee, nur die der Flotte ziehen das Englische vor. Mit der deutschen Lesefibel werden sogar diejenigen Soldaten unterrichtet, welche im Lazaret des rothen Kreuzes zu Heilgehilfen herangebildet werden sollen.

[S. 125]

Ich werde meine Leser nicht ermüden mit einer Beschreibung der Festlichkeiten, welche auf Veranlassung meiner ehemaligen Zuhörer die japanischen Collegen mir gewidmet haben. Aber gegenüber der in Europa ziemlich verbreiteten Ansicht, dass der Japaner zu Hause rasch seine Gesinnung gegen die früheren europäischen Lehrer ändere, gebietet mir die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass, obwohl ich schon oft auf Reisen von ehemaligen Zuhörern und werthen Collegen Freundlichkeit erfahren, doch mein Empfang in Japan alles Frühere in Schatten gestellt hat. Allerdings hatte ich besonderes Glück. Zufällig war ich der erste Universitätslehrer aus Deutschland, welcher eine Vergnügungsreise nach dem fernen Reich der aufgehenden Sonne unternommen: so hatte ein Sonderausschuss sich gebildet, welcher in jeder japanischen Stadt mich empfing und geleitete. Auf diese Weise lernte ich Land und Leute, die heimische Kunst, sowie auch den Zustand der Heilkunde besser kennen, als es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist.

Auf dem ersten Festessen zu Tokyo, in Koyo-kan, dem Haus des rothen Ahorn, hielt mein ehemaliger Zuhörer, der Augenarzt Dr. Miyashita, eine Ansprache, deren ersten allgemeinen Theil ich hier, nach seiner eigenen Handschrift, mittheilen möchte.

„Hochverehrte Anwesende, liebe Freunde und Collegen!

Von Seiten des Comité’s der hiesigen Ophthalmologen ist mir ein ebenso ehrenvoller, wie angenehmer Auftrag zu Theil geworden. Ich soll im Namen des Comité’s unseren hochgeschätzten Collegen, Herrn Prof. Hirschberg, der uns heute durch seine Anwesenheit beehrt hat, begrüssen und willkommen heissen.

Gestatten Sie mir, wenn ich die geschichtliche Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan in kurzen Worten schildere.

Unser Vaterland Japan war lange Zeit verschlossen. Erst seit dem Jahre 1854, wo wir mit den europäischen und amerikanischen Staaten Verträge geschlossen, ist der Verkehr mit den Fremden allmählich rege geworden. Vor dieser Zeit hatten allein die Holländer das Vorrecht, in Nagasaki vor Anker gehen und Handel treiben zu dürfen. Ohne Zweifel gebührt den holländischen Aerzten das grosse Verdienst, die damaligen Aerzte von Japan, welche theils der chinesischen, theils der altjapanischen Schule angehörten, aus dem tiefsten Traum aufgeweckt und ihnen ein ganz neues Heilverfahren in die Hände gegeben zu haben. Aber erst mit der Eröffnung der drei Häfen siedelten verschiedene Aerzte aus Amerika und Europa in Japan sich[S. 126] an. Damals hörte man bei uns noch sehr wenig von Deutschland und man glaubte, England, Frankreich und Holland seien die einzigen Länder, wo die moderne Medicin in voller Blüthe steht.

Mit dem bekannten Kriege von 1870–1871, den Deutschland glorreich erfochten, ist dieses mächtige Kaiserreich weit und breit bekannt geworden. Kurz darauf kamen zwei Doctoren aus Deutschland hierher, es waren Müller und Hoffmann.[177] Nachdem diese Herren glänzende Erfolge gehabt, sah man ein, dass Deutschland in der Medicin mit an der Spitze steht. Darauf kamen verschiedene andere Aerzte aus Deutschland nach Japan, und die medicinische Facultät der Universität Tokyo wurde nach dem deutschen Muster reorganisirt. Wie viele jüngere Collegen fahren heutzutage Jahr aus Jahr ein nach Deutschland, die sich bald in diesem, bald in jenem Fache ausbilden wollen. Wohl giebt es jetzt keine einzige Universität in Deutschland, wo nicht ein Japaner gewesen war. Ueberall, wo wir nur hingehen, werden wir mit offenen Armen empfangen. Wie viele medicinische Werke sind aus dem Deutschen in das Japanische übersetzt, die so viel Nutzen gebracht haben! Genug, das Verhältniss zwischen Deutschland und Japan ist ein so inniges, wie es wohl sonst nirgends der Fall sein wird. Wir haben Deutschland sehr viel, unendlich viel zu verdanken.“ —

Am 23. September 1892 war eine Hauptversammlung der ophthalmologischen Gesellschaft anberaumt worden, im Hause ihres Gründers T. Inouye. Der letztere hat vor einigen Jahren eine Studienreise durch Europa gemacht und in Berlin einen längeren Aufenthalt genommen.

Die von ihm gegründete Gesellschaft zählt 200 Mitglieder, die ziemlich vollständig erschienen waren, und hat deutsche Vortragssprache, die allerdings im Munde einzelner Japaner rührend-kindlich sich ausnimmt, und natürlich auch deutsche Berichte, von denen bisher elf Hefte erschienen sind. Das letzte Heft enthält, ausser der Begrüssungsrede, verschiedene Vorträge, auch meinen eigenen über Wundbehandlung in der Augenheilkunde, den ich in dieser Sitzung auf Wunsch und nach Wahl der japanischen Collegen gehalten. Mein Vortrag ist so fehlerfrei zu Tokyo gedruckt, wie ich es vielleicht in London oder Paris nicht hätte erzielen können.

[S. 127]

Die Universitätskliniken besuchte ich unter freundlicher Führung des Herrn Collegen Scriba. Bei diesem Besuch der Krankenhäuser fiel mir gleich die hippokratische Vorschrift ein, dass der Arzt, der in eine fremde Stadt kommt, sowohl die Gegend als auch die Lebensweise des Volkes genau erforschen müsse, um die verbreiteten Krankheiten zu verstehen. Ich sah nämlich 1. solche Krankheiten, die bei uns gar nicht vorkommen; 2. solche, die bei uns ganz ausserordentlich viel seltener sind; 3. solche, die hier bei uns auch vorkommen, aber dort eine ganz eigenartige Gestalt annehmen.

Die chirurgische Klinik hat 100 Betten. Der Operationssaal harrt der Bewilligung für einen Neubau. Denn Japan ist neuerdings in die Reihe der Staaten eingetreten, die eine Verfassung und Volksvertretung besitzen.

Die innere Klinik wird von Prof. Baelz verwaltet, der zur Zeit gerade nach Europa gereist war. Beiden zur Seite stehen noch japanische Professoren mit gleichberechtigten Kliniken. Die Frauenklinik, dereinst von unserem Berliner Collegen Wernich begründet, steht unter einem Japaner. Ebenso die Augenklinik.

Die Körnerkrankheit (Trachoma, aegyptische Augenentzündung) ist ziemlich verbreitet in Japan, auch im Innern, wohin Europäer kaum vorgedrungen; und sicher nicht erst von den Europäern ins Land gebracht. Es ist genau dieselbe Krankheit wie bei uns, wovon ich mich persönlich überzeugt habe. 14 Procent der Augenkranken, welche die Universitätsaugenklinik zu Tokyo besuchen, leiden an Trachom. Zu Nagasaki ist die Krankheit noch häufiger.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich beifügen, dass in den chinesischen Südprovinzen das Trachom bis auf 70 Procent der Augenkranken ansteigt; dagegen in Vorderindien ganz erheblich absinkt: nämlich auf etwa 6 Procent in Calcutta; auf 10 Procent in Bombay, wo ich aber einen grossen Zufluss aus Trachomgegenden, wie Bagdad und Persien, feststellen konnte; auf nahezu Null in Ceylon, trotz der so grossen Hitze und Feuchtigkeit.

Bei mir in Berlin sind es 4 Procent, darunter aber viele Ausländer, namentlich aus Russland, den slavischen Ländern und der Levante.

Die Klinik für Geisteskranke liegt, getrennt von der Universität, in einem Garten und enthält in verschiedenen einstöckigen Gebäuden 300 Betten. Sie wird von Prof. Hasime Sakaki verwaltet, der ein Schüler meines Freundes Mendel war und bei mir in gutem Andenken steht ob seiner Ausdauer und Geschicklichkeit im Anfertigen von Augenspiegelbildern.

[S. 128]

Die Kranken werden mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt und benehmen sich auch recht höflich, mit vereinzelten Ausnahmen. Die Zellen für Tobsüchtige fand ich leer.

Eine ganz eigenthümliche Art japanischer Geistesstörung ist die Fuchskrankheit oder Fuchsbesessenheit.[178] Nach einem alten, von China her eingedrungenen und weit verbreiteten Volksaberglauben kann der Fuchs in einen Menschen fahren.[179]

Befallen werden in Japan nur Weiber, hauptsächlich schwachsinnige, stark abergläubische, gelegentlich nach erschöpfenden Krankheiten, immer aber nur solche, welche jene Wahnvorstellung kennen und von der Wirklichkeit des Besessenseins überzeugt sind. Heilungen kommen vor, wenn die Kranke von der Möglichkeit einer solchen überzeugt wird; am tüchtigsten sind dazu die Priester der buddhistischen Nichiren-Secte.

An die Besprechung der Kliniken möchte ich einige Bemerkungen über die Universität zu Tokyo anschliessen.

Meine Darstellung stützt sich auf den officiellen Kalender der Kaiserlichen Universität zu Japan für das Studienjahr 1891/92.

Die Universität hat vier Zweige: Heil-, Rechts-, Natur-Wissenschaft, Literatur.[180] Der Grundstock für die drei letzten war eine alte Schule der früheren Regierung (des Tokugawa Shogunat), nach der Wiederbelebung der Kaiserlichen (Mikado)-Herrschaft 1868 von dieser neugestaltet, sowie verschiedentlich verändert und verbessert. Die ärztliche Schule, gleichfalls einer älteren Einrichtung des Shogunat entsprungen, wurde 1876 mit den drei übrigen Facultäten zu einer Voll-Universität vereinigt, und die letztere dem Unterrichts-Minister unterstellt.

Die zahlreichen Aenderungen, welche der Neuerungsdrang von Jung-Japan geschaffen und zum Theil wieder vernichtet hat, kann ich nicht im Einzelnen verfolgen.

Es genügt hervorzuheben, dass die Lernzeit für die drei andern Facultäten je drei Jahre umfasst, für die Heilkunde aber vier Jahre, bevor der Titel eines Arztes (Igakushi) erlangt werden kann.

[S. 129]

Die Studenten (auch die der Heilkunde) leben in besonderen Gebäuden[181] innerhalb des Universitätsbereiches und erhalten gegen eine geringe Zahlung (von ungefähr 10 Yen oder 30 Mark für den Monat) die vollständige Verpflegung. Auf Lehren und Lernen wird viel Zeit und Mühe verwendet. Dem Professor bleibt wenig Musse für die Privatpraxis. Die Ferien betragen im Winter zwei Wochen, im Frühling eine Woche, im Sommer zwei Monate. Jährlich finden Prüfungen statt. Der japanische Student, der von Allen als geduldig, aufmerksam, gehorsam, fleissig gerühmt wird, ich möchte ihm auch noch das Beiwort geschickt zusprechen, wird ausserordentlich strenge gehalten. Auf seinem Zimmer darf er weder geistige Getränke trinken, noch Tabak rauchen, und muss an Wochentagen Abends um 8 Uhr zu Hause sein. Aber in Japan steht man auch recht früh auf. Einer meiner Freunde beginnt seine Sprechstunden um 5 Uhr Morgens. Die künstliche Beleuchtung ist oft mittelmässig und zum Studium weniger geeignet; allerdings in den grösseren Städten des Landes trifft man schon elektrische Glühlampen, sogar in alten Klöstern von Buddhisten, die nicht so unduldsam sind, wie Manche in Europa.

Auf körperliche Uebungen legen die japanischen Studenten leider zu wenig Werth. Viele sind nicht bloss klein, sondern sogar von dürftiger Entwicklung der Muskulatur.

Lungenschwindsucht und Kurzsichtigkeit sind leider ziemlich häufig unter ihnen und werden durch das übertriebene Bücherlesen gefördert.

Dabei ist das japanische Volk in seiner Gesammtheit durchaus nicht schwächlich. Sie haben vor 300 Jahren in Osaka und an andern Orten die gewaltigsten Granitblöcke der Erde, die selbst den altägyptischen überlegen sind, zu Festungsbauten aufgethürmt; ihre Krieger (Samurai) waren voll Kühnheit und Todesverachtung und höchst gewandt in der Handhabung der Schwerter; die Wagen- (Jinrikisha-) Männer ziehen eine oder mehrere Stunden lang im Trabe ohne Athembeschwerden und ohne Ermüdung den Wagen mit einem Insassen von 150 Pfund Schwere und zeigen eine Entwicklung der Wadenmuskulatur, welche dem Bildhauer zum Muster dienen könnte; die Bauern tragen ungeheure Lasten, da sie nur wenige Zugthiere besitzen; die nackten Schiffer am Landungsplatz springen kühn in’s Wasser und befestigen ebenso geschickt wie kraftvoll das mächtige Tau des Dampfschiffes an der Boje. Aber die Studenten entstammen haupt[S. 130]sächlich den weniger starken Städtebewohnern. Um so freudiger ist der neu begründete Universitäts-Turnverein zu begrüssen.

22 Professoren wirken an der medicinischen Facultät zu Tokyo, darunter zwei deutsche, Dr. Bälz für innere Krankheiten, Dr. Scriba für Chirurgie.

Der Lehrplan ist ähnlich dem unsrigen, eher etwas reicher.

Das Staatsexamen ist im Wesentlichen nach deutschem Muster eingerichtet. Die Zahl der Studirenden der Heilkunde betrug im letzten Jahre 144, die aller Studirenden zu Tokyo 1373. Es giebt auch Wiederholungs- und Fortbildungskurse für praktische Aerzte, eine Berliner Einrichtung, welche sich über die ganze Erde verbreitet hat.

Ein Band von Mittheilungen aus der medicinischen Facultät zu Tokyo und einer von den Arbeiten der Kaiserlich militärärztlichen Lehranstalt ist 1892 zu Tokyo in deutscher Sprache erschienen.[182]

Obwohl die Lehrmittel zu Tokyo mit denen einer deutschen Universität nicht verglichen werden können, (nur das Krankenmaterial ist ausreichend, 346 Betten im ersten, 129 im zweiten Krankenhause, dazu 300 in der Irrenklinik,) so muss man doch billig staunen, was in einem einzigen Menschenalter geschaffen worden. Wie weit stehen z. B. die Medicinschulen zu Constantinopel und Cairo, die ich besucht, hinter der von Tokyo zurück! Und in China giebt es eigentlich gar keine, in der Heilwissenschaft gelehrt wird. Dabei sind die Türken, Aegypter, Chinesen soviel längere Zeit schon in Verkehr mit Europäern. Uebrigens lieben die Japaner gar nicht, mit den genannten Völkern zusammengestellt zu werden.

Ausser den Universitäts-Krankenhäusern finden sich in der Millionstadt Tokyo noch zahlreiche andere. Die hauptsächlichsten habe ich besucht.

Das Lazaret des rothen Kreuzes, welches unter dem in der deutschen Literatur genügend bekannten und sehr liebenswürdigen Staatsrath, Professor und Generalarzt Hashimoto[183] steht, ist ausser[S. 131]ordentlich reinlich und gut eingerichtet;[184] es gehört zu den besten, welche ich in Asien gesehen habe, und ist z. B. nach meiner Ansicht den englischen Universitätskliniken zu Calcutta entschieden überlegen, was ausdrücklich hervorgehoben werden soll gegenüber der bei uns so grossen Neigung zur Ueberschätzung englischer Einrichtungen.

Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo.

Im Leichenhaus war gerade Cursus der Stabsärzte, nach deutschem Muster. Sectionen kommen in Japan nur selten vor, in Süd-China aber und vollends in Indien so gut wie gar nicht; die Leichen der Hindu müssen verbrannt, die der Mohammedaner und Juden begraben, die der Parsi von Geiern abgefressen werden; darüber wachen die Religionsgenossenschaften mit der allergrössten Sorgfalt und Peinlichkeit.

Auch das Charitékrankenhaus (Sikeïn) zu Tokyo macht einen sehr günstigen Eindruck. Die dicken Strohmatten, welche in jeder japanischen Wohnung von der Hütte bis zum kaiserlichen Palast[185], den Fussboden vollständig auskleiden und die Stelle unsrer Betten, Sofa’s, Tische gleichzeitig vertreten,[186][S. 132] (weshalb man ja auch seine Schuhe stets am Eingang des japanischen Hauses auszieht,) hat der thatkräftige Director vollständig und für immer verbannt; der hölzerne Fussboden blitzt nur vor Sauberkeit.

Ein eigenthümliches Krankenhaus ist das für die Leprösen. Die Aufnahme geschieht nicht durch gesetzlichen Zwang, sondern nach freier Entschliessung der Kranken, die mit Weib und Kind einziehen, wenn ihnen das Leben im heimischen Dorfe durch den Abscheu der Nachbarn unerträglich geworden. Jederzeit können sie wieder die Zufluchtstätte verlassen. Merkwürdigerweise sagte mir der Arzt, dass in Japan Uebertragung der Lepra von Mensch auf Mensch niemals festgestellt sei; aber in seiner eignen Inaugural-Dissertation[187] giebt er zu, dass Lepra contagiös sei, nur nicht so leicht und nicht so rasch, wie manche andre Krankheiten, anstecke; die angeborene erscheine selten vor der Pubertät.

Lazaret des rothen Kreuzes in Tokyo. Hauptgebäude.

Nur durch grosse Zähigkeit, wie vielfach bei anderen Gelegenheiten auf Reisen, setzte ich es durch, in diesem Krankenhaus wirklich etwas zu sehen. Die Fälle, die mir[S. 133] schliesslich gezeigt wurden, waren fast alle, so zu sagen, erträglich. Sie sollten die Vorzüglichkeit einer specifischen Behandlung mit einem Eucalyptus-Präparat darthun. Ein Mann wurde mir gezeigt, dessen faustgrosse, schwärende Stirnknoten ganz rasch geschrumpft und vernarbt waren.

Ich bemerke, dass meine japanischen Collegen, die mich begleiteten, mit den Anschauungen der Aerzte des Lepra-Hauses, Vater und Sohn, nicht übereinstimmten und mir erklärten, dass jene eine Mischung der älteren chinesisch-japanischen und der neueren europäischen Heilkunde darstellen. Die Aerzte der älteren Schule sind noch nicht ausgestorben, ja bei der neuesten Wiederbelebung des japanischen Nationalgefühls erheben sie kühner ihr Haupt und verlangen vom Abgeordnetenhaus, dass Mittel für die Lehre ihrer Richtung ausgeworfen werden sollen.

Dass wir Deutsche ein vorzügliches Seemannskrankenhaus in Yokohama besitzen, darf ich wohl als bekannt hinstellen.

Ausser der Universität zu Tokyo giebt es in Japan noch sechs Medicinschulen, von denen ich die vier wichtigsten besucht habe.

Ich reiste von Yokohama zunächst nach Nagoya.

Hier ist ein Mittelpunkt der in Japan so häufigen Erdbeben.[188] Ein solches hatte ein Jahr zuvor erhebliche Verwüstungen angerichtet. In dem Krankenhaus der Medicinschule, das aus Stein gebaut ist, waren Risse und Stützen sichtbar; die Anatomie war in ein Skelet umgewandelt. Trotzdem wurde rüstig gearbeitet.

In der berühmten Festung zu Nagoya ist ein recht ordentliches Garnisonlazaret, in der Stadt ein Privatkrankenhaus des Dr. Kítagawa, der seine Studien in Berlin unter Virchow, Langenbeck, Schröder gemacht, auch bei mir zwei Semester gehört hat. Derselbe entfernte in meiner Gegenwart eine Geschwulst aus der Bauchhöhle mit vollendeter Kunstfertigkeit und Sauberkeit binnen 20 Minuten. Wir blicken mit Stolz auf diese Schüler der deutschen Heilkunde.

Auch in der frühern Hauptstadt des Mikado, dem alten Kyoto, sah ich die Medicinschule und das dazu gehörige Krankenhaus; sowie in der volkreichen Handelsstadt Osaka. Die Unterrichtsmittel sind hier allerdings mässig, aber die Krankenzahl genügend; in dem neuen Operationssaal waren hintereinander 30 Bauchschnitte ohne Todesfall ausgeführt worden.

[S. 134]

Recht interessant ist das Privatkrankenhaus zu Suma bei Kobe, an der von den japanischen Dichtern seit 1000 Jahren besungenen, fichtenbekränzten Meeresküste: sehr geeignet für seinen Hauptzweck, die Behandlung von Lungenkranken, mit je einer besonderen Abtheilung für Europäer und Japaner.

Von Kobe geht die entzückende Fahrt durch die Inland-See nach Nagasaki auf der Insel Kiusiu. Medicinschule und Hospital sind hier etwas älteren Ursprungs, da unser v. Siebold[189] im ersten Drittel unseres Jahrhunderts bereits die Keime ausgesät; sie haben aber gleichfalls den reformirenden Einfluss von Jung-Japan erfahren.

Dies sind die Eindrücke, welche die ärztlichen Einrichtungen Japan’s in mir hinterlassen. Die Thätigkeit von Müller, Hoffmann, Schultz, Wernich, Dönitz, Langgaard, Bälz, Scriba war nicht vergeblich; die Erwartungen, welche Hoffmann und Wernich aussprachen, sind in Erfüllung gegangen; das bisher Erreichte bietet Bürgschaft für weiteren Fortschritt; die Thätigkeit der Universitätslehrer in Deutschland, zu denen so viele junge Japaner pilgerten, hat wesentlich zu dem Erfolg beigetragen. Es handelt sich um die geistige Eroberung eines der einsichtigsten und thatkräftigsten Völker Asiens, auf welche unser Vaterland ebenso stolz sein kann, wie auf manche seiner Waffenthaten.


Die Geschichte der japanischen Heilkunde[190] kann zwanglos in vier Zeitabschnitte eingetheilt werden:

I. Die älteste, altjapanische (mythische) Zeit vom unbekannten Uranfang bis etwa 200 v. Chr.

II. Die alte, chinesische Zeit von 200 v. Chr. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts n. Chr.

III. Die neue Zeit, in welcher europäischer Einfluss gegen den chinesischen ankämpfte, ohne ihn zu besiegen, von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis über die Mitte unseres Jahrhunderts.

IV. Die neueste, europäische Zeit, etwa von der Mitte unseres Jahrhunderts (oder eigentlich erst vom Jahre 1871) bis zum heutigen Tage.

Die vereinzelten europäischen Aerzte, welche von der Mitte des 16. bis zu der des 19. Jahrhunderts, theils wirkend, theils lehrend, längere oder kürzere Zeit in Japan verweilten, vermochten den chinesischen Grundzug der japanischen Heilkunde ebenso wenig[S. 135] zu ändern, als es den spärlichen europäischen Ansiedlern gelungen, die Rasseneigenthümlichkeit des Volkes umzugestalten.

Trotzdem will ich hier in aller Kürze zwei deutsche Männer erwähnen, welche einerseits als Lehrer der europäischen Heilmethode in Japan thätig gewesen, andrerseits den Europäern die ersten und wichtigsten Kenntnisse über das derzeit märchenhaft verschlossene Inselreich im fernen Weltmeer übermittelt haben.

Ein sehr merkwürdiger Mann war Engelbrecht Kämpfer, der nach seinen eigenen Aufzeichnungen[191] einige Japaner in der Anatomie und Heilkunde unterrichtet hat.

Wenn Marco Polo die erste Kunde von der Existenz Japan’s den Europäern überliefert, Mendez Pinto als erster Europäer seine Gestade betreten; so kann unser Landsmann E. Kämpfer als der erste wissenschaftliche Entdecker von Japan gepriesen werden. Im Jahre 1651 zu Lemgo,[192] einem Städtchen in Lippe, geboren, machte er während und nach Vollendung seiner Studien Reisen durch Deutschland, Holland, Polen; er studirte Philosophie, Naturwissenschaften und Heilkunde; ging mit einer schwedischen Gesandtschaft durch Russland und die Tatarei nach Persien; segelte dann im Dienst der holländisch-ostindischen Gesellschaft von Ormuz nach Batavia, von da nach Siam und Japan. Zwei Jahre (1690–1692) verblieb er als Wundarzt auf Deshisma zu Nagasaki und hat zweimal die vorgeschriebene alljährliche Huldigungsreise nach Yedo zum Shogun mitgemacht. In seinen beiden Werken Amoenit. exot. und Geschichte von Japan hat er zum ersten Mal über Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, Religion und Sitte des merkwürdigen Landes und Volkes berichtet.

Es scheint, dass die Absperrung, je länger sie dauerte, um so strenger gehandhabt wurde. Denn erst 150 Jahre[193] nach Kämpfer kommt wiederum ein grosser Arzt, ein Deutscher, welcher den Dienst bei der holländischen Compagnie benutzt, um Japan zu studiren.

Es war Ph. F. v. Siebold (1797–1866), der Verfasser des ausgezeichneten Werkes Nippon, Archiv zur Beschreibung von Japan. Von 1823–1830 weilte er in Japan, zunächst auf Deshima. Ihm gelang es, die Pockenimpfung in Japan einzuführen; er erhielt 1826, auf der Huldigungsreise nach Yedo, die Erlaubniss, allein als einziger[S. 136] Europäer in der ungeheuren Hauptstadt des asiatischen Reiches zu verweilen, Heilkunde zu lehren und sich selber über das Land und Volk zu unterrichten. Als er aber von dem Oberhofspion eine Karte des japanischen Reiches erworben, wurde jener im Gefängniss zum Selbstmord (Harakiri) gezwungen und Siebold für immer des Landes verwiesen[194].

Drei japanische Specialitäten sind zu beachten: 1. das Nadelstechen, 2. das Brennen, 3. das Kneten.

1. Das Nadelstechen ist sehr alt, geschieht mittels feiner, nur 148 Zoll dicker, scharfer Nadeln aus Silber, auch aus Gold oder Stahl, mit scharfer Spitze: acht bis zehn werden in regelmässigen Figuren, ½–¾ Zoll tief, eingestochen, oft an Stellen, wo die Nerven nahe an die Oberfläche treten, — gegen Krampf, Schmerz und sonstige Nervenkrankheiten. Es giebt kleine Büchlein mit Abbildungen, welche die Regeln für das Nadelstechen enthalten.

Das Verfahren ist von China eingeführt, wurde bereits in der japanischen Universität vor 1200 Jahren gelehrt, gerieth dann in Vergessenheit und wurde 1682 n. Chr. auf Veranlassung des Shogun Tsunayoshi wiederbelebt durch den blinden Sugiyama Waichi.[195]

2. Das Brennen geschieht mittels dünner Walzen oder Kegel aus Zunder (von den Blättern der Artemisia, Beifuss, japanisch Moxa, eigentlich Muksa = Brennkraut). Mehrere Kegel werden an derselben Körperstelle abgebrannt, und das Verfahren vielfach wiederholt, nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Verhütung. Aerzte bezeichnen die Stelle, Laien (Weiber) führen das Brennen aus, und zwar recht geschickt und schnell, wie ich selber beobachtet. Es ist nicht sonderlich schmerzhaft.

Kämpfer hat einen „Brennspiegel“ veröffentlicht nach einem chinesisch-japanischen Druck, worauf der Mensch von vorn und von hinten abgebildet ist, nebst den zu brennenden Stellen und den Anzeigen. „I, 3. Bei Leibschmerz brennt man zu beiden Seiten des Nabels. I, 5. Bei schweren Geburten muss die äusserste Spitze des kleinsten Zehen am linken Fusse mit drei Kegeln gebrannt werden.“ U. s. w.

[S. 137]

3. Das Kneten (amma)[196] wird geübt, und zwar von oben nach unten, nicht bloss zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Erfrischung des Körpers; hauptsächlich von den Blinden[197] (mojin), welche Abends die Strassen durchwandern und mit der Pickelflöte sich ankündigen. So ernähren sie ihre Familien,[198] statt wie bei uns der Gemeinde zur Last zu fallen, und gewinnen so viel, dass sie oft im Nebenamt Geld verleihen.[199] Bis 1870 machten sie eine besondere Gilde aus, für deren höchste Stufe nebst der Prüfung eine Baarzahlung von 1000 Dollar (Yen) zu leisten war!

Die japanische Massage besteht in sanftem Reiben der Körperoberfläche mit der Hand, passiven Bewegungen der Gelenke und Kneten der oberflächlichen Muskel.

Japanische Aerzte empfehlen die Massage bei Rückenmarkschwindsucht und bei Lähmung, bei Hysterie und Kopfschmerz, bei Hüftweh und Muskelschwäche, auch bei schwerer Entbindung und nach der Entbindung, um die Brüste weich zu machen.

Die Geschicklichkeit und Kenntniss der Blinden ist überraschend. —

Was früher den Inhalt der wissenschaftlichen Heilkunde bildete, wird später Inbegriff der Volksmedicin, in Europa wie in Asien. Nadelstechen, Brennen, Kneten sind heute noch für das Volk in Japan die Allheilmittel. Als ich einen grösseren Spaziergang im Gebirge gemacht, wurde mir das Kneten von dem höflichen Wirth sofort angeboten, von mir aber mit eben so höflichem Danke abgelehnt.

Aberglauben auf dem Gebiete der Heilkunde ist weit verbreitet, in Japan wie in Deutschland.[200]

Als ich an der fichtenbekränzten Seeküste bei Suma das mit aufgehängten Papierstreifen und brennenden Kerzen verehrte Steindenkmal des im Jahre 1184 n. Chr. gefallenen jugendlichen Helden Atsumori besuchte, fand ich dort ein Pilgerpaar, eine ältliche Mutter mit ihrem[S. 138] 27jährigen Sohne; und da ich fragte, weshalb sie die Pilgerfahrt unternommen, hob die Mutter, ohne ein Wort zu sagen, den weissen Leinwandrock des Sohnes auf und zeigte mir bekümmert seine Erkrankung, eine grosse Geschwulst (Elephantiasis). Und als ich ihr sagte, dass gerade diese Krankheit nicht von dem göttlichen Helden, sondern von dem Arzt in Kobe geheilt werde, machte sie eine recht ungläubige Miene.

Während meines Aufenthaltes in Japan wurde ein Bauer zu neun Jahren Gefängniss verurtheilt, der in der festen Ueberzeugung, dass die Blindheit seiner geliebten Mutter nur durch Verzehren eines frischen Menschenherzens geheilt werden könne, seine freiwillig und mit Freuden sich darbietende Frau zu diesem Behufe getödtet hatte.

In buddhistischen Tempeln steht die Holzbildsäule eines Heiligen oder Heilgottes (Binzuru, eines der 16 Rakan oder Sendboten des Buddha, — ausserhalb der Kanzel, weil er die Schönheit eines Weibes bemerkt hatte). Die Gläubigen reiben die Bildsäule an dem Theile, der ihnen selber weh thut; und danach ihre eigne schmerzhafte Körperstelle. In Folge dessen sind die Bildsäulen stark abgerieben, die Augen z. B. kaum noch zu erkennen.

Schon Kämpfer berichtet von einem frommen oder schlauen Heilkräuterhändler, der das Recept zu seiner Mischung von einem „Gott“ erhalten hatte.


Nach Nagoya.

Am Morgen des 27. September verlasse ich Tokyo, um mit der Eisenbahn südwestlich zu fahren. Meine Freunde verabschieden sich am Bahnhof. Der Gouverneur von Nagasaki, der denselben Zug benutzt, wird von dem Gewühl angelockt und tauscht mit mir die Karte; aber die Höflichkeit der Japaner ist doch nicht bloss oberflächlich: als ich in dem Hafen von Nagasaki angelangt war, sandte er seinen Diener an Bord, um mich zu einem frommen Volksfest einzuladen und mir einen guten Platz auf seiner eignen Zuschauerbühne anzubieten.

Ein hervorragender Arzt Tokyo’s bringt mir ein Blatt Papier, auf dem er die Namen und Wohnorte seiner hauptsächlichsten Schüler in den von mir zu durchreisenden Provinzen deutsch und japanisch verzeichnet hat, damit ich mich an den nächsten wende, wenn „Gefahr“ droht. Es ist dies ebenso liebenswürdig, wie überflüssig. Japan ist das sicherste Land der Erde, sogar mit Einschluss der Schweiz[S. 139] und Norwegens. Niemals ist ein Angriff auf das Eigenthum oder das Leben eines Reisenden[201] gemacht worden, seitdem das Land eröffnet und von Europäern und Amerikanern besucht wurde. Das kann nicht allein an der Güte der Polizei liegen, sondern muss in der Gutartigkeit der Bewohner mit begründet sein.

Ich reise, der Führer überdrüssig, ganz allein,[202] mit vollem Vertrauen und voller Sicherheit, und schlafe sogar Abends ganz sanft und ganz allein im Eisenbahnwagen, was in einigen europäischen Ländern sehr unvorsichtig sein würde.

Ich befahre also die Tokaïdo-Eisenbahn. Tokaïdo heisst Ost-See-Strasse. Dieser alte Name bezeichnete die wichtige, 125 ri lange Heeresstrasse, die von Kyoto, der alten Hauptstadt des Mikado, längs der östlichen Seeküste[203] nach Yedo (Tokyo), der Hauptstadt des Shogun, führte. Vom Beginn des 17. Jahrhunderts an mussten die Fürsten des Landes (Daimio) zweimal jährlich mit ihrer gewaltigen Gefolgschaft diesen Weg entlang ziehen, um dem Shogun ihre Unterwürfigkeit zu bezeugen. Die Strasse ist jetzt verödet. Aber welch’ ritterliches Gewühl hat früher in der Glanzzeit des Shogunats dieselbe belebt! Die prachtvollen Pinien, mit denen sie eingesäumt war, sieht man vom Eisenbahnzug aus noch heute an verschiedenen Stellen. Die Eisenbahn (von Tokyo bis Kyoto 329 engl. Meilen, bis Kobe 376 Meilen) ist 1872 begonnen und 1889 beendigt.

Wir kommen nach Fujisawa, den Abgangspunkt für Enoshima: dann nach Kozu, dem für Hakone; hierauf mit Hilfe des Vorspanns einer zweiten Maschine über Brücken und durch Tunnel nach Gotembo (1500 Fuss hoch), in die breite und fruchtbare Ebene am Fuji; endlich in der Dunkelheit nach Nagoya, einer Stadt von 162000 Einwohnern, dem früheren Sitz der Owari, einer der drei erlauchten Familien, die der Tokugawa-Familie verwandt und deshalb berechtigt gewesen, einen Nachfolger auf den Thron des Shogun zu liefern, wenn ein unmittelbarer Erbe nicht vorhanden war.

Die Aussicht vom Wagen aus ist sehr freundlich: kleine, verschieden[S. 140]artige Felder, das Land hüglig und mannigfaltig, allenthalben künstliche Bewässerung. Die Firsten an den Strohdächern der Bauernhäuser sind vielfach mit Grün bepflanzt, gelegentlich auch das ganze Dach mit Blumen.

Der gebirgige Theil der Bahn ist höchst malerisch, aber dabei immer freundlich und anmuthig. Die wenigen, offenbar vornehmen Japaner, mit denen ich für einen Theil der Fahrt den Wagen erster Classe theilte, waren ausserordentlich zuvorkommend, auch die reich und geschmackvoll gekleideten Damen gar nicht so scheu, wie in Westasien; sie boten mir von ihren Vorräthen an und betrachteten mein Reisebesteck mit unverhohlener Wissbegier. Ich hatte mein Mittagsessen mitgenommen. Uebrigens gab es auf den Halteplätzen fliegende Händler, die das in Japan so rasch eingebürgerte Bier, ferner Früchte, sehr saubere Holzkistchen voll gekochten Reis, auch mit zubereiteten Fischen, endlich Thee sammt Kännchen und Tasse feil boten, die einheimischen Dinge zu lächerlich billigen Preisen von 3–4 Cts. Jedenfalls ist in Japan für den Eisenbahnreisenden besser gesorgt, als in Sicilien.

Der Empfang in Nagoya war grossartig. Ich wohne in dem europäischen Anbau eines japanischen Hotels.

Der folgende Tag übertraf alle meine Erwartungen. Nagoya ist ein Kunst-Mittelpunkt zwischen Tokyo und Kyoto, wie Dresden zwischen Berlin und München. Die Theilung des Reiches in zahlreiche, mehr oder minder unabhängige Herrschaften mit besondern Fürstensitzen hat in Japan, wie in Deutschland und in Italien, die Kunstübung verallgemeinert und gefördert, während in Frankreich die frühzeitige Centralisation das geistige Leben der Provinzen, wenn auch nicht ganz unterdrückte, so doch nach der Hauptstadt zusammenzog.

Im offenen Wagen werde ich von meinen Freunden abgeholt; ein Läufer rennt voraus und meldet an den Kehren der Wege dem Gewühl des Volkes die im Innern von Japan ziemlich ungewöhnliche Beförderungsart. Der offenbar nicht sehr geübte Kutscher muss wiederholentlich gezügelt werden, damit er nicht in dem Gedränge der grossen und kleinen Kinder Unglück anrichte.

Das Leben in den Hauptstrassen Nagoya’s ist nicht sehr abweichend von dem in Tokyo.

Wir besuchen zuerst eine grosse Porzellan-Handlung. Es mag sein, dass mein Geschmack für diesen Zweig des Kunsthandwerks noch nicht genügend entwickelt ist, jedenfalls war ich nicht entzückt und fand den Gang durch eine grosse Niederlage in Berlin oder Dresden weit lohnender. Seitdem die Fürsten und Ritter abgesetzt[S. 141] sind, d. h. nicht mehr von den Bauern ihre Zehn- und Hunderttausend Scheffel Reis im Jahre beziehen, sind Käufer für grosse Prachtstücke nicht mehr zu finden. Die alten japanischen Künstler arbeiteten nicht einfach als Handwerker für Geld, sondern für ihren Fürsten und Brotherrn aus Liebe zur Kunst. Heutzutage macht man einfachere Sachen für den gewöhnlichen Gebrauch und schlechte, billige für die Ausfuhr nach den Ländern der westlichen und östlichen Fremden, die es so haben wollen, natürlich auch einiges Gute. Der Werth der Ausfuhr von Porzellanwaaren betrug 1889 an 1300000 Yen. Die Porzellanmacherei ist in Japan nicht sehr viel älter, als in Europa; sie wurde um 1600 n. Chr. durch Kriegsgefangene aus Korea eingeführt und erreichte ihre Blüthe zwischen 1750 und 1830; das echte „alte“ Satsuma stammt aus den Jahren 1800–1850. In der Provinz Hizen, in Kaga, Owari, Kyoto sind berühmte Werkstätten, in letztgenannter Stadt ganze Strassen voll Porzellanhandlungen. Sehr gefällig finden wir die thönernen Darstellungen von Göttern, Menschen und Thieren, und geradezu erstaunlich ist die Menge von Spielsachen, die dieses kinderliebe Volk gebraucht: aus Thon werden Soldaten, heilige Füchse, ganze Gärten mit Bäumen und Häusern, Festungen und dergl. angefertigt, feilgehalten und verkauft.

Sodann fuhren wir zu einem Künstler in Zellenschmelz (Email cloisonné). Schmelz ist bekanntlich ein mit Metalloxyden gefärbter Glasfluss, der, fein zerstossen und als Brei angerührt, auf Metall, Thon oder Glas aufgetragen und eingebrannt wird. Bei dem Zellenschmelz bilden aufgelöthete Metalldrähte die Umrisslinien; in die Zwischenräume werden die Schmelzfarben eingelassen. Diese Kunst war bereits den alten Aegyptern bekannt gewesen, wurde seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. in Byzanz gepflegt und soll in China und Japan seit alter Zeit bis auf unsere Tage geübt worden sein.

Aber bezüglich Japan’s scheint die Sache anders sich zu verhalten. Eine rohe Art dieser Kunst ist allerdings seit 300 Jahren gebräuchlich. Aber die feinere ist nicht älter, als 20 Jahre. Nagoya, Kyoto und Tokyo sind die drei Hauptstätten der Arbeit. Die metallischen Umrisse sind fast unsichtbar, so dass man die Arbeit für reizvolle Porzellanmalerei von Arabesken und Blumen halten möchte. Ich sah eine prächtige Vase, die der Künstler für Chicago’s Weltausstellung hergestellt und die 500 Yen kosten sollte. Dabei arbeitet der bescheidne Mann für 1–2 Yen täglich! Sein Lager ist nicht gross. Wer eine Arbeit bestellt, muss 1 Jahr warten, bis sie fertig wird.

Die dritte Sehenswürdigkeit der Stadt ist ein grosser Buddhatempel aus dem Anfang unsres Jahrhunderts (Higoshi Hong[S. 142]wanji), natürlich aus Holz, aber in schönen Verhältnissen und mit reichem Schmuck. Das zweistöckige Thor mit drei Eingängen zeigt geschmackvolles Schnitzwerk von Blumen und Arabesken sowie ausgezeichneten Bronze-Beschlag; dann folgt ein geräumiger Hof und darauf der eigentliche Tempel, der scheinbar zweistöckig ist, indem das Dach der vorderen Säulenhalle eine geringere Höhe besitzt, als das des Hauptgebäudes. Das letztere ist 120 Fuss breit, 108 Fuss tief und von vorn nach hinten in drei Theile getheilt. Der hinterste enthält die Kanzel mit einer 4 Fuss hohen Bildsäule von Amida in einem vergoldeten Schrein sowie Schnitzwerk von Engeln und Vögeln. Das Ganze macht einen höchst feierlichen Eindruck. Der Europäer vergisst hier, dass er in Ostasien weilt.

Hierauf fuhren wir nach dem Steingebäude der Bezirksregierung, das in dem neuen und wenig interessanten „Styl des Auslands“ erbaut ist. Hier werde ich dem Unterpräfekten vorgestellt. Derselbe unterliess natürlich nicht, noch an demselben Tage den Besuch zu erwiedern. Das Gebäude hat stark durch das vorjährige Erdbeben gelitten. Allenthalben sind Risse im Mauerwerk und hölzerne Stützen sichtbar. Die Zahl der Schreibstuben und Beamten ist sehr gross. Die Ernteerzeugnisse der Provinz, auch die Cocons, waren nach Jahrgängen höchst sorgfältig aufbewahrt und geordnet. In diesem Gebäude ist auch der Rathhaus-Saal der Provinz (Provinzial-Landtag), höchst einfach, aber ganz zweckmässig.

Hierauf wurde noch ausserhalb der Stadt der Tempel der 500 Rakan oder Jünger von Buddha besichtigt. Die Bildsäulen, 2 Fuss hoch und grell bemalt, sind trotz äusserer Aehnlichkeit alle von einander verschieden und so mannigfaltig, dass nach japanischem Sprichwort hier Jedermann das Abbild seines eignen Vaters finden kann.

Dann kam das Hauptstück von Nagoya, das Schloss (O-shiro), 1610 von 20 grossen Feudalherren errichtet als Fürstensitz für Jeyasu’s Sohn, den Gründer der Owari-Familie. Der Raum zwischen dem äusseren und inneren Graben war früher besetzt von den Wohnhäusern der Ritter (Samurai) und enthält jetzt die Quartiere der Besatzung. Der innere Graben ist neuerdings trocken gelegt und birgt einige Familien der so niedlich gefleckten japanischen Hirsche, die wir aus unserm zoologischen Garten genau kennen. Das Innere des Schlosses ist ganz und gar verwüstet, da im Beginn der jetzigen Regierung das Gebäude der Militärverwaltung übergeben wurde. Erst, als es zu spät war, suchte man zu erhalten und zu bessern. Jetzt arbeitet der Maler und Holzschnitzer an der Wiederherstellung. Dank meiner guten Einführung, bekam ich die Reste von Gemälden auf Goldgrund zu sehen und die Rammas von[S. 143] Hidari-Jingoro. (Ramma ist der zur Lufterneuerung durchbrochne Obertheil der Holzwand des Zimmers.) Hier hat der Künstler ausserordentlich naturgetreue Holzschnitzereien vom Kranich, Fasan, Hahn und von der Schildkröte angebracht. Am besten erhalten ist der fünfstöckige Thurm. Der Styl ist durchaus abweichend von dem unsrigen, aber doch recht gefällig. Zwei Spitzdächer, eines, ein kleines, keines, das ist das Gesetz des Emporsteigens der fünf Stockwerke. Hoch oben auf dem Dache blitzen weit über die Stadt fort die beiden goldnen Delphine, welche 1601 auf Kosten des berühmten Kato Kiyomasa verfertigt wurden, desselben, der auch den Thurm errichten liess. Einer der beiden „drachenköpfigen Fische“, die einander gegenüber an den beiden Ecken des Dachfirstes mit emporgerichtetem Körper und Schwanz angebracht sind, wurde 1873 nach Wien zur Weltausstellung gesendet, versank auf der Heimfahrt mit dem französischen Dampfer Nil, wurde aber glücklich wieder vom Meeresgrunde emporgebracht und unter dem Jubel der Bevölkerung wieder an seinem alten Platze aufgestellt. Die Höhe der Thiere beträgt gegen 9 Fuss, der Goldwerth beider wird auf 180000 Dollar beziffert. Einige Schuppen wurden jüngst gestohlen, aber von dem Käufer, einem Goldschmied, wieder zurückgegeben. Der Dieb soll auf einem riesigen Papierdrachen emporgestiegen sein. Das möchte ich für eine Fabel halten.

Ich stieg im Thurm die Holztreppe empor bis zum obersten Stockwerk und erfreute mich der prachtvollen Aussicht auf Stadt und Land, über die unermesslichen Reisfelder bis an das Meer und die fernen Berge des heiligen Ise.

Nachdem ich drei Krankenhäuser und die Medizinschule besucht, daselbst auch zusammen mit den japanischen Fachgenossen photographirt worden war, begab ich mich nach dem Theehaus zum Festessen, zu dem 80 Aerzte sich versammelt hatten. Ich würde über dieses kein Wort verlieren, mit Rücksicht auf die Beschreibung des vorigen, wenn nicht die Kunst Nagoya’s, wenigstens nach meinem Empfinden, in mancher Beziehung die von Tokyo und Kyoto weit überragte. Zuerst wurde ich in das mit den üblichen Zwergbäumen und Steinlaternen besetzte Gärtchen des Theehauses geführt und über die Brücke des unvermeidlichen Teiches auf ein kleines Inselchen und in das Gartenhaus desselben geleitet. Hier erhielt ich eine Tasse Thee zur Begrüssung. Um gleichzeitig mein Auge zu erfreuen, hatten sie mir einen schönen Theestrauch in einem grossen Blumentopf aufgestellt. An den Wänden des Saales, den sie mit Papierlaternen, sowohl rothen, als auch prachtvoll bemalten aus Gifu, geschmückt, waren alte und neue Gemälde aufgehängt, soviel sie deren in der Stadt auftreiben[S. 144] konnten: das thaten meine Freunde jedes Mal, nachdem sie gehört hatten, dass ich japanische Malereien mit Vergnügen betrachte.

Während des japanischen Essens und nach demselben hörte ich einheimische Musik, namentlich einen berühmten Flötenspieler, welcher den Kranich nachahmte, und sah einheimische Tänze, die von Saiteninstrumenten und Gesang begleitet wurden.

Zuerst kam ein schöner und feierlicher Nationaltanz, der die Buddhapilger darstellte, von würdevoller und getragener Musik begleitet. Dann folgte der (Reis-) Erntetanz, ein höchst anmuthiger, heiterer, ja schalkhafter Gebärdentanz, von den 16 kleinen, prachtvoll bekleideten Künstlerinnen durch ihren eignen lebhaften Gesang begleitet. Ich muss gestehen, dass dieser Tanz mit seiner Musik mir lieber ist, als zehn Stücke, wie Sullivan’s Mikado; dass ich mir diesen Tanz wiederholen liess und der anwesenden Tanz-Meisterin durch einen dolmetschenden Arzt meine grösste Zufriedenheit ausdrückte. Da offenbarte sich aber die japanische Harmlosigkeit. Die Frau hatte vielleicht noch nie von einem Europäer solches Lob vernommen; sofort entwickelte sie mir in fliessender Rede, Japan wäre ein armes Land, wo sie mit den 16 Mädchen, wegen der Seltenheit solcher Festaufführungen, nur kümmerlich sich durchschlüge; dass aber Europa gewiss sehr reich sei, und ich am besten thäte, sie sammt ihrem Balletcorps nach Europa mitzunehmen und dort auf die Bühne zu bringen. Ich blieb vollkommen ernst und erwiederte, dass ich zu meinem grössten Bedauern diesen Plan nicht auszuführen vermöchte, da ich leider noch vielfach umherreisen müsste, ehe ich nach Europa zurückkehren könnte; hingegen nicht verfehlen würde, in Europa des Ballets von Nagoya rühmend zu erwähnen. Und damit war sie vollkommen zufrieden, und ich habe ja mein Wort gehalten. Von allem dem, was zwischen Tunis und Tokyo, in Aegypten, Indien, Japan als Tanz von Weibern dem Reisenden vorgeführt wird, — zu Luksor in Oberägypten schrieb ich im Hause des amerikanischen Consuls, nachdem ich den berühmten Leuchter-Tanz gesehen, in mein Tagebuch: „Schön ist bei uns anders“, — hat der Tanz zu Nagoya mein Kunstgefühl am meisten befriedigt. Meine japanischen Freunde, denen ich dies mittheilte, meinten, dass die dort übliche Musik munterer sei, als im übrigen Japan.

Hierauf folgte noch ein Schattenspiel; der Künstler brachte mit den Fingern seiner von hinten beleuchteten Hand auf einem Seidenpapierschirm die Gestalt von Katze und Maus und dergleichen auf das täuschendste hervor. Danach kamen zwei (von Männern dargestellte) keifende alte Weiber in aristophanischer Beweglichkeit und Komik und zum Schluss in dem dunklen Garten unter dem Jubel der zahl[S. 145]losen Zaungäste ein Feuerwerk, worin natürlich Sikayama und Berg Fuji erschien, sowie eine deutsche Unterschrift ohne jeglichen Fehler, obwohl doch der Künstler zweifellos keinen Buchstaben einer europäischen Schrift verstand.

Ich muss gestehen, dass erst an diesem Tage mir der rechte Geschmack für einige japanische Kunstübungen zum Bewusstsein gekommen ist.


Nach Kyoto.

Die Eisenbahnlinie von Nagoya nach Kyoto wendet sich nordwestwärts durch eine liebliche Gegend, — Reisfelder, von fernen blauen Bergen im Vordergrund und zur Linken eingesäumt, und über den malerischen Kisogawafluss — nach Gifu. Dieses Städtchen ist berühmt erstlich durch die grossen Mengen roher Seide, die hier gewonnen werden, zweitens durch die ausserordentlich dauerhaft und geschmackvoll aus Bambusstäben gearbeiteten, mit schönbemaltem Papier überzogenen Laternen und drittens durch die Kormoran-Fischerei. Der zu der Familie der Pelikane gehörige Seerabe oder Kormoran (Phalacrocorax carbo, 92 Centimeter lang, 150 Centimeter breit,) wird gefangen und zur Fischjagd abgerichtet, in Japan[204] jedenfalls seit mehr als 1000 Jahren, da diese Jagd bereits in einem Gedicht des Kojiki, der altjapanischen Chronik vom Jahre 712 n. Chr., erwähnt wird. Nachts werden die Fische durch Fackeln und Klappern angelockt, die Vögel schwimmen an Leinen und tauchen; ein geschickter Fischer im Boote hält bis zu 12 Leinen in der Hand und zieht denjenigen Vogel, der einen Fisch gefangen, an Bord des Kahns, um ihm die Beute abzunehmen. Die Vögel haben einen Metallring um den Hals, dass sie nur ganz kleine Fische verschlucken können. Der Fang ist sehr einträglich, da ein Kormoran binnen drei Stunden bis 450 Fische fangen kann. Allerdings müssen die Kormorane sehr sorgsam gepflegt und in den sieben Monaten, wo kein Fang ist, durchgefüttert werden. Diese Art des Fischfangs ist ein beliebter Gegenstand für die Laternen-Maler, welche den Hintergrund auf der inneren Papierhülle anbringen, den Vordergrund auf der äusseren; so wird, wenn die Laterne angezündet ist, eine sehr schöne Wirkung erzielt.

[S. 146]

Als wir in Gifu einige Minuten hielten, erschienen die Aerzte des Ortes und brachten mir eine Sammlung dieser Laternen, die ich Tags zuvor in Nagoya bewundert, zum Geschenk.

Die Eisenbahnlinie steigt durch ein enges Thal zu einer kleinen Ebene, die mit Maulbeerbäumen bepflanzt ist. Zur rechten erscheint ein stattlicher, oben nackter Berg, Ibuki-yama (4300 Fuss hoch), einer der „sieben hohen Berge“, die schon in der alt-japanischen Arzneimittellehre wegen ihrer Heilkräuter berühmt waren. In der That sah ich auch an den Halteplätzen Bauern, die dort oben grosse Bündel frischer Kräuter und Wurzeln gesammelt hatten. Weiterhin fährt der Zug am Ostufer des Biwa-See’s entlang, den wir aber erst an seiner Südseite, bei Baba-Otsu, zu Gesicht bekommen, dann durch einen Tunnel; sofort erscheinen die fichtenbekränzten Hügel, welche die alte Mikado-Stadt Kyoto von allen Seiten umgeben.

Hier in dieser Gegend liegen die fünf Stammprovinzen des japanischen Reiches, darunter Yamato, wo seit uralter Zeit das Hoflager des Mikado gewesen: zuerst mit wechselndem Sitz, indem jeder neue Herrscher gerade so, wie in manchen mohammedanischen Ländern, einen neuen Platz für seinen Palast wählte; vom Anfang des achten Jahrhunderts n. Chr. bis 783 zu Nara; von 793 an zu Miyako oder Kyoto. Das erste Wort ist der japanische, das zweite der chinesische Name für Hauptstadt. Die Stadt wurde sehr regelmässig angelegt, 5½ Kilometer breit von Ost nach West, 6½ Kilometer lang von Nord nach Süd. 115 der Fläche, in der Mitte der Nordseite, wurde für den Palast des Herrschers (Heianjo = Friedensschloss) eingeräumt; von hier zog eine Strasse von 240 Fuss Breite senkrecht nach Süden.

Auch die damit gleichlaufenden Nord-Südstrassen wurden sehr breit angelegt und neun, welche die Namen Erste Strasse, Zweite Strasse u. s. w. führen, von Ost nach West. Also der Städte-Plan und die Strassen-Bezeichnung waren vor 1000 Jahren so zweckmässig und einfach, wie derzeit nirgends in Europa, ja wie wir sie auch heutzutage nur selten in den alten Erdtheilen vorfinden, wo auf das Bestehende so viel Rücksicht zu nehmen war, regelmässig aber in dem neuen und in dieser Hinsicht unbeschränkten America. In dem Palast zu Kyoto lebten im Kreise des Hofadels (Kuge), dem Volk verborgen, die göttlichen Mikado. Seit der Einführung des Shogunats (1192 n. Ch.) waren sie in der Hand des wirklichen Herrschers nur willenlose Puppen, die oft genug, freiwillig oder einem sanften Zwange nachgebend, zurücktraten, um ein beschauliches Mönchsleben in einem schönen Gartenhaus zu führen, ganz besonders in den letzten 250 Jahren (1603 bis 1868) zur Zeit der Tokuyawa Shogune. Der vorletzte Mikado brachte[S. 147] in seinem weitläufigen Palast seine Zeit mit der Pflege des No-Spiels hin. Der jetzige Mikado Mutsu Hito hat, in richtiger Würdigung der Verhältnisse, nachdem er die weltliche Herrschaft wieder erlangt, seinen Wohnsitz nach Tokyo verlegt, von wo aus Japan während der Blüthezeit des Reiches kraftvoll regiert worden war.

So macht denn Kyoto heutzutage den Eindruck einer abgesetzten Hauptstadt, wie Versailles unter der heutigen Regierungsform Frankreichs. Aber Kyoto ist immer noch die erste Stadt Japan’s im Kunstgewerbe, in regelmässiger Bauart und Reinlichkeit der Strassen; und die dritte an Volkszahl: sie hat 279000 Einwohner. (Im Mittelalter vielleicht das Doppelte.[205]) Noch werden Kunst und Wissenschaft gepflegt, aber Osaka und Kobe haben den Handel und die Ausfuhr an sich gerissen. Immerhin ist es für den europäischen Reisenden die interessanteste Stadt Japan’s, welche in Palästen und Tempeln[206] die grössten Sehenswürdigkeiten bietet und zu einem längeren Aufenthalt einladet, als ihr gewöhnlich von dem mit seinem japanischen Führer durcheilenden Globetrotter gewidmet wird.

Ich selber habe eine inhalts- und genussreiche Woche hier zugebracht. (Vom 30. September bis 6. October.) Merkwürdig ist, dass Kyoto, der Sitz des Mikado, des Shinto-Horts, gleichzeitig die heilige Stadt der Buddhisten geworden und geblieben: das spricht für einen Grad von Duldsamkeit der Ostasiaten, der uns Europäern bis heute noch unbekannt geblieben.

Für mich war die freundliche Fürsorge meiner ehemaligen Zuhörer und der übrigen Aerzte von entscheidender Bedeutung. Die ältesten Klöster und Kirchen öffneten mir, wenn ich mit dem Hausarzt des Oberpriesters anklopfte, bereitwilligst ihre Pforten und gewährten mir Einblick in die eifersüchtig gehüteten Kunstschätze; ich habe einige Dinge gesehen, die vielleicht noch keines Europäers Auge erblickt hatte.

Schon der Empfang und das Geleit nach dem ziemlich guten Kyoto-Hotel,[207] 20 Jinrikisha hinter einander, mit den schnellsten Läufern bespannt, so seltsam dies auch dem Auge des Europäers erscheinen mochte, erregte das freudige Staunen der Einheimischen, die in ihren Zeitungen stets über meine Reisen, Festessen und die dabei gehaltenen Reden unterrichtet waren, und erweckte den Neid eines amerikanischen Reisegefährten, mit dem ich den stillen Ocean[S. 148] gekreuzt hatte. „Was kostet dieser prachtvolle Zug so gut gekleideter Japaner? Kann ich ihn nicht auch haben? Mein Führer hat mir davon nichts gesagt.“ Ich erwiederte ihm, das könne er auch haben, und noch dazu ganz umsonst: er solle nur Universitätsvorlesungen halten, die den Japanern gefielen. Der Mann erinnerte mich an einen Californier, welcher in Korinth beim Frühstück mir die Frage vorgelegt, ob er nicht Olympia kaufen könne, oder (da ich ihn auslachte) „wenigstens Delphoi.“

Der erste Nachmittag war einem Ausflug nach dem volksthümlichsten Tempel der Stadt gewidmet, nach Sanjusangendo. Das Wort bedeutet „33 Zwischenräume“, nämlich zwischen den Pfeilern. Der Tempel ist der Kwannon, der Göttin der Gnade gewidmet, der tausendarmigen, da die Gottheit mit tausend Mitteln für den Sterblichen sorgt. In Wirklichkeit hat sie 40 Hände, welche buddhistische Sinnbilder halten, die Lotusblume der Reinheit, die Sonne, den Mond; eine Axt, um die Sorgen dieser Welt zu beseitigen, die metallene Büchse der buddhistischen Bettelmönche. Höchst merkwürdig ist im Innern des Tempels der Wald von 5 Fuss hohen vergoldeten Bildsäulen der Göttin, die reihenweise aufgestellt sind. Es sollen 33000 sein, sind aber in Wirklichkeit nur 1000; die erste Zahl kommt heraus, wenn man die kleineren Götterbilder an den Köpfen, Heiligenscheinen, in den Händen der grössern hinzu rechnet. Auf dem Altar ist eine grosse sitzende Figur von Kwannon, darum einige vom Alter geschwärzte, sehr gut gearbeitete Holzbildsäulen von Heiligen. Der Tempel ist 1132 gegründet, 1165 von dem ehemaligen Mikado Go-Shirakawa ausgeschmückt, 1266 und 1662 (nach Feuersbrünsten) neu aufgebaut, das letzte Mal von dem Shogun Yetsuna.

Folglich hat Kämpfer (1690–1692) die jetzige Gestalt des Tempels gesehen und abgebildet. Auf seiner Zeichnung ist eine merkwürdige Sitte der alten Zeit dargestellt: die Bogenschützen übten sich, von einem Ende der Vorhalle bis zum andern zu schiessen. Das Gebäude hat die achtungswerthe Länge von 389 Fuss, bei 57 Fuss Breite. Heutzutage sieht man keine Bogenschützen, aber ein lustiges Gewühl grosser und kleiner Kinder, unter denen übrigens mehr und beharrlichere Bettler sind, als ich sonst irgendwo in Japan gefunden.

Der genannte Go-Shirakawa litt an heftigem, schier unheilbarem Kopfschmerz. Als er hier im Tempel bis Mitternacht betete, erschien ihm ein Mönch und theilte ihm mit, dass er, der Mikado, in einem früheren Dasein der Mönch Renge-bo gewesen sei, dessen Schädel jetzt in einem Flusse liege und durch einen daraus emporgewachsenen Weidenbaum von dem Winde erschüttert würde. Daher der Kopf[S. 149]schmerz! Als der Fürst erwachte, liess er den Schädel an der ihm genannten Stelle aufsuchen und dem Hauptbildniss der Kwannon einverleiben. So wurde er geheilt. Man sieht, die japanischen Priester-Aerzte kannten die Wirkung des Tempel-Schlafes so gut wie die griechischen, deren Gebahren Aristophanes so ergötzlich beschrieben.

In der Nachbarschaft ist eine grosse Buddha-Bildsäule (Daibutsu) aus Holz, 58 Fuss hoch, nur Kopf und Schulter, aber grundhässlich, 1801 durch einen Kaufmann aus Osaka errichtet, an derjenigen Stelle, wo einst Hideyori, Yeyasu’s Mitbewerber um den Thron, auf dessen listigen Rath sein ganzes Vermögen auf den Bau einer 58 Fuss hohen sitzenden Bronzebildsäule des Buddha verschwendet, die schon 1662 mitsammt dem umgebenden Tempel durch ein Erdbeben zerstört und — zu Kupfermünzen eingeschmolzen worden.

Neben dem Daibutsu hängt eine der beiden grössten Glocken Japan’s, 14 Fuss hoch, 9 Zoll dick, 9 Fuss im Durchmesser,[208] 63000 kg schwer, gleichfalls von Hideyori. Die japanischen Glocken sind Hohlcylinder mit oberer Kuppel ohne die untere Erweiterung der unsrigen. Sie werden angeschlagen durch einen aufgehängten Holzbalken, den man einmal mit grosser Kraft dagegen schwingt. Der Klang ist sehr schön, das Nachklingen dauert eine volle Minute. Leider verwenden die Japaner heutzutage, z. B. im Eisenbahndienst, die weit hässlicheren Glocken Europas.

Eine Strasse, zu beiden Seiten dicht besetzt mit Läden voll irdener Spielwaaren für die Kinder, leitet empor zu einem Hügel mit schöner Aussicht und zu dem Tempel Kiyomizu-dera, der geburtshelfenden Kwannon gewidmet, und darum stets bei Tag und bei Nacht von Frauenschaaren belagert. Durch ein zweithoriges, hohes Gitter kommt man vorbei an kleineren Schreinen zu dem Haupttempel, der in absichtlicher Einfachheit prangt, mit unbehauenen Holzsäulen und nacktem Flur. Der Schrein mit der 5 Fuss hohen Bildsäule der Kwannon wird nur alle 30 Jahre einmal geöffnet.

Am Abend besuchte ich mit sämmtlichen Deutschen, die gerade in dem Hotel verweilten, sieben an der Zahl, darunter ein Ehepaar aus Canton, die Theaterstrasse von Kyoto, die dicht bei unserm Hotel[S. 150] liegt. Das ist ein seltsamer Anblick. Haus bei Haus Theater, Bogenschiessstand, Würfelbude, Theehaus; Alles mit den zierlichen Laternen auf das festlichste erleuchtet, die Strassen gedrängt voll von der fröhlichen Menge, Gross wie Klein an den nämlichen Nichtigkeiten sich erfreuend. Das Theater fesselte uns nicht lange, da es ziemlich gewöhnlich war, und wir das Stück trotz der Erläuterungen des mitgenommenen Führers nicht verstanden.

Achtungswerth sind die Leistungen der Gaukler; diese Leute sind nicht bloss sehr geschickt, sondern auch ausnehmend kräftig; einer balancirt mit den Füssen einen grossen Holzkübel, in dem ein Baum und auf dessen Aesten zwei oder drei Menschen sich befinden.

Eigenartig ist das Glücksspiel. Man kauft ein Loos, das zu sechs Ziehungen berechtigt, und holt kleine japanische Kinder heran; ein dickes, dichtes Bündel von Fäden mit kleinen Handgriffen hängt herab; das Kind ergreift einen und zieht; an dem Faden hängt entweder ein Spielzeug als Gewinn oder eine Niete. Nur eines störte das Vergnügen in Ostasien, die englische Inschrift, dass vor Taschendieben gewarnt wird.

Der folgende Tag war den Palästen gewidmet.

Der des Mikado (Gosho genannt), 798 n. Chr. erbaut, wiederholentlich durch Feuer zerstört[209] und neu erbaut, das letzte Mal 1854 im alten Styl wieder aufgerichtet, seit 1868 nicht mehr bewohnt, bedeckt 26 Acres[210] (= 10 ha) und ist von einem niedrigen geglätteten Erdwall mit sechs Thoren umgeben. Von den Schwierigkeiten, welche die Palastbeamten manchem Reisenden bereiteten, habe ich nichts verspürt. Man zeigt den auf den Namen lautenden Erlaubnissschein, wird in ein kleines Haus geführt, das als Empfangshalle dient, und zeichnet seinen Namen in das ausliegende Buch. Von hier aus begleitete uns ein höherer Beamter von sehr würdevollem Benehmen, in japanischer Tracht, den Fächer in der Rechten, zu den verschiedenen Gebäuden, welche über die grosse Fläche zerstreut sind.

Zuerst nach Seiryōden, das heisst die kühle Halle. Das Gebäude (63×36 Fuss) ist aus dem Holze des heiligen Baums (hinoki, chamaecyparis), aus dem auch die Shinto-Tempel gebaut sind, und macht mit seinen rothgestrichenen Pfeilern und dem dicken Schindeldach (aus der Rinde desselben Baumes) einen höchst feierlichen Eindruck. Ursprünglich war es der Wohnsitz des Mikado, später aber wurde es nur zu Festlichkeiten benutzt. In einer Ecke besteht der Fussboden[S. 151] aus Cement, worauf jeden Morgen frische Erde gestreut wurde, so dass der Fürst, ohne das Haus zu verlassen, seinen Vorfahren auf erdigem Grunde die vorgeschriebenen Opfer darbringen konnte.

Der Thron ist eine Erhöhung, mit Seidenvorhängen, der eigentliche Sitz eine Matte.

Durch grosse, leere Höfe werden wir weiter geführt nach Shi-shin-den, d. h. erhabene Purpur-Halle. Hier ist auf einer Erhöhung der wirkliche Thron mit Seidenvorhängen und einem Sessel. Die Vornehmsten (Prinzen) sassen in dem Saal, die weniger Vornehmen standen, entsprechend den 18 Rangklassen, — auf den 18 Treppenstufen, die in den Hof hinabführten. Dort standen oder lagen die letzten, Ji-ge genannt, d. h. nieder in den Staub.

Von hier kamen wir nach des Mikado’s Studirzimmer, wo ihm Vorlesungen gehalten, und Musik und Dichtkunst gepflegt wurden, in der Nähe auch das No-Spiel. Hier sind prachtvolle Schränke und bemalte Gleit-Wände. Die Figur giebt eine Skizze der Flächenansicht.

Studierzimmer des Mikado; Flächenansicht

1, 2, 3 ist der Tisch; 4, 5, 6, 7 der Schrank in der Nische des japanischen Studirzimmers. 4, 5, 6, 7 sind schön bemalte Schiebethüren, 5 und 6 vor 4 und 7 hervorstehend; alle nicht durch hervorragende Knöpfe, sondern durch metallisch eingelegte Vertiefungen, in welche der Finger eingesetzt wird, nach der Seite zu schieben.

Die Anwendung der gleitenden Wände ist auf der folgenden Figur in einem wagerechten Durchschnitt dargestellt.

Studierzimmer des Mikado; waagerechter Schnitt

1 und 2 sind viereckige, schwarz lackirte Pfeiler; 3 und 4 die Planken, die in den vorderen Rillen laufen; 5 und 6 die der hinteren. Die Anordnung der Rillen wird klar aus dem senkrechten Durchschnitt nebenstehender Figur.

Rillen der gleitenden Wände

Bewegt werden diese Thüren durch höchst geschmackvolle Schnurschlingen.

[S. 152]

Die Gemälde in diesen Räumen sind chinesische Landschaften, Chrysanthemum, wilde Gänse, die durch kräftige Hervorhebung der Zähne sogar recht wild aussehen.

Schliesslich kamen wir nach der eigentlichen Wohnung und den Behausungen des Gefolges.

Der Palast des Shogun, 1601 von Jeyasu als Absteigequartier gegründet, hiess auf japanisch Nijo-no-Shiro, d. h. Nijo-Burg. In der That, prachtvoll im Innern, sieht er von aussen wie eine Festung aus. Im Jahre 1868 hat hier der jetzige Mikado, in seine vollen Rechte wieder eingesetzt, in Gegenwart des Staatsraths einen feierlichen Eid abgelegt, dass er in Uebereinstimmung mit der öffentlichen Meinung und der zu erwählenden Volksvertretung regieren werde. Hierauf wurde der Palast als Regierungsgebäude des Bezirks von Kyoto benutzt, und, nachdem etliche von den herrlichen Kunstwerken unersetzliche Schädigung erlitten hatten, 1883 wieder als Sommerpalast des Mikado übernommen und 1885/86 ausgebessert. Damals wurde das Wappen des Shogun (Awoi-mon, die drei Haselwurz-Blätter) an allen Thürbeschlägen ersetzt durch das des Mikado, die 16blättrige Chrysanthemumblüthe (Kiku-no-hana-mon). Leider sind die neuen Metallbeschläge wahres Blech gegen die alten!

Eine cyclopische Mauer bildet die Umwallung des Schlossgebietes. Das mächtige Thor mit vergoldetem Schnitzwerk und Metallbeschlag bleibt verschlossen; der Reisende muss durch ein bescheidenes Seitenpförtchen eintreten; dann durch einen Hof und ein zweites Thor, das dem ersten ähnlich ist, in ein Wartezimmer, wo er wieder seinen Namen in das Buch einträgt.

Nunmehr werden wir durch eine Reihe von saalartigen Gemächern geführt; die Wände sind mit grossen Gemälden (von Palmbäumen, Tigern, Riesen-Adlern) auf Goldgrund bedeckt. Der obere durchbrochene Theil (Ramma) zeigt ausgezeichnete Holzschnitzereien, einige von Hidari Jingorō, z. B. Fasanen: dabei auf beiden Seiten ganz verschieden. Die Decken, soweit sie erhalten sind, lassen höchst geschmackvolle Verzierungen erkennen. Sehr berühmt war ein Gemälde, der nasse Reiher, der betrübt auf dem Seitenrand des Kahnes sitzt. Auf diese Wandstelle hatte der Präfect früher seine Bekanntmachungen ankleben lassen!

In dem riesengrossen Audienzsaal sind die mächtigen vergoldeten Wände nur mit düstern Fichten, ganz ohne Beiwerk von Mensch und Thier, bemalt. In diesem Palast, von dem leider nur ein Theil erhalten ist, vergisst man die landläufige Ansicht, dass die japanische Kunst nur Kleines und Niedliches schaffe. Die Wirkung ist grossartig,[S. 153] ja überwältigend. Die Anlage und Ausstattung dieses Schlosses entsprach der Hoheit der Fürsten, die einst darin walteten.

Nach kurzer Frühstückspause setzte sich unser Zug wieder in Bewegung, um erstlich Porzellan- und Seiden-Fabriken,[211] zweitens Klöster und Kirchen zu besichtigen.

Kurodani, ein Kloster der buddhistischen Jodo-Secte, im 13. Jahrhundert n. Chr. begründet und im 18. Jahrhundert umgebaut, liegt reizvoll an der Seite eines Hügels. An diesem Ort ward der japanische Saulus zum Paulus: Kumagai Naozone, ein tapferer Krieger, hatte in einer Schlacht bei Kobe (1184 n. Chr.) einen edlen Jüngling aus dem feindlichen Clan, Atsumori, überwältigt; reisst ihm den Helm ab, um ihm das Haupt abzuschlagen; wird von dem edlen Antlitz tief ergriffen, — wie die Jungfrau von Orleans bei dem Treffen mit Lionel, — überwindet das Mitleid und tödtet den Jüngling, der heldenmüthig, ohne zu klagen, dem Schicksal sich unterwirft. Aber Naozone findet fürder keine Ruhe, er legt sein Schwert nieder in dem Tempel von Kurodani und widmet den Rest seines Lebens dem Gebet für Atsumori. Die Begebenheit bildet den Gegenstand eines geschichtlichen Schauspiels der Japaner.

Am Eingang des Klosters stehen zwei wundervolle Fichten. Die Zweige der einen sind durch Stützen wie ein Fächer ausgebreitet, die der andren, an welcher Naozone seine Waffen aufhing, wie ein Lotosblatt gestaltet. Die Japaner treiben eine wahre Orthopaedie der Bäume.

Der Altar strotzt von Gold. Ein vergoldeter Schrein enthält die Bildsäule des Kloster-Gründers Honen Shonin; ein Gemälde auf einem Gang hinter dem Altar hat die (auch bei uns im vorigen Jahrhundert so beliebte) Eigenschaft, den Beschauer grade anzublicken, wo letzterer auch sich hinstellt. Neben dem Altar hängen zwei Kakemonos. Das eine ist ein Gemälde und stellt Mandara dar, das Paradies der Buddhisten mit den zahlreichen Heimstätten der Seligen. Das andere ist eine Stickerei aus dem Jahre 1669 und stellt dar den Eintritt Buddha’s in Nirwana (Nehanzō). Buddha liegt ausgestreckt auf einem niedrigen Lager: Götter, Menschen, Thiere stehen rings herum und bezeugen ihm anbetende Bewunderung.

Mit Zuvorkommenheit zeigen uns die Priester auch die inneren Gemächer und deren zahlreiche Gemälde, z. B. die Geschichte des[S. 154] Gründers, in chinesischer Manier; 50 Buddhas, deren Körper und Heiligenschein lediglich aus den chinesischen Buchstaben des Gebetanfangs (Namu Amida Butsu) besteht, u. dgl. mehr, endlich auch das Riesenschwert von Naozone.

Ueber einen schöngelegenen, an dem Hügel emporsteigenden und mit zahlreichen Bronze-Bildsäulen von Buddha geschmückten Kirchhof gelangen wir zu dem grossen Tempel Shinnyo-do.

Die Inschrift, von dem berühmten Schönschreiber und Heiligen Kobo Daishi (774–834 n. Chr.), hat einen fehlerhaften Buchstaben. Daher das japanische Sprichwort: mitunter irrt sich auch Kobo; ganz ähnlich dem römischen: mitunter schläft auch Homer.

Ginkakuji, das silberne Gartenhaus, liegt jenseits der Nordostgrenze von Kyoto in einem Dorfe.

Hierher zog sich 1479 n. Chr. Yoshimasa zurück, nachdem er die Würde des Shogun niedergelegt. Noch heute zeigt man die Plätze, wo er philosophirte, wo er den Mond bewunderte u. s. w. Der Garten lehnt sich an einen dicht mit Fichten bewachsenen Hügel, sieht darum natürlicher aus, als die meisten in Japan, und bietet eine angenehme Erholung. Das Gartenhaus ist stark verfallen und war nie mit Silber belegt, da Yoshimasa eher starb, als er seinen Plan ganz durchführen konnte. Hier wurden die berühmten Thee-Ceremonien erfunden. Der Priester, welcher als Führer dient, bewirthet den Reisenden mit einer Tasse Thee, die man aber ohne Ceremonien nehmen darf.

Nachdem wir noch das Nanzenji-Kloster besucht, mit seinem Riesenthor, und den vergoldeten Bildsäulen von Shaka und zwei andern, deren Namen wir weniger leicht behalten; kam einmal zur Abwechslung ein weltliches Schaustück, der Canal des Biwa-See.

Biwa heisst Guitarre. Der Biwa-See, nach japanischer Ueberlieferung im Jahre 286 v. Chr. durch ein Erdbeben plötzlich entstanden, während gleichzeitig Berg Fuji aus der Ebene sich emporhob, ist etwa 36 englische Meilen lang und 12 breit, ungefähr so gross, wie der Genfer See. Er liegt mit seinem Wasserspiegel 100 Meter über dem Meer, hat eine grösste Tiefe von 100 Metern, zahlreiche flache Stellen, und einzelne kleine Felseninseln. Seine acht Schönheiten werden von der Dichtkunst und der Malerei der Japaner verherrlicht. Sein natürlicher Auslass ist ein Fluss, der vom Südende des See’s beginnt, erst als Seta-gawa, dann als Uji-gawa, und schliesslich, als Yodo-gawa, bei Osaka in die gleichnamige Bucht strömt.

Ein Nebenfluss ist der Kamo-gawa, der Kioto bewässert und südlich von der Hauptstadt, bei Fushimi, in den Yodogawa sich ergiesst.[S. 155] Zu diesem natürlichen Auslass kommt noch ein künstlicher, der Biwa-Canal, von einem japanischen Studenten der Ingenieurschule ersonnen und auch unter seiner Leitung 1885–1890 ausgeführt, für 1¼ Millionen Yen, von denen der Mikado ein Drittel gespendet. Der Canal besteht aus zwei Zweigen, dem einen für die Schifffahrt, dem andern für künstliche Bewässerung und zur Krafterzeugung. Der erste ist gegen 7 Kilometer lang, der zweite etwas über 5 Kilometer, der Fall beträgt 193 Fuss. Der Hauptcanal führt von dem See in den Kamogawa; aber dicht vor Kyoto ist eine stark geneigte Ebene, über welche die Schiffchen mittelst einer Drahtseilbahn, deren bewegende Kraft von dem Wasser des oberen Canalabschnittes geliefert wird, abwärts befördert werden, zu einem offenen Canal mit einer Schleuse.

Obwohl nur kleine Schiffe passiren können, ist es doch ein hübsches Werk, ein beredtes Zeugniss von der Schnelligkeit, mit welcher Jung-Japan die Errungenschaften der neuen Naturforschung annimmt. In Stambul, Aegypten, Klein-Asien sind alle Werke der Art ausschliesslich von Europäern hergestellt.

Noch eine Bemerkung möchte ich machen. Wie man vor der Ausführung des Suez-Canals zur Zeit des ersten Napoleon die unbegründete Furcht hegte, dass in Folge eines höheren Wasserspiegels im rothen Meer Unterägypten bis zum Mittelmeer unter Wasser gesetzt werden könnte; so fürchtete man in Japan, dass durch den Canal der herrliche Biwa-See abfliessen und mit seinen acht Schönheiten und der reichen Ernte von Fischen und Tang ganz austrocknen könne. Selbstverständlich ist das Niveau des See’s gar nicht geändert worden; der Canal ist weit schmäler als der natürliche Ausfluss. Mit Vergnügen wanderten wir über einen bedeckten Theil des Canals und würdigten die japanischen Leistungen im Wasserbau.

Den Beschluss der Betrachtungen machte wieder ein Kloster, das hauptsächlichste der buddhistischen Jodo-Secte, Chion-in, auf einem Hügel wie eine Festung belegen.

Das Kloster ist 1211 n. Chr. gegründet von dem frommen und grundgelehrten Honen Shonin, der eine besondere Lehre begründet, von der Erlösung oder dem Wege zu dem reinen Land. (Japan. Jodo, im Sanscrit Sukhavâti, d. i. der Himmel von Amida.) Vier Mal ist das Gebäude vom Feuer zerstört worden und rührt in seiner gegenwärtigen Gestalt her von Jeyasu (1603) und Jemitsu (1630).

Eine breite Allee führt zu einem mächtigen 80 Fuss hohen Thorweg, in dessen zweitem Stockwerk lebensgrosse Holzbildsäulen von Shaka und seinen Jüngern zu bewundern sind, sowie eine herrliche[S. 156] Aussicht über die Stadt, über die hügelige Landschaft mit zahlreichen Wohnhäusern und auf den Wald. Ich weiss nicht, ob es zufällig oder absichtlich geordnet ist; aber das Bild des letzteren war sehr ebenmässig und malerisch, ich sah die folgende Ordnung: Fichte, Bambus, Laubholz, Bambus, Fichte. Die 1633 n. Chr. gegossene grosse Glocke (10,8 Fuss hoch, 9 Fuss weit, 74 Tonnen schwer) wird seit Kurzem mittelst einer Maschine bedient, welche den mächtigen Holzbalken zum Anschlag bewegt. Der Haupttempel, 167×138, 94 Fuss hoch, ist das grösste Gebäude in Kyoto. Der Altar ist dem Gründer gewidmet; vor ihm stehen metallische Lotuspflanzen von 21 Fuss Höhe in Bronzegefässen.

In dem zu dem Kloster gehörigen Palast, den Jemitsu erbaut hat, sind berühmte Gemälde der Kano-Schule: die Katze, welche den Beschauer anblickt, wo er auch stehen mag; der Sperling, der angeblich, als die Wand schon bemalt war, durch das Zimmer flog und nun auch abgebildet wurde.

Der folgende Tag war, der Abwechslung halber, einem Ausflug gewidmet und zwar nach den Wasserfällen des Katsura-gawa.

Früh um 8 Uhr brach ich auf in zweispänniger Jinrikisha, deren Kasten vorsorglich das Frühstück nebst Getränk (Flaschenbier) barg; mit zwei jungen Aerzten, die mich nicht allein lassen wollten, und dem Führer, der eigentlich Nachfolger war und den ich nur angenommen, um den Collegen zu zeigen, dass ich Führerdienste von ihnen nicht beanspruchte.

Die Fahrt geht westlich durch die ausgedehnte Stadt und die dicht anschliessenden Dörfer, zwischen Feldern, die besser aussehen als riechen, da allenthalben kleine Dunggruben eingerichtet sind; im guten Schritt einen Hügel empor, durch einen hübschen, neuen Tunnel (ähnlich dem vom Posilip bei Neapel, nur kürzer,) und im Galopp bergab nach dem Dorfe Hodzu, 14 englische Meilen von Kyoto, wo die Wasserfälle beginnen. Auch die bergige Gegend war sehr belebt; Menschen und Ochsen ziehen kleinere oder grössere Karren, bergauf mit Reis, bergab mit Holz und Kohlen.

Bei Hodzu werden die Jinrikisha mit in das grosse, aus zolldicken biegsamen Brettern, ohne Rippen, zusammengefügte Boot genommen. Das letztere wird mit Grashalmen gelenkt, nämlich mit langen Bambusstäben. Der Fluss dringt zwischen die Berge, die allenthalben steil, mitunter fast senkrecht emporsteigen, an den Wänden einzelne Fichten tragen, oben dicht (mit Fichten, Buchen, Bambus) bewaldet sind. Unsere Thalfahrt beträgt 13 englische Meilen und dauert zwei Stunden, zur Rückfahrt braucht das Boot sechs Stunden[S. 157] und wird mittelst Seilen getreidelt. Wir begegnen vielen Frachtbooten, die so flussaufwärts fuhren. Von Zeit zu Zeit kommen Stromschnellen, die trotz ihrer hochtrabenden Namen, wie Löwen-Rachen, nicht im mindesten gefährlich oder nur aufregend, sondern eher belustigend sind, — gerade so wie die an dem ersten Cataract des Nil. In dem ausserordentlich schön gelegenen Theehaus zu Arashiyama ruhen wir aus[212] und erfreuen uns des mitgebrachten Frühstücks.

Auf der Heimfahrt in Jinrikisha lernte ich die Richtigkeit des Satzes kennen: Kein Tag ohne Tempel. Das gilt für den Reisenden in Japan, wie in Rom.

Wir besuchten zunächst Kitano Tenjin. Dieser Tempel ist dem Tenjin Sama geweiht, dem berühmten Minister und Gelehrten, der 901 n. Chr. in Ungnade fiel und, als Vicepräsident nach der Insel Kiushiu verbannt, daselbst 903 verstorben ist. Er wird unter anderem auch als Gott der Schönschreibekunst verehrt. Da er auf einer Kuh zu reiten liebte, findet man verschiedene Bildsäulen dieses Thieres auf dem Tempel-Grund. Sehr seltsam ist eine Art von Schuppen, unter dessen Dach zahlreiche, hieher gestiftete Bilder aufgehängt sind; dieselben schienen von verschiedenem, zum Theil recht zweifelhaftem Werthe zu sein. Manche sind wie gespickt von Papierkügelchen. Die Gläubigen kauen ein Stück Papier und speien dasselbe gegen das Bild; wenn es haftet, ist der Heilige gnädig und zur Gewährung der Bitte geneigt.

Unablässiges Gewühl fröhlichen Volkes füllt die Räume dieses der Ryobo Shinto-Secte gehörigen Heiligthums, in dem zahlreiche Theehäuser zum Verweilen einladen.

Weit vornehmer ist Kinkakuji, ein Kloster der buddhistischen Zen-Secte. Kinkaku heisst goldenes Gartenhaus. Das war das Vorbild für das silberne (Ginkaku), von dem ich schon gesprochen. Im Jahre 1397 n. Chr. zog sich Yoshimitsu hierher zurück, nachdem er drei Jahre zuvor die Würde des Shogun seinem jungen Sohn übergeben; schor sein Haupt, zog die Kutte eines buddhistischen Mönches an und lebte in Zurückgezogenheit, aber doch unter lebhafter Theilnahme an den Staatsgeschäften: genau so, wie sein unbewusster Nachahmer Karl der Fünfte (1556–1558) zu San Yuste in Estremadura, und wie der grosse Jeyasu.

Noch steht aufrecht, wiewohl schon verwittert, das alte Gartenhaus, 33×24 Fuss, dreistöckig, mit Bildsäulen des Gründers und[S. 158] Amida’s im Innern, fast erloschenen Wandgemälden und mit Spuren der dicken Vergoldung an den Wänden des Ober-Stocks, sowie mit einem 3 Fuss hohen Phönix auf dem Dach. Reizvoll ist der stille Garten mit seinem See, dessen Ufer und Inselchen fichtenbekränzt sind, und dessen Wasser uralte, gierige Karpfen birgt, die sofort zum Futterplatz schwimmen, sowie ein Fremder naht. Eine Pinie in Dschunkenform wird von den Japanern besonders schön gefunden. Der Reisende zieht die Gemälde in den Wohnräumen vor: mit Staunen erblickt er lustige Scenen, z. B. Kinder, die auf einen Elephanten emporklettern und mit Hunden spielen, in der Art wie Murillo — in Japan sie gemalt haben könnte; mit Bewunderung chinesische Kleinmalerei. Der Priester bewirthet uns wieder mit Thee und verabschiedet sich mit grosser Höflichkeit.

Die Fahrt über den Biwa See (am 3. October) war darum besonders genussreich und ergiebig, weil der kleine Dampfer uns ausschliesslich zur Verfügung gestellt war. Mit meinen zwei unermüdlichen Collegen fuhr ich nach Otsu, woselbst die Aerzte des Ortes mich empfingen und der Erste (Dr. Muradsi) die Führung übernahm. Höchst drollig war es, wie jeder Mensch im Orte ihn mit rechtwinkliger Neigung des Körpers begrüsste: die japanische Mutter, die das Kleine auf ihren Rücken gebunden trägt; der Vater, der ein schon grösseres Kind auf dem Arm hält, die Kleinen dabei durchaus ruhig und artig, ohne im geringsten zu schreien, und das zwanzig Mal hintereinander in jeder Gasse!

Der Biwa-See hatte zwar zur Zeit nicht den hellgrünen Wasserspiegel, den Rein rühmend hervorhebt, da eben der Himmel ein wenig bewölkt war, aber doch höchst reizvolle Ufer; er ist hier, an seinem Südende von niedrigen, bewaldeten Bergen umgeben, welche die Gestalt von Vulkanen besitzen.

Wir fahren fort, — erst unter der neuen Eisenbahnbrücke, dann unter der alten Brücke von Seta, die den Fluss Setagawa da überspannt, wo er aus der Südost-Ecke des See’s hervorkommt. Eine Brücke hat hier, am Nakasendo, der Gebirgs-Heerstrasse zwischen Kyoto und Tokyo (aus dem achten Jahrhundert n. Chr.), seit uralter Zeit bestanden. Die jetzige ist erst im Jahre 1875 wiederhergestellt. Es ist eine Doppelbrücke, da in der Mitte des Flusses eine Insel liegt, von 215 + 576 Fuss Länge, auf hölzernen Jochen ruhend. Die Brücke ist berühmt in Sage und Geschichte. Hier hat, nach alten Mären, der kühne, auf Abenteuer ausziehende Ritter das hundertfüssige Ungeheuer besiegt und zum Lohn von einem dankbaren Zwerge den Sack mit Reis empfangen, der nie leer wurde, so oft er auch daraus seine Nahrung entnahm.

[S. 159]

Um den Besitz dieses wichtigen Uebergangs ist in geschichtlicher Zeit so manch’ blutiger Strauss gefochten worden.

Wir dampfen eine kurze Strecke flussabwärts und landen bei dem berühmten Kloster Ishiyama-dera. Der Name heisst wörtlich Felsbergtempel und rührt her von einigen abenteuerlich gestalteten schwarzen Fels-Steinen und Rücken, die inmitten des Tempelgrundes hervorragen und von den findigen Priestern mit Geschick zur Verschönerung ihrer Gartenanlagen benutzt worden sind. Gegründet ist das Kloster 749 n. Chr., umgebaut 1078 und am Ende des 17. Jahrhunderts. Der Haupttempel auf dem Gipfel des dichtbewaldeten Hügels ist der Kwannon gewidmet und zeigt das Götterbild von 16 Fuss Höhe, in dessen Innern der eigentliche Gegenstand der Verehrung, eine Bildsäule von nur 6 Zoll, verborgen liegt. Vor dem Altar hängen Gebet-Mühlen, die ungefähr so gedreht werden, wie unsere Kaffee-Mühlen, und eine Glücksbüchse, welche die Jahreszahl 1888 trägt! Sie enthält 12 Metallstäbe, mit je 1 bis 12 Kerben. Man schüttelt die Büchse und drückt: dann springt ein Stab hervor, gerade so wie aus den niedlichen japanischen Zahnstocher-Büchschen. Der Fragende liest sein „Schicksal“ von einer Tafel ab, die 12 verschiedene Verse enthält. Es ist recht ähnlich, wie auf unseren Jahrmärkten, wo die im Monat Mai geborene Schöne das Verslein zieht: „Die Mädchen geboren im Monat Mai, sind alle lustig und sorgenfrei“; aber, wenn sie älter und erfahrener wird, sehr bald bemerkt, dass diese Weissagungen nicht stimmen. Zahlreiche Besuchskarten von Pilgern, mit Namen, Wohnort, Besuchstag, sind hier aufgehängt, ein weiterer Beweis für die kindliche Art dieses „Gottesdienstes.“

Ein Punkt, welcher auf japanisch als Baum der Vollmondbetrachtung bezeichnet wird, gewährt eine wirklich schöne Aussicht auf den Fluss, die lange Brücke, den See und die Uferberge. Wenn ich auch in meinen ersten japanischen Tagen den Unverstand der gewerbsmässigen Führer zu tadeln hatte, die gar keinen Begriff davon hatten, was den europäischen Reisenden am meisten reizt und fesselt; so muss ich doch den gebildeten Japanern, meinen Collegen, selbst denen, die keine europäische Sprache verstehen, nachrühmen, dass sie für die Natur- und Kunstbedürfnisse des Reisenden ein volles Verständniss an den Tag legten.

Jetzt fahren wir zurück, unter die Brücken durch, bei Otsu vorbei, nach Karasaki[213] am West-Ufer des See’s, wo die in ganz Japan berühmte Fichte steht. Dieser seit uralter Zeit für heilig gehaltene[S. 160] Baum hat die nur mässige Höhe von 90 Fuss, bei 37 Fuss Umfang des Stammes; aber seine fächerartig ausgebreiteten, sorgfältig von hölzernen und sogar von steinernen Stützen getragenen Zweige (380 an der Zahl) bedecken und beschatten eine Fläche von 240×280 Fuss. Alle Löcher im Stamm sind auf das gründlichste ausgekittet,[214] ein kleines Regendach schützt sogar die Spitze, die man für besonders zart und schutzbedürftig ansieht.

Japan hat an schönen Bäumen keinen Mangel. Trotzdem findet man allenthalben, besonders in den grossen Park-Anlagen Tokyo’s, z. B. in Shiba, die rührendste Sorgfalt auf die Erhaltung des einzelnen Baumes verwendet.

Es giebt ja auch bei uns alte und mächtige Bäume; aber sie werden nicht mehr so gepflegt, seitdem in Europa die heiligen Haine ihre Verehrung eingebüsst, und fallen neueren Fortschrittsbedürfnissen zum Opfer. Noch steht allerdings die mächtigste Eiche Europa’s bei Körtlinghausen im Regierungsbezirk Arnsberg; sie zählt über 1000 Jahre und hat bei 22 Meter Höhe einen Umfang von 12,4 Meter nahe der Erde. Noch steht bei Neuenstadt in Württemberg die Linde, welche bereits 1226 n. Chr. in der Chronik als der grosse Baum an der Heerstrasse gepriesen wurde; und die bei Freiburg in der Schweiz, welche bereits zur Zeit der Schlacht bei Murten (1476) wegen ihrer Grösse bekannt war.

Aber diese habe ich leider noch nicht gesehen, dagegen die knorrigen Oelbäume in der Ilissus-Ebene bei Athen, welche schon auf Perikles herabblickten; die bei Carthago, welche die dreimalige Zerstörung der Stadt überdauert haben; die Riesenfichten von Mariposa im Herzen der Sierra Nevada von Californien, welche schon vorhanden waren, als Moses sein Volk aus Aegypten führte; die heilige Fichte von Karasaki und den noch heiligeren Bo-Baum zu Anuradhapura auf Ceylon, der von allen Bäumen der Erde die älteste Geschichte besitzt, da die zu seiner Pflege bestellten Priester schon seit mehr als 2000 Jahren ununterbrochen seine Schicksale verzeichnet haben.

Nach dem feierlichen Frühstück im Theehause zu Otsu wurde der berühmte Tempel von Mi-i-dera, im Norden der Stadt, besucht. Der Name bedeutet Drei-Quellen-Tempel. Das Heiligthum ist der Göttin der Gnade (Kwannon) gewidmet. Das Kloster ist 675 n. Chr. gegründet und zu verschiedenen Malen neu erbaut, das letzte Mal 1690.

[S. 161]

In diesem Kloster packen die heiligen Väter ihre Kunstschätze aus, die sogar in dem so ausführlichen Reisebuch von Murray mit keiner Silbe erwähnt werden, also dem gewöhnlichen Reisenden verborgen bleiben, wenn er eben nicht das Glück hat, mit dem — Hausarzt des Klosters vorzusprechen. Ich sehe erstlich hängende Bilder (Kakemono), darunter ein entzückendes mit „blinde Kuh“ spielenden Kindern. Sodann Rollbilder (Makimono) von bedeutender Länge, 10 Meter und darüber, die auf dem Flur der Vorhalle ausgebreitet, dem (natürlich nach japanischer Art auf dem Boden kauernden) Beobachter langsam vorbei geschoben und gleichzeitig wieder aufgerollt werden. Der Gegenstand dieser langen Bilder ist nicht ein einfacher, sondern eine zusammengehörige Reihe, wie bei manchem unserer Romanschriftsteller.

Ein Bild stellt die sieben Nöthe dar. Zuerst kommt das Erdbeben, dann die Ueberschwemmung und das Feuer, die ja beide oft genug von den Japanern im Gefolge des Erdbebens beobachtet worden, ferner aber der Schiffbruch, das Gewitter, die wilden Thiere. Man sieht den Adler, der ein Kind fortträgt, den Bären, der einen Menschen tödtet, die Schlange, welche sich emporbäumt. Dieses Bild ist von dem berühmten realistischen Künstler Okyo vor etwa 100 Jahren gemalt. Sein Gegenstück heisst die sieben Freuden und behandelt die Reisernte, das Gastmahl und dergl. Grässlich erscheint uns das Bild von den Räubern und Mördern, sowie das Gegenstück, welches ihre Bestrafung (durch Zersägen, Kreuzigen, Viertheilen) darstellt. Höchst merkwürdig fand ich ein im Anfang unsers Jahrhunderts, also noch zur Zeit der Absperrung von Japan, gemaltes allegorisches Weltbild, da diese Welt nur drei Reiche umfasst: Japan, dargestellt durch Amaterasu, die Sonnengöttin; China, vertreten durch Confutse; Indien, durch Shaka-Gautama-Buddha unter seinem heiligen Baum. (San-Koku, die drei Länder.) Rings herum sind verschiedene Gestalten, welche die Himmelsgegenden darstellen, vielleicht auch einige Fremdlinge von der Grenze der Erde. Denn damals glaubten die Japaner, dass an Tenjiku, die Himmels-Stütze oder Indien, die Länder Portugal und Holland, und andere, von denen sie vernommen, unmittelbar sich anschliessen.

Ich wünschte ein Lichtbild von dieser merkwürdigen Darstellung. Der Prior war ganz erschrocken ob meiner Kühnheit, da er das Bild für ein heiliges hielt, — aber nach drei Tagen hatte ich mein Abbild.

Vor dem Eingang zum Kloster ist ein freier Platz mit prachtvoller Aussicht über Berg und Thal, See und Canal, Stadt und Land. Hier steht ein wunderliches Denkmal, — ein Obelisk aus Granit,[S. 162] zum Gedächtniss an diejenigen Krieger des Bezirkes, welche im Kampf gegen die Empörung von Satsuma (1877) gefallen sind.

Ist schon die Gestalt des Denkmals in dieser Umgebung recht gewagt, so erscheint mir ganz unpassend die an dem Gitter angebrachte Sammelbüchse, welche in englischer Sprache Beiträge zur Erhaltung der umgebenden Gartenanlage fordert.

Hier war es auch, wo der Angriff auf den russischen Thronfolger am 11. Mai 1891 seinen Ausgang nahm. Die Sache verlief, nach den Mittheilungen meiner Begleiter und der Augenzeugen, die ich in der engen Gasse von Otsu persönlich befragte, in der folgenden Weise. Der Sohn des Czaren stand in bürgerlicher Kleidung auf dem Platz neben dem Obelisken, begleitet von dem Sohn des Königs von Griechenland, einem japanischen Prinzen und Anderen.

Der dienstthuende Polizeisoldat Tsuda Sanzo, der in dem eben erwähnten Feldzug gegen die Satsuma-Empörer sich ausgezeichnet, ein ordentlicher, aber etwas verrückter Mensch, grüsste militärisch durch Präsentiren des Säbels. Der Czarewitsch dankte nicht, vielleicht sah er den Soldaten gar nicht, sondern kritzelte mit seinem Spazierstock eine Figur in den Sand, die dem Polizisten die Hauptinsel des japanischen Reiches zu sein schien.

Nun muss man bedenken, dass bei den Japanern grosses Missbehagen gegen ihre russischen Nachbarn herrscht, welche ihnen halb mit Gewalt die Insel Sachalin gegen die unbrauchbaren Kurilen abgetrotzt und durch die schon begonnene sibirische Eisenbahn ihnen unangenehm auf den Leib rücken. Viele der gewöhnlichen Japaner glaubten, dass die Reise des Czarewitsch einen politischen Zweck verfolge. Jener Polizeisoldat aber wurde von der Wahnidee befallen, dass der Sohn des russischen Kaisers bereits das theure Vaterland gekauft und erworben habe und ihn wie einen Sklaven missachte; und — getödtet werden müsse.

Aber Ostasiaten denken und handeln nicht so schnell, wie Europäer. Eine Viertelstunde später holte er den Grossfürsten ein, der in einer Jinrikisha sass, (vom einen Mann, hinten einen zweiten,) in einer schmalen Gasse von Otsu vor einem Schneiderladen, und verwundete ihn von hinten mit seinem Schwert in der Schläfengegend. Der japanische Prinz, der griechische Prinz, — als sie den Lärm vernahmen, eilten sie zunächst vorwärts, um einen Ort zur Vertheidigung zu suchen, da sie an eine allgemeine Meuterei glaubten. Der hintere Jinrikisha-Mann aber hatte augenblicklich, ehe der Polizeisoldat zum zweiten, vielleicht verhängnissvollen Schlage ausholen konnte, sich niedergeworfen, den Angreifer bei den Beinen gepackt und ihn zu[S. 163] Boden geschleudert. Sein Vor-Mann half ihm bei der Ueberwältigung und Entwaffnung. Jetzt kam auch der griechische Prinz zurück und griff thätig ein. Die Wunde des Grossfürsten war zum Glück eine leichte, sie wurde von dem russischen Arzt verbunden; der Grossfürst auf sein Kriegsschiff gebracht. Die gesetzestreuen Einwohner von Otsu waren tief betrübt und beantragten bei der Regierung, dass der durch die schnöde That verunglimpfte Name ihres Städtchens umgeändert werde. Der Polizist, dessen Geisteskrankheit festgestellt worden, wurde auf Lebenszeit eingesperrt, ist aber bald darnach verstorben. Der wirkliche Retter des Grossfürsten, der Jinrikisha-Mann, erhielt vom Mikado ein Jahresgehalt von etwa 90 Yen, womit er sehr gut ohne Arbeit auskommen konnte, vom Czaren, nebst einem Orden, ein Jahresgehalt von 1000 Yen, wodurch er bald in ein liederliches Leben und in’s Gefängniss gerieth.

Also das scheint sichergestellt, dass der Czarewitsch weder das religiöse Empfinden, noch die Sitten des japanischen Volkes beleidigt hatte: dass der so beklagenswerthe und auffällige Angriff die That eines verrückten Vaterland-Schwärmers gewesen. Der gewöhnliche Reisende hat nichts in Japan zu befürchten. —

Nachdem wir die Purpurfärbung des Abendhimmels bewundert und auf dem Halteplatz verschiedene Volksscenen belauscht, kehrten wir auf der Eisenbahn zurück nach Kyoto.

Der Vormittag des folgenden Tages (4. Oct.) war wiederum den Tempeln gewidmet.

Zunächst kamen wir nach Nishi Hon-gwan-ji. (West-Haupt-Gebet-Tempel.) Hier ist das Haupt-Quartier der buddhistischen Shin (Geist-) oder Monto (Thorfolger)-Secte, die von Shin-ran 1213 n. Chr. begründet ist, aber erst seit dem 15. Jahrhundert die jetzige Gestaltung angenommen, und 13718 Tempel in Japan besitzt. Man nennt sie[215] die Protestanten des japanischen Buddhismus. Sie verwerfen die Ehelosigkeit der Priester, die Enthaltsamkeit von gewissen Speisen, die Abtödtung und Bussübung, lehren den Glauben an Buddha, ernstes Gebet, edles Denken und Handeln. Ihr eigentlicher Gründer nahm ein Weib, wie Luther, und führte die Volks-Sprache und -Schrift in den Gottesdienst ein.

Das hohe, prächtige Thor des Tempels ist mit Holzschnitzereien der Chrysanthemum-Blume und -Blätter geschmückt, darüber aber ein dichtes Drahtnetz gelegt, damit die Vögel nicht ihre Nester einbauen. Auf dem Hof steht, dem Eingang gegenüber, eine über mannshohe[S. 164] Mauer, damit den vorübergehenden Müssiggängern der Einblick in’s Innere versperrt werde. Ein riesiger Baum auf dem Hofe soll das Gebäude — vor Feuer schützen, da er Regenschauer darüber ausschütte, sowie eine Feuersbrunst in der Nachbarschaft mit Gefahr droht. Doch glaube ich nicht, nach persönlicher Bekanntschaft mit den Priestern, dass sie solchem Aberglauben huldigen.

Das Hauptgebäude misst 138×93 Fuss und deckt 477 Matten. Das Schiff ist einfach, aber die Kanzel ganz und gar vergoldet. Zu jeder Seite der Haupthalle liegt ein ganz und gar vergoldetes Zimmer von 24×36 Fuss, worin Anrufungen des Amida (in Goldbuchstaben auf dunkelblauem Grunde) aufgehängt sind. Das Gebäude ist 1591/92 errichtet, der Schmuck alle 50 Jahre erneuert. In dem Nebentempel, der ähnlich, aber kleiner, sieht man auf der Ramma Engel in vollem Relief. Sehr schön und grossartig sind die Empfangsräume, namentlich der grosse Saal (69×54 Fuss); geschmückt mit Landschaften und Jagdscenen in chinesischem Styl.

Der Oberpriester, der uns geleitet, Akamzu Rensio, gleichzeitig Lehrer an der Priesterschule, die dicht neben Nishi Hongwanji steht und durch ihren „fremden“ Styl gar seltsam absticht, hatte mir schon drinnen, in seinem japanischen Englisch, manch’ merkwürdiges Wort gesagt; unter andern auch, als er meine Heimath erfahren, mich nach Eduard von Hartmann gefragt und grosse Freude geäussert, als ich ihm Einiges aus persönlicher Bekanntschaft erzählen konnte, und lebhaftes Bedauern, dass er dessen Schriften noch nicht gelesen habe, während er Schopenhauer aus der Uebersetzung ganz gut kenne. Aber bei der Verabschiedung setzte er mich völlig in Erstaunen. Der Ausgang führt durch Chokushi Mon, das Gitter des kaiserlichen Gesandten, woselbst die ausserordentlich naturgetreuen Holzschnitzereien, namentlich eines Bauern mit seiner Kuh, von Hidari Jingoro, meine Bewunderung erregten.

„Es ist merkwürdig, Fremdling“, sagte er, „dass Dir dieses so gefällt (und auch Deinen Landsleuten, denn ein Gesandter und ein Baumeister aus Deutschland war auch hier und gleich entzückt); und dass derselbe Gegenstand unser Wohlgefallen erregt. Jeder Mensch hat seine eigne Zunge und seinen eignen Geschmack, den leiblichen und den geistigen. Jeder Mensch hat seine eigne Religion. Es ist Pflicht, duldsam gegen einander zu sein. Wir Buddhisten sind duldsam. Ihr Europäer seid es viel weniger, soviel ich dies beurtheilen kann.“

Ich schüttelte dem alten Biedermann die Rechte und schied von ihm in der Ueberzeugung, dass es Europäer genug giebt, die in Ost[S. 165]asien viel lernen könnten, wenn sie eben fähig wären, sich belehren zu lassen.

Die japanische Bildhauerei ist hauptsächlich Holzschnitzerei und kam mit den Buddhisten in das Land. Der eine „Tempelwächter“ zu Nara stammt aus dem Jahre 1095 n. Chr. Aber schöner sind die Darstellungen von Vögeln und Blumen zu Nikko, Shiba, Ueno aus dem 17. Jahrhundert. Die Grösse der japanischen Bildhauerkunst liegt in der Decoration und in dem Kleinwerk, das voll Humor ist. Der japanische Phidias, Hidari[216] Jingoro (1594–1634 n. Chr.) schuf die Elephanten und die schlafende Katze im Mausoleum von Jeyasu und vieles andere. Von ihm wird die Geschichte von der schönen Galatea, dem Kunstwerk, in das der Künstler sich verliebte, auf echt japanisch erzählt.

Der zweite Tempel, den die Shin oder Hongwanji-Secte in Kyoto (wie in jeder Grosstadt Japan’s) besitzt, heisst Higashi Hon-gwan-ji (Ost-Haupt-Gebet-Tempel). Dieser Tempel ist 1602 gegründet, 1864 in dem Bürgerkrieg zerstört und jetzt neu aufgerichtet, aber noch nicht ganz vollendet. Hier sieht man, dass die Buddha-Lehre in Japan noch nicht todt ist, wie Missionäre fabeln, die es wünschen, sondern vielleicht manche europäische Secte überleben wird; und dass die Kirche über gewaltige Mittel gebietet. Das Gebäude hat eine Länge von 260, eine Breite von 170, eine Höhe von 120 Fuss, das mächtige, tief herabhängende Dach mit 163512 dunklen Ziegeln wird von 96 Pfeilern gestützt. Vier prachtvolle Bronzelaternen schmücken den Eingang, und ferner — ein Riesenseil aus Menschenhaar. 38000 Frauen haben ihren blauschwarzen Haarschmuck geopfert, damit dies Seil zum Aufwinden heiliger Gegenstände geschaffen werde. Alle Provinzen der Nachbarschaft haben beigesteuert, und zwar ungeheure Summen, die Bauern haben persönlich Holz herbeigeschafft, damit der Tempel prachtvoll errichtet werde. Und neu sieht ein solcher Bau wirklich grossartig aus. Noch wird gebaut. Eine gewundene Schrägbahn führt auf das Dach, wie nach der Meinung von Gelehrten die alten Aegypter sie bei ihren Bauten benutzt haben sollen; die Hacke zur Holzbearbeitung sitzt in einem ganz krummen Stiel, wie wir ihn aus dem Grabdenkmal des Ti (2800 v. Chr., V. Dynastie) bei Sakkara kennen.

[S. 166]

Toji, ein buddhistischer Tempel, in der Mitte des 8. Jahrhunderts n. Chr. gegründet, wurde 823 n. Chr. von dem Mikado dem Kobo Daishi übergeben, dem Gründer der buddhistischen Shingon[217]-Secte, die heutzutage 15503 Tempel in Japan besitzt. Die jetzigen Baulichkeiten sind aus dem Jahre 1640, aber leider in Verfall. Hier steht noch der Thurm (Pagode), der sich zum Einsturz neigte, jedoch der Sage nach, durch das Gebet von Kobo Daishi, (nach andern durch einen Graben,) wieder grade gerichtet wurde. Hier stand einst ein Stadtthor, wo der Sage nach ein kühner Ritter den Teufel bekämpfte. Auch hier empfängt uns ein freundlicher Oberpriester und geleitet uns durch die Empfangsgemächer, deren neue Gemälde gewaltig hinter den alten zurückstehen, und deren Ausstattung mit elektrischen Glühlampen beweist, dass in Japan auch die Priester dem Fortschritt huldigen. In einem grossen Gemach sah man noch die Spuren eines Festessens, das Tags zuvor hier stattgefunden. Die Priester sind gastfrei gegen die Gläubigen und Verehrer; doch hörte ich, dass in Japan, wie anderswo, bei solchen Gelegenheiten ganz artige Summen für die Zwecke der Kirche — freiwillig gezeichnet werden.

Meine Freunde führten mich dann in den Haus-Garten eines wohlhabenden Japaners, um mir das Fussballspiel zu zeigen. Die Theilnehmer waren prachtvoll und gleich gekleidet, sie trugen weite blauseidne Hosen und ein weisses Hemd. Der leichte Fussball darf nicht mit der Hand berührt werden und soll nicht zur Erde fallen; so wird er mit dem Fussrücken geschickt emporgeschleudert und von dem einen Spieler dem andern zugeworfen. Selbst Grauköpfe betheiligten sich lebhaft und geschickt. Ich sah dasselbe Spiel auch in Hongkong, wo es von Chinesen, aber weniger gewandt, ausgeführt wurde.

Nachmittags besuchte ich Krankenhaus und Medizinschule. Abends hatte ich das übliche Festessen. Eine grosse Menge von Gemälden und Kunstwerken war in dem Saale für mich ausgestellt: ein altes geschichtliches Bilderbuch mit Kleinmalerei, ein grosses Rollgemälde, den Brand des Kaiser-Palastes darstellend, auch Oelbilder von Damen, von einem jungen Japaner nach europäischer Art gemalt; in einer Nische des Saales ein japanisches Prunkzimmer mit eingelegten Schränken, eine alte Goldlackbüchse[218] im Werthe von[S. 167] 1500 Yen. Ein ehemaliger Beamter des Mikado zeigte mir das feierliche Verbrennen von Weihrauch. Es wurde viel geredet und getrunken. Wir waren alle recht heiter.

Uji war das Ziel des letzten, südwärts gerichteten Ausflugs von Kyoto.

In Jinrikisha fuhren wir zunächst nach dem Südende der Hauptstadt. Hier liegt Tofukuji, eines der Hauptklöster der buddhistischen Zen-Secte, die schon 513 n. Chr., von Dharma in Indien, begründet ist und in Japan nicht weniger als 21547 Tempel besitzt. Zen bedeutet etwa ernste Gedanken. Tofukuji ist schon im 13. Jahrhundert erbaut und hat eine wundervolle Lage. Ahornbäume, die grade schon ihr rothes Herbstgewand anlegen, säumen von beiden Seiten eine tiefe Schlucht ein, über welche die überdachte „Himmelsbrücke“ gespannt ist. Der grösste Schatz des Klosters ist ein riesiges Rollbild (Kakemono), 48 Fuss lang, 24 Fuss breit, das Shaka’s Eintritt in Nirwana (Nehanzō) darstellt um das im Jahr 1408 n. Chr. gemalt ist von Japan’s Fra Bartolommeo, Cho Densu, der hier Jahre lang als Mönch gelebt hat. Einmal im Jahre wird das Bild für 4 Tage ausgestellt d. h. auseinandergerollt und dem anbetenden Volk, ganz von Weitem, gezeigt. Der dienstthuende Priester lachte mich aus, als ich ihm den Wunsch vortrug, jenes Bild zu sehen. Als ich aber meine und meiner Freunde Karten, nebst höflicher Bitte, dem Oberpriester übersandte, kam derselbe sogleich mit sechs dienenden Brüdern, liess die Riesenrolle herbeischleppen, an die Decke der Halle emporwinden und entfalten, so dass wir uns des Anblicks erfreuen konnten. Shaka liegt in gelassener Körperhaltung und ruhigem Gesichtsausdruck auf einem niedrigen Bau, der wie eine Steinkiste aussieht, rings umgeben von klagenden Göttern und Menschen. Vier hohe Bäume bilden einen hübschen Abschluss der Landschaft. Tiefer abwärts im Gemälde, also im Vordergrund, klagen die Thiere, Schildkröten, Vögel, Säuger, unter letzteren der Elephant und das zweibucklige Kamel.[219]

[S. 168]

Erfindung, Zeichnung und Farbengebung schienen mir recht tüchtig zu sein, ganz ebenso gut, wie in den gleichzeitigen italienischen Schulen vor Raphael. Natürlich hat der Maler nicht darauf Rücksicht nehmen können, dass sein Werk befangenen Europäern unserer Tage gefalle. Leider sind diese Bilder nicht recht haltbar. Dass sie durch das Rollen nicht schon ganz zerstört sind, ist ein beredtes Zeugniss für die Güte des japanischen Papiers.

Ich musste noch ein zweites Riesenbild betrachten, welches auf den Erdboden gelegt wurde. Es stellt den Himmel dar und ist von einem chinesischen Künstler angeblich vor 1000 Jahren gemalt, aber durch Alter bereits so geschwärzt, dass ich mir kein rechtes Urtheil bilden konnte.

In nächster Nachbarschaft liegt der beliebte und volksthümliche Shinto-Tempel von Inari, der Reis-Göttin, 711 n. Chr. begründet, als der Buddhist Kobo Daishi hier einen Mann mit einem Reis-Sack traf und in ihm eine Erscheinung der Reis-Göttin erkannte. Dieselbe half dem Schmied Kokaji eines seiner berühmten Schwerter schmieden, mit dem er den Fels spaltete, — wie Siegfried mit Nothung den Ambos. Diese japanische Sage ist auch Inhalt eines No-Schauspiels.

Schmiede und Schwertfeger verehren den Tempel bis zum heutigen Tage.

Am 29. April jedes Jahres werden die heiligen Wagen und Sänften des Tempel, die dann als Wohnsitz der Gottheiten gelten, nach dem allerheiligsten Shinto-Tempel von Ise gebracht und am 20. Mai zurückbefördert.[220]

Füchse sind der Inari heilig. Füchse aus Thon, kleine und grosse, werden in Buden am Weg zum Tempel feilgeboten. Grosse Füchse aus Stein, einen Schlüssel in der Schnauze, sind an dem Tempelgitter aufgestellt. Drinnen drängt sich fröhliches Volk. Da sind Weiber mit kleinen Vögeln im Käfig; für 1 Sen erhält man einen, um ihn in Freiheit zu setzen. Für die kleinste Münze kauft man einige Frucht- (Gurken-)Scheiben und legt sie auf ein an Fäden befestigtes Schälchen: sofort zieht das oben sitzende Aeffchen sie mittelst eines einfachen Flaschenzugs empor, um sie schleunigst zu verspeisen. Mädchen führen unter Musikbegleitung den heiligen Tanz auf. Der Tempel ist einfach, aber die rothen Holzpfeiler vor den weissen Wänden nehmen sich ganz hübsch aus, während die vergoldeten blau-mähnigen[S. 169] Ungeheuer an den Enden der Vorhalle unsrem Geschmack nicht zusagen. Vor jedem der sechs kleinen Innengemächer ist ein grosser Metallspiegel von 18 Zoll Durchmesser aufgehängt. Oben auf dem Berg giebt es einen heiligen „Pfad der Berg-Höhlen“, mit zahlreichen Fuchslöchern.

Ein guter Weg bringt uns südwärts nach dem (4 ri = 10 engl. Meilen entfernten) malerisch an dem gleichnamigen Fluss gelegenen Oertchen Uji, das rings von Theepflanzungen umgeben ist. Thee ist im 9. Jahrhundert von einem buddhistischen Abt aus China nach Japan eingeführt worden. Ursprünglich wurde der Theeaufguss von den Mönchen benutzt, um den Schlaf bei den nächtlichen Studien zu verscheuchen.[221] In Uji wird Thee seit dem Ende des 12. Jahrhunderts angebaut. Seit dem 14. Jahrhundert ist Thee Nationalgetränk der Japaner. Im Jahre 1887 wurde hier auf einem niedrigen Hügel ein Steindenkmal errichtet zur Erinnerung an das tausendjährige Bestehen der Theecultur in Japan und zum Preise des Thee’s von Uji.

Der Mikado war gegenwärtig bei der Feier und bezieht auch seinen Thee aus diesem Orte. Jede Familie in Uji baut und verkauft für sich ihren eignen Thee, dem sie die seltsamsten Namen beilegen. Die besten Sorten (Gyokuro = Edelstein-Thau) kosten hier 5 bis 7½ Yen das Pfund; das ist ein Preis, der bei uns kaum gezahlt wird. Thee ist nächst Seide der wichtigste Ausfuhrgegenstand Japan’s. (Jährlich 40 Millionen Pfund im Werthe von 6 Millionen Yen.) Fast Alles geht nach Nordamerika. Die Leute von Kyoto pilgern in der Sommerzeit nach Uji wegen der schönen Aussicht und der zahllosen Leuchtkäfer, die des Abends umherfliegen.[222]

Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist das Kloster Byōdō-in der buddhistischen Tendai (Himmels-Gebot)-Secte, die aus China kam und in Japan 6391 Tempel besitzt. Das Kloster stammt aus dem Jahre 1052 n. Chr. Hier war es, wo nach der Schlacht an der Ujibrücke der 75jährige Held Yorisama, um den Rückzug seines Fürsten zu decken, mit 300 Mann gegen 20000 Feinde, dem Leonidas gleich, Stand hielt und, als er das gewollte durchgesetzt, gelassen in sein Schwert sich stürzte.

Das Hauptgebäude, neben einem Lotusteich, ist die Phoenix-Halle (Hōō-dō), eine der ältesten Holzbauten Japan’s. Der zweistöckige[S. 170] Mittelbau stellt den Körper des Vogels dar, die rechtwinklig davon zu beiden Seiten ausgehenden Flügel sind eben die Flügel, und die von der Mitte nach hinten ziehende Halle der Schwanz. Auf dem Dach stehen zwei Bronze-Phoenix von 3 Fuss Höhe. Die Decke im Innern ist in kleine Vierecke eingetheilt und mit Perlmutter eingelegt. Rings um den Obertheil der Wände ist ein Fries von 25 Heiligen (Bosatsu), darunter auch Frauen, die meinen Begleitern besonders merkwürdig schienen. Der Altar war ursprünglich mit Goldlack bedeckt und mit Perlmutter eingelegt. Aber der frühere Glanz ist zerfallen, und der jetzige Haupttempel sieht ärmlich aus.

In einem Theehaus am Fluss ruhen wir aus und verzehren unser mitgebrachtes Frühstück. Allenthalben, auch in so kleinen Orten, sind schon offene, mattenlose Hallen für die Fremden errichtet, um ihnen das Ausziehen der Schuhe zu ersparen.

Rechtzeitig langen wir in Kyoto wieder an, zum Packen und Briefschreiben.


Nach Osaka, Kobe, Nagasaki.

Die Eisenbahnfahrt von Kyoto nach Osaka dauert 1½ Stunden, die Entfernung beträgt nur 30 englische Meilen = 48 km. In Kyoto ist feierlicher Abschied; mein Fachgenosse aus Osaka zur Stelle, um mich zu geleiten; in Osaka wieder feierlicher Empfang. Einer meiner beharrlichsten Zuhörer, Dr. Ogata, dessen Vater bereits vor 40 Jahren, noch zur Zeit der Absperrung Japan’s, ein holländisches Werk über Heilkunde in’s Japanische übersetzt, stellt mir die bürgerlichen und militärischen Collegen vor und beruhigt mich wegen des Nachtlagers. Die blühende Handelsstadt Osaka,[223] die an der Einmündung des Yodogawa-Flusses in die Osakabucht liegt, 400 Jahre alt ist, und 476000 Einwohner besitzt, hat nur ein einziges Gasthaus, das, im Ganzen japanisch eingerichtet, nur eine kleine europäische Abtheilung besitzt, vor der ich von einigen in Kobe ansässigen Engländern gradezu gewarnt worden war. Ich hatte also beschlossen, in dem mit der Eisenbahn binnen einer Stunde zu erreichenden und mit einer europäischen Ansiedlung versehenen Vertragshafen Kobe zu übernachten.[224] Aber meine Freunde führen mich im Triumph nach dem Gasthaus und zeigen mir nicht blos das frisch gescheuerte Zimmer und den[S. 171] schneeweissen Bettüberzug,[225] — Reinlichkeit wird in Japan nicht vermisst, — sondern auch die europäischen Geräthe, die sie besorgt, den demüthigst sich verneigenden und Alles versprechenden Gastwirth und einen Aufwärter, welcher sogar versicherte, englisch zu verstehen. Ich habe auch die beiden Nächte ganz gut in dem Zimmer geschlafen; bei Tage war ich wenig zu Hause.

Sofort setzt sich der Jinrikisha-Zug in Bewegung nach dem Schlosse; die Führung übernimmt ein Militärarzt in Uniform. 1583 n. Chr. beschloss der Napoleon Japan’s, Taiko Hideyoshi, der Bauernsohn, welcher vom Stalljungen zum Soldaten und Heerführer und schliesslich zum thatsächlichen Herrscher Japan’s sich emporgeschwungen, an Stelle des früheren befestigten Buddha-Klosters zu Osaka, das von seinem Vorgänger Nobunaga 1580, wegen Feindseligkeit der Bonzen, zerstört worden war, ein festes Schloss zu erbauen und zu seinem Fürstensitz zu machen; und vollendete seinen Willen binnen zwei Jahren. Arbeiter wurden aus allen Theilen Japan’s, die ihm unmittelbar unterworfen waren, herbei gezogen. Seine Grafen und Ritter liessen ungeheure Steine herbeischaffen. So wurde das grösste Bauwerk Japan’s errichtet.

Will Adams, aus Chatam in Kent, 1598 Obersteuermann einer Flotte von fünf Seglern der holländischen Ostindia-Gesellschaft, von Peru nach Nagasaki verschlagen, und dann von Jeyasu als Schiffsbauer und als Unterhändler mit holländischen und englischen Schiffscapitänen bis zu seinem 1620 erfolgten Tode in „goldener Verbannung“ zurückgehalten, hat in seinen (neuerdings herausgegebenen) Briefen die Eindrücke geschildert, welche die Stadt und das Schloss von Osaka im Jahre 1600 auf ihn machten. Er fand die Stadt so gross wie London, die Holzbrücken so mächtig, wie die über die Themse; das Schloss wunderbar gross und stark, mit tiefen Gräben und gewaltigen Zugbrücken, die Thore mit Eisen beschlagen. Das Schloss aus schierem Stein gebaut, mit Schiessscharten und Aufgängen, um Steine auf die Belagerer herabzuschleudern. Die Mauern 6–7 Yards dick, solid, ohne Füllung und dabei haushoch; die Steine riesig, genau geschnitten, ohne Mörtel aufeinander gefügt.

In der That war der Graben 80–120 Fuss breit und 12–24 Fuss tief. Aber als Jeyasu 1615 das Schloss einnahm, das bis dahin dem Sohne des Hideyoshi gehört, liess er binnen drei Wochen den Graben ausfüllen.

[S. 172]

1867 wurden hierselbst von dem letzten Tokugawa-Shogun Keiki die fremden Gesandten empfangen. Am 2. Februar 1868 wurden die innerhalb der Mauern befindlichen Gebäude von den flüchtenden Anhängern des Shogun in Brand gesteckt und binnen zwei Stunden vollständig zerstört. Der Palast soll das kostbarste Werk japanischer Kunst gewesen sein. Jetzt dient die Schlossruine als Hauptquartier der Besatzung von Osaka.

Reisende können angeblich das Schloss besuchen, aber keineswegs immer, und nicht so leicht.

Ich wurde in’s Empfangszimmer geleitet und mit Thee bewirthet. Der Adjutant kam, entschuldigte den General, und zeigte mir die Pläne des Schlosses aus dem vorigen Jahrhundert und aus heutiger Zeit. Die letzteren sind genau so, wie die unsrigen, und höchst kunstvoll ausgeführt. Die ersteren sind nach einer Art von Vogelschau entworfen, wie wir sie z. B. auch auf altägyptischen Garten- und Landschaftsbildern finden: die Bäume und Gebäude im Norden sind nach oben umgelegt, die im Süden nach unten, die im Osten nach rechts, die im Westen nach links. Der Generalarzt erschien mit seinem Stabe von Aerzten. Wir massen die grössten Steine in der Umwallung, so gut es ging, mit dem Sonnenschirmstock und zufällig vorgefundenen Stangen. Einzelne scheinen grösser zu sein, als die grössten in Aegypten. Eine Granitplatte war über 40 Fuss hoch, 15 Fuss breit; ihre Dicke nicht ersichtlich. Das Mass eines der gewöhnlichen Bausteine war 20×5×3 Fuss.[226]

Wir erstiegen die Platform, wo einst der Hauptthurm gestanden und genossen die schöne Aussicht auf die Stadt, die Ebene, das Meer. Jetzt steht hier oben eine neue Riesenkanone, die aber nur die Mittags[S. 173]stunde anzeigt. Natürlich war ein Tiefbrunnen innerhalb der Mauern angelegt, das berühmte „Gold-Wasser“, um zur Zeit einer Belagerung die Krieger zu tränken.

Von dem Schloss stiegen wir hinab in die dicht dabei befindliche kaiserlich japanische Waffenfabrik. Zunächst wurden wir wieder in das Empfangszimmer geleitet, mit Thee bewirthet und mit Lichtbildern unterhalten, welche die Ergebnisse von Schiessversuchen auf Panzerplatten naturgetreu darstellen. Selbstverständlich ist auf diesem Gebiete das östlichste Asien heutzutage der getreue Nachbeter von Europa. Der General erschien und gab uns seinen Adjutanten mit, welcher in französischer Sprache uns die Einrichtungen erklärte und gelegentlich auch seufzend den Wunsch ausdrückte, einmal eine Reise nach unseren[227] Gegenden zu unternehmen.

Die Waffenfabrik ist mit den unsrigen nicht zu vergleichen, auch nicht mit Navy-yard zu Washington, das ich gerade sechs Wochen zuvor besucht hatte; aber doch schon recht ansehnlich. 2000 Arbeiter werden hier beschäftigt und Alles, von Riesenkanonen bis zu den Flinten und Säbeln und zur Munition, fertig gestellt. Eines bedauern sie, Gussstahl nicht in genügender Masse zu besitzen; deshalb sind bisher hauptsächlich Bronze-Kanonen angefertigt worden. Natürlich giebt es schon eigne, in Japan erfundene Hinterlader, Repetiergewehre und rauchloses Pulver. Die Armee ist nach preussischem Muster eingerichtet und beruht auf allgemeiner Wehrpflicht. Sie zählt 200000 Mann, doch dürften nur etwa 56000 unter Waffen stehen.

Die Flotte zählt 33 Schiffe mit 44000 Tonnen, 156 Kanonen, 5600 Mann, ist kriegstüchtig und offenbar der chinesischen überlegen.

Die Münze, wo die schönen Yen- und Sen-Stücke geschlagen werden, konnte ich leider nicht sehen.

Nach dem Frühstück folgte die Besichtigung des Krankenhauses und der Medizin-Schule, darauf eine Jinrikishafahrt durch die Stadt, Besichtigung der Hauptstrassen, des Rathhauses, des Hafens, während man mir von den Tempeln abrieth, da sie unbedeutend seien.

Die Stadt Osaka liegt an den Ufern des Yodogawa, der von drei grossen Brücken überspannt wird, und ist von sehr zahlreichen Canälen durchschnitten, die wiederum Hunderte von kleinen Brücken nöthig machen. So ist das Wasser ein belebendes Element für die Stadt. Man nennt Osaka das japanische Venedig. Die nächtlichen Bootfeste[S. 174] im Sommer sind berühmt. Andrerseits soll die tiefe Lage der Stadt und die grosse Zahl der stockenden Wasseradern zur heissen Zeit Krankheit bedingen und verbreiten.

Hochberühmt ist die Hauptstrasse Shinsai-bashi, mit ihren schönen Läden und grossen Schildern, eine der prächtigsten in Japan. Der Binnenhandel (in Reis, Baumwolle, Seide) wird zu Osaka in grossem Stil betrieben. In der Entwicklung des Seidenbau’s liegt eine Hauptquelle des Reichthums für Japan, 1889 wurden für 30 Millionen Yen Seidenerzeugnisse ausgeführt. (26 Millionen Rohseide, 1½ Millionen Seidengewebe). Der Seidenbau ist im 7. Jahrhundert von China (Korea) aus nach Nippon eingeführt.

Das Festessen ist im Theehaus Urakukan, das zu der japanischen Abtheilung meines Hotels gehört. Also lasse ich meine Stiefeln im Schlafzimmer und gleite auf meinen gelben Pantöffelchen, im vollen Staat, durch ein Gewirr von Gängen in den Festsaal.

Fünfzig Aerzte waren zugegen, einige von fernen Orten herbeigeeilt. Schon sitze ich halbjapanisch, schlürfe Geflügelsuppe und esse Aalwurst mit Stäbchen. Aber nachher giebt es europäische Speisen und vorzügliches Bier. In Osaka ist die grosse Asaki-Brauerei, die von zwei deutschen Braumeistern eingerichtet worden. Der japanische Besitzer ist zur Stelle, er liefert uns nicht blos den Stoff, sondern, man staune, vierzig Seidelgläser mit zinnernen Klappdeckeln. Vielleicht sind, ausserhalb der deutschen Clubs, sonst in ganz Asien nicht so viel vorhanden, jedenfalls nicht an einem Orte. (Osaka besass 1886 nur 13 Bierlokale, hat es aber 1888 bereits auf 490 gebracht. Die Einfuhr deutschen Bieres nach Japan betrug 1888 an drei Millionen Flaschen im Werthe von 297000 Yen; scheint aber jetzt zurückzugehen, da mehr und mehr japanische Brauereien aufkommen.) Es wird viel gezecht, ein No-Drama aufgeführt, und ein Gedicht mir überreicht.

Um den chinesischen Stil des letzteren zu kennzeichnen, füge ich die Uebersetzung bei, in der Hoffnung, dass der geneigte Leser mir diese Mittheilung nicht — als Eitelkeit auslegen werde.

„Abschiedsgruss an Herrn Professor Hirschberg.

(Altchinesisch.)

Professor Hirschberg ist nach Japan gekommen und hat sich um die dortige medizinische Welt grosse Verdienste erworben. Seine Kenntnisse sind ohne Grenzen; sie gleichen an Glanz der Sonne und den Sternen, sein Fleiss ist unermüdlich, wie ein Strom, der unauf[S. 175]hörlich dahinfliesst. Wenn er die Kranken untersucht, so erkennt er genau den Ursprung der Krankheiten; wenn er Recepte verschreibt, dann sind dieselben nie falsch. In Behandlung der Augenkrankheiten ist er besonders hervorragend. Da er ein so vorzüglicher Gelehrter ist, verehrt ihn ein Jeder. Ein altes Sprichwort sagt: Wenn ein bedeutender Mann erscheint, bildet sich seine ganze Umgebung nach seiner Art. — Solch’ einem Manne gleicht Herr Professor Hirschberg. Im Namen der Wissenschaft spreche ich ihm den grössten Dank aus.

Periode Meije, 25. Jahr, am 6. October.

Nahamye Syisakka, Arzt in Osaka.“

Ein zweites Gedicht, dessen Schönheit vom Uebersetzer besonders hoch gepriesen wird, verfasst von Jeizo Jshii, Vorsitzendem des medizinischen Vereins zu Nagoya, lautet folgendermaassen: „Ein Wort zum Empfang. Der Westwind säuselt und die Herbstblumen sind voll entfaltet, die Felder in einen bunten Teppich umgewandelt. In diesen schönen Tagen des prachtvollen Anblicks ist Professor Hirschberg nach Japan gekommen.

Ein Weiser der alten Zeit hat gesagt: „„Die blaue Farbe wird aus Indigo gewonnen, und ist doch blauer als Indigo; das Eis wird aus Wasser gebildet und ist doch kälter, als Wasser.““ Wenn später in Japan berühmtere Aerzte entstehen sollten, zur Zierde für unser Vaterland, wie die Herbstblumen für die Felder, die uns jetzt den prachtvollen Anblick bieten; so wäre das nur ein Geschenk Deutschlands und solche Ehre für unser Vaterland wäre gleichzeitig Ehre für Deutschland.“ — — — — —

Am folgenden Tag machte ich einen Ausflug nach Nara, der mir heute noch, in der Erinnerung, wie ein liebliches Idyll vorkommt. Nara war in der kurzen Zeit von 709 bis 784 n. Chr. Herrschersitz des Mikado; jedenfalls ist die Stadt weit älter, als Osaka und war früher sehr bevölkert; jetzt hat sie nur noch den zehnten Theil der früheren Bevölkerung, nämlich 20000 Einwohner, und liegt reizend am Fusse der Berge, in der Provinz Yamato, 25 engl. Meilen östlich von Osaka, durch Eisenbahn mit der Grossstadt verbunden. Die Erzeugnisse seines Gewerbefleisses sind chinesische Tusche, Fächer, kleine Holzspielsachen. (Nara ningyō).

Dr. Ogata und zwei andre Aerzte begleiten mich. Eine Strecke der Eisenbahnfahrt ist sehr malerisch, durch schildkrötenähnliche Berge in engem Flussthal. Nach einstündiger Fahrt erreichen wir zunächst Horuji. Hier liegt das älteste Kloster von Japan, 607 n. Chr.[S. 176] vollendet und berühmt — durch seine Berühmtheiten. Ich muss gestehen, dass diese Kunstwerke des Museum entweder nicht so viel werth sind, als die Priester wähnen; oder wegen der gegenwärtigen Aufstellung keinen sonderlichen Eindruck machen.

Wir sahen eine achteckige Halle der Träume, der Göttin der Gnade gewidmet; verschiedene kleinere Tempel mit Bildern aus dem Leben des Gründers (Shotuku Taishi) und mit seiner Reiterbildsäule, im Pfefferkuchenstyl. Der Haupttempel (Kondo), der älteste Holzbau Japans, 1250 Jahre alt, enthält alte Bronze-Bildsäulen von Buddha, Amida u. A., und wirkliche Fresco-Gemälde an den Wänden, in alter Zeit (angeblich 607 n. Chr.,) von koreanischen Künstlern gemalt und nach dem Reisebuch Allem überlegen, was Japaner geschaffen. Es sind überlebensgrosse Heilige und Shaka, wie aus vorrafaelischer Zeit.

Die Geschichte der japanischen Malerei[228] ist für den Europäer kurz zu beschreiben. Die Malerei kam aus China über Korea mit den buddhistischen Priestern nach Japan. Die erste japanische Schule (Yamato Ryū) wurde um das Jahr 1000 n. Chr. gegründet. Vernachlässigung der Perspective und echter Humor herrschten damals, wie heute. Im 13. Jahrhundert hiess sie Tosa Ryu und wurde mehr und mehr „klassisch“. Im 15. Jahrhundert kam eine kräftige Renaissance unter chinesischem Einfluss. Der buddhistische Priester Cho Densu malte heilige Gegenstände, Josetsu Landschaften, Menschen, Vögel, Blumen. Ihnen folgten die klassischen Meister der Tosa-Schule Mitsunobu, Sesshu, Kano. Im 18. Jahrhundert kamen die realistischen Schulen: Hishigawa, der volksthümliche Bücher illustrirte, Okyo, der Vögel und Fische genau nach der Natur zeichnete, und Hokusai (1760–1849), der alle Motive japanischer Kunst ausführte, Scenen der Geschichte, des Drama, der Novellen, Erlebnisse des Tages, thierisches und pflanzliches Leben und sein geliebtes Yedo. Die Zeichnung der Japaner ist korrekt und hauptsächlich auf den Eindruck berechnet. „Ihre Kunst ist gross im Kleinen und klein im Grossen.“ Natürlich darf man solche Sätze nicht allzuwörtlich nehmen.

Ein achteckiges Gebäude ist dem Gott der Gesundheit, Yakushi, geweiht. Derselbe sieht für uns genau so aus, wie Shaka, hat aber ein Arzneifläschchen in der linken Hand. Die Innenwände dieses Tempels sind ganz und gar verdeckt von kleinen Schwertern und Spiegeln. Das sind Weihgeschenke; das Schwert heisst Geist des Mannes, der Spiegel[S. 177] Geist des Weibes. Andre Weihgeschenke sind: Bohrer, für Heilung der Taubheit; Bilder als Dank für Erlösung von Milchüberfluss; Bilder mit der Bitte, dass der unartige Sohn den Kopf sich rasiren lasse, u. dergl. m. Ein Tempel enthält Riesenbildsäulen von Shaka.

In Nara übernahmen die dortigen Aerzte sofort die Führung. Der Park, den wir durchschreiten, ist wie ein Märchenwald. Der Wind rauscht in den Wipfeln der prachtvollen Fichtenbäume. Rudelweise kommen die kleinen gefleckten Hirsche, die Männchen mit dem stattlichen Geweih, um aus unsrer Hand zu fressen. Sie blicken so klug und freundlich, dass man jeden Augenblick meint, sie müssten anfangen zu sprechen und uns zu erzählen von der Prinzessin, die hinten am Ende des schnurgraden, stundenlangen, mit zahllosen Steinlaternen besetzten Weges in einem verzauberten Schlosse wohnt.

Aber — der Traum ist aus, wir stehen vor dem Tempel-Haus. Dasselbe ist verschiedenen Shinto-Göttern und Helden geweiht und schon 767 n. Chr. gegründet. Gegen das dunklere Grün der herrlichen Cryptomerien heben sich die rothen Holzpfeiler kräftig ab. Schöne Bronzelaternen schmücken die Vorhalle. Zahllose Steinlaternen säumen die Wege ein. Aber sie sind leer, wie die Kassen der Priester. Früher, als die Jahresbeiträge reichlich flossen, soll die abendliche Beleuchtung des ganzen Tempelbezirks eine zauberhafte Wirkung hervorgebracht haben.

Das heilige Albino-Ross, welches an Festtagen den Wagen der Gottheit zieht, wird in einem ganz engen Stall gehalten und steckt bettelnd den Kopf aus dem Fensterloch, da es, wie die Buddhapriester, nur von milden Gaben lebt. Der Pilger, wie der Reisende, kauft von dem Pfleger für kleine Münze einen Becher voll Erbsen und Bohnen und füttert das leider unschöne, triefäugige Thier. Ebenso eingesperrt und auf die öffentliche Mildthätigkeit angewiesen ist ein fremder Hirsch, der von den Bergen nach dem Park von Nara sich verirrt hatte, und, zwar vor der Wuth seiner feindlichen Brüder gerettet, aber der Hörner und der Freiheit beraubt, ein Leben führt, das gewiss weit schlimmer ist, als der Tod.

Nicht minder gierig, als diese Thiere, warten bei den niedrigen Hallen des Tempels Wakamiya die Priester auf jeden Fremdling oder auch begüterten Japaner, um ihm, gegen Zahlung von ½ bis 10 Yen, den alten heiligen Tanz (Kagura) vorführen zu lassen, und zwar durch seltsam gekleidete Mädchen, welche Fächer und Schellenbündel in den Händen tragen.

Angenehmere Empfindungen weckt der gleichfalls roth und weisse Shinto-Tempel Tamuke-yama no Hachiman. Denn auf ihn bezieht[S. 178] sich ein altes Gedicht (von Sugawara-no-michizane), welches jeder Japaner, wie es heisst, auswendig weiss; meine Begleiter jedenfalls ohne Ausnahme. Die Worte lauten ungefähr folgendermassen:

„Leer ist die Hand, doch voll mein Herz,
Ich nah’ den Göttern sonder Schmerz.
Statt rothen Goldes bring’ ich heut
Des Ahorns Roth zur Herbsteszeit.“

In der That sehen wir an den zahlreichen Ahornbäumen auf dem Tempelgrunde die liebliche Röthung der Blätter, die den sentimentalen Europäer ebenso erfreut, wie den blumenliebenden Japaner.

Hachiman ist der chinesische Name für den Gott des Krieges, japanisch Yawata; es ist eigentlich der göttlich verehrte Mikado Ojin, der um 200 n. Chr. gelebt haben soll.

An den Wänden des Tempels ist auch ein kriegerisches Frescobild in kindlichem Styl, der Krieger Tsuna am Thor von Kyoto, wie er das Ungeheuer Shuten Doji bekämpft und ihm den rechten Arm abhaut.

Schliesslich kommen wir auch zu einem Buddha-Tempel Nigwatsu-do, welcher, der Göttin der Gnade geweiht, im Jahre 752 n. Chr. gegründet und vor 200 Jahren in seiner gegenwärtigen Gestalt höchst eigenartig gebaut und auf dem Gipfel eines Hügels gegen eine Felswand gelehnt ist. Von den meisten Buddha-Tempeln unterscheidet er sich dadurch, dass er sehr beliebt und belebt ist. Hier sieht man fröhliche Familienbilder. Es erscheint der Mann mit seiner Frau, beide führen in der Mitte an der Hand den Stolz der Familie, das erstgeborene Söhnchen, das (weit besser, als die Eltern und die übrigen Geschwister,) in ein rothes, blumiges Gewand gekleidet ist und voll Vergnügen die neuen Holzschuhe klappern lässt, trotz seiner fünf Jahre schon ein genügendes Bewusstsein von seiner bevorzugten Stellung besitzt und dieselbe mit mässiger Unart, aber starker Begehrlichkeit nach Spielzeug und Süssigkeiten ausnützt. Mir machte es grosses Vergnügen, mich am Einkauf zu betheiligen, zumal Bekannte meiner Begleiter auf diesem Jahrmarkt mit ihren Kindern erschienen.

Der von Bronzelaternen über und über behängte Tempel ist wie ein Bienenkorb. Die Leutchen kommen und gehen. Sie eilen die Treppenstufen empor, zum oberen Stock, von wo man eine schöne Aussicht geniesst. Sie leihen für eine kleine Münze hundert Bambus-Stäbchen; rennen, wie unsinnig, hundert Mal um den Tempel herum, und werfen nach jedem Umlauf eines der Stäbchen in den dafür bereit stehenden Kasten: eine Lauf-Procession, die sie für ebenso verdienstlich halten, als einige Europäer ihre Spring-Wallfahrt. Am[S. 179] 3. Februar jedes Jahres wird hier auch ein Fackel-Umgang gehalten. In einem Winkel sitzt würdevoll ein Wahrsager, der für 1 Sen (= 3 Pfennige) einer alten, gespannt zuhörenden Bäuerin die Zukunft verkündigt.

Für das Mittagsessen wählten meine Begleiter eine offene Halle auf einem Hügel, mit Ausblick auf den nahen Garten und die ferneren Thäler und Berge.

Nachmittags sahen wir den Tempelbezirk von Todaiji, zuerst die grosse Glocke, die 732 n. Chr. gegossen, 13½ Fuss hoch, 9 Fuss weit ist, 36 Tonnen Kupfer und 1 Tonne Zinn enthält; und dann den ungeheuren (750 n. Chr. begründeten, vor 200 Jahren neugebauten) Tempel von 290 Fuss Länge, 170 Fuss Breite, 156 Fuss Höhe, welcher den Daibutsu unter seinem Dache birgt. Die bronzene Bildsäule ist 53 Fuss hoch, also 7 Fuss höher als die zu Kamakura. Das ursprüngliche Bild ist aus dem 8., das jetzige aus dem 13.; der Kopf, der durch eine Feuersbrunst abgeschmolzen war, aus dem 16. Jahrhundert.

Die Gottheit sitzt auf einer Lotusblume, der schwarze Kopf ist hässlich, der Heiligenschein dahinter enthält Bilder der Jünger. Eigentlich ist es Birushana, die buddhistische Verkörperung des Lichtes, die man mit der Shinto-Göttin Amaterasu zusammenfliessen lässt.

Der Ort hat seine Heiligkeit verloren. Der Fremdling, welcher das Eintrittsgeld bezahlt hat, tritt ungehindert auf das Gerüst, um die Bildsäule aus der Nähe zu betrachten; und steigt herab zu der Ausstellung von Alterthümern, die in einem Nebenraume des Tempels aufgestellt sind. Da sieht man alte Holzbildsäulen, Gewebe, Schwerter, Musikinstrumente, Masken, die in Tänzen gebraucht werden, u. dgl. m. Vor dem Tempel steht eine achteckige Bronzelaterne, die einem chinesischen Künstler aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. zugeschrieben wird, und am Ausgang des langen Baumwegs ein grosses Thor (Ni-ō-mon) mit zwei riesigen, grellbemalten, holzgeschnitzten Thorwächtern (Ni-o), die in der Geschichte der japanischen Holzbildhauerei eine gewisse Rolle spielen.

Den Schluss der Betrachtung macht Kobukuji, einst ein grosser Tempel, 707 n. Chr. begründet, aber 1717 niedergebrannt. Jetzt ist nur noch eine Pagode übrig von dem alten Glanz und ein riesiger Fichtenbaum, den angeblich Kobo Daishi gepflanzt, als ein stetes Opfer für den Gott der Gesundheit Jakushi, an Stelle der täglichen Blumenspenden.

Recht hässlich sticht das zweistöckige, in europäischem Styl gebaute Regierungsgebäude von den Ueberresten des heimischen Alterthums ab.

[S. 180]

Noch war die Sonne weit vom Untergang. Wir bestiegen einen kleinen Hügel, der eine treffliche Aussicht über die nahe Stadt Nara liefert. Fröhliches Volk hatte dort sich gelagert, Männer und Frauen, die munter schwatzten und der Theekanne wie dem Tabakspfeifchen zusprachen. Wir selber gingen in das Haus eines begüterten Japaners, der uns höflich seine Vorhalle zur Aussicht anbot.

Unterhalb des Hügels liegt ein Teich, von dem die folgende Sage erzählt wird. Die schönste Jungfrau am Hof des Mikado wies alle Bewerber zurück, da sie in den Mikado selber verliebt war. Dieser schien aus Mitleid ihre Neigung zu erwiedern; als sie erkannte, dass er sie nicht liebe, stahl sie sich Nachts fort aus dem Schloss und fand den Tod im Wellengrab. Jetzt werden hier Karpfen gehalten, die mit grosser Gier über das Futter herfallen, das man ihnen zuwirft. Es ist dies ein leichtes hohles Backwerk, wie Cocons, nur ein wenig grösser, an einem Faden. Natürlich belustigen sich die kleinen und grossen Japaner, wenn die Fische nach dem Bissen schnappen und sich gegenseitig fortdrängen, bis — ihr Mitesser erscheint, eine Schildkröte, die stets in demselben Teich gehalten wird und, sowie es ihr gut scheint, den Rest des Futters vertilgt.[229]

Als wir, noch ein Stündchen vor Abgang des Zuges, durch die Stadt nach dem Bahnhof zuschreiten, wird mir das Haus unsres Führers gezeigt. Der bescheidene Mann war hocherfreut, da ich den Wunsch äusserte, unter seinem Dach zu ruhen und seiner Frau und den Kindern guten Tag zu sagen.

In dem Empfang- oder Wartezimmer befand sich seltsamer Weise ein altmodisches Sopha vor einem grossen runden Tisch, die Wand war geschmückt mit einem Holzschnitt des — Hippocrates, den der Besitzer des Hauses gewiss ebenso ehrte, wie den zu Nara so heilig gehaltenen Yakushi. Es erschien die Gattin, der neunjährige Sohn, die sechsjährige Tochter, der Hauslehrer. Bier wurde aufgetragen. Ich leerte ein Glas auf das Wohl der Hausfrau. Etwas schüchtern, aber doch gefällig, that sie mir Bescheid, nachdem sie Unterweisung empfangen. Sie verstand, wie auch ihr Gatte, keine europäische Sprache; hatte aber ein freundliches und dabei würdevolles Benehmen. Ich gewann nicht den Eindruck, dass die Frauen gebildeter Japaner wie Sklavinnen gehalten werden. Uebrigens schwärzen sie auch nicht die Zähne, wie noch manche Frauen auf dem Lande, nach der Verheiratung, es machen.

[S. 181]

Der Sohn war höchst unterhaltend, stolz auf seine Stellung als zukünftiges Haupt der Familie, stolz auf seine Kenntnisse. Er hatte die Kunst des Lesens und Schreibens der chinesisch-japanischen Zeichen schon tüchtig begonnen und malte mir höchst zierlich und geschickt seinen Namen mit dem Pinsel auf einen Papierstreifen. Es ist das nicht so leicht.

Die jetzige Umgangs- und Schriftsprache der Japaner ist eine Mosaik aus Worten ihrer einheimischen Sprache (Yamato) und der chinesischen,[230] der sie die Schriftzeichen verdanken. Der Gebildete hat mehr Fremdworte. Das chinesiche Zeichen hat in Japan eine veränderte, mehr wohlklingende Aussprache erhalten (Kan-on oder Jion); es kann aber auch japanisch gelesen werden (Yomi). Im 8. Jahrhundert n. Chr. kam das Kata-kana[231] auf, eine japanische Silbenschrift, welche 47 chinesische Ideogramme vereinfachte und als Zeichen für ebensoviele Silben der japanischen Sprache benutzte. Die chinesischen Zeichen werden für Hauptworte und Zeitworte benutzt, Kata-kana für Partikeln und Endungen. Kata-kana dient auch dazu, chinesische Wurzelwörter zu umschreiben. Diese Uebung fand ich in der japanischen Volksschule zu Tokyo.

Hiragana (von hira, flach) ist eine andere Silbenschrift, aus dem 8. Jahrhundert, welche chinesische Zeichen in abgerundeter Form wiedergiebt, — wie die alten Aegypter neben der hieroglyphischen eine hieratische Schrift besassen. Der Gebildete schreibt in chinesischen Zeichen, das Volk in Hiragana. Wenige Bücher sind in Hiragana geschrieben, keines in Kata-kana allein.

Sieben Jahre braucht der junge Japaner, um die chinesischen Zeichen zu bemeistern. Die Schrift ist schwierig, aber dafür sehr schön. So zusammengesetzt die Zeichen uns erscheinen, der geübte Japaner schreibt schneller nach Dictat, als der Europäer, — natürlich wenn letzterer nicht Kurzschrift anwendet. Das Bestreben des Vereins Romaje Kai, die japanische Sprache lautmässig mit lateinischen Buchstaben zu schreiben, hat bisher noch keine wesentlichen Erfolge aufzuweisen.

[S. 182]

Als ich nun das Mädchen durch einen dolmetschenden Arzt fragte, ob sie auch ihren Namen zeichnen könnte, lehnte sie verschämt das Köpfchen auf die linke Schulter und schwieg. Aber, wie wir aufbrachen, flüsterte sie ihrem Vater etwas in’s Ohr und lachend fragte er mich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn seine Tochter und sein Sohn uns zur Bahn begleiteten.

Wir nahmen die Begleitung mit Vergnügen an und der glückliche Vater führte mit der rechten Hand den Sohn, mit der linken die Tochter. Kurz ehe der Zug sich in Bewegung setzte, flüsterte die Tochter wiederum, und der Vater sagte mir: „Da Sie nun abfahren, möchte meine Tochter Ihnen mittheilen, dass sie auch schon ziemlich gut schreiben kann. Vorher wollte sie es nicht sagen, da sie sich zu sehr schämte.“

Das Verhältniss von Kind zu Eltern ist in Japan vorzüglich; Vergehen gegen die Eltern kommen gar nicht vor.

Am folgenden Tage (den 8. October) fuhr ich auf der Tokaido-Eisenbahn die 17 englischen Meilen (= 32 km) von Osaka nach Kobe,[232] an der Bucht von Osaka. Diese Stadt zählt 135000 Einwohner, besitzt einen vorzüglichen, sicheren und tiefen Hafen, und, da sie seit 1868 dem auswärtigen Handel geöffnet ist, eine Fremden-Siedelung, längs der gepflasterten und mit granitner Umwallung gegen die Meereswogen geschützten Hafenstrasse, die hier, wie in ganz Ostasien, Bund[233] genannt wird. Südwestlich von Kobe, nur durch den Fluss Minatogawa von ihr geschieden, liegt die rein japanische Stadt Hiogo.[232]

Kobe’s Handel bleibt zwar hinter dem von Yokohama zurück, übertrifft aber den von Nagasaki um das fünffache. Kobe besorgt den grössten Theil der Ausfuhr von Kupfer, Sumach, Kampfer; in dem von Thee steht es Yokohama nach. 1889 betrug Kobe’s Einfuhr 25, die Ausfuhr 20 Millionen Yen.

Vom Ausland liefen 1888 in Kobe ein:

134 fremde Dampfer mit 220000 Tonnen Gehalt ,
9 japanische 6400 ,

und liefen aus nach dem Ausland:

159 fremde Dampfer mit 260000 Tonnen Gehalt ,
2 japanische 1341 .

Natürlich, je bequemer für den Reisenden in dem europäischen Viertel Alles eingerichtet ist, desto weniger japanische Dinge bekommt er da zu sehen. Oriental Hotel (Nummer 80 ist die Bezeichnung, unter welcher die Wagenmänner es kennen,) entspricht allen vernünftigen[S. 183] Anforderungen. Dicht dabei ist die Agentur unseres norddeutschen Lloyd, die mir erstlich einige Kisten nach Europa befördert, zweitens eine Fahrkarte ausstellt für ihren Dampfer Nürnberg, der am 9. October von Kobe nach Hongkong fährt, zum Anschluss an unsere ostasiatische Reichsdampferlinie.

Der 9. October wird benutzt zu einem Ausflug nach dem Privatkrankenhaus zu Suma bei Kobe. Den Eisenbahnzug, der 20 Minuten zu der Fahrt braucht, hatte ich versäumt. Die Jinrikisha, mit zwei Männern, brachte mich binnen 40 Minuten an’s Ziel. Die Anstalt ist sehr zweckmässig gelegen und eingerichtet, die beiden japanischen Aerzte sprechen auch englisch und deutsch. Nachdem ich Frau und Tochter des älteren Arztes begrüsst, folgte eine Wagenfahrt längs der fichtenbekränzten, seit mehr als 1000 Jahren von den japanischen Dichtern gepriesenen Meeresküste bis zu dem Denkmal des Helden Atsumori; und dann in dem von einem Franzosen gehaltenen Beach-Hotel ein Frühstück, wie ich es in Japan noch nicht gehabt, bis zum Champagner und Chartreuse.

Als vorsichtiger Reisender brachte ich dann persönlich mein Gepäck an Bord des Dampfers, wo ich die Cajüte Nr. 1 erhielt; wurde noch einmal mit Freund Ogata, zwei Aerzten aus Suma und einem aus Kobe zusammen photographirt und zwar diesmal vor einem gewaltigen Fuji-Berge, und fuhr mit meinen Collegen auf einen Hügel, nach einem Theehaus, das eine schöne Aussicht auf Stadt und Hafen bietet.

Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr ich, dass mein Dampfer erst am 10. October Vormittags abfährt, da er wegen des schlechten Wetters seine werthvolle Ladung (Seide für Deutschland) nicht einnehmen konnte. Vielleicht war das meine Rettung. Denn sonst wären wir in den Taifun hineingekommen, der die beiden zur Zeit zwischen Japan und Formosa befindlichen Dampfer (Bokhara von der P. & O. Gesellschaft und den norwegischen Dampfer Normannia) völlig zerstört hat.

Montag den 10. October gehe ich, bei etwas besserem Wetter, an Bord unseres guten Dampfers Nürnberg vom norddeutschen Lloyd: Capitän Blanke, 1. Offizier Dannemann, Arzt Dr. Dannemann, 1. Maschinist Bischoff. Allen diesen Herren bin ich zu grösstem Danke verpflichtet.

Lächerlich handeln diejenigen Deutschen, welche in Ostasien nicht mit dem norddeutschen Lloyd fahren, wenn es ihnen irgend möglich ist.[234] Es ist wohl zu berücksichtigen, dass die grossen ostasiatischen[S. 184] Dampferlinien (unser norddeutscher Lloyd, die engl. P. & O., die franz. Messag. maritim.) in Hongkong oder Shangai endigen und von hier aus nur kleinere Dampfer den Anschluss nach und von Nagasaki, Kobe, Yokohama vermitteln.

Unser Nürnberg hat 2500 Pferdekräfte, 3000 Tonnen, 365 Fuss Länge, 40 Fuss Breite und gehört zu den besten Dampfern, welche die chinesisch-japanischen Gewässer befahren.

Wir beginnen 10 Uhr Vormittags die Fahrt durch die Inland-See, welche zwischen der nördlich belegenen Westhälfte von Hondo (Nipon) und den südlich belegenen Inseln Kiushiu und Shikoku (nebst Awaji) sich erstreckt und von der Meerenge von Akashi bis zu der von Shimonosecki 240 Seemeilen misst; also, bei 12 Knoten, grade in 20 Stunden durchmessen wird. Die grösste Breite beträgt 40, die geringste 8 Seemeilen. Doch ist in den Meerengen und in den Fuhrten der kleineren Inseln öfters nur Raum für zwei Schiffe im Fahrwasser. Die Inlandsee liefert den Richtweg zwischen Kobe und Nagasaki. Der Seemann hat fortwährend genau auf Fahrzeichen und Leuchtfeuer zu achten, die übrigens von der japanischen Regierung musterhaft in Ordnung gehalten werden.

Der Reisende ist entzückt durch das spiegelglatte Wasser, die tausend kleinen Inseln, welche mit den Ufern der beiden Seiten ein höchst malerisches und dabei wechselndes Landschaftsbild liefern.

Die grösseren Inseln enthalten ziemlich hohe Berge, von denen manche die zierlichste Gestalt, einige vollendete Kegelform zeigen. Die kleineren sehen ganz seltsam aus, die kleinsten sind blosse Felsblöcke.

Fast alle sind bewohnt von einer Ackerbau und Fischzucht treibenden Bevölkerung. Das Wasser ist belebt von zahlreichen kleinen japanischen Dampfern, von Barken (Dschunken) und von Fischerbooten, sowohl kleineren mit 1–3 Mann, als auch grösseren. Sie fischen mit Trommeln und Nachts mit Fackeln, um die Fische anzulocken. Die Küsten sind mit Dörfern bekränzt, die Hügel bis oben hinauf mit zierlichen Feldern belegt. Die Zahl der Inseln soll mehrere Tausend betragen. Die Japaner haben keinen eignen Namen für die Inland-See, wohl aber für die vier Abschnitte (von Ost nach West Harima nada, Bingo n., Iyo n., Suwo n.); ihre Dichter sprechen nicht davon.

Am Morgen des folgenden Tages (5½ Uhr), weckt mich Herr Bischoff. Wir sehen beim Dämmerlicht die enge, nur ½ Meile breite[S. 185] Strasse von Shimonosecki, wo im Juni 1863 der kühne Daimio von Chôsiu die ihm verhassten Schiffe der Fremdlinge (ein amerikanisches, später ein französisches und ein holländisches) beschoss und tapfer, wenngleich vergeblich, am 5. und 6. September 1863 gegen die strafende Flotte von neun englischen, drei französischen, vier holländischen und einem amerikanischen Kriegsschiff sich wehrte.

Der Leuchtthurm sendet uns erst weisses Licht, als wir näher kommen, rothes. Die Strasse sieht wie vollständig abgesperrt aus. Wir winden uns durch, erblicken die Stadt Shimonosecki und auf beiden Ufern mächtige Kohlenlager; dann müssen wir weit hinaus in’s japanische Meer, um nach Süden umbiegend Abends Nagasaki an der Westküste der Insel Kiushiu zu erreichen.

Logbericht Kobe-Nagasaki:
1. Tag  (10. Okt. bis Mittag) 23 Meilen 2 Std. 1 Min.
2. (11. Okt. bis Mittag) 287 24  
3. (11. Okt. Nachmittag) 81 8  
Reisedauer (reducirt) 1 Tag 8 Stunden 49 Minuten.

In dem schönen geräumigen Hafen von Nagasaki werfen wir Anker, angesichts der erleuchteten Stadt, die wir aber, da es regnet, heute nicht mehr besuchen.

An Bord kommt, mit Tochter und kleinem Enkelchen, ein alter, australischer Schiffscapitän, der durch Schiffbruch seine ganze Habe verloren und nun von seinem Consul nach Hause geschickt wird; ferner ein norwegischer Capitän, der zwischen Wladiwostock und Sachalin gefahren war und Strafgefangene befördert hatte, bis ihm die Russen schliesslich sein Schiff abkauften. Er erzählt Schauergeschichten von Wladiwostok.

Am folgenden Tage ist das Wetter besser, wiewohl noch nicht gut. Jetzt sieht man den prachtvollen Hafen von Nagasaki, der drei englische Meilen lang, birnförmig gestaltet, durch vorliegende Inseln (darunter den berüchtigten „Papenberg“) vortrefflich geschützt, und dabei Schiffen jeden Tiefgangs zugänglich, den Eindruck eines abgeschlossenen Binnensee’s macht. In der That ist der Eingang zu dem Hafen nur ¼ Meile breit. Der Güte des Hafens entsprach allerdings zur Zeit nicht die Zahl der Schiffe. Es fehlt das Hinterland. Nagasaki ist von Yokohama und Kobe weit überflügelt worden.[235]

[S. 186]

Dabei hat dieser westlichste Punkt des japanischen Inselreiches die längste Geschichte des Verkehrs mit den Fremden.

Das kleine Fischerdorf Nagai-saki (langes Vorgebirge) gelangte zu grösserer Bedeutung, als der Fürst von Omura um die Mitte des 16. Jahrhunderts den Nam-ban oder südlichen Barbaren, so hiessen damals bei den Japanern die Portugiesen, gestattete, hier sich niederzulassen und Handel zu treiben, was ihm selbst und seinen Unterthanen grossen Gewinn abwarf. In Nagasaki, das so weit von der Hauptstadt Yedo (Tokyo) entfernt war, konnten christliche Kaufleute und Missionäre ihre Thätigkeit entfalten. Nach der Vertreibung der Portugiesen wurde Nagasaki 1646 den Chinesen und Holländern als einziger Handelshafen zugewiesen.

Hier haben die Holländer auf der kleinen, abgesperrten und bewachten Halbinsel Deshima[236] über 200 Jahre lang in unrühmlicher Gefangenschaft und Selbsterniedrigung,[237] um des schnöden Gewinnstes willen, zugebracht und mussten sich noch dazu gefallen lassen, dass die japanische Regierung die Preise bestimmte. Schon Kämpfer sagt 1690–1692: „Unser güldenes Fliess verwandelt sich in ein gemeines Fell.“ Während die Holländer 1611–1641 Gold, Silber, Kupfer und Kampher im Werthe von 306 Millionen Mark mit 90–95 Procent Gewinn ausgeführt hatten, sank danach die Ausfuhr an Menge erheblich und der Gewinn auf 40–45 Procent. Kupfer, Kampher, Lackwaaren, Porzellan blieben die hauptsächlichen Ausfuhrgegenstände. Um die Mitte unseres Jahrhunderts hatte das Handelsvorrecht der Holländer wesentlich an Werth eingebüsst. Durch den Vertrag von Kanagawa (1854) mit den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika und die darauf folgenden mit den europäischen Mächten wurde es vernichtet. Aber Nagasaki wurde mit unter die Vertragshäfen aufgenommen. Sein Handel ist wieder im Ansteigen.

1888 liefen ein:

427 fremde Dampfer mit 436000 Tonnen Gehalt ,
171 japanische 183000 ;

und liefen aus:

488 fremde Dampfer mit 523000 Tonnen Gehalt ,
161 japanische 178000 .

Der neue Aufschwung hängt namentlich davon ab, dass zu Nagasaki die fremden Dampfer mit Kohlen sich versorgen. 1888 wurde hier[S. 187] für 3 Millionen Yen Steinkohle ausgeführt. Steinkohle gehört (nebst Kupfer) zu den wichtigsten Bergwerkserzeugnissen[238] Japans; sie findet sich hauptsächlich auf der nördlichen Insel Yezo und auf der Insel Kiushiu. Die japanische Steinkohle steht an Güte hinter der rheinischen und englischen zurück; sie hinterlässt viel Asche.

Auch unser Dampfer nahm hier seine Kohlen ein. Schwerbeladene Leichterschiffe hatten sich an unsere Breitseite gelegt. Körbe voll Kohlen wurden die Treppen hinauf von Hand zu Hand gereicht, oben ausgeschüttet, die Masse gewogen und in den Schiffsbauch versenkt. Hunderte von Arbeitern sind thätig, auch Mädchen, die ganz unverdrossen schaffen; sie bekommen 10–15 Cts. Tagelohn! Der japanische Kaufmann hat die Kohle an Bord zu liefern und bedient sich dazu der billigen Menschenkräfte seines Landes. Natürlich sticht das gewaltig ab gegen die riesigen, selbstthätigen Kohlenkrähne im Hafen von Toronto, die ich kurz zuvor bewundert; aber in Asien ist dies das allgemein übliche Verfahren.

Sonstige Ausfuhrgegenstände sind jetzt Reis, Thee, Tabak, Kampher, Pflanzenwachs, getrocknete und gesalzene Fische, ferner von den Erzeugnissen des Gewerbefleisses Schildpatt, Lack- und Thon-Waaren.

Nagasaki,[239] schon vor 200 Jahren, nach den Beobachtungen von Kämpfer, eine grosse und bedeutende Stadt mit besserer Polizei-Ordnung, als derzeit die meisten europäischen Städte besassen, zählt heute 55000 Einwohner und hat nur wenige Sehenswürdigkeiten.

Mit den beiden japanischen Aerzten, die mich vom Dampfer abholten, besuchte ich natürlich zuerst Deshima, wo aber nichts mehr an die alte Zeit gemahnt, da vor einigen Jahren eine Feuersbrunst die letzten Reste zerstört hat. Eine kleine Kirche erinnert daran, dass nicht mehr, wie zur Zeit der Tokugawa Shogune, das Bekennen des Christenthums verboten, sondern mit dem neuen Mikado vollkommene Religionsfreiheit in das Reich der aufgehenden Sonne eingezogen ist.

Die Lage der Stadt an dem Golf und die Hügel aufwärts, wo wirklich Fichte und Palme sich vereinigen, ist entzückend. Der grosse Shinto-Tempel O-Suwa ist mit einem Bronze-Pferd geschmückt; seine Gärten ziehen sich terrassenförmig empor und zeigen allenthalben luftige Schaubühnen aus Bambusrohr, für den grossen Festzug Kunichi, der am nächsten Tag stattfinden sollte. Der Gouverneur der Stadt,[S. 188] meine Eisenbahn-Bekanntschaft, sandte Nachmittags einen Boten auf das Schiff, um mich einzuladen und mir einen Platz an seiner Seite anzubieten. Ich musste mit höflichem Danke ablehnen, da der Dampfer auf den Reisenden nicht wartet. In dem Krankenhaus, das zur Medicinschule gehört und das älteste Japan’s nach europäischer Art darstellt, fand ich einen deutschen Matrosen mit schwerer Verletzung des Unterschenkels, allein unter den japanischen Kranken und Aerzten, sehr traurig, aber doch getröstet, als ich ihm versicherte, dass diese japanischen Aerzte seines Vertrauens nicht unwerth seien.

Nachmittags besuchte uns auf dem Dampfer der Consul des Deutschen Reiches, Herr Dr. Lenze. Wir leerten mehr als ein Glas auf das Wohl der Heimath. Dann wurden die Anker gelichtet bei schlechtem Wetter, das draussen auf hoher See immer schlechter wurde. Das Meer war die ganze Nacht hindurch sehr bewegt, die Wogen klatschten gegen meine Cajütenfenster.


Abschied von Japan.

Schön ist das Reich, vom Meer umgeben;
Die Landschaft lieblich, voller Leben,
Die Felder zierlich, die Häuser nett,
Das Volk manierlich, fein, adrett;
Das Leben köstlich und amüsant
In diesem östlich geleg’nen Wunderland.

Der Abschied von Japan, das ich doch gewiss nicht wiedersehen werde, ist mir recht schwer geworden, obschon ich nicht so weit gehe, wie der heilige Franz Xaver, der (in der Mitte des 16. Jahrhunderts) das japanische Volk als das Entzücken seiner Seele bezeichnete. Wahrscheinlich bin ich nicht lange genug auf diesen freundlichen Inseln verblieben. Jedenfalls auch nicht lange genug, um die Schattenseiten zu bemerken, welche die Grämlichen unter meinen Lesern vielleicht mit Befremden vermissen.

Wie jeder vernünftige Reisende, fand auch ich die Japaner freundlich, reinlich, geschmackvoll. Dass sie im Gegensatz dazu „eitel, geschäftsuntüchtig und unzugänglich für abstracte Begriffe“ seien, konnte ich wohl hie und da vermuthen, hatte es aber nur selten zu tadeln. Jedenfalls sind sie fröhlicher, vielleicht auch glücklicher, als wir. Ob sie weiser sind, trotz der geringen Kenntnisse in der reinen und angewandten Mathematik, in den alten Sprachen und in der Philosophie, — das zu entscheiden will ich Andern überlassen.

[S. 189]

Man könnte ihre glückliche Gemüthsstimmung ableiten von der heiteren, gemässigten, abwechslungsreichen Natur, welche sie umgiebt; und die gelegentlichen Ausbrüche einer wilderen Art von den Erdbeben und den Erschütterungen ihrer feuerspeienden Berge, welche von Zeit zu Zeit das friedliche Landschaftsbild stören. Aber das sind Redensarten. Unzweifelhaft sind sie tapfer und treu bis zum Tod.

In den Gesetzen von Jeyasu steht wohl die Strafe für ehebrechende Frauen, aber mit dem Bemerken, dass dieses Verbrechen kaum vorkomme. Die Frau der mittleren und höheren Stände waltet im Hause; sie ist aber nicht eingesperrt, wie bei den Türken. Von frühester Kindheit wird sie zu Sanftmuth und Nachgiebigkeit erzogen; der Erfolg ist unendlich viel anmuthiger, als die amerikanische Frau, welche herrisch nicht blos Gleichberechtigung, sondern Vorrecht erzwingen will. San-jô sind die drei Hauptpflichten: Gehorsam des Mädchens gegen den Vater, der Gattin gegen den Mann, der Wittwe gegen den ältesten Sohn.

Unreife Globetrotter haben in Europa und Amerika die Meinung verbreitet, dass in Japan Sittenlosigkeit[240] herrsche. Wer nur in schlechter Gesellschaft sich bewegt, kommt zu schiefen Urtheilen.

Als ich meine Freunde, die viele Jahre in Europa zugebracht, ernstlich befragte, ob denn wirklich die vornehmen Japaner ihre Gattinnen aus der Reihe der Tänzerinnen und Sängerinnen wählten, lachten sie mich fröhlich aus, und befragten mich, ob denn erstlich eine Heirath zwischen Edelmann und Tänzerin noch niemals in Europa vorgekommen sei, und ob denn zweitens alle Tänzerinnen und Sängerinnen in Europa sittenlos seien; in Japan gäbe es ganz ordentliche.

Ihre Kleidung war jedenfalls schicklicher, als die unsrer Ballettdamen; das Benehmen der Aufwärterinnen in den Theehäusern sittsamer, als das unsrer Kellnerinnen. Wenn einmal ein niedrer Japaner wirklich eine Sirene ehelicht, so ist er sicher nicht, wie oft bei uns, ein Substrat der lex Heinze.

Die Ordnung in Japan ist überraschend. Ich habe nie und nirgends einen unordentlichen Menschen, sei es Mann[241] oder Weib gesehen;[S. 190] überhaupt nichts auf der Strasse wahrgenommen, was das Auge selbst der zimperlichsten Dame beleidigen könnte.

Heirathen auf Zeit kommen ja bekanntermassen in Japan vor, nur täuscht sich der eitle Europäer über die Güte der Waare, gerade so wie in Europa; und hat trotzdem in Japan weniger Grund zur Klage, als in Europa.

Japanische Kinder sollen niemals weinen. Das ist wohl nicht wörtlich zu nehmen. Als ich einmal einen unartigen Buben in einem Tempelgrund freundlich zu ermahnen versuchte, ergriff ihn die Mutter entsetzt und floh vor dem Fremdling. Jedenfalls sind die japanischen Kinder weit artiger, als die der Europäer, die in ihrem Lande weilen. Sie spielen fröhlich und heiter; die Mädchen mit Puppen, die Knaben mit Bällen, Kreiseln und Drachen. Mir hat es grosses Vergnügen gemacht, ihnen zuzuschauen. Sie sind auch nicht übertrieben blöde. Ein fröhliches „Oheio“ (gegrüsst) erschallte mir oft entgegen, wenn ich auf der Jinrikisha durch ein entlegenes Dorf rollte. Die Kinder in Japan scheinen vernünftiger, als die europäischen, während die erwachsenen Japaner öfters den Eindruck von grossen Kindern machen. Kindliche Liebe gilt seit sieben Jahrhunderten als die hauptsächliche Tugend.

Noch weit schwieriger, als über Vergangenheit und Gegenwart, ist für den Reisenden natürlich das Urtheil über die Zukunft. Japan befindet sich in einem Uebergang. Das Alte kämpft mit dem Neuen. Was wird das Ende sein? Wird Japan in die Reihe der civilisirten Mächte als vollberechtigtes Glied eintreten?

Japan wünscht die Beseitigung der Consulargerichtsbarkeit über die Fremden. Was es dafür bietet, Aufhebung des Passzwangs, allenfalls das Recht, Grundbesitz im Innern zu erwerben, gemischte Gerichtshöfe, wird von den Kaufleuten in den Vertragshäfen nicht für eine genügende Gegenleistung angesehen, obwohl namhafte europäische Schriftsteller für die Forderungen der Japaner eingetreten sind. Das deutsche Reich scheint berufen, eine wichtige, ja entscheidende Rolle in dieser Frage zu spielen. Ich hoffe auf eine freundschaftliche Lösung, zum Nutzen des deutschen Einflusses.


[S. 191]

V.
Von Japan nach Südchina. Hongkong, Canton. Von Hongkong über Singapore nach Colombo.

Wer die ostasiatischen Gewässer zu befahren Gelegenheit hat, namentlich bei schlechtem Wetter, fühlt die unabweisbare Pflicht, in seinem Gehirn die Begriffe Taifun und Monsun ordentlich verpackt unterzubringen.[242]

In der Gegend des Aequators steigt die stark erhitzte Luft empor und fliesst oben nach den beiden Polen ab, unten strömt von den Polen kältere Luft zu. Aber indem die letztere dem Aequator sich nähert, gelangt sie mit geringerer Drehgeschwindigkeit in Gegenden, welche (gewissermassen unter ihr fort) schneller um die Erdachse von Westen nach Osten gedreht werden, sodass die südwärts bewegte Luft, gleichzeitig nach Westen zu gehen scheint. Diese beiden Bewegungen setzen sich auf der nördlichen Halbkugel zum Nordost-, auf der südlichen zum Südost-Passatwinde zusammen. Zwischen den beiden Passaten liegt die Gegend der Windstillen.

Im indischen Ocean ist die Regelmässigkeit der Passatwinde durch die umgebenden Ländermassen, namentlich durch den asiatischen Continent, gestört. Im nördlichen Theil des indischen Oceans, oberhalb des Aequators, weht Nordost-Monsun[243] vom September bis April, Südwest-Monsun vom April bis September.

Im Winter wird eben der Nordost-Passat nicht gestört, im Sommer aber erwärmt sich der asiatische Continent sehr stark und veranlasst[S. 192] eine Luftströmung nach Norden, welche durch die Drehung der Erde in einen Südwestwind verwandelt wird.

Tai-fun[244] sind Wirbelstürme in den chinesischen und japanischen Gewässern, welche zur Zeit des Wechsels der Monsune vom Juli bis November, am häufigsten im September und October, vorkommen. Ihre Mittelpunkte bewegen sich von O. nach W. oder von OSO. nach WNW., während die Drehrichtung wie bei allen Stürmen auf der nördlichen Halbkugel entgegengesetzt der des Uhrzeigers ist. Sie sind für die Schiffe äusserst gefährlich, weil sie erstlich ohne Vorboten auftreten, und weil sie ferner nur eine geringe Breite einnehmen, innerhalb derer die Windrichtungen ganz ungewöhnlich rasch wechseln.

Aber meine Beschäftigung mit dem Taifun blieb rein wissenschaftlich. Schon am Morgen des folgenden Tages (13. October) war das Wetter besser.

Ich lese Byron’s Harold, den ich glücklicher Weise in der Bücherei des Dampfers fand. Byron ist der Dichter des Reisens in vollkommenster Gestalt. Im Zusatz zur Vorrede vom Ritter Harold nennt er die Schönheiten der Natur und die Lust zu reisen ausser dem Ehrgeiz vielleicht die mächtigsten Anreizungen. Noch mehr hat er es durch seine Werke bewiesen. Wer die von ihm geschilderten Gegenden, vor allem Griechenland, zu sehen und zu betrachten Gelegenheit hatte, wird niemals müde werden, ihn zu verehren. Um so merkwürdiger scheint es mir, dass er selbst den gebildeten Engländern, trotz ihrer anerkennenswerthen Reiselust, weder genügend bekannt noch seelenverwandt zu sein scheint. Ich habe kaum einen Engländer gefunden, der den Anfang des dritten Gesangs vom Corsaren kannte, — jene wundervolle Schilderung des Sonnenuntergangs am saronischen Meerbusen, den ich selber so oft vom Nike-Tempel der Akropolis mit staunender Bewunderung geschaut. Weit besser kennen wir Deutschen das Hohelied vom Reisen, das unser Goethe gedichtet:

Doch ist es jedem eingeboren,
Dass sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,
Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt,
Wenn über schroffen Fichtenhöhen
Der Adler ausgebreitet schwebt,
Und über Flächen, über Seen,
Der Kranich nach der Heimath strebt.

[S. 193]

Auf dem vaterländischen Schiffe,[245] das vorzüglich eingerichtet ist, werde ich wie ein Kind des Hauses behandelt, vom Capitän und von allen Officieren. Der erste Maschinist erklärt mir die Schiffsmaschinen, zeigt mir seine wundervolle Schmetterlings-Sammlung, die er durch 20jährigen Fleiss in Ostasien zusammengebracht, misst mit mir die Zeitdauer des Sonnenuntergangs, betrachtet mit mir das Meeresleuchten, — wie riesige Leuchtkäfer tanzen die glimmenden Quallen auf der von dem Schiff durchpflügten Wasserfläche, — guckt mit mir nach den Sternen.

Da sehen wir unsern lieben Bekannten, den grossen Bären, aber zur Hälfte in das Weltmeer getaucht, während Homer von ihm singt, dass er allein des Bades im Ocean nicht theilhaftig werde.[246] Die jonischen Schiffer waren nicht so weit südlich vorgedrungen. Mehr als zwei Monate dauerte es, bis ich ihn wieder vollständig erblickte.

Das gute Wetter blieb andauernd. Sonnabend, den 15. October sahen wir zuerst die kleinen Inseln von der steilen chinesischen Küste, gegenüber von Formosa. Das Meer war prachtvoll grün. Nachmittags kam eine chinesische Fischerboot-Flotte in Sicht. Ich zählte gleichzeitig innerhalb unsres Horizontes 114 Fahrzeuge. Zwei Boote fahren immer zusammen und schleppen das dazwischen ausgespannte Netz. Am folgenden Tage, Sonntag, den 16. October, gelangten wir nach Hongkong. Wir haben also die nahezu 1000 Seemeilen von Nagasaki nach Hongkong[247] in vier Tagen vollendet.

Die steile chinesische Küste mit ihren rothen Felsriffen sticht prachtvoll ab von dem grünen Meer. Die Einfahrt sehe ich von der Brücke aus.

Hongkong ist viel schöner, als ich geglaubt. Die Stadt liegt auf der Nordseite der Insel und klimmt an dem Felsen empor, wie Neapel. Unten ist der mächtige Quai und die zahllosen Schiffe und Boote in dem prachtvollen Hafen, der wie ein geschlossener Binnensee aussieht, die stattliche Häuserreihe der Ufer-Strasse, darunter das fünfstöckige Hotel und der Glockenthurm; weiter oben die loggien-[S. 194]geschmückten Wohnhäuser der Wohlhabenden; dazwischen prachtvolle Gärten und auf der Höhe die neuen Gasthäuser.

Wir ankern gegenüber an der Werft der Festlands-Halbinsel Cowloon,[248] die auch den Engländern gehört, dicht neben dem Reichspostdampfer „Neckar“ vom Bremer Lloyd,[249] und werden in dem winzigen Dampfer des Hongkong-Hotel hinübergeschafft.

Der Quai und Landungsplatz waren weiss von Menschengewimmel; denn hier innerhalb der Tropen trägt auch der Kaukasier nicht schwarze Kleidung. „Habt Ihr nichts von der Bokhara gesehen?“ war die allgemeine Frage. Das Postschiff Bokhara, von Shangai nach Hongkong, war seit sieben Tagen fällig, aber vermisst. Da wir nichts melden konnten, stiegen die Befürchtungen aufs höchste, zumal eine fröhliche Cricket-Partie einen Ausflug auf dem Schiffe unternommen. Sogleich wurde ein Kanonenboot der Regierung und ein Dampfer der P. & O.-Gesellschaft zur Nachforschung ausgesendet. Sie kehrten nach mehreren Tagen mit der Trauernachricht heim, dass die Bokhara gänzlich zu Grunde gegangen. Während des Taifun war Wasser durch die Schornsteine in die Maschine gedrungen und hatte die Feuer ausgelöscht, der Sturm trieb das hilflose Schiff gegen die Küste von Formosa. Nur zwei Europäer retteten sich und etwa zwanzig von den indischen Matrosen (Laskaren). Einer der überlebenden Engländer schleuderte in den Zeitungen heftige Beschuldigungen gegen die Laskaren; sie hätten die Rettung der Andern nicht nur nicht befördert, sondern in übertriebener Selbstsucht eher gehindert. Die Angegriffenen blieben die Antwort nicht schuldig. Es scheint nicht ganz so schlimm gewesen zu sein. Allerdings besteht diese Gefahr auf den ostindischen Gewässern, dass im Falle eines Unglücks die asiatischen Matrosen die Befehle der Officiere vielleicht mangelhaft verstehen, wahrscheinlich mangelhaft ausführen, eher den Kopf verlieren, mitunter sogar mehr auf Plünderung, als auf Rettung der Reisenden bedacht sind. Mir haben Schiffsofficiere mitgetheilt, dass sie im Falle des Schiffbruchs zuerst nach Revolver und Bowie-Messer greifen, um jedenfalls nicht wehrlos zu sein. Ueber jeden Zweifel erhaben war das Benehmen der armen chinesischen Fischer auf Formosa und des ihnen vorgesetzten Mandarin. Sie thaten Alles für die Rettung der Schiffbrüchigen von der Bokhara und von dem gleichzeitig gescheiterten norwegischen Dampfer Normannia, — es waren dies die beiden einzigen[S. 195] Schiffe, die unmittelbar vor uns unsere Strasse befahren. Wenn Meister Hildebrandt noch vor 30 Jahren fürchtete, beim Scheitern des Schiffes (allerdings an der Ostküste der Insel Formosa) von den Eingeborenen verspeist zu werden, so dürfte er aus Unkenntniss übertriebene Besorgniss gehegt haben.

Sehr beruhigend ist die Wirkung der telegraphischen Kabel. Ich hatte sofort nach der Landung in Hongkong eine Meldung meiner glücklichen Ankunft nach Hause gesendet. (Das Wort von höchstens zehn Buchstaben kostet allerdings noch 2 Dollar Silber). Nach 24 Stunden war ich im Besitz der Rückantwort. Erst vier Tage später wurde in Europa das Scheitern der Bokhara bekannt.

Nachdem ich mich über den Hafen und die Hauptgebäude der Stadt einigermassen unterrichtet, bekam ich im grossen Hongkong-Hotel ein befriedigendes Mittagsmahl. Hier lernte ich zuerst die Punka genauer kennen. Es ist dies ein grosser, rechteckiger, mit dünnem Zeug überspannter Holzrahmen, der in einiger Höhe über der Tafel in Angeln aufgehängt ist, während an den oberen Ecken Stricke befestigt sind, vermöge deren der Riesenfächer hin- und hergeschwungen wird. Es sieht lächerlich aus, ist aber sehr erfrischend und von Hongkong bis gegen Suez üblich. Auf Schiffen wird die Punka öfters von einer Maschine bewegt, in den Gasthäusern besorgt es der draussen stehende „Punka-Knabe“, der, wie man sagt, auch im Schlaf seine Arbeit verrichtet. Nach dem Mahl suche ich mein Schlafzimmer auf. Das Hotel ist ein fünfstöckiges, riesiges, aber unordentliches Haus. Jedes Schlafzimmer hat Ventilations-Einrichtungen und einen steinernen Balcon. Trotzdem erwachte ich um 2 Uhr Nachts von der Hitze, und merkte, dass Hongkong weit heisser ist, als ich es mir vorgestellt. Das Thermometer zeigte 23° C.

Ich zog Pantoffeln, Strümpfe und Handschuhe an gegen Moskitos und setzte mich im Hemd auf den Balcon, zündete eine Cigarre an und lauschte dem nächtlichen Lärm der Matrosen, den die Engländer in ihren asiatischen Hafenstädten so gleichgültig dulden.

Die Felseninsel Hongkong[250] liegt unter 22° nördl. Breite, dicht unter dem nördlichen Wendekreis, also südlicher als der erste Cataract des Nil; der südlichste Punkt, den ich vorher erreicht, unter 114° östl. Länge von Greenwich. Die Insel liegt an der Mündung des Perlflusses (Canton River), vor der Küste der chinesischen Südprovinz Kwantung, hat eine Länge von 20, eine Breite von 3,6 bis 7,2 km und misst 83 qkm.[251][S. 196] Die höchste Erhebung beträgt 539 Meter. Hongkong gehört zur Gruppe der von den Portugiesen sogenannten Ladrones.

Blicken wir auf diesen Hafen an der Nordseite der Insel mit Dutzenden von stattlichen Dampfern, sowohl friedlichen als auch kriegerischen, zahlreichen Seglern und zahllosen Kähnen (Sampan der Chinesen, die darin mit Weib und Kind wohnen, an 20000,) auf die mächtigen Werften, das steinbedämmte Ufer, das dem Meere unter ungeheuren Kosten Raum abgewinnt, die stattliche Praya oder Uferstrasse mit den hohen, steinernen Geschäftshäusern, die schöne Stadt (Victoria), welche an dem grünen Hügel emporklimmt und durch eine Drahtseildampfbahn, die einzige in Asien, mit den prachtvollen Wohn- und den mächtigen Gast-Häusern hoch oben auf der Spitze des Felsens (dem Pik) verbunden ist; so können wir uns kaum vorstellen, dass vor 40 Jahren Hongkong eine ganz öde Insel war, die nur von wenigen chinesischen Steinschlägern und Fischern, die gelegentlich auch Seeraub trieben, bewohnt wurde. Jetzt ist es der grösste Handelshafen an der ganzen, ungeheuren chinesischen Küste und die erste Etappe der Engländer auf der wichtigen Meeresstrasse zwischen ihrem Dominion Canada und ihrem Kaiserreich Indien; gleichzeitig ein wichtiger Wachtposten an der Pforte von Südchina.

Seit 1837 ist Hongkong Ankerplatz von Handelsschiffen für Canton und Macao. Nach dem ersten Kriege gegen China wurde es 1841 an England abgetreten, nach dem zweiten Kriege seit 1843 besiedelt, nach dem dritten Kriege (1857) wurde 1860 auch die Halbinsel Cawloon[252] auf dem chinesischen Festland an die Engländer abgetreten. Eine mächtige chinesische Stadt ist hier entstanden, da der Handel Verdienst versprach. Die Zahl der Einwohner der Colonie betrug 1881 150000,[253] darunter waren nur 8000 Europäer.

Die Engländer halten hier eine kleine Kriegsflotte und eine Besatzung von etwa 1500 bis 2000 Mann, die theils aus Europäern, theils aus indischen Soldaten besteht, hauptsächlich aus hochgewachsenen, rothbeturbanten Sikhs in der bequemen gelblichen Leinwand-Uniform. Die ausgezeichneten, nach unseren Begriffen sogar üppigen Baracken der Soldaten liegen am Westende der Stadt und auf den Hügeln von Cawloon. Natürlich wohnt in Hongkong ein englischer Gouverneur, ein Admiral (Commodore), ein General.

Die Polizisten sind theils Sikhs, theils Chinesen; nur die oberen[S. 197] Stellen werden mit Engländern besetzt. Sicherheit und Ordnung sind befriedigend, obwohl die Insel, wegen ihrer günstigen Lage, den Zufluchtsort der aus Südchina fliehenden Verbrecher darstellt. Der Handel ist bedeutend, da Victoria einen Freihafen besitzt, jedoch nicht mehr so allein herrschend, seitdem verschiedene Vertragshäfen an der chinesischen Küste den Europäern eröffnet sind. Aber immerhin handeln die meisten chinesischen Häfen nicht unmittelbar mit Europa, sondern durch Vermittlung von Hongkong. Ein grosser Theil des Handels liegt in den Händen der Deutschen, die in bester Lage der Stadt ein grossartiges Clubhaus in gothischem Stil, aus grauröthlichem Hongkong-Granit errichtet haben, eines der schönsten Gebäude in Ostasien.

Durch englische, deutsche, österreichische, französische und andere Dampferlinien steht Hongkong einerseits mit Europa, namentlich seit Eröffnung des Suezkanals, ferner mit Indien, China, Japan, endlich mit Amerika und Australien in reger Verbindung.

1884 liefen ein;

  26763 Schiffe mit 5000000 Tonnen ,
darunter 2976 Dampfer 3259000 ,
  314 Segler 290000 ,
  23473 Dschunken 1687000 .

2397 Schiffe waren britisch, 474 deutsch. 1890 verkehrten im Hafen von Hongkong 27626 Schiffe mit 6688000 Tonnen. Die Einfuhr beläuft sich auf jährlich 130 Millionen Mark für Opium, 32 für Baumwollenstoffe, ebenso viel für Rohbaumwolle und 20 Millionen für Reis. Die Ausfuhr besteht in Thee, Seide, Zucker, Reis. Der Werth der Einfuhr betrug 381 Millionen Mark im Jahre 1890, der der Ausfuhr 174 Millionen Mark.

Hongkong ist ein sprechendes Beispiel des grossen Geschicks der Engländer in der Colonisation.

Aber die Geschichte Hongkongs erzählt auch von mannigfachen Unglücksfällen. Anfangs litten Truppen und Colonisten an tödtlichen Fiebern, bis es gelang, Häuser und Baracken besser zu bauen. Im Jahre 1856 entstanden auch Aufstände unter den Chinesen und im Jahre 1857, als Canton zum dritten Mal von den Engländern beschossen wurde, versuchte ein chinesischer Bäcker zu Hongkong, A Lum, die Fremden durch arsen-vergiftetes Brod auszutilgen. Aber er hatte die Gabe zu niedrig gegriffen, der Anschlag wurde entdeckt, ehe viel Schaden angerichtet war. Während 1860–1866 grosser Wohlstand herrschte, (1864 wurde die Gasbeleuchtung, 1866 die Münze ein[S. 198]gerichtet,) so folgte darnach eine schwere Geschäfts-Bedrängniss, ebenso 1873, als der Kuli-Handel endgiltig verboten wurde, nachdem die unglücklichen Halbsklaven mehr als einmal auf hoher See das Frachtschiff verbrannt hatten.

1874 enterten chinesische Seeräuber den Dampfer Spark, der zwischen Hongkong und Macao fuhr, und ermordeten den grössten Theil der Matrosen. 1862, 1865, 1867, 1874 und 1875 wurde Leben und Eigenthum durch Taifune vernichtet. Wenn man den Wirbelsturm vorher merkt, so warnt ein Kanonenschuss die Schiffer und Strandbewohner. Eiligst suchen die Sampan Cawloon oder den Strand von Hongkong zu gewinnen; und doch musste man 1874 nach dem Sturm Tausende von Leichen aus dem Hafen fischen. 1862, 1867, 1878 wütheten grosse Feuersbrünste. Jetzt sind auch die Chinesen gezwungen, die Häuser aus Stein und einigermassen feuersicher anzulegen.

Die Stadt Victoria folgt der Nordküste der Insel für 5½ Kilometer und ist ganz von Hügeln eingeschlossen. In der Mitte liegt die europäische Stadt, die riesigen Geschäftshäuser ganz nahe der Küste, massiv aus Granit gebaut, um dem Taifun zu widerstehen. Die Wohnhäuser der Wohlhabenden liegen auf den Hügeln und ziehen sich staffelförmig mehrere hundert Fuss weit empor. Breite Strassen, mit prachtvollen Bäumen bepflanzt, winden sich von einer Terrasse zur andern empor und führen zu Gärten mit den herrlichsten Tropengewächsen. Der granitne Hafendamm säumt die Uferstrasse (Praya) ein und ist über 3½ Kilometer lang. In der Mitte der Stadt, dicht neben der Werft, erhebt sich der Glockenthurm, das Wahrzeichen von Victoria. In der Nähe ist Post- und Telegraphen-Amt, sowie der höchste Gerichtshof, Hongkong-Hotel, die hauptsächlichsten Clubs, und in einem schönen Garten das Haus des Gouverneurs.

Im Osten der Stadt liegt City hall mit Theater, Ballsälen und einem Museum. Die Vorderseite des stattlichen Gebäudes trägt noch den Schmuck der 50jährigen Jubelfeier der Königin-Kaiserin Victoria, ihr Bild und darunter die Zeichen: V. R. 1837, 1887. Davor steht ein monumentaler Brunnen mit Triton oben, Karyatiden unten, 4 Löwen-Kätzchen rings herum. Dass er schön sei, möchte ich nicht glauben; dass er an diesen Ort passe, wird Niemand behaupten. Dann folgen Parade- und Cricket-Gefilde sowie Baracken. Die öffentlichen Gärten sind bewunderungswürdig. Am Westende der Stadt (West Point) ist das Hauptquartier der Chinesen mit ihren Theatern, Gasthäusern, Hotels, Speise- und Theewirthschaften, sowie sonstigen Vergnügungsorten.

Am nächsten Morgen, (Montag, 17. October) fuhr ich zunächst von dem Landungsplatz auf dem kleinen Omnibus-Dampfer nach Cawloon und[S. 199] holte Dr. Dannemann von der „Nürnberg“ ab. Wir fuhren zurück nach Victoria und in Jinrikisha, die hier von kräftigen Chinesen gezogen wird, nach dem glückseligen Thal (Happy valley) am Ostende der Stadt.

Umgeben von bewaldeten Hügeln, durchzogen von wasserreichen Flüsschen, prangt das Thal in immerwährendem, herrlichstem Grün. Die Mitte wird von dem Platz für das Wettrennen der Pferde eingenommen, für das ich nicht das warme Herz habe, wie die Engländer, welche tief beklagen, dass wegen des Daniederliegens von Handel und Verkehr nicht mehr europäische Rassepferde, sondern mongolische Ponnys sich tummeln. Desto mehr fesselten mich die Friedhöfe, welche das Thal umsäumen und gegen die Hügel sich lehnen. Der englische Friedhof enthält ein gut Stück Colonialgeschichte. Da ruht manch’ tapferer Soldat und Seemann fern von Altengland in der Erde, der man bei + 24° C. mittlerer Jahrestemperatur nicht einmal das übliche Beiwort der kühlen ertheilen kann. Da hat auch der preussische Capitän zur See, Kupfer, aus Berlin seine Ruhestätte gefunden; und preussische Adler aus Stein breiten ihre Fittiche über seine Grabessäule. Die herrlichsten Palmen und Blüthensträucher mildern den traurigen Eindruck der Todtenstätten. Der römisch-katholische Friedhof birgt die Gebeine der Irländer und der Portugiesen; die Leichensteine beider Völkerschaften sind durch lange und schwungvolle Inschriften ausgezeichnet. Kleiner sind die Kirchhöfe der Mohammedaner und der Parsi. Die letzteren scheinen hier hauptsächlich nur Leichensteine zur Erinnerung, keine Gräber zu haben. Hier ist kein Thurm des Schweigens, wie zu Bombay. Man betritt die offene und leere, aus Granit gebaute Halle, wo die Angehörigen zu weihevollem Gebete sich sammeln.

Noch etwas weiter östlich liegt Bay-View, ein Gasthaus am Strande, wo ein würdevoller Negergreis aus den Vereinigten Staaten wirthschaftet, ein ehemaliger Schiffskoch, der hierher verschlagen wurde, und im gewähltesten Englisch seinen chinesischen Dienern gebietet. Gutes, auf Eis gekühltes Flaschenbier wird hier in einer erhöhten Laube verschenkt. Wir treffen hier auch, laut Verabredung, Herrn Dr. Schild, Schiffsarzt des „Neckar“, vom Bremer Lloyd, und Herrn Dr. Pauluhn, den Arzt unseres kleinen deutschen Kriegsschiffes „Iltis“, das im Hafen von Hongkong die vaterländische Flagge entfaltet.

Zurückgekehrt nach Cawloon nehmen wir das Frühstück an Bord der „Nürnberg“ zusammen mit Capitän Schmölder vom „Neckar“, und betrachten dann die Abfahrt des letztgenannten Dampfers, der[S. 200] nach der Heimath zurückkehrt. Die Musikbanden beider Dampfer lassen vaterländische Weisen ertönen, am Ufer brennt ein chinesischer Geschäftsfreund ein grossartiges Feuerwerk ab, lustig weht die deutsche Flagge im Winde. Aber auch dieser grossartige Dampfer hat wenig Cajütreisende. Es ist das auch natürlich bei einer vierwöchentlichen Fahrt. Bei zweiwöchentlicher könnte der Reisende sich besser auf unsere Schiffe einrichten. Ein grösserer Zuschuss vom Reiche wäre wünschenswerth.

Bei aller durch die Verhältnisse gebotenen Sparsamkeit kann Colonialpolitik nicht vom Krämerstandpunkt aus behandelt werden. Man muss mehr Geld daran wagen und nicht augenblicklich den Ertrag erwarten. Es sind Saaten für die Zukunft gestreut, die später reichlich Früchte tragen werden. Die gleichen Ueberzeugungen finde ich auch in den Schriften derjenigen Landsleute, welche draussen in Asien sich umgesehen.

Gegen Abend besuchte ich Herrn Dr. Gerlach, einen ausgezeichneten deutschen Arzt, der in Hongkong seit 1872 wirkt und nicht bloss für die deutsche Colonie Trost und Hoffnung in allen Krankheitsnöthen darstellt, sondern auch ein feingebildeter, liebenswürdiger Mensch und grosser Kunstkenner ist und sein Junggesellenheim mit prachtvollen Erzeugnissen chinesischer und japanischer Kunstfertigkeit reich geschmückt hat.

Dr. Gerlach zeigt mir auch die kürzlich gedruckte Sammlung der chinesischen, gegen die christlichen Missionäre gerichteten Mauer-Anschläge, welche durch Wort und Bild den christlichen Sendboten die ungeheuerlichsten und unglaublichsten Missethaten vorwerfen und die jüngsten, so bedauerlichen Volksaufstände gegen die Christen im Norden von China mit veranlasst haben. In dem letzten Frieden mit den Chinesen ist den Missionären das Recht der Predigt und Bekehrung ausdrücklich gewährleistet. Ich habe englische Officiere gesprochen, welche diesen Punkt des Vertrags bedauerten. Europäische Consuln haben mir gestanden, dass ohne die Missionäre keine Schwierigkeiten mit China vorhanden wären.

Am Dienstag, den 18. October, unternehme ich mit Dr. Dannemann und Obermaschinist Bischoff einen Ausflug nach Canton, der drei Tage in Anspruch nimmt, auf dem grossen Raddampfer Hankow, der in Nord-Amerika gebaut ist, und wie ein Hudson-Dampfer aussieht

Derselbe muss wohl über die erste Jugend fort sein, denn vor 30 Jahren fuhr darauf unser Landsmann Hildebrandt denselben Weg. Die fürstliche Einrichtung, die jener rühmt, konnte ich nicht mehr finden; dagegen ist noch, wie damals, die ganze Breitseite des auf[S. 201] dem Oberdeck gelegenen, geräumigen und bequemen Salons mit Flinten und Säbeln geschmückt.

Noch heute rechnet man, wie damals, auf Piraten-Angriffe,[254] obwohl in diesen 30 Jahren so viele Seeräuber theils im Kampf erschossen, niedergehauen, in’s Wasser gestürzt, theils später in Canton geköpft oder gepfählt, oder in Hongkong aufgehängt worden sind. Noch heute werden die Hunderte von Chinesen, die in der zweiten und dritten Classe des Schiffes nach Canton fahren, auf das schärfste überwacht: sie sind von uns ab- und eingeschlossen, können weder auf das Oberdeck noch an die Steuerung, noch an die Maschine gelangen.

Die Rhederei kann sie nicht entbehren; denn von uns 6–8 Cajütreisenden, deren jeder 5 Dollar für Fahrt und ganz gute Verpflegung[255] zahlen, kann sie nicht leben. Die Entfernung von Hongkong bis Canton beträgt 95 englische Meilen (oder 80 Seemeilen), die Fahrt dauert 6 Stunden, also macht das Schiff fast 14 Knoten.

Pünktlich um 8 Uhr Morgens waren wir vom Quai zu Victoria abgefahren. Der Hafen ist nicht bloss geräumig, sondern auch tief, so dass wir auf einer fliegenden Holzbrücke vom Ufer auf den Dampfer steigen können. Die Ausfahrt gewährt einen prächtigen Blick, wie die aus Neapel oder Stambul. Der Weg führt durch die breite, mit kahlen Inseln besetzte Canton-Strasse nördlich, bis wir Mittags die Delta ähnliche Mündung des Perl- oder Cantonflusses erreichen, die von den Chinesen hu-mun, von den Portugiesen in wörtlicher Uebersetzung Boca Tigris, also Tiger-Rachen, genannt wird.

Hohe, dunkle Felsen ragen am rechten Ufer empor. Die Tiger-Insel liegt eine kurze Strecke oberhalb der Mündung. Die Befestigungen der Chinesen auf den Inseln und den Ufern haben früher das Gelächter der Europäer erregt und sind ja auch in den drei Opium-Kriegen von den Engländern mit stürmender Hand erobert worden. Heute scheint die Sache etwas anders zu liegen. Neben den schwerfälligen Forts der alten Zeit sind unter sachkundiger Leitung eines Deutschen auch ganz moderne Batterien Krupp’scher Kanonen aufgestellt, die, wenn sie richtig bedient werden, jedem Feind schon Achtung einflössen könnten. Dagegen sind die ausserordentlich zahlreichen im Fluss verankerten Kriegsdschunken mit ihren kleinen, auf Zapfen drehbaren Kanonen wohl gegen Seeräuber und Schmuggler, aber nicht gegen europäische Kriegsschiffe brauchbar.

[S. 202]

Gewaltig ist der Verkehr der Boote und Dschunken, die dem Dampfer nur unwillig ausweichen; höchst sonderbar sind die Heckradschiffe, deren Triebkraft aber nicht durch Dampf, sondern durch ein von 10–20 Kuli bedientes Tretrad geliefert wird. Diese Schiffe sollen erst seit 20 Jahren gebaut werden. Sie sind Nachahmungen europäischer bezw. amerikanischer, mit asiatischer Verwendung der überschüssigen und so billigen Menschenkraft statt des Dampfes; ferner ein Beweis, dass denn doch nicht die Mongolen durchaus starr und verknöchert auf dem bisherigen Standpunkt verharren. Dagegen sind die Boote mit grossen angemalten Augen[256] am Vordertheil selten geworden. Die Ufer werden bald flacher, Reis- und Gemüsebau wird sichtbar und ausserordentlich zahlreiche Dörfer, jedes mit einem vierstöckigen, granitnen, thurmähnlichen Gebäude. Das ist das Pfandleihhaus des Dorfes, wo die Leute im Sommer ihre Winterkleider versetzen und im Winter die Sommergewänder. Der Pfandleiher sorgt für sichere Aufbewahrung und ist sogar gegen gewaltsame Angriffe von Räubern gewaffnet; er nimmt nur 20–36 Procent. In der Stadt Canton giebt es über hundert Pfandleiher erster Classe.

Bald nach Mittag erscheint auf einem flachen Hügel die erste Pagode. Es ist dies ein neunstöckiger, schlanker und sich verjüngender Thurm, offenbar schon alt und etwas verfallen, mit Sträuchern in den Fugen und auf dem Dache, jedenfalls etwas ganz anderes, als wir uns unter diesem Namen vorstellen, übrigens kein eigentlicher Gebetstempel, sondern ein Bau, der die guten Geister herbeiziehen, die bösen besänftigen oder vertreiben soll.

Wir halten 12 englische Meilen unterhalb unsres Reiseziels, in Wampoa, welches den eigentlichen Hafen von Canton bildet; landen Reisende und nehmen neue ein; eine Stunde später, nachdem wir die merkwürdige Boot-Vorstadt passirt, in Canton selber, und werfen hier Anker vor der Fremden-Ansiedlung, der kleinen Insel Schamin. An’s Land bringt uns ein chinesisches Boot (Sampan), bemannt von einer tüchtigen Chinesin, die durch ein neusilbernes Schild auf der Brust mit eingegrabener englischer Inschrift als Angestellte des Hotels sich ausweist und natürlich ihre drei Kinder bei sich hat, denn die Familie besitzt keine andere Heimstätte.[257]

[S. 203]

Sie lenkt den Kahn an die Landungstreppe, trägt unser Handgepäck, bringt uns in’s Gasthaus und erkundigt sofort, wann wir wieder ihre Hilfe brauchen werden.

Die Gastfreundschaft der Europäer in Canton ist noch ebenso hervorragend, wie früher, und wurde auch uns sowohl von dem Vertreter des deutschen Reiches, Herrn Lange, als auch von dem des norddeutschen Lloyd, Herrn Melchers, auf das liebenswürdigste angeboten; aber der Reisende ist heutzutage nicht mehr auf dieselbe angewiesen. Ebensowenig auf ein Nachtlager am Bord des Dampfers. Denn das Schamin-Hotel genügt mässigen Ansprüchen.

Freilich das Mittagsmahl nahmen wir bei Herrn Melchers und statteten auch dem internationalen Club auf Schamin einen Besuch ab.

Canton, chinesisch Kwang-chow-foo (Kwangtschou), liegt an dem linken oder Nord-Ufer des Perlflusses oder Chu-kiang, der hier eine Biegung von West nach Ost macht, und ist die Hauptstadt der Provinz Kwang-tung und eine der wichtigsten und grössten Städte des chinesischen Reiches. Die Bevölkerung wird auf 1600000 angegeben. Die alte Stadt ist etwa 3 Kilometer breit und hat einen Umfang von 10 Kilometern. Sie wird ganz und gar von einer Mauer umschlossen, die 6 Meter dick und 7–13 Meter hoch ist; die westliche Vorstadt wird jetzt als Neustadt bezeichnet.

Der gesammte Umfang beträgt 16 Kilometer, 16 Steinthore und zwei Wasserstrassen führen in’s Innere, das durch Mauern und feuersichere Thore noch in 36 Bezirke getheilt wird, um Feuersbrunst oder — Aufstand möglichst auf den Ursprungsheerd zu beschränken.

Canton ist der Hauptsitz des Vicekönigs der beiden Süd-Provinzen China’s, die den Namen Kwang führen (Kwang-tung[258] und Kwang-Su) und 40 Millionen Einwohner zählen, des Gouverneurs der erstgenannten Provinz und des Tatarengenerals, der die Besatzung befehligt; endlich ein chinesischer Musensitz ersten Ranges, — denn das Gebäude der Staatsprüfungen enthält gegen 15000 Einzelräume.

Die Stadt hat den ältesten Verkehr der Chinesen mit der Aussenwelt vermittelt und trägt dem neuesten Rechnung. Schon im 10. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung fuhren kühne arabische Seefahrer von den Häfen Westasiens bis nach Canton. 1516 landeten hier die Portugiesen, wurden aber wieder vertrieben.

Macao (an der Westseite des Eingangs zur Strasse von Canton) ist das einzige, was ihnen geblieben, und das auch nur durch eine[S. 204] Jahresabgabe von 500 taël, die sie bis 1848 an China gezahlt. 1886 hat die chinesische Regierung sogar eine Aufforderung an die portugiesische gerichtet, Macao[259] zu räumen!

Etwa hundert Jahre nach den Portugiesen erschienen in Canton die Holländer. Deren Erbschaft haben die Engländer angetreten. Obwohl bereits 1684 die ostindische Gesellschaft hier eine Handelsniederlassung gegründet, so ist Canton doch eigentlich erst 1842 dem Wortlaute des Vertrages nach und 1857 thatsächlich dem Welthandel eröffnet worden. 1885 betrug der Eingang an Schiffen europäischer Bauart:

1107 Dampfer mit 1 Million Tonnen   und
1147 Segler .  

Die deutsche Flagge kommt an zweiter Stelle, nach der englischen. Werth der Ein- und Ausfuhr 170 Millionen Mark, davon entfallen 78 Millionen Mark auf die Ausfuhr von Seide, Thee, Zucker, Matten, Cassia, Porzellan. Die Einfuhr besteht in Baumwollenwaaren, Reis, Weizen, Opium, Metallwaaren. Canton ist die erste Industriestadt China’s und ein hervorragender Markt für den inländischen Handel.

Früh erwache ich, am Mittwoch den 19. October und schaue das Gewühl der Boote, die durch den schmalen Canal zwischen Schamin und der eigentlichen Stadt mit Bambusstäben fortgestossen werden.

Schamin heisst Sandbank. 1859 ist hier eine künstliche Insel aufgeschüttet und den Europäern zum Wohnsitz übergeben worden. Dieselben haben Bäume und Rasen, eine Uferstrasse und hübsche Wege, bequeme Wohn- und grosse Geschäfts-Häuser, ein Hotel, einen Club, einen Cricket-Platz geschaffen, eine kleine Polizei-Truppe und ein Freiwilligen-Corps zur Feuerwehr und zur Vertheidigung errichtet. Denn nur ein schmaler Canal trennt ihren so ruhigen Zufluchtsort von dem betäubenden Gewühl der grössten echt chinesischen Stadt, wo man die Fremden hasst, mehr als irgendwo sonst in China, da die Erinnerung an die dreimalige Beschiessung seitens der Engländer noch im Bewusstsein der Einwohner lebendig geblieben ist. Es ist noch gar nicht so lange her, dass der Versuch gemacht wurde, die verhasste Fremden-Stadt nieder zu brennen. Aber die chinesische Regierung sorgte zärtlich für die letztere, aus dem einfachen Grunde,[S. 205] weil sie für jeden Schaden aufkommen müsste und erkleckliche Entschädigungssummen zu zahlen hätte. Laut Gesetz darf auf Schamin kein Chinese wohnen, der nicht von den Europäern als Diener angestellt und beherbergt wird. Laut Gesetz darf kein Chinese aus Canton nach dem Abendzapfenstreich auf der Insel verbleiben. Die Wache an der Hauptbrücke, die über den Canal führt, lässt Abends die Posaunen ertönen, die gar nicht so übel erklingen, und macht die Runde, um die Insel abzusuchen; schliesslich wird ein Signalschuss abgefeuert und das Thor geschlossen.

Die Bewaffnung dieser Soldaten ist höchst wunderbar, einige haben Hellebarden, andre kurze Carabiner mit trichterförmig erweitertem Ende des Laufes, wie wir sie aus den Abbildungen spanischer Räuber vom Anfang des Jahrhunderts kennen.

Sowie der Tag anbricht, wird der Verkehr wieder preisgegeben.

Sehr höflich öffnete mir die Wache das Thor, als ich um 7 Uhr Morgens über die Brücke schritt. Am Canal entlang sind die Läden kleiner Krämer, die alles Mögliche führen, auch Seifen, Knöpfe, Nadeln, Glassachen aus Deutschland und Oestreich; ferner die Gewölbe der Grosshändler voll Reis und Tabak, endlich Speisewirthschaften für die Fischer und Lastträger. Ich kann nicht sagen, dass die Chinesen meine Wiss- und Neubegier so freundlich befriedigten, wie ich dies früher in Tunis, Aegypten, vor Kurzem in Japan und später in Indien erlebte. Sie betrachten uns Europäer mit spöttischem Hohn, der noch dazu mit einem Gefühl von Ueberlegenheit gemischt ist. Kinder beweisen uns unverblümt ihren Abscheu, zeigen auch mitunter ein wenig Furcht vor den „rothen Teufeln.“ Hin und wieder hört man dies Schimpfwort (Fankei). Der Europäer muss gelassen bleiben. Dann geschieht ihm nichts. Nie kömmt es zu Thätlichkeiten. Gebildete Chinesen, die zu dieser Zeit an diesem Ort nur sparsam vertreten waren, benehmen sich anders. Einer kam auf mich los und sagte, indem er auf den johlenden Kinderhaufen wies: „Belly[260] young, no education.“

Herr Bischoff, der öfters im Innern von China gewesen, um Schmetterlinge und Vögel zu jagen, rühmte mir die Höflichkeit und Gastfreundschaft der Landbewohner, die unter freundlichem Grinsen mit ihrem Gruss: „Tchin, tchin“ den Fremden empfangen.

Um 8 Uhr pünktlich erschien, laut der Abends zuvor mit seinem Sohne getroffenen Verabredung, Herr Ah Cum, Canton City Guide, wie auf seiner Visitenkarte zu lesen ist, ein würdevoller alter Chinese[S. 206] mit Käppchen, Seidengewand und Filzstiefeln, den unvermeidlichen Fächer anmuthig mit der dürren Rechten bewegend. Er brachte, für sich und für uns drei, vier Sänften und 16 Träger mit. Vergeblich suchte ich, als der älteste der kleinen Gesellschaft, ihm unsren Feldzugsplan klar zu machen; wir wollten zwei volle Tage der Besichtigung Cantons widmen und Alles langsam und behaglich betrachten.

Mit überlegener Würde bewegte er seinen Fächer und sagte, er kenne das besser, wir würden das Alles sehr gut in einem Tage sehen. Er hatte Recht.

Erstlich sind die Sehenswürdigkeiten weder zahlreich noch entzückend für den Reisenden; zweitens kauft der letztere am zweiten Tage doch nichts mehr in den Läden, in welche er geschleppt wird: also fehlt der Nebenverdienst für Herrn Ah Cum Wohlgeboren. Uebrigens war die Schluss-Rechnung, die er machte, als mässig zu bezeichnen. Die Besichtigung, die er uns verschaffte, schnurrte so regelmässig ab, wie eine Rundfahrt in einem Caroussel.

Erstaunlich ist die Menschenanhäufung in den engen, kaum drei Schritt breiten, mit Granitschwellen gepflasterten und mit unzähligen farbigen, senkrecht herabhängenden Aushängeschildern geschmückten Geschäftsstrassen, durch welche unsre Träger nur mit Mühe und stetem Geschrei sich durcharbeiten. Zuerst kommt die Sänfte des Herrn Ah Cum, dann die meine, darauf die des Herrn Bischoff, dessen achtunggebietende Hühnengestalt die Ladenburschen zum Schweigen bringt, während sie nach der letzten Sänfte, des Jüngsten unter uns, öfters die Fäuste ballten und Schimpfworte ausstiessen. Wegen der Enge der Strassen und des steten Gewühls erscheint uns die ganze Stadt wie ein einziger Volks-Auflauf.

Was wir besuchen, sind I) Läden. Zuvörderst (1) einen, wo die bekannten Reispapier[261]-Malereien feil geboten werden. Ich kaufe ein Dutzend, welche chinesische Trachten, bis zu den kostbarsten, darstellen, für den billigen Preis von 90 Cts.; während die eifrigst angebotenen Hinrichtungsscenen meinen Beifall nicht finden. Unser Meister Hildebrandt hat sehr abfällig geurtheilt über diese Pinseleien. Natürlich ist der Kunstwerth sehr gering; aber der Preis ist es auch. Ein Künstler macht den Umriss, ein zweiter malt das Gesicht, ein dritter die Hände, ein vierter das Gewand. (Bessere Leistungen sah ich bei dem Miniaturmaler in Hongkong, bei dem ich meine Photographien kaufte.)

[S. 207]

Sodann (2) kommt die Klein-Mosaik-Arbeit. Auf Spangen und andere Schmuckgegenstände von gepresstem Metall werden winzige Stückchen von Vogelfedern, die blau und purpur schimmern, mit höchster Geduld und Sorgfalt aufgeklebt. Damen, welche Halsketten aus kleinen, verschiedenfarbig strahlenden Muscheln tragen, werden auch an diesem Schmuck Gefallen finden.

Hierauf folgt (3 u. 4) Seiden-Weberei und Seiden-Stickerei. Die erstere wird auf dem Handwebstuhl betrieben, die letztere nur von Männern ausgeführt. Die besseren Läden haben alle ein Oberlicht-Fenster, ausserdem steht die Thür offen, so dass es nicht an Licht fehlt.

Beim Schwertfeger (5) sah ich dieselbe Uebung wie in Japan, abgeschliffene Haifischhaut auf die Holzscheiden geklebt.

Der Elfenbeinschnitzer (6) endlich suchte riesengrosse Schachfiguren, Fächer und Essstäbchen-Bestecke an den Mann zu bringen, sowie in einander geschachtelte Hohlkugeln, deren Herstellung uns ebenso überflüssig wie unbegreiflich vorkommt. Sie sind nicht etwa zusammengeleimt, sondern werden von aussen nach innen zu gearbeitet; sind auf der Oberfläche der soliden Elfenbeinkugel zwei kreisförmige Löcher bis zu einer gewissen Tiefe hergestellt, so wird mit eisernem Geisfuss der Zwischenraum zwischen den Löchern untergraben u. s. w.

Nachdem Herr Ah Cum durch den Versuch festgestellt, wie gross unsere Kauf-Kraft oder Lust war, brachte er uns zu der 2. Gruppe von Sehenswürdigkeiten, den Tempeln (II.), deren 800 in Canton sich befinden, aber nur zwei unseres Besuches für würdig erachtet wurden.

7) Der Tempel der 500 Genien oder Buddha-Schüler enthält, wie der Name besagt, 500 lebensgrosse, vergoldete Holzbildsäulen, von denen so manche uns lächerlich vorkommt. Eine Bildsäule trägt einen europäischen Hut und hat auch leidlich kaukasische Gesichtszüge und wird deshalb dem Reisenden mit besonderer Feierlichkeit als Marco Polo vorgestellt.

In der Nähe dieses Tempels ist der Edelstein-Markt. Die Chinesen schätzen den Nierenstein (Nephrit, englisch Jade), der aus dem Kuen-Lün Gebirge stammt, so hoch wie die Kaukasier den Diamant. Jeder Reiche schmückt sich und sein Weib mit Zierrath aus diesem Stein, Finger-Ringen, Armbändern u. dgl.; der Arme trägt Nachahmungen aus Glas.

8) Der Tempel des Schreckens zeigt eine gute Sammlung von Höllenmartern in plastischer Darstellung, das Kochen und Sieden der armen Seele, das Zersägen, Zerhacken, Zerstampfen. —

[S. 208]

In einem Tempelthurm ist eine alte Wasseruhr. Vier Kupferbecken sind so übereinander aufgestellt, dass das Wasser von dem einen immer in das andere herabträufelt; in dem untersten ist ein Schwimmer mit Massstab. Der Wächter bezeichnet die Stunden durch weisse Tafeln mit grossen schwarzen Nummern. Zwei Mal am Tage wird das Wasser vom untersten Becken wieder in das oberste hineingefüllt. Die ganze Einrichtung war etwas schmutzig und schäbig, wie die meisten chinesischen „Tempel“, die ich gesehen. Doch hat man von hier eine hübsche Aussicht auf die Dächer von Canton.

Die dritte Art von Sehenswürdigkeiten (III) muss ich in Ermangelung eines besseren Namens als Vermischtes bezeichnen.

Natürlich wurden wir nach einem Gefängniss (10) geschleppt. Wer eine solche Besserungs-Anstalt im wirklichen Europa unsrer Tage oder in den altenglischen Staaten von Nordamerika oder in Neu-Japan besichtigt hat, kann Abscheu und Entrüstung nicht zurück halten, wenn er diesen niedrigen, schmalen, nur durch ein festes Gitter aus rohbehauenen Baumstämmen, nicht etwa durch eine Wand, von der Strasse abgetrennten Stall betritt, wo auf schmutziger Streu die halbverhungerten, auf Bettel- und Selbstbeköstigung angewiesenen, theils angeketteten, gelegentlich auch mit dem Kopf durch ein Holzbrett gestreckten Gestalten lagern und den Reisenden kläglich anbetteln. Ich eilte von dannen und hatte keine Lust, die „Marterwerkzeuge“ zu betrachten, die einer der Begleiter zu sehen verlangte und deren Existenz Herr Ah Cum würdevoll in Abrede stellte. Denn trotz aller Selbsteingenommenheit beginnen die Chinesen ihrer Strafvollstreckung sich zu schämen, wenigstens wenn Europäer dieselbe in Augenschein nehmen wollen. Auch die Zahl der Hinrichtungen (vom Gefängniss zum Richtplatz ist nur ein Schritt in China,) hat in letzter Zeit erheblich abgenommen.

Die Hinrichtungsstätte (11) ist eine Töpferwerkstatt auf einer schmalen Strasse. Der Töpfer holte flugs, als wir erschienen, einen Schädel aus einem Sack und öffnete die linke Hand für das Trinkgeld. Wohlweislich hatte ich Herrn Ah Cum bedeutet, dass wir das Köpfen eines Menschen keineswegs für ein sehenswerthes Schauspiel hielten; aber er hatte mich vollständig beruhigt.

Squeezi Pidgin oder Quälgeschäft heisst in dem englisch-chinesischen Kauderwälsch Ostasiens eine Gerichtsverhandlung; so könnte aber mit vollem Recht auch die chinesische Staatsprüfung genannt werden. Da sind in der Prüfungshalle (12) 12000 oder gar 15000 käfigartige Zellen vorhanden, in denen die unglücklichen[S. 209] Prüflinge streng abgeschlossen und im Schweisse des Angesichts ihre Kenntnisse von den „Klassikern“ zu beweisen haben. Kaum 150 von den 10000 erreichen alljährlich das Ziel, in die höhere Beamten-[262]Laufbahn hineinzuschlüpfen. Mit grosser Ehrfurcht zeigte uns ein Bogenschütze das ungeheure, jetzt ganz leere Gebäude, das auch uns Europäern, und mir insbesondere, der ich schon 23 Jahre als Universitätslehrer wirke, die grosse Wahrheit predigte: Prüfungen sind ein schreckliches, aber leider unvermeidliches Uebel.

Endlich erreichten wir das Ende der Stadt und den hohen und breiten Wall (13), der oben neueres Mauerwerk mit Schiessscharten und Hunderte von unbrauchbaren, nicht einmal mit Lafetten versehenen Eisenkanonen enthält. Neugierig las ich die Inschriften und fand vielfach die Jahreszahl 1814; es ist altes Eisen, das nach den gegen Napoleon Bonaparte geführten Kriegen ausgemerzt und wahrscheinlich von den Herrn Engländern für theures Geld an die damals auf diesem Gebiete noch unwissenden Chinesen verkauft worden ist. (Heute sind die „Himmlischen“ gewitzigter und kaufen neue Kanonen von Herrn Krupp und stellen auch deutsche Lehrmeister der Kriegskunst an.) Auf einem mächtigen Granittisch, in dem kleinen Gärtchen eines Thorwächterhäuschens, wurde das vorsorglich mitgenommene Frühstück (14) ausgepackt, das, wie gewöhnlich, aus gebacknen Hühnern und gekochten Eiern bestand; aber auch einige Flaschen Bier und Rothwein einschloss.

Wir sprachen herzhaft zu, Herr Ah Cum würdevoll. Auch erbat er sich einen Dollar zur Speisung der 16 Träger, wahrscheinlich gelangte die Hälfte dieses Geldes in seine eigne Tasche.

Dicht neben unserem Ruheplatz befand sich der fünfstöckige Thurm (Pagoda, 15,) ein riesiger, schön geschnitzter Holzbau, mit leiterartigen Treppen zu dem Oberstock, wo der Gott des Krieges und der des Schriftthums, aus Holz geschnitzt und sorgfältig lackirt, friedlich nebeneinander sitzen, umgeben von lärmenden Kindern und theeschlürfenden Wächtern. Von hier aus hat man eine weite Aussicht: einerseits auf die riesige Stadt, aus deren gleichförmigen Häusermassen die französische Cathedrale stolz und fremdartig emporsteigt, gerade so wie die russische in Tokyo, und auf den belebten Fluss; andrerseits auf unendliche Reisfelder und zahllose Grabhügel mit halbmondförmigen, gemauerten Grabstätten. Da hatten wir das Vergnügen, die[S. 210] Uebung einer Truppe chinesischer Soldaten zu sehen: der General wurde natürlich in einer Sänfte getragen, der Oberst war zu Pferde, liess aber würdevoll das letztere von einem Fussgänger am Zügel führen!

Der Rückweg brachte uns zunächst an einen Begräbnissplatz (16) reicher Fremden. Es sind für theures Geld gemiethete Grabhäuser, in denen geschmacklose, mit Flitter verzierte Püppchen stehen und die einfachen, aber dauerhaften, luftdicht verschlossenen Särge mit den Leichen, die hier so lange bleiben und von den Angehörigen besucht und verehrt werden, bis sie in die Heimathprovinz geschafft werden können. Obwohl die Särge ganz einfach sind und wie riesige Holzblöcke aussehen; so wird doch mit Lack grosser Prunk getrieben. Herr Ah Cum zeigte uns einen Sarg, der jeden Monat frisch lackirt wird und bereits 1500 Dollar gekostet hat. Die ganze Einrichtung wird verständlicher, wenn man berücksichtigt, dass in China kein höherer Beamter in derjenigen Provinz, in welcher er geboren ist, Anstellung findet; dass aber die Verehrung der Ahnen ein Begräbniss in der Heimath erfordert.

Hierauf gelangen wir in die Tatarenstadt (17), die eine besondere Umwallung besitzt.

Die Tataren sind, wie die Kosaken, Berufsoldaten, welche von dem stammverwandten Kaiser ihr Haus zum Lehn erhalten haben und mit Pferd und Waffen des Rufes gewärtig sind oder sein sollen. Denn die Pferde oder Ponnies, die man gelegentlich vor den einstöckigen Häusern sieht, sind recht verwahrlost. Die Tataren selbst mit ihren spitzen Gesichtern und herabhängendem Schnauzbart sehen den Slaven einigermaassen ähnlich.

Den Schluss der Besichtigungen macht ein chinesischer Club (18) der sehr prunkvoll eingerichtet ist, mit Holzschnitzereien, Gemälden, Springbrunnen, eingelegten Sesseln und Täfelung in den grossen Sälen.

Das Volksgewühl war Nachmittags noch grösser als Vormittags; aber alles ging ordentlich ab, der Polizist mit der alten Reiterpistole im Gürtel blieb ruhiger Zuschauer.

Der Nahrungsverkauf war in voller Blüthe, Thee, Reis, Gebäck, Fische, Spick-Enten, braungebratene (wie lackirte) Ferkelchen wurden allenthalben an den Mann gebracht. Raupen und Regenwürmer habe ich nicht gesehen und glaube, dass die Reisenden, welche davon sprechen, durch die herausgenommenen Eingeweide von Seethieren getäuscht worden sind.

[S. 211]

Nachmittags um 4 Uhr konnte Herr Ah Cum von uns sich verabschieden, da er seine Aufgabe gelöst. Ich glaube seiner Führung und der Stadt Canton ganz gerecht geworden zu sein, indem ich die Sehenswürdigkeiten mit fortlaufenden Nummern bezeichnet habe.

Nach dem Mittagsessen bei Herrn Melchers liessen wir uns nach den Blumenbooten fahren. Das gilt für eine der grössten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Jeder Reisende wird dorthin geführt, viele haben es beschrieben. Ich kann mich ganz kurz fassen. Es sind grosse Boote, die dicht am Ufer und so nahe bei einander verankert sind, dass man zu Fuss von dem einen zum andern spazieren und diese schwimmende Vorstadt des Vergnügens bequem betrachten kann. Die ausserordentlich prächtigen Cajüten, von deren Decken Blumenkörbe herabhängen, stehen meist offen, man sieht einen oder mehrere offenbar wohlhabende oder wenigstens freigebige chinesische Herren beim Mahle oder beim Gläschen sitzen, in Gesellschaft von einer oder mehreren „Künstlerinnen“, die allerdings mit dem breiten, weiss geschminkten Gesicht, der ganz straff anliegenden Haartracht, den grossen Ohrringen und dem ausserordentlich gezierten Wesen uns wenig anmuthig vorkommen, wie auch ihr Guitarrengeklimper uns nicht sonderlich zusagt. Aber Würde und Anstand werden gewahrt, besser als in den Ball-Häusern der grossen Stadt Paris und andrer Weltstädte. Auch von dem fremden Reisenden wird erwartet, dass er der Würde des Ostens Rechnung trage und seine Blicke nicht allzu neugierig umherschweifen lasse.

Am nächsten Vormittag (Donnerstag, den 20. October) fuhren wir in dem Boot unserer tüchtigen Chinesin nach dem Missions-Krankenhaus. Unterwegs hatten wir Gelegenheit die schwimmende Vorstadt von Canton kennen zu lernen.

Jedes Boot ist Heimstätte einer Familie. Ueber 300000 Menschen leben auf dem Fluss und haben niemals eine Wohnung auf dem Lande gehabt. Dieser Zustand hat von Geschlecht auf Geschlecht sich vererbt. In regelmässigen Strassen liegen die Boote verankert; jedes hat eine eigne Boje, die leicht wiederzufinden ist. In der kleinen und niedrigen Cajüte schläft die Familie. Auf dem hinteren Ende striegelt Morgens die Frau ihre Kleinen und bereitet das Frühmahl. Der Mann geht auf Arbeit, die Frau sucht mit der Wasserdroschke Nebenverdienst.

Es giebt auch Flussbettler, die nie an’s Land kommen, namentlich Aussätzige mit verstümmelten Händen, die noch eben das Ruder und die Stange führen können: sowie der Dampfer sich zur Abfahrt füllt, erscheint der Bettler in seinem Boote unter kläglichem Geschrei[S. 212] und erhebt eine lange Stange mit einem kleinen Beutelchen, in welches der mildherzige Fremde eine Münze wirft.[263]

Das Missions-Krankenhaus ist eine seltsame Einrichtung. Es gewährt religiöse Belehrung, ärztliche Hilfe und medizinischen Unterricht. Der eigentliche Leiter, der alte und verdienstvolle Dr. Kerr, war nicht zugegen, wohl aber Herr Dr. Swan und Fräulein Dr. Niles, sowie zwei chinesische Gehilfen. Die Leidenden, welche für ihre Schmerzen Linderung suchen, müssen erst eine längere Predigt anhören, bis die ärztliche Thätigkeit beginnt. Die Kranken, welche aufgenommen werden, erhalten eine Pflege und Nahrung, wie sie einfacher und billiger nirgends in der Welt geliefert wird; 1267 in’s Krankenhaus aufgenommene Menschen wurden für 1800 Dollar verpflegt![264] Die Operationserfolge sind recht mittelmässig. 50 Fälle von Star-Schnitt lieferten 5 Verluste, 14 mittelmässige, 31 befriedigende Erfolge. Aber die „befriedigenden“, welche ich sah, haben mich nicht befriedigt.

Zwei junge Frauen im Alter von 20 Jahren wurden wegen (cystischer) Geschwulst im Unterleib operirt, beide starben, die eine vier, die andere fünf Tage nach der Operation. Natürlich ist dies eine kleine Reihe, aber der Eindruck auf die Chinesen, welche davon hören und an solche Eingriffe nicht gewöhnt sind, muss ein sehr peinlicher sein. So sehr ich geneigt bin, dem Opfermuth und der Schaffensfreude dieser Prediger-Aerzte meine Anerkennung zu zollen; die Verquickung von Frömmigkeit mit etwas Wundarzneikunst ist nicht geeignet, die Liebe der harten Chinesenherzen zu gewinnen. Mir schien es sehr zweckmässig, wenn ein gut geschulter deutscher Wundarzt in Canton ein rein ärztliches Krankenhaus eröffnete, um die Zuneigung der Himmlischen für unser Vaterland zu stärken. Auch Herr Generalconsul Budler, dem ich meine Ansicht mittheilte, war auf Grund seiner reichen Erfahrung schon lange zu derselben Ueberzeugung gekommen.

Je mässiger die Erfolge, um so seltsamer das übertriebene Selbstlob in dem gedruckten Bericht.[265]

[S. 213]

Der ärztliche Unterricht, der in dem Krankenhaus chinesischen Jünglingen gewährt wird, kann natürlich nur mittelmässig sein; denn hier, wie überall heisst es, erst lernen, dann lehren: noch dazu wird er nur unter der Bedingung ertheilt, dass die Studenten zum Missionswerk sich verpflichten. Kurze Auszüge aus europäischen Lehrbüchern sind in chinesischer Sprache gedruckt und werden im Krankenhaus feilgehalten.

In dem Krankenhaus gelang es mir auch, die verkrüppelten Füsse einer (ganz blinden) Chinesin zu sehen, aber nur mit vieler Mühe, nach langer Ueberredung; denn sie sind ebenso schamhaft, ihren Fuss, wie unsere Frauen, ihren Körper zu entblössen.

Die Zehen des Fusses werden bei den kleinen Mädchen nach unten eingebogen, — wie wenn man die Finger in die Handfläche hineinbeugt, — und in dieser Stellung durch Binden festgehalten.

Der Schuh der erwachsenen Chinesin ist nicht grösser, als bei uns der eines einjährigen Kindes, aber die Ferse bleibt draussen. Die Chinesin geht also auf der Rückenfläche der Zehen, selbstverständlich nicht sicher, und braucht einen Stock oder eine Magd als Stütze.

Von allen Modethorheiten des Weiberputzes ist dies eine der unsinnigsten. Die Frauen aus dem Volke in Canton und Hongkong, die für ihre Familie so tüchtig sorgen, lassen sich auf diesen Unfug nicht ein.

Vom Krankenhaus fuhren wir nach den Blumen-Gärten in der westlichen Vorstadt. Hier wird der Zwergwuchs der Bäume künstlich gepflegt, und aus Sträuchern die verschrobensten Gestalten gebildet, wie Menschen, Delphine, Schiffe; die Köpfe, Augen und sonstige Theile sind aus Thon gebildet und eingesetzt.

Nachmittags um 5 Uhr bestiegen wir wieder den Dampfer, beobachteten, dass auch die Chinesen im Perlfluss rothe und grüne Signallaternen zur Bezeichnung des Fahrverkehrs unterhalten, und gelangten um Mitternacht in den prachtvoll erleuchteten Hafen von Hongkong zurück.

Am nächsten Morgen entnehme ich auf Grund meines (von der Berliner Discontogesellschaft ausgestellten) Creditbriefes Reisegeld auf der Bank von Indien, China und Australien und kaufe in dem Geschäftshaus der P. & O. meine Fahrkarte Hongkong-Colombo für 175 Dollar. Der Dampfer „Brindisi“ wird am 27. October abfahren. Ich habe mehrere Tage ohne genügende Beschäftigung in Aussicht. Das ist auf solcher Reise nicht zu vermeiden. Die Zahl der Dampfer ist doch zu klein. Ich hätte am 19. October mit dem französischen Dampfer (M. M.) abfahren können; dann würde ich Hongkong im Fluge und Canton gar nicht gesehen haben. So aber hatte ich genügend Zeit[S. 214] und besuchte sogar das Museum von Hongkong, im Stadthaus, was die ansässigen Landsleute weidlich bespöttelten. Ich fand auch keinen Europäer ausser mir, aber viele Chinesen. Das Museum wird grossentheils durch freiwillige Beiträge unterhalten, ist täglich von 10–5 Uhr offen, ohne Eintrittsgeld, und enthält: 1. culturgeschichtliche Sammlungen, wie Modelle chinesischer Dschunken und Sampan, Gebrauchsgegenstände aus Formosa, Timur, Japan; 2. zoologische Sammlungen, wie Vögel, Schlangen, Insekten aus Asien; endlich 3. Seltsamkeiten, wie von Insecten ganz und gar zerfressene Holzpfeiler, und eine japanische Meermaid. (Es ist ein Fisch, verbunden mit dem geschnitzten Oberkörper eines Mädchens.)

Nach dem Frühstück fahr ich auf den Pik mit der Drahtseilbahn. Die Dampfmaschine, welche das Drahtseil bewegt, steht oben; in der Mitte ist eine kleine Ebene, wo der von unten und der von oben kommende Wagen aneinander vorbeifahren. Die Erhebung ist ziemlich steil.[266] Die Kunst der Anlage wird hier in Asien sehr bewundert. Uns Europäer fesselt mehr die Aussicht von den offenen Wagen, die unvergleichlich schön ist, auf den von Schiffen und Booten wimmelnden Hafen, die kleineren Inseln, die gegenüberliegende Küste, wie auf die gartengeschmückte Vor- oder Oberstadt mit ihren stattlichen Wohn- und Landhäusern; Abends auf ein Lichter-Geflirr, das wie ein geschmackvolles Feuerwerk aussieht. Oben auf der Pass-Höhe (Gap)[267] befinden sich, ausser Polizei- und Telegraphen-Station sowie Halteplätzen für Kuli mit Tragsesseln, Palankin und Reiteseln, mehrere neue geräumige und vornehm gehaltene Hotels, die ersehnten Zufluchtsstätten für die europäische Colonie, während der heissen Zeit vom Mai bis October. Leider sind es mehrere, der Wettbewerb schmälert den Verdienst, zumal in einer solchen Zeit der Geschäftsstille, wie jetzt gerade, wo der fallende Werth des Silbers in den Silberländern Ostasiens sich sehr fühlbar macht.[268] Das beste ist Mt. Austin Hotel. Entzückend ist die Aussicht von dem Haus wie von mehreren eigens hergerichteten Ruhebänken in der Nähe desselben[S. 215] auf das gegenüberliegende Festland von China mit den Werften und Schiffen von Cawloon, auf das eben auftauchende chinesische Städtchen gleichen Namens, berühmt durch seine kleinen und zierlichen Spielhöllen, auf die Inseln der Meeresstrasse und die wohlgebaute Stadt Victoria nebst ihrem reichgefüllten Hafen. Noch umfassender ist die Aussicht vom eigentlichen Pik (1800 Fuss), wo eine Signalstange errichtet ist und Kanonenschüsse beim Eintreffen der Postdampfer abgefeuert werden. Hier sieht man mehr von der Stadt Victoria, namentlich von dem westlichen Chinesenviertel; sowie auch von der Rückseite des Höhenzuges bis zum Südufer der Insel. Ein reicher Hindu hat hier einen hübschen Aussichtsthurm und einen gutgepflegten Garten zum Vergnügen des Volkes gestiftet.

Abends schlendre ich noch, mit einer amerikanischen Familie von der Empress of Japan, durch die Hauptstrassen des Chinesenviertels von Hongkong und besuche das Chinesen-Theater. Aber wir verstanden das Lustspiel nicht recht, trotz des Dolmetschers, den der amerikanische Herr angenommen, — ein vornehmer Jüngling heirathet nicht die Reiche, welche die Eltern ihm ausgesucht, sondern eine Schönere; — und verliessen unsere theuren Logenplätze, (jeder hatte 1 Dollar zu zahlen,) da dicht neben uns einige Kuli Platz nahmen, die nichts als Hosen anhatten. Der braune, kräftige Oberkörper erschien zwar dem ärztlichen Auge wohlgebildet und ebenmässig; aber unsre Dame war mit der Nachbarschaft weniger zufrieden.

Sonnabend, den 22. October Vormittags, ziehe ich aus dem unordentlichen Fuchsbau des Hongkong-Hotel hinauf nach Mount Austin, wo ich ein schönes Zimmer im ersten Stock, vorn mit eignem Balcon, hinten mit eignem Bad, nebst guter Verpflegung (natürlich ohne Wein) für 6 Dollar täglich erhalte. Mein Nachbar ist unser ebenso erfahrener und gelehrter, wie liebenswürdiger General-Consul Budler,[269] der nach Beendigung seiner amtlichen Thätigkeit hier oben an einem „deutschen“ Stammtisch seine Mahlzeiten zu nehmen pflegt. Die Bewohner des Hotels erhalten Tageskarten zur beliebigen Benutzung der Drahtseilbahn für 40 Cts., während sonst jede einzelne Fahrt 25 Cts. kostet.

So wie ich mein Zimmer eingerichtet, wandere ich zu Fuss nach der mir noch unbekannten Südseite der Insel. Zunächst tritt der ursprüngliche Charakter des öden Felseneilands noch deutlich hervor; aber hier, wie überall in englischen Colonien, sind die Wege vortrefflich. Sie sind das Werk der zahlreichen chinesischen Uebelthäter, die[S. 216] von den südlichen Provinzen des Reiches der Mitte, wo ihnen der Boden unter den Füssen zu heiss geworden, nach dem bequemen Zufluchtsort Hongkong geflohen, hier aber sich so ausgezeichnet haben, dass die englische Regierung ihnen wohl freie Wohnung und Nahrung auf längere Zeit bewilligte, jedoch gleichzeitig mit mildem Zwange sie ersuchte, durch Anlegen von Strassen sich möglichst nützlich zu machen.

Ferner hat man erfolgreiche Versuche unternommen, Föhren anzupflanzen. Der Zickzack-Weg führt erst bergab, dann bergeben, endlich wieder gegen die Südküste zu bergauf. Aber schon auf dem ersten Theil hat man eine schöne Aussicht auf die mit Gebäuden gekrönten Hügel der Südküste und das jenseitige Meer; vor der Küste liegt ein künstlicher Teich für die Wasserleitung, der dem fernen Beschauer in derselben Ebene zu liegen scheint, wie das Meer, in der That aber mehrere hundert Fuss höher liegt.[270] An der Südküste finde ich auf steilem Hügel in beherrschender Lage ein grosses Gebäude in gothischem Stil; ein langbärtiger, etwas blasser Herr raucht auf hohem Balcon behaglich seine Pfeife und erwiedert meine Frage, ob ich eintreten könne, mit bejahender Handbewegung. Aber die Sprache ist hier französisch, — zum zweiten und vorletzten Male auf meiner Reise, auf der ich allerdings französische Colonien nicht berührt habe. Es ist Bethanie, eine Heilstätte für die französischen Missionäre in China und Hinterindien, wo sie von Fieber und Ruhr Genesung und Erholung suchen. Die Herren waren, wie immer die katholischen Priester, ausserordentlich liebenswürdig und auch sehr gebildet, denn der Verkehr mit den verschiedensten Menschen und in den verschiedensten Ländern kann nicht verfehlen, einen sehr günstigen Einfluss auszuüben.

Der Blick schweift in die Weite, auf das südchinesische Meer, haftet in der Nähe auf dem herrlichen Garten voll tropischer Blumen und Sträucher; namentlich fesselte mich die Pflanzung der feigenähnlichen Melonen- oder Papaya-Bäume, deren Früchte ein Verdauungs-Ferment enthalten.[271] Das letztere wird ja in der Heilkunde verwendet, erstlich bei Verdauungsstörungen, zweitens, um krankhafte Ausschwitzungen (diphtherische Beläge) zu bepinseln und aufzulösen. Aber die Asiaten, welche weder Physiologie noch Heilkunde verstehen, haben doch, wie mir der Priester erzählte, die Wirkung der Pflanze kennen gelernt und benutzen die Blätter, um zähes Fleisch verdaulicher[S. 217] zu machen: was um so bemerkenswerther scheint, als die wirkliche Heimath der ganzen Gattung (Carica) im tropischen Amerika zu suchen ist.

Nach dem Spaziergang von 2×3 km, der in den Tropen mehr bedeutet als bei uns, mundete mir das Frühstück vortrefflich. Danach wanderte ich zu Fuss bergab, um die öffentlichen Gärten Hongkongs, die auf halber Höhe liegen, kennen zu lernen. Der Garten ist mit grossem Geschick terrassenförmig angelegt. In der Mitte der Hauptterrasse, die eine hübsche Aussicht auf Meer und Ufer gewährt, steht ein grosser Springbrunnen. Seine Bronze-Nymphen sind allerdings mittelmässig, aber das Becken ist mit Papyruspflanzen geziert. Hier kann man die Bevölkerung Hongkongs studiren. Die Europäer sind allerdings hauptsächlich durch Kinder und vereinzelte Väter vertreten; aber die sogenannten Portugiesen (Mischlinge) erscheinen schon in grösserer Zahl und höheren Altersstufen, gelbbräunliche Mädchen mit krausem, schwarzem Haar; am zahlreichsten sind natürlich die Chinesen, nicht bloss Kinder, Männer und Frauen, sondern auch einzelne feine Herren in blauseidenem Gewande, mit tadellosem Zopf und Englisch.

Aber die Hauptsache sind in dem Garten die Pflanzen. Palmen verschiedener Art, Akazien mit wundersam feinem Fiederblattwerk, australische Farn, indische Feigenbäume, chinesische Rosen und duftende Michelien entzücken den Europäer eben so sehr, wie sie den daran gewöhnten Asiaten gleichgiltig lassen.

Einer der herrlichsten stundenlangen Spaziergänge mit prachtvollen Aussichtspunkten ist Bowen road. Dieser Weg führt über den verdeckten Canal, welcher von einem künstlichen Teich, östlich von Hongkong, die Stadt mit gutem, frischem Wasser versorgt.

Die folgenden Tage gaben mir reichlich Musse, in meinem Zimmer und an den schönen Aussichtspunkten einige gute Bücher über China zu lesen, die der Herr General-Consul mir verschaffte und aus seinem reichen Erfahrungsschatz erläuterte; auch versorgte er mich mit deutschen Zeitungen, die bis zum 24. September reichten und zu meiner grossen Beruhigung das Freibleiben Berlins von der Cholera-Seuche meldeten.[272]

Natürlich, von China wissen wir ebenso wenig, wie von Japan, und glauben erst recht, diese Kenntniss nicht zu gebrauchen.[S. 218] Aber das ist eine sehr beschränkte Weltanschauung. Womit lassen wir die Neuzeit beginnen?

„Pulver, Compass, Buchdruck und Amerika.“ Aber

„Pulver kannten die Chinesen,
Konnten auch Gedrucktes lesen,
Sind mit Compass selbst zu Schiff gewesen,
Und Amerika war immer da,
Stets wie jetzt uns fern und nah.“[273]

Die einzige Entschuldigung, die ich für unsere Unwissenheit gelten lasse, ist die Unmöglichkeit, neben den wichtigen Thatsachen der neueren Naturforschung und neben der Geschichte unserer eigenen jüngeren Culturentwicklung noch die der älteren Völker genau zu erlernen und sicher zu behalten.

Die Erzählungen der Chinesen greifen zurück bis 2700 v. Chr., aber zuverlässige Zeitrechnung reicht nur bis 841 v. Chr.

Höchst anziehend sind die Sagen von den ältesten Kaisern. Shin-nung (angeblich 2737 v. Chr., 416 J. nach der Sint-Fluth) wird gepriesen als Erfinder des Pfluges. Noch heute beweist der Kaiser von China seine Hochachtung vor dem Ackerbau, indem er mit eigner Hand ein Stück Ackerland umpflügt.

„Wie heisst das Ding, das Wen’ge schätzen,
Doch ziert’s des grössten Kaisers Hand.“

Shin-nung soll auch die ersten Forschungen über Heilkräuter angestellt und ein Buch über Pflanzenkunde (Hon-zo) geschrieben haben, das die für alles Alte schwärmenden Chinesen noch heute zu zeigen sich erkühnen.

Der Kaiser Hwang-ti (angeblich 2697 bis 2597 v. Chr.) wird geschildert, wie er weisheitsvoll auf seinem Throne sass, umgeben von seinen Lehrern, und die fünf Elemente auffand (Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde) und das männliche und weibliche (thätige und leidende) Princip (Yo und In) und die fünf Haupttugenden (Barmherzigkeit, Rechtschaffenheit, Ordentlichkeit, Weisheit, Treue) erkannte. Er soll auch die Grundgesetze der Heilkunde aufgestellt und dieselben seinen geliebten Unterthanen mitgetheilt haben.

In der dritten Dynastie (Tscheu, 1123–246 v. Chr.) wurde das Feudalsystem gegründet, 552 Confutse geboren. Schihoangti, von der vierten Dynastie (Tsin[274] 246–206 v. Chr.) begründete Alleinherrschaft[S. 219] des Fürsten und Einheit des Reiches, das er vergrösserte und durch die grosse Mauer nach Norden schützte. Es folgten viele Bürgerkriege und Spaltungen. Seit 65 n. Chr. breitete sich die Buddha-Lehre aus.

Um 700 n. Chr. war die Glanzzeit der Chinesen, das Reich gross und geeint, die Wissenschaften in Blüthe, der Buchdruck erfunden.

1260 war der Mongole Kublai (19. Dynastie), Enkel von Dschengis-Chan, Herrscher von China und empfing Marco Polo in Chanbaligh, dem heutigen Pecking. Die Eroberer nahmen die Sitten der Unterjochten an. Ein Buddhapriester vertrieb die Mongolen wieder und wurde als Kaiser Taitsu Stifter der Ming Dynastie (der XX., 1368 bis 1644). Katholische Missionäre kamen nach China. 1644 eroberten die Mandschu-Tataren die Hauptstadt und begründeten die jetzige (XXI.) Tsing-Dynastie. Der erste Kaiser Schuntschi hatte den Unterricht eines deutschen Jesuiten genossen und räumte ihm grossen Einfluss ein. Unter seinen ersten Nachfolgern erhob sich China zu bedeutender Macht. Seit 1735 wurden die Christen verfolgt. Seit Anfang dieses Jahrhunderts herrschten Unruhen.

1841 begannen die Engländer den ersten Opiumkrieg, da die chinesische Regierung in Canton ihnen das Opium, dessen Einführung sie verboten hatte, fortnahm. Die Chinesen mussten Entschädigung zahlen, Hongkong abtreten und fünf Häfen eröffnen, die sie aber nicht bloss den Engländern, sondern allen Nationen freigaben. Die Franzosen erlangten in ihrem Vertrag Freigebung des christlichen Bekenntnisses.

Nach dieser Niederlage der Mandschu-Dynastie rührten sich die Mingchin, die Anhänger der alten, echtchinesischen Ming-Dynastie. Ein im Staatsexamen durchgefallener Gelehrter aus Kwantung, Hung-Siutsuen, der zum Christenthum hinneigte, sammelte seine Stammesgenossen, schlug die kaiserlichen Truppen, wurde 1851 als Begründer der neuen Dynastie Taiping (grosser Friede) ausgerufen und eroberte sechs Provinzen mit der alten, jetzt neuen Hauptstadt Nanking.

Da die Engländer, trotz des Vertrags, mit dem Handel in Canton wegen des Widerstands der Chinesen nicht vorwärts kamen; so benutzten sie als Vorwand die Wegnahme eines unter englischer Flagge segelnden chinesischen Schiffes, bombardirten und eroberten im December 1857, zusammen mit den Franzosen, die Stadt Canton, und rückten im October 1860, nach dem Siege bei Palikao, wo 7000 Euro[S. 220]päer 50000 Chinesen in die Flucht trieben, nach Pecking vor, wo die Franzosen den Sommerpalast des Kaisers schmählich plünderten. Jetzt trat China, unter Regentschaft des Prinz Kong für den minderjährigen Kaiser, in geregelte Beziehung mit den europäischen Mächten und schloss 1861 auch einen Vertrag mit Preussen, gleichzeitig für den Zollverein.

Die Franzosen und Engländer vertrieben nunmehr die Rebellen aus Shangai und richteten für die Chinesen Fremdenlegionen ein, mit deren Hülfe die Taiping-Revolution 1863 durch Eroberung von Nanking beendigt wurde. Zwei Millionen Menschen hatte dieser Bürgerkrieg hinweggerafft und die Thee- und Seidenbezirke stark geschädigt.

England, Frankreich, Russland hatten Krieg und haben Streitigkeiten mit China. Deutschland war stets, und ist heute mit China gut befreundet und kann bei geschickter Ausnutzung seines Einflusses eine bedeutsame Rolle in Ostasien spielen.

Unsere friedliche Flotten-Demonstration vom Jahre 1875, wegen des Angriffs auf den deutschen Schooner Anna, hat wirksam zur Unterdrückung der Seeräuberei an den chinesischen Küsten beigetragen.

Mit Amerika steht China schlecht, seitdem 1882 die Einwanderung von Chinesen nach den Vereinigten Staaten verboten wurde. Mit Russland drohte bereits Krieg wegen Kuldscha, doch gelang es noch 1881 einen annehmbaren Frieden zu schaffen. Mit Frankreich entstand 1882 Krieg wegen Annam und Tonking, die Chinesen waren 1885 bei Langson siegreich, gestanden aber, im Frieden von Tientsin, den Franzosen die Oberherrschaft von Annam und die Einverleibung von Tonking zu. Jedenfalls hat dieser Krieg gezeigt, dass die Chinesen in den letzten 20 Jahren ganz erhebliche Fortschritte gemacht haben.

Die Redensart neuerer Schulbücher der Weltgeschichte, „China sei eine balsamirte Mumie, mit Hieroglyphen bemalt und mit Seide umwunden,“ nöthigt ein mitleidiges Lächeln Jedem ab, dem es vergönnt war, den Schleier Asiens auch nur an einem kleinen Zipfelchen empor zu heben.

Der merkwürdigste und bekannteste Chinese ist der weise Khung-futse[275]. Geboren 551 v. Chr., zu einer Zeit der grössten Verwirrung und Streitigkeit zwischen den verschiedenen Lehnsfürsten, hatte er zu 22 Jahren bereits begeisterte Zuhörer, obwohl er grosse[S. 221] Ansprüche an deren Fleiss- und Fassungskraft[276] stellte, und mit 30 Jahren war er „fest“. Voll Begeisterung für die weisen und guten Kaiser der alten Chow-Dynastie, für die alten Gebräuche und die alte Musik des Kaisers Sun verfasste er das Buch der Gesänge und das Buch der Geschichte (Schi-king und Schu-king); übernahm das Amt eines Bürgermeisters der Stadt Chung-too in dem Herzogthum Loo und erzielte so ausgezeichnete Erfolge, dass der Herzog ihn zum Justizminister ernannte.

In diesem Amt zeigte er ebensoviel Muth wie Geschick. Die Verbrechen verringerten sich soweit, dass die Strafgesetze nur selten zur Anwendung gelangten. Als ein Vater seinen eignen Sohn anklagte, setzte Confucius beide in’s Gefängniss, den Vater, weil er seinen Sohn niemals in der Kindespflicht unterwiesen. „Verbrechen liegt nicht in der Menschen-Natur. Der Vater in der Familie ist verantwortlich für Verbrechen gegen Kindesliebe und die Regierung im Staate für solche gegen die Staatsgesetze. Ein Fürst, der nachlässig ist in der Veröffentlichung der Gesetze und doch streng nach dem Buchstaben straft, handelt wie ein Schwindler.“ Er wirkte hauptsächlich durch gutes Beispiel und verbreitete Frieden und Ruhe im Lande. Trotzdem fiel er in Ungnade und musste sein Amt aufgeben.

Die kriegerischen Zeitläufte waren dem Wirken des Weisen nicht günstig. Er begann ein Wander-Leben und blieb trotz aller Misserfolge voll Selbstvertrauen und Ueberzeugung, im sechzigsten Jahr wie im dreissigsten.

Zurückgekehrt in seine Heimath Loo, verbesserte und vervollständigte er die früheren Werke und verfasste die Frühling- und Herbst-Annalen (Ch’un ts’ew), das einzige Werk, das er von Anfang bis zu Ende selbst geschrieben. Aber, so hoch er selber das Werk schätzte, seine Landsleute ziehen die Sammlung seiner Aussprüche vor. (Lun yu, Confucius’sche Analekten.)

Im Alter von 73 Jahren starb der Weise, nachdem er auf das genaueste das Begräbnissceremoniell festgestellt und seine Klage darüber ausgesprochen, dass im ganzen Reiche kein einsichtsvoller Fürst sei, der ihn um Rath frage. Sein Grab ist noch heute erhalten und hochverehrt.

Kein Mann ward so missachtet bei Lebzeiten und so verehrt von der Nachwelt, wie Confucius. Er gab die leitenden Grundsätze für alles Grosse und Edle im chinesischen Leben seit mehr als zwei Jahrtausenden. Sein System ist in den drei Werken seiner Schüler ent[S. 222]halten: Lun Yu (C’. Analekten), Ta He[)o] (grosse Lehre), Chung Yung (Mittel-Strasse).

Confucius vermied alle Beziehungen auf das Uebernatürliche. Der Mensch ist der Meister seines Geschicks und entwickelt durch Tugend seine Natur, dann bildet er eine Dreieinigkeit mit Himmel und Erde. Das ist die Stellung der idealen Männer im Universum. Die Art der Menschen ist gut von Natur. In dem Weisen erreicht die Natur ihre höchste Entwicklung.

Der Himmel (Shang-te) schafft und regiert Alles, aber Gebet ist überflüssig; Geister (der Ahnen) müssen verehrt werden, aber es ist am besten, sich nicht mit ihnen einzulassen. Noch heute wird Shang-te in einem bilderlosen Marmortempel bei Pecking verehrt.

Nächst dem Weisen kommt der hervorragende Mann. Er ist Fehlern unterworfen, aber sie gehen vorüber, wie die Verfinsterungen der Sonne, und, indem er das ihm eingepflanzte Gute sorgfältig ausbildet, wird auch er gleich Himmel und Erde. Die vollständige Lauterkeit ist sein Wesen. Confucius selber gesteht zu, diese Stufe noch nicht erreicht zu haben. Wenn je der Fuss des hervorragenden Mannes ausgeglitten, so handelt er wie der Bogenschütze, der, nachdem er die Mitte der Scheibe verfehlte, nachforscht und die Ursache in sich selber sucht. Er erzieht sich so, dass das Volk glücklich wird. Wohlfahrt des Volkes war die stete Sorge des Confucius.

Aber keiner wird ein hervorragender Mann, ohne sich zu unterrichten; kein Edelstein kann benutzt werden ohne Schliff. „Mit 15 Jahren, sagt Confucius, war mein Geist gerichtet auf das Lernen, mit 30 war ich fest, mit 40 hatte ich keine Zweifel, mit 50 kannte ich die Gebote des Himmels, mit 60 war mein Ohr gehorsam die Wahrheit aufzunehmen, mit 70 konnte ich dem Zuge meines Herzens folgen, ohne den Weg des Rechtes zu überschreiten.“

Mit gründlichem Lernen muss ein fester und reiner Wille verbunden werden. Was du nicht willst, das man dir thu’, füg’ keinem andern zu. Tugend erhebt den Menschen zur Gottheit. Sie muss um ihrer selbst willen gepflegt werden. Die Regierung eines Landes ist die Probe für die Tugend des Herrschers; ein Fürst, der durch Tugend regiert, ist wie der Polarstern. Zur Tugend gehört Muth, Wohlwollen, Gesetzessinn, Treue. Ein Mann ohne Treue ist ein Boot ohne Ruder. Der Vater der Familie ist das Vorbild des Herrschers. Die erste Tugend ist Sohnesliebe. Das Verhältniss von Mann zu Weib ist wie vom Himmel zur Erde.[277] Der Mann sei stark und die Frau sanft.

[S. 223]

Der höhere Mann, der seinen Haushalt gut verwaltet, ist geschickt, den Staat zu regieren. Dem friedlichen und glücklichen Zustand des Staates hat Confucius seine ganze Sorgfalt und Einsicht gewidmet. Als man ihn fragte, ob Unrecht durch Güte zu vergelten sei, erwiederte er: „Und wie willst du dann Güte vergelten? Vergelte Unrecht mit Gerechtigkeit und Güte mit Güte.“[278]

Der Einfluss von Confucius’ Schülern war bedeutend und als, wie es heisst, auf Befehl des Kaisers Tsching-wang alle Bücher verbrannt werden mussten, wurden die des Confucius in den Wänden der Häuser und unter der Erde verborgen oder in dem Gedächtniss der Getreuen. Mit der Han-Dynastie (206 v. Chr.) begann eine neue Blüthe der Confucischen Literatur. Die grössten Ehren wurden auf den Weisen gehäuft, er wurde nachträglich zum Grafen, Fürsten, König ernannt und wird noch heute vom Kaiser wie von seinem letzten Unterthan verehrt.

Er war ein echter Chinese und wusste, was seinem Volke passt; seine Sittenlehre scheint zweckmässig dem Herrscher wie dem Beherrschten, seine Schriften sind Gegenstand des Studiums für Alle und Gegenstand der Prüfung. 40 Generationen des zahlreichsten Volkes der Erde lauschen den Worten dieses Mannes.

Ein sehr seltsames Buch, das ich gleichfalls dem Herrn General-Consul verdanke, ist das über die tugendhaften Weiber. (Englisch von Miss A. C. Stafford. Kelly & Walsh, Shanghai u. Hongkong, 1891.) Der erste Anfang des Buches ist vor 2000 Jahren geschrieben, dann wurde es im Laufe der Zeit vervollständigt. Es enthält die bescheidene, zartfühlende Sittenlehre des Confucius, nach der diese Frauen des Ostens sich richten, und höchst eigenartige Geschichten: von der kühnen Frau, die dem wilden Bären entgegentrat, um ihrem kaiserlichen Herrn das Leben zu retten; von der schönen Prinzessin, die den armen Gelehrten geheirathet, erst bitterlich weinte, dass sie ihre seidnen Kleider nicht tragen durfte, dann aber entschlossen den Krug ergriff und Wasser für die Wirthschaft holte; von der treuen Mutter, die ihren Sohn aus dem Gefängniss erlöste; von der klugen Frau, die den Mägden das Schwatzen verbot und die feindlichen Brüder versöhnte, und von solchen Frauen noch hundert andre Geschichten. Hildebrandt spöttelt über die Denkmäler, die für tugendhafte Frauen in chinesischen Städten errichtet sind, und meint, dass Frauen-Tugend wohl selten in China sein müsse. Aber das ist ein grosses Missverständniss. Was er dabei unter Frauen-Tugend versteht, wird in Asien als der Normalzustand angesehen und nicht weiter gepriesen.

[S. 224]

Da ich bei den Frauen verweile, so muss ich einer grossen Freude gedenken, die mir mein werther College, Herr Dr. Gerlach, bereitete: er lud auf Montag, den 24. October, zum Abendessen die drei hauptsächlichsten Familien[279] der deutschen Colonie ein und auch meine Wenigkeit und Herrn Dr. Dannemann. So hatte ich zum ersten Mal auf meiner Reise eine gebildete Gesellschaft mit deutschen Frauen und deutscher Unterhaltung. Es war zu natürlich, dass wir bis 12 Uhr Nachts zusammen blieben. Die Privat-Kuli von Dr. Gerlach trugen mich in dem landesüblichen Palankin nach oben, da die Drahtseilbahn nach 11 Uhr gewöhnlich nicht mehr fährt. Die Gastfreundschaft in Ostasien gehört zu den angenehmsten Erinnerungen des Reisenden.

Am Dienstag, den 25. October, besuchte ich, unter freundlicher Leitung des Herrn Collegen Gerlach, Heil- und Wohlthätigkeits-Anstalten von Hongkong, den deutschen Club und die Chinesen-Stadt.

1) Das Regierungs-Krankenhaus ist europäisch eingerichtet und von englischen Aerzten geleitet. Das Alice-Krankenhaus (Alice memorial hospital) beherbergt ausschliesslich Chinesen, die Hausärzte und die Studenten sind Chinesen, nur die beiden Oberärzte (Dr. Jordan, Augenarzt, und Dr. Thompson, Chirurg und Missionär) sind Engländer. Gegründet ist das Krankenhaus von einem Hindu, der in England Doctor der Heilkunde und der Rechte geworden, eine wohlhabende Engländerin geheirathet, in Hongkong lebte und nach dem Tode seiner Gattin ihr Vermögen zu dieser Stiftung verwendete. 70 Procent derjenigen, die wegen Augenkrankheit Hilfe suchen, leiden an der Körnerkrankheit oder ägyptischen Augenentzündung.

2) Asile de St. Enfance liegt am Meeresufer im Osten der Stadt. Französische Schwestern verwalten die Anstalt. Sie nehmen ausgesetzte Chinesen-Kinder, taufen und erziehen dieselben. Die Schwestern sind sehr freundlich und thun, was sie können; aber das Material, welches sie bekommen, ist schrecklich. Ich sah dort ein Dutzend unheilbar erblindeter Kinder und ebensoviel ganz blinde, schon grössere Mädchen. Die letzteren nähten gröbere Kleidungsstücke und zwar ganz gut; sie fädelten sogar den Faden ein, indem sie das Oehr an die Zungenspitze hielten, wo wir bekanntermassen das feinste Gefühl besitzen!

3) Einen weit erfreulicheren Anblick gewährte das Berliner Findling-Haus. Offen gestanden, war ich sehr überrascht, hier in[S. 226] Ostasien eine von Berlinern gegründete und verwaltete Wohlthätigkeits-Anstalt zu finden, von der weder ich selber noch irgend Jemand aus meinem Bekanntschaftskreise eine Ahnung gehabt. Es würde mich freuen, wenn meine Zeilen dazu beitragen, der Anstalt neue Freunde und — Mittel zuzuführen; denn sie verdient es. Das möchte ich auch hier aussprechen, obwohl ich schon mehrmals Spott über meine „Empfindsamkeit“ vernommen und den Widerspruch erfahren, dass es bei uns zu Hause näher liegende und wichtigere Aufgaben der Barmherzigkeit gebe.

Die Zöglinge des Berliner Findlingshauses zu Hongkong.

Ausgesetzte Chinesen-Mädchen, ganz kleine und gelegentlich auch etwas grössere, werden von deutschen Missionären hieher geschickt; die Kinder werden getauft, chinesisch erzogen und gut unterrichtet, vor Allem in der Wirthschaft, im Kochen und Nähen, auch im Rechnen und Lesen und Schreiben der einfacheren chinesischen Zeichen. Alle lernen singen; die begabteren auch Harmonium-Spielen, sogar die Anfangsgründe der chinesischen Classiker. Gegen das 20te Jahr werden sie an chinesische Christen verheirathet. Wegen ihrer guten Ausbildung finden sie sehr leicht Männer. 43 waren 1890 bereits verheirathet und stehen im brieflichem Verkehr mit der Anstalt. (Die Zahl ihrer Kinder betrug 98 und die ihrer Kindeskinder 3.) Das war nun meine Freude, in das Völkchen von 30 fröhlichen, gelblichen, breitmäuligen Kindern von 3–5 Jahren hineinzugreifen und einem die Hand zu schütteln. Da kam jede angewackelt, um gleichfalls meine Hände zu schütteln; und als ich fertig war, ging es noch einmal los. Die grösseren sangen fromme Lieder, chinesische und auch deutsche. „Stille Nacht, heilige Nacht“, von kindlichen Stimmen gesungen, verfehlt auch in Hongkong nicht des Eindrucks; es ist auch ihr Lieblingslied, weil danach die Bescheerung folgt.

Bei besonderen Gelegenheiten wird den Kindern eine „Landpartie nach dem glücklichen Thal“ mit Wettrennen und Beschenkung bewilligt.

Ich leerte mit den Berliner Damen der Anstalt ein Glas Bier auf ihr Wohl und das ihrer Zöglinge und hatte auch das Vergnügen, Herrn Pastor Gottschalk, als ich aufbrach, kennen zu lernen. Was mich besonders zu Gunsten dieser Berliner Anstalt einnahm, war die Fröhlichkeit der Kinder; das spricht lauter als alle Zahlen und Thatsachen der Berichte.[280]

[S. 227]

In den Districten von Canton werden die Kinder, welche man nicht aufziehen will oder kann, in einem Korb auf die Strasse gesetzt, aber nicht in die Einöde, und stets mit einem Zettel versehen. Wir finden das mit Recht schrecklich und drücken unsere sittliche Entrüstung kräftig aus. Leider vergessen wir dabei, — was in Europa und Amerika geschieht. Der medical Record, eine amerikanische Zeitung der Heilkunde, beziffert die Zahl der alljährlich in der Stadt New-York getödteten Neugeborenen auf mehrere Tausende. Findelhäuser sind in Europa seit 787 n. Chr. errichtet, in Mailand, 1070 in Montpellier, 1317 in Florenz, 1331 in Nürnberg, 1362 in Paris, 1380 in Venedig, 1687 in London.

Als man in Frankreich die Drehladen an den Findelhäusern einführte, stieg 1833 die Zahl dieser auf öffentliche Kosten unterhaltenen Kinder bis auf 131000; und nach Abschaffung der Drehladen stieg die Zahl der Kindesmorde.

Auch in mohammedanischer Gegend, in Alexandria, sah ich eine Findlings-Anstalt im arabischen Hospital. Aber Dr. Schiess, der Vorsteher, zahlt nicht mehr derjenigen Frau, die das gefundene Kind bringt, das Verpflegungs- bezw. Ammen-Geld, — weil es zu häufig die eigne Mutter war; durch dieses persönliche Deplacement[281] wurde die Zahl der Findlinge erheblich verringert.

4) Die Basler Mission hat ihr Findelhaus aufgegeben und hält nur noch ein Geschäftshaus in Hongkong, wo ich Herrn Dr. Reusch begrüsste.

Unser Frühstück hatten wir an diesem Tage natürlich in dem deutschen Club[282] genommen und fanden dort fröhliche Gesellschaft. Im Hintergrund des grossen Speisesaales ist eine Bühne aufgeschlagen, auf der im Winter ganz munter Theater gespielt wird.

Am Nachmittag besuchten wir auch die Chinesenstadt. In der mit der Uferstrasse gleichlaufenden Queensroad befinden sich neben Banken und europäischen Läden[283] aller Art auch die feineren chinesischen, wo Gold-, Silber-, Seide-, Porzellan-, Holz-, Horn-, Bronze-Waaren u. dergl. verführerisch ausgelegt sind.

[S. 228]

Die Läden des eigentlichen Chinesen-Viertels sind weniger geräumig, sauber, anziehend. Im Hintergrund des Ladens brennt eine kleine Lampe vor den Hausgöttern. An den Wänden hängen Rollen mit Weisheit-Sprüchen aus den Classikern, besonders zum Lobe des redlichen Kaufmanns. Der Reisende kann ruhig eintreten und betrachten; erst nach einiger Zeit erhebt sich der Kaufmann mit dem üblichen Gruss „chin-chin“ und fragt nach dem Begehren.

Der Kaufmann kennt den Geschmack „der Barbaren“ und führt schwere Stickereien auf Silber, elfenbeinerne, sorgsam geschnitzte Fächer, Schachspiele, Juwelenkästchen, Spazierstöcke, Vasen, Messer und Gabel, Thee-Service u. dergl. Chinesische Silberarbeit ist sehr berühmt und ausserordentlich billig. Silber ist das gewöhnliche Zahlungsmittel, da im Innern von China, ausser dem Bronze-Cash, Münzen nicht geprägt werden.

Jeder Mensch kennt Silber und seinen Werth, und jeder Trödler oder Hausierer hat eine kleine Wage bei sich. Mit einem Stück Silber kann man allenthalben zahlen; man könnte durch China reisen mit einem paar Dutzend silberner Theelöffel und für jedes Nachtlager, jedes Mittagbrot ein Stück abhacken. Höchst seltsam war mein Versuch, vor der Reise nach Canton, Nachmittags, als die Banken geschlossen waren, englische Goldstücke in Silber bei einem chinesischen „Gold and Silver coin changer“ umzuwechseln. Der Mann besah das Geldstück, runzelte die Stirn und sagte, wie ein echter Agrarier: „Gold ist schlechte Münze;“ fing an zu wägen und zu tadeln und zu unterbieten, bis ich lachend mein Gold nahm und mich empfahl. Im Canton Hotel wurde übrigens Gold zum Börsen-Preis, den mir Herr Melchers sagte, gern genommen.

Im Innern von China werden grössere Zahlungen durch Silberbarren geleistet, die von einer Bank gestempelt sind und gewöhnlich 50 Taels (d. h. 50×37,783 Gramm) wiegen. Kleinere Zahlungen werden durch abgewogenes Hacksilber gemacht. Der Tael ist eine Rechnungsmünze, ungefähr gleich 1½ mexic. Dollar. Der Tael wird eingetheilt in 10 Mähs = 100 Candareen = 1000 Cash, so dass also das Cash = 0,4 Pfennig. Mexicanische Dollar werden in den Vertragshäfen genommen, gewöhnlich werden sie von einer Privatbank gestempelt (Shop-Dollar) und gewinnen ein trauriges Aussehen, wenn dies öfters wiederholt wird. Der Vicekönig von Canton hat Zehnteldollarstücke (7,2 Candareen) aus Silber schlagen lassen, ein Zugeständniss an den Fremdenverkehr. Jede Silbermünze wird, ehe man sie nimmt, sorgsam auf den Klang, öfters auch auf das Gewicht geprüft. Papiergeld der Banken (von 100 bis 1000 Cash) und auch darüber[S. 229] cirkulirt im Innern. Regierungspapiergeld gab es früher, schon vom 7.-10. Jahrhundert; nach den Betrügereien der Mongolenkaiser wurde es abgeschafft. Das chinesische Banksystem reicht zurück bis ins erste Jahrhundert v. Chr. Bankbruch ist unerhört in China.

Je weiter nach Westen, desto schäbiger die Läden, die nur noch für chinesische Bedürfnisse sorgen. Da stehen Reihen von dampfenden Theetässchen, Suppennäpfchen, Reisportionen auf einem Brettergestell und harren der herantretenden Käufer; da hängt das gebratene Ferkel-Viertel herab, das so braun aussieht, als wäre es lackirt, und die beliebten Spickenten. Die feineren Restaurants zeigen schon am Eingang und auf den Treppen vergoldetes Schnitzwerk und enthalten oben besondere Zimmer für chinesische Leckermäuler.

Ein grosses Geheimniss chinesischer Gesundheitspflege besteht darin, dass Wasser niemals ungekocht, sondern nur in Gestalt von Theeaufguss genossen wird. Als ich rohen Reis in dem trübgelben Wasser des Canals von Canton schlemmen sah, war ich wenig befriedigt; aber wer beobachtet, dass der Reis immer erst gründlich durchgekocht wird, wird bezüglich dieses Hauptnahrungsmittels ganz beruhigt sein.

Zwei Arten von Läden und Buden fesselten meine Aufmerksamkeit besonders: erstlich die Pfandleiher, die ausserordentlich zahlreich und auch gut besucht waren; und zweitens die Läden und Standorte der Kräuterdoctoren und Zahnkünstler.

Der letztere, in keineswegs sauberer Kleidung, eine riesengrosse Hornbrille mit Fensterglas auf der Nase, um den Leuten Ehrfurcht vor seiner Weisheit einzuflössen, sitzt auf der Strasse vor einem kleinen Tischchen mit Heilmitteln und den Siegeszeichen seiner Wirksamkeit. Als Handwerkszeug zeigt er eine einzige, schon etwas schadhaft gewordene Zange. Die Häuser der Kräuterdoctoren sind mit marktschreierischen Inschriften von unten bis oben bedeckt.

Die gewöhnlichen chinesischen Aerzte sind schäbige Gesellen; man soll aber diese Zahnbrecher, Pflasterschmierer und Kräuterhändler nicht mit europäischen Aerzten, sondern höchstens mit unseren Heilgehilfen vergleichen. Während es früher Kaiserliche Schulen der Heilkunde in China gab, kann jetzt jeder ohne Studium und Prüfung die Heilkunde ausüben. Der chinesische Arzt, welchen ich schon 1887 in Portland (Oregon) besucht, war der schmutzigste Genosse, den ich bisher gesehen. Seine Heilkunst stützte sich auf ein chinesisches Buch; auf der einen Seite ist der Kranke abgebildet, die Erzählung seiner Leiden fliesst aus dem Mund, ein Pfeil zeigt auf den leidenden Theil des Körpers; auf der anderen Seite stehen gegenüber die Heilmittel verzeichnet. Mehrere Diener sind mit dem Raspeln[S. 230] von Wurzeln und dergleichen beschäftigt. Die hauptsächliche Marktschreierei dieses Chinesen bestand aber darin, dass er „niemals schneidet.“

Natürlich giebt es auch feinere Aerzte in China. In neuester Zeit hat die chinesische Regierung durch Erlasse die Aerzte zu bessern gesucht; sie hat auch 1868 eine Universität zu Pecking gestiftet und einige Europäer und Amerikaner dorthin berufen.

Das chinesische Volk, voll Stolz und Vaterlandsliebe, zieht die einheimischen Aerzte den fremden vor und glaubt, dass die ersteren geschickter seien, da sie durch blosses Fühlen des Pulses und Betrachtung der Zunge mehr herausbrächten, als die letzteren mit ihren zusammengesetzten Untersuchungen. Die 30000 Chinesen in S. Francisco, die 8000 in Portland (Oregon), die Tausende, welche auf europäischen und amerikanischen Dampfern alljährlich den stillen Ocean und die chinesisch-japanischen Gewässer befahren, befragen niemals einen Arzt kaukasischer Abstammung, wenn sie es irgend vermeiden können.

Uebrigens sollen diese Kuli, denen ihre amerikanischen — Freunde jede Art von Schmutz und Laster nachreden, im Ganzen recht gesund sein, und Todesfälle sind thatsächlich selten.

Allerdings fassen die Chinesen mehr Zutrauen zu europäischen Aerzten da, wo sie besser behandelt werden, wie in Hongkong und Singapore; der deutsche Arzt in letztgenanntem Orte hat eine ausgedehnte, auch chirurgische Praxis unter den Zopfträgern.

Die chinesische Literatur der Heilkunde ist übrigens ziemlich beträchtlich. Cho-Chiu-Kei, der chinesische Hippocrates, welcher während der Hang-Dynastie (also zwischen 25 und 221 n. Chr.) gelebt hat, schrieb ein Buch über die fieberhaften Krankheiten, das noch heute von den Chinesen als Richtschnur betrachtet wird, und worin er folgendes lehrt: Jede fieberhafte Krankheit entsteht durch einen Giftstoff, der nur dadurch verschieden wirkt, dass er auf verschiedenen Bahnen und in verschiedener Stärke eindringt. Gift wird durch Gegengift geheilt. Oefters muss aber wieder das Heilgift ausgetrieben werden. — Noch vor einem Menschenalter hielten die europäischen Aerzte diese chinesische Lehre für ganz verrückt. Aber in der allerletzten Zeit sind wir merkwürdiger Weise vielfach zu ganz ähnlichen Anschauungen gelangt.

Ebenso schäbig und unsauber wie die Läden im Westend sind auch die Tempel. Ein abenteuerlich aussehender, holzgeschnitzter, bemalter Gott mit herabhängendem Schnurrbart sitzt würdevoll auf dem Altar, vor ihm stehen Opfer von Reis und Thee und brennende Weihrauchstäbchen.

[S. 231]

Natürlich giebt es hier auch Opium-Kneipen. Aber die Ansicht, welche einige Missionäre zu verbreiten suchen, als ob das ganze chinesische Volk durch Opium entnervt sei, ist einfach lächerlich. Man betrachte den nackten braunen[284] Oberkörper der Kuli, welche ungeheure Lasten schleppen. Weit schlimmere Verwüstungen richtet in Europa und in Amerika der Schnapsmissbrauch an, der noch dazu den Nachtheil mit sich bringt, zur Rohheit und zum Verbrechen anzureizen.

Chinesische Spielhäuser, wie ich sie in Portland und S. Francisco gesehen, waren auch früher in Hongkong geduldet und brachten sogar monatlich 14000 Dollar der Regierung an Abgaben, doch wurden sie neuerdings unterdrückt. Aber die Chinesen sind spielwüthig und fröhnen der Leidenschaft heimlich in Clubs und Privathäusern; Kuli, die beim Spiel sich ertappen lassen, werden eingesperrt. Die Kinder auf den Strassen spielen eifrigst um ein Paar Kupfermünzen.

Die Strassenscenen sind sehr mannigfaltig. Allenthalben sieht und hört man Fruchtverkäufer. Die Hauptsorten sind Litchi (von Nephelium L.), eine pflaumenähnliche Frucht; Pumelo, eine Riesenorange (Citrus decumana), aber auch unsere gewöhnlichen Orangen und Mandarinen; ferner die Canton-Stachelbeere (Averrhoa carambola), eine sechseckige Frucht von seltsamem Aussehen und wenig Geschmack; ferner Mango-Pflaumen, Bananen; endlich kleine Nüsse und Zuckerrohr, an dem die Chinesen ebenso begeistert saugen, wie Fellachen in Aegypten.

Dort hat ein wandernder Barbier seinen Sitz aufgeschlagen, rasirt das Vorderhaupt, ordnet den Zopf[285] und holt aus Nasenlöchern und Ohr das letzte widerspenstige Haar heraus. Der Geschichtenerzähler bricht geschickt ab, wenn der junge Gelehrte der kleinfüssigen Schöne die Liebe erklärt, und beginnt Cash einzusammeln. Hochzeits- und Begräbnisszüge werden von Musikern, Bannerträgern und Männern, die bemalte, figurenreiche Holzschnitzereien tragen, begleitet. Roth ist die Hochzeits-, Weiss die Trauer-Kleidung.

Es giebt auch schon einige Droschken und kleine Omnibus in Hongkong, das eigentliche Beförderungsmittel ist aber für die Ebene Jinrikisha, und für die Hügel der Palankin.

Donnerstag, den 27. October 1892 Nachmittags, fährt mein Dampfer Brindisi (von der P. & O. G.) ab von Hongkong nach Colombo. Der Dampfer hat 2109 Tonnen, 2000 Pferdekräfte, ist 360 Fuss lang, verbraucht 38 Tonnen Kohlen täglich. Das Schiff ist also nicht sehr gross,[S. 232] nicht sonderlich neu, nicht sehr bequem, obschon ich persönlich meine eigne, auf Deck belegne Cabine durchsetze. Die englische Dampfschifffahrts-Gesellschaft (P. & O.) vernachlässigt die Nebenlinie von Ostindien nach China, wenigstens hinsichtlich der Reisenden, deren Ertrag weit hinter dem der Güter zurücksteht.

Erster Classe ist eigentlich nichts auf diesem Dampfer, als der Fahrpreis. Der Capitän ist ein steifes, unzugängliches Männlein, das auf Beschwerden nur mit Achselzucken antwortet. Abends 11 Uhr wird das elektrische Licht ausgelöscht und abgestellt, das Verdeck ist ganz dunkel, bis auf eine grosse Stall-Laterne. Die Leuchter in den Cajüten enthalten keine Kerzen. Aber dies ist unvernünftig. Zusammenstoss und Unglück erfolgt natürlich meist in der Dunkelheit: da muss man um sich sehen können. Ausserdem ist es lästig, wenn man Nachts in der tropischen Hitze aufwacht, gar kein Licht zu haben. Aus diesen Gründen legte mein Nachbar (Herr Capitän R. von der deutschen Flotte) und ich selber dem Schiffslenker unsere Wünsche so nahe, dass wir, aber nur wir allein, wirklich Kerzen in die Leuchter bekamen. Die „Officiere“ des Schiffes sind recht junge Leute, deren theoretische Kenntnisse verschwindend klein sind; wenigstens wissen sie auf einfache Fragen der Schiffskunde keine Antwort. Sie kennen nicht einmal ihr Schiff. Die oben erwähnten Angaben habe ich nicht von ihnen, sondern von dem Erlaubniss- oder Fahr-Schein des Schiffes, der vor dem Speisesaal aufgehängt ist. Des Morgens gehen sie barfuss.

Die Matrosen sind Laskaren, d. h. Inder, braune, meist kleine Kerle, die leidlich geschickt, aber nicht sehr kräftig zu sein scheinen und uns hauptsächlich bei der Parade am Sonntag Vormittag gefallen, wenn sie in weiss gewaschener Kleidung mit bunten Gürteln und Kappen oder Turbanen antreten. Die Aufwärter sind sogenannte Portugiesen aus Goa, mit dunkelbraunem, nicht hässlichem, bart-geschmücktem Gesicht, aber mit geringem Vorrath von englischen Worten und sehr geringer Einsicht, trotzdem sie die klangvollsten Namen führen. Der meinige hiess de Sousa, ein Name, der in der portugiesischen Colonialgeschichte sehr berühmt und jetzt unter den „Portugiesen“, d. h. Mischlingen Ostasiens, so verbreitet ist, wie bei uns Schultze oder Müller. Ich konnte trotz grosser Beharrlichkeit und Geduld nicht erzielen, dass er, wenn wir im Hafen lagen, meine Cajüte abschloss und dem zahlreichen Gesindel, welches dann die Schiffe unsicher macht, den Zugang zu meinen Sachen versperrte; dagegen fand ich Nachts, als ich von Singapore zurückkehrte, die Cabine verschlossen, Herrn de Sousa in sanftem Schlafe.

[S. 233]

Die Zwischendeck-Reisenden waren meist Chinesen, aber ausgewanderte; einige hatten Japanerinnen geheirathet; die Kinder waren recht drollige Geschöpfe. Wer die Geschäfts-Sprache in Ostasien (Pidgin-Englisch, mit zahlreichen spanischen und chinesischen Worten und ohne Conjugation) ein wenig versteht, kann sich mit ihnen ganz gut unterhalten. Es sind geschäfts- und lern-eifrige Menschen. Ein 15jähriger Schusterjunge fragte mich gleich, was meine braunen Lederstiefel gekostet, und versprach mir neue für den halben Preis zu liefern. Uhr, Aneroïdbarometer, Doppelfernrohr reizen ihre Neugier aufs höchste; jeder will die Dinge betrachten und in die Hand nehmen.

Reisende erster Cajüte hatten wir 30. Zum Glück waren einige Deutsche da, so dass ich doch auch meine Muttersprache sprechen und eine angenehmere Unterhaltung führen konnte. Zunächst der Herr Capitän R., der aus seinem reichen Erfahrungsschatz mir Vieles mittheilte; er war während des letzten Bürgerkrieges in Chile gewesen und hatte Leben und Eigenthum der Deutschen und auch der andern Europäer thatkräftig geschützt. Oft sassen wir bis Mitternacht auf dem dunklen Verdeck bei der glimmenden Cigarre und sprachen von der Heimath und der Entwicklung des Vaterlandes. Ferner war an Bord ein deutscher Kaufmann aus Kobe, der aber in Amerika Bürger der vereinigten Staaten geworden: er reiste hinter einem ungetreuen Buchhalter her, der einen tiefen Griff in die Geschäftskasse gethan: leider hat er sein Ziel nicht erreicht, denn der in Singapore auf telegraphisches Ersuchen festgehaltene Dieb wurde doch von den Engländern freigelassen, da angeblich ein sicherer Beweis des Diebstahls nicht zu liefern sei. In Singapore kam dann noch ein deutscher Kaufmann an Bord, um die Heimath zu besuchen, ein liebenswürdiger und unterrichteter Herr: schade, dass er zu Geschäftszwecken schon vor langer Zeit die deutsche Unterthanschaft aufgegeben. Das ist ein erheblicher Uebelstand, der nur durch grosse Thatkraft seitens der deutschen Consuln und durch Opferwilligkeit seitens der ausgewanderten Kaufleute zum Nutzen unseres Vaterlandes überwunden werden kann.

Ausser den Deutschen waren Engländer an Bord, zwei Parteien von je zwei Globetrottern, die ich schon von der Fahrt über den stillen Ocean her kannte. Erstlich ein Bruder-Paar von Junggesellen, Geistlicher und Gymnasialdirector, unterrichtete Leute, die aber doch den englischen Hochmuth in Urtheilen über unser Vaterland zur Schau trugen; freilich, als man ihnen tüchtig entgegen trat, mildere Saiten aufzogen. Dann ein sechzehnjähriger Jüngling, den sein Vater, Mitglied des Parlaments, unter Schutz eines 22jährigen Mathematikers, zur Stärkung der Gesundheit um die Welt sendete. Der Erfolg[S. 234] dieses Versuchs scheint mir recht zweifelhaft, es sei denn, dass die schon bestehende Neigung zur Unverschämtheit noch gestärkt werden sollte. Ein sehr angenehmer Engländer war ein Officier, Capitän H., der in fesselnder Weise von dem Kleinkrieg in Birma und seinen indischen Soldaten (Sikhs) zu erzählen wusste. Ueberhaupt fand ich auf dieser Reise, dass von allen Engländern die Officiere noch mit am meisten geneigt und befähigt waren, Deutschland Gerechtigkeit und Anerkennung zu zollen.

Ein guter Gesellschafter war ein junger Italiener aus Mailand, der zur Erholung seiner Nerven und zu seinem Vergnügen die Reise um die Erde machte. Höchst wunderlich erschien uns Allen ein sehr grosser Neger, Geistlicher aus Baltimore, der von bedeutendem Selbstbewusstsein erfüllt war, da er als erster seiner Farbe selbständig eine Vergnügungsreise um die Erde unternommen, und auf’s eifrigste an einem Reisetagebuch schrieb.

Der dritte Theil der Cajüt-Reisenden waren Parsi, gutgestellte Kaufleute aus Indien, die bis China ihre Geschäftsverbindungen ausdehnen. Es ergötzte mich höchlichst, dass keiner von ihnen mir angeben konnte, wann Zoroaster, der Stifter ihrer Religion, gelebt hat oder gelebt haben soll.[286]

Ueber die Gesellschaft, der unser Schiff gehört, möchte ich ein paar Worte sagen, da ich, wie fast jeder Reisende in Ostasien, ziemlich viel mit ihr zu fahren hatte. Zunächst möchte ich unseren vaterländischen Linien dringend empfehlen, auch ein solches Taschenbuch[287] herauszugeben, wie es die Peninsular and Oriental Steam Navigation Company hat drucken lassen und für 2 Shilling oder 1 Rupie verkauft: gut gebunden, handlich, in jede Tasche passend, enthält es auf nahezu 300 Seiten die werthvollsten Belehrungen für den Reisenden über alle Linien der Gesellschaft und kleine, aber brauchbare Karten. Dies Büchlein führt zweifellos der Gesellschaft zahlreiche Kunden zu.

Ihre gegenwärtige Flotte umfasst 54 Schiffe mit 209872 Tonnen oder 3887 Tonnen im Mittel.

Die Gesellschaft ist 1837 gegründet, 1840 incorporirt, hatte nach Eröffnung des Suezcanals eine neue Flotte zu bauen und erhält für[S. 235] die Beförderung der Post nach Indien, China und Australien 350000 £ Unterstützung.

In einem Punkt steht leider unser norddeutscher Lloyd bedeutend hinter P. & O. zurück, in der Ertragsfähigkeit.


Der sorgsame Reisende vermerkt zuerst den Logbericht der Fahrt:

Freitag, 28. October, 18° N., 113° 38′ O., 268 Seemeilen.
Sonnabend, 29. October, 13° 39′ N., 111° 39′ O., 297 Seemeilen.
Sonntag, 30. October, 9° 30′ N., 109° 13′ O., 287 Seemeilen.
Montag, 31. October, 5° 25′ N., 106° 12′ O., 304 Seemeilen.
Dienstag, 1. November, Vorm. in Singapore 1° 10′ N., 103° 15′ O.
Mittwoch, 2. November, Vormittag ab Singapore.
Donnerstag, 3. November, 3° 48′ N., 100° 18′ O., 276 Seemeilen.
Abends an Penang. Nachts 2 Uhr ab Penang.
Freitag, 4. November, 5° 46′ N., 98° 44′ O., 100 Seemeilen.
Sonnabend, 5. November, 6° 06′ N., 94° 07′ O., 275 Seemeilen.
Sonntag, 6. November, 6° 07′ N., 89° 37′ O., 269 Seemeilen.
Montag, 7. November, 6° 04′ N., 85° 06′ O., 270 Seemeilen.
Dienstag, 8. November, 5° 55′ N., 80° 15′ O., 291 Seemeilen.
Abends, 8. November, an Colombo.


Die Nähe des Aequators giebt sich deutlich kund. Am 27. October beträgt die Dauer des Sonnenuntergangs 2½ Minuten, am 3. November fast genau zwei Minuten, und zwar genau um 6 Uhr. Morgens beim Sonnenaufgang messe ich schon 20° C. im Schatten, das kühle Bad wirkt sehr erfrischend, die Kleidung ist südlich, das Meer tiefblau. Ich lese einige Bücher über Indien.

Bei der Einfahrt nach Singapore (Dienstag den 1. November Vormittag) erblicken wir zuerst ein Schiffs-Wrack, dann zahlreiche kleine Inseln, auf dem nahen Festland einen prachtvollen und dichten Kokospalmen-Wald längs der Küste; wir fahren an der Rhede vorbei und ankern ausserhalb der Stadt an der Werft (P. & O. Wharf, in New Harbour, 3 englische Meilen westwärts von der Stadt), treten sofort an’s Ufer, ohne auf die nach hineingeworfenen 10 Cts. Stücken tauchenden Knaben und Jünglinge zu achten, und fahren in einer netten, von einem kleinen Malayen-Ponny gezogenen, von einem Malayenkutscher geführten Verdeckdroschke („gharry“, für 75 Cts.) nach dem Hotel de l’Europe, woselbst wir einen thatkräftigen, aber groben Deutschen als Verwalter, schlechtes Essen, gutes Bier und Schutz gegen die Mittagshitze finden.

[S. 236]

Singapore an der Südspitze von Hinterindien, 1° 17′ nördlich vom Aequator, 103° 50′ östlich von Greenwich, ist die Hauptstadt der englischen Colonie Strait-Settlements, welche die Insel Singapore, den Bezirk Malakka auf der gleichnamigen Halbinsel und die ein wenig nördlicher (6° N.) dicht bei der Halbinsel gelegene Insel Penang umfasst. Die Insel Singapore liegt am Südende der Strasse von Malakka, vor der Südspitze der gleichnamigen Halbinsel, östlich und nicht weit von der Mitte von Sumatra, westlich von Borneo, eine Dampfertagereise nördlich von Java[288], nach Ratzel’s Worten „an eine jener praedestinirten Mittelpunktsregionen des Weltverkehrs.“ Die Insel ist 48 Kilometer lang, 25 Kilometer breit und enthält 687 Quadratkilometer, ist also beträchtlich grösser als Hongkong. Sie ist ziemlich eben, da der höchste Hügel nur 500 Fuss sich erhebt, und mit Baumwuchs bedeckt. Die Hauptstadt liegt auf der Südostseite der Insel und ist 4 englische Meilen lang; die Nordseite ist vom Festland (Djohor) durch einen schmalen Canal (Tambroh Channel, 0,45 bis 1,2 Kilometer breit,) getrennt. Die Insel wurde 1819 durch Sir Stamford Raffles für England in Besitz genommen, 1824 von dem Sultan von Djohor an die britisch-ostindische Compagnie verkauft, 1867 an die englische Krone abgetreten.

Die Colonie ist wichtig wegen der Nähe der Gewürzinseln des Malayischen Archipels sowie als Flotten-Station und Kohlen-Lager für die Engländer in kriegerischen Zeitläuften. Das Regierungsgebäude, das Stadthaus, die Banken und die Uferstrasse mit Docks und Waarenlagern machen schon einen hübschen Eindruck, weniger lässt sich dies von den Quartieren der Einheimischen sagen, wo alle Arten der östlichen Rassen anzutreffen sind. Die Häuser der europäischen Kaufleute liegen draussen, in grossen Gärten und sind höchst geräumig und luftig angelegt. Die Bevölkerung beträgt 150000: Chinesen, Malayen, Inder. Die letzteren sind Tamilen und werden hier Klings genannt. — Unter den (1900) Europäern sind viele Deutsche, namentlich Kaufleute. Aber es giebt hierselbst auch einen deutschen Arzt, der nicht nur in der deutschen Colonie grosses Vertrauen geniesst, sondern auch die Zopfträger von der Wohlthat deutscher Wundarzneikunst überzeugt hat. Das deutsche Reich hat hier einen Consul.

Das Klima ist gesund, aber sehr heiss. (26–27° C. im Schatten, innerhalb der Häuser). Die Hitze des Tages wird durch den Seewind[S. 237] und häufige Regenschauer etwas gemildert, die Nächte sind ein wenig kühler. Die Stadt liegt nur 144 Kilometer nördlich vom Aequator; deshalb geht die Sonne das ganze Jahr hindurch ungefähr um 6 Uhr Morgens auf, um 6 Uhr Abends unter.

Singapore ist seit der Gründung (1819) Freihafen, der Handel der Strait-Settlements beträgt jährlich 26 Millionen Pfund Sterling (Einfuhr 1892 an 92 Millionen Dollar, Ausfuhr 75); ausgeführt werden hauptsächlich Zinn, Guttapercha, Catechu, Pfeffer, Zucker, Muskatnüsse, Tapioca (Sago, Stärkemehl aus Wurzeln von Manihot utilissima). Der Hafen von Singapore ist zu jeder Zeit sicher, da Taifun hier nie beobachtet wird, und deshalb Kreuzungspunkt des europäischen Handels nach Ostasien und Australien. 1887 gingen 3467 Schiffe ein mit 2600000 Tonnen und aus 3393 Schiffe mit 2564000 Tonnen.

Nachmittags 4 Uhr, als die Hitze nachgelassen, fuhr ich mit Capitän R. nach der Hauptsehenswürdigkeit von Singapore, dem botanischen Garten, der mein Staunen und Entzücken erregte.

Botanische Gärten sind zuerst im Anfang des 14. Jahrhunderts zu Salerno und bei Venedig angelegt, dann 1533 in Padua, 1544 in Pisa, 1568 in Bologna, 1626 zu Paris, ferner zu Kew bei London, in Amsterdam, an allen deutschen Universitäten, wobei Berlin sowohl durch Reichhaltigkeit als auch durch wissenschaftliche Beschreibung eine der ersten Stellen einnimmt. Was südliches Klima zusammen mit Kunst und Wissenschaft auf diesem Gebiete leistet, hatte ich im botanischen Garten zu Palermo 1884 und 1891 zu beobachten Gelegenheit: wer die Allee von Dattelpalmen einmal gesehen, vergisst sie niemals wieder. Aber erst in den tropischen Gegenden von Asien sah ich die höchste Vollendung.

Die Gärten von Peradenia auf Ceylon, bei Calcutta, bei Singapore, bei Batavia auf Java geniessen mit Recht des höchsten Rufes. Den letztgenannten bekam ich nicht zu sehen, wohl aber die drei andern. Vom Standpunkt der Gartenkunst ist der zu Singapore der schönste, wiewohl er an Zahl der Pflanzenarten hinter dem von Peradenia zurücksteht.

Auf schöngehaltenen Rasenbeeten erheben sich schlanke Kokospalmen in die Lüfte, Fächer-Palmen, Sago-Palmen mit haushohen Blättern, Riesenbambus, Bambus mit rothem Stengel, blühende Bäume aller Art, Bougainvilien, Akazien mit rothen Blüthen zwischen den hellgrünen Blättern, dem Auge eine viel angenehmere Farbenmischung als unsere mit ihren gelben Blüthen; in Gewächshäusern, die nicht fest geschlossen, sondern nur mit einem Blätterdach (gegen die Sonnengluth!) versehen sind, sieht man Orchideen und Farrn aller Art, Wasserpflanzen[S. 238] mit durchbrochenen Blättern, wie aus grünem Spitzengewebe. Zur Belebung des Ganzen tragen einige Thier-Häuser bei mit Affen, Nashornvögeln, Casuaren.

Heimgekehrt spazierten wir Abends durch die Geschäftsstrassen neben dem Hotel, die Läden mit ostasiatischen Juwelier-Arbeiten und sogenannten Curiositäten; speisten im Hotel und fuhren um 10 Uhr zum Schiff zurück.

Die Nacht war schlimm durch Schwüle und durch Moskitos wegen der Nähe des Landes. Ich zog es vor, nur mit Hemd, Handschuhen und Strümpfen bekleidet, vor meiner Cajüte zu sitzen.

Am nächsten Morgen stellten sich die schreienden Taucher-Bettler wieder ein[289], Händler mit Affen, Papageien, Muscheln, Corallen — alle in kleinen Böten zwischen Ufer, Schiff und Landungsbrücke. Unser Dampfer wird durch Zustrom neuer Reisenden überfüllt. Ich erhalte (allerdings nur für einen Tag und Nacht) als Cajütgenossen einen kleinen siamesischen Prinzen. Derselbe ist in Edinburgh erzogen und zwar sehr streng, so dass er weder raucht noch trinkt, 22 Jahr alt, seit zwei Jahren verheirathet, Vater eines niedlichen Mädchens. Er zeigt und schenkt mir voll Stolz die Photographie von Frau und Kind. Seine Gattin ist Hofdame der Königin von Siam. Er selber malt in Oel zu seinem Vergnügen. Er ist höflich und angesehen. Seine Diener, die im Zwischendeck mitfahren, knien vor ihm nieder, wenn sie ihm beim Anziehen und Schmücken behilflich sind und ihn mit Rosenwasser besprengen.

Wir fahren durch die Meerenge (Straits) und sehen fortwährend Land. Abends kommt Wetterleuchten, aber keine Kühlung. Wunderbar war der Sonnenuntergang: gegenüber der Sonne, im Osten, eine Wolke rosig verklärt, so im Wasser gespiegelt, aber — nur für kurze Zeit; sofort schien der Mond hell und zeichnete in den Wellen, die das Schiff pflügte, zahllose Diamant-Lichter. Die Sterne blieben meist verhüllt. Der grösste Theil der Cajütenreisenden schläft auf Deck, jeder schleppt seine Matratze herbei. Des Morgens erhebt sich ein kühler Wind, es regnet. Um ¾6 Uhr bin ich der erste im Bad. Sehr angenehm war es, dass hier in so grosser Nähe vom Aequator die Hitze durch Regen oder Bewölkung des Himmels einigermassen gemildert wurde.

[S. 239]

Am Morgen des 3. November erblickte ich bei leichtem Regen aus nicht so grosser Entfernung eine Wasserhose: ganz deutlich senkte sich aus einer Wolke ein Trichter mit unterer Spitze und mit schräger Achse nach abwärts, ohne den aus dem Wasser mit oberer Spitze emporstrebenden Trichter zu erreichen.

Ich mass Vormittags +28° C., Abends nach Sonnenuntergang +26½° C. Die Temperatur ist auf dem Meere viel gleichförmiger als auf dem Festland, da das Wasser weit langsamer sich erwärmt und abkühlt.

Am 5. November fand ich Nachmittags 4h +28° C., um 5½h +27¾°. Am 6. November, nach etwas kühlerer Nacht, so dass ich gegen Morgen die sonst offen stehende Cajütenthür schloss, Morgens 7h +27° C., um 9h +28°, um 1h +29°, um 4½h +29° C. Am 7. November Mittags, wo es nach dem Gefühl sehr warm zu sein schien, +29° C. (= 23° R). Am 8. November Morgens 7½h +26½°, nach ¼ Stunde dasselbe. Also von Sonnen-Aufgang bis Untergang 26 bis 29° C.

In Oberägypten hatte mir die Messung ganz andere Ergebnisse geliefert. Ich fand im Februar, auf der Nilfahrt, Morgens vor Sonnenaufgang etwa +12° C., nach Sonnenaufgang kommt von Viertelstunde zu Viertelstunde ein Grad dazu, bis Mittags +30° erreicht werden; Nachmittags selbst 33 bis 34° C.; bei Sonnenuntergang bestehen noch +30°, und Abends um 9h noch +22°. Als ich in der Gegend von Assuan (dicht am nördlichen Wendekreis) Nachts um 3h aufstand, um das Kreuz des Südens zu beobachten, fand ich +21½°. Erst Morgens gegen 5h wurde es kühler, so dass ich die Cajütenthüre schloss.

Merkwürdig war der Sonnenuntergang am 3. November. Wolken deckten theilweise den westlichen Horizont, während es im Osten regnete. Die beiden unteren Theile eines Regenbogens wurden sichtbar, zum Theil noch durch strichförmige, dunkle Wolken verdeckt. Den oberen grösseren Theil der Halbkreisfläche des Regenbogens nahm eine dicke, weisse Wolke ein. Ungefähr vom Ostpunkt stieg nach Südosten eine fächerförmige Lichtstrahlung am Himmel empor, offenbar der Wiederschein des Zodiakallichtes. Die Gegend des Westpunktes schimmert roth auf blassgrünem Grunde, soweit nicht Wolken den Hintergrund decken. Die weissen Wolken im Westen werden jetzt von Purpur durchglüht. Sofort wird diese Erscheinung im glatten Ocean gespiegelt. Aber das dauert nur wenige Minuten. Dann erscheint der Vollmond in starkem Glanze.

Am Abend ankern wir auf der offenen Rhede von Georgetown,[S. 240] an der Ostseite der Insel Penang[290] (5° 52′ N., 100° 19′ O.), in dem 2 Meilen breiten Canal, der die Insel von der Halbinsel Malakka scheidet.

Reisende gehen, so mein siamesischer Cajütgenosse; andre Reisende kommen in kleinen Booten, ein französischer Pater, ein junger englischer Arzt, der in Penang ein gutes Feld der Thätigkeit gefunden und nun nach Colombo fährt, um seine Braut, die dorthin mit der Mutter aus England gekommen, zu begrüssen und zu — heirathen. Den Versuch, mir sofort einen neuen Cajütgenossen zu geben, schlug ich siegreich zurück, erst mit Güte und dann, als dieses nicht half, mit Grobheit. Als ältester Reisender des Dampfers, der noch dazu die ganze Fahrt machte, glaubte ich dieses Vorrecht zu verdienen.

Der Abend ist unbeschreiblich schön; der Himmel zwar bewölkt, aber hoch oben leuchtet der Mond mit voller Klarheit und der Abendstern. Von dem Hafen glitzern die Lichter am Ufer und die festen der verankerten Schiffe sowie die beweglichen der kleinen Fährboote. Das Meer leuchtete, wie ich es noch nie gesehen. Sowie ein Ruder in’s Wasser getaucht wird, sprüht es auf mit mildem, bläulichem Silberglanz; derselbe Schimmer umgiebt den Bug des Kahns. Das Meer ist wie ein Spiegel, die Luft lau und lind. Dazu kommen und gehen alle die fremdartigen asiatischen Schiffer und Arbeiter.

„Mondbeglänzte Zaubernacht,
Die den Sinn gefangen hält,
Wundervolle Märchenwelt,
Steig’ auf in der alten Pracht.“

Erst um 1 Uhr suchte ich das Lager auf, nachdem ich mich mit Capitän R. und einem andern deutschen Herrn durch einen vaterländischen Trunk gestärkt; und schlief bald ein, trotz des Lärms, den Ein- und Ausladen verursachen: der Traum führte mich in die Heimath, ich sah — meine Rückkehr.

Nachts um 2 Uhr wurden die Anker gelichtet. Das Schiff steuert jetzt genau westwärts nach der Südspitze von Ceylon, durch den indischen Ocean, der ziemlich einsam ist, da wir nur am 5. November einen kleinen nach Penang bestimmten Dampfer, am 6. einen Segler und das englische Truppen-Schiff „Himalaja“ erblickten. Sonst müssen wir uns mit fliegenden Fischen begnügen, die schaarenweise aus dem spiegelglatten Wasser emporschnellen.

[S. 241]

Am 4. November Abends von 9 Uhr 10 Minuten bis 11 Uhr hatten wir den Anblick einer vollständigen Mondfinsterniss. Am nächsten Morgen fuhren wir dicht vorbei an der Nordostspitze von Sumatra, dem berühmten Atschin. Wir sahen natürlich nichts von dem Kriege, den die Holländer hier seit 20 Jahren mit den Eingeborenen führen und nach dem allgemeinen Urtheil aller Kenner längst beendet haben könnten, wenn sie nur — wirklich wollten.

Die Einsamkeit des indischen Oceans giebt mir Musse, die Pickwick-Papers von Dickens zu lesen. Zwischen Bombay und Aden las ich Vanity fair von Thackeray; endlich im rothen Meer A house party von Ouida. Fürwahr, sehr wenig schmeichelhaft ist das Bild, welches die besten englischen Schriftsteller von ihrer „respectablen“ Gesellschaft entwerfen. Natürlich, wenn ein urtheilsfähiger Fremdling dies den Briten vorhält, erklären sie es für Uebertreibung; ja sie gehen so weit, von „schlechten“ Büchern zu sprechen und aus der Schiffsbücherei „bessere“ heraus zu suchen, z. B. von Walter Scott, die ich vor 35 Jahren gelesen, aber seitdem nicht wieder.

Am 8. November Morgens erblicken wir Land zur Rechten, es ist Ceylon, der Traum meiner Jugend. Ein Leuchthaus wird sichtbar, langgestreckte Kokuswälder an der Küste, die Brandung vor dem Hafen von Point de Galle: alte Forts, aus der Portugiesenzeit, ein Leuchtthurm, eine Flaggenstange, keine Schiffe!

Nachdem einmal Colombo zum Hafen von Ceylon gemacht worden, geschieht nichts weiter zum Vortheil von Point de Galle, eher Alles zu seinem Nachtheil.

Abends 8 Uhr werfen wir auf der Rhede von Colombo Anker. Die meisten Reisenden blieben über Nacht auf dem Dampfer. Ich meine, dass man auf einer solchen Reise die Kosten eines Nachtlagers am Lande nicht scheuen soll; liess Koffer, Handtasche, Mantelsack und Holzstuhl — mein ganzes Gepäck — in einen Kahn schaffen und fuhr an’s Land.

Der Steuerbeamte war höchst artig, ganz frei von der überflüssigen Neugier, eines Vergnügensreisenden Koffer zu durchsuchen, und sehr gefällig, indem er freiwillig sich anbot, meinen Korbstuhl bis zur Abfahrt nach Calcutta aufheben zu lassen. Ich erhielt ein gutes Zimmer in dem dicht am Hafen belegenen, riesengrossen Oriental-Hotel, wo ich wieder einen Deutschen (Herrn Raden) als Leiter antraf, und schlief recht mittelmässig. Es war ein Feind im Zimmer; ein einzelner Moskito (oder eine, denn nur die weibliche Mücke sticht,) befand sich innerhalb des über das Bett ausgespannten Netzes. Man hört das verrätherische Summen; denkt, es wird nicht[S. 242] gleich so schlimm werden, bis ein unangenehmer Stich unsere Ansicht ändert. Man steht auf, macht Licht, sucht ganz vergeblich; legt sich wieder, hört von Neuem das Summen, wird wieder gestochen, steht wieder auf zur vergeblichen Jagd. Natürlich Morgens früh, wenn man müde erwacht, sieht man das von unsrem Blute genährte Ungeheuer jetzt träge in einer Falte des Moskito-Netzes sitzen und hat die Wahl, dasselbe zu tödten oder es in diesem thierfrommen Lande der Buddhisten zum — offenen Fenster hinaus zu werfen.


[S. 243]

VI.
Ceylon.

Wir Deutschen kennen Ceylon hauptsächlich aus den bequem zugänglichen Reisebeschreibungen unserer Landsleute (Schmarda 1854, Hildebrandt 1862, Dr. H. Meyer 1882, Graf Lanckorónski 1889, Dr. Eugen Böninger 1890); ferner aus Professor Häckel’s indischen Reisebriefen (Leipzig, 1882) und vielleicht auch aus dem Prachtwerk von Eugen Ransonnet-Villez (Braunschweig 1868), das aber leider vergriffen und sehr selten geworden ist.

Jedoch die eigentliche Quelle unserer Kenntniss von dieser merkwürdigen Insel ist das zweibändige klassische Werk: Ceylon, by Sir James Emerson Tennent (5. Auflage, London 1860, Longman, Green, L. & Roberts). Der Verfasser hat als höherer Beamter und Gouverneur viele Jahre in Ceylon zugebracht, mit grosser Liebe in seinen Gegenstand sich vertieft und mit Hilfe von Fachgelehrten die ganze Geschichte des Volkes und der Natur, die Landbeschreibung und Sittenschilderung auf das allergründlichste abgehandelt.

Selbstverständlich sind in den letzten 30 Jahren wesentliche Aenderungen auf Ceylon eingetreten. In dieser Hinsicht, durch Angaben über den gegenwärtigen Zustand, ist sehr nützlich Ceylon in 1893, by John Ferguson (London, Huddon & Co. 1893). Dieses Buch ist bei Weitem nicht so wissenschaftlich, wie das von Tennent, für welches Ferguson, ein ganz geschickter Zeitungsschreiber und agrarischer Parteimann, seltsamer Weise kaum ein Wort des Lobes findet, mehr als einmal aber spöttische Bemerkungen.

Eine naturwissenschaftliche Beschreibung der Insel Ceylon enthält das originale Prachtwerk: Ergebnisse der Forschungen in Ceylon von Dr. Paul Sarasin und Dr. Fritz Sarasin, III. Band. Die Wedda’s von Ceylon. Wiesbaden 1892/3, Kreidel. (Fol., 600 S. mit Atlas.) Die Verfasser, hervorragende Naturforscher, haben in 2½ Jahren die Insel in 9 Halbmessern zu Fuss durchstreift und zwei Drittel des Umfangs umschritten.

[S. 244]

Der Führer von Colombo (Guide to C., by E. J. A. Skeen, C, 1892) ist fast unlesbar, da Geschäftsanpreisung offenbar seinen Hauptzweck darstellt, enthält aber doch manch’ schätzenswerthe Einzelheiten. Derselbe Verfasser will einen Führer durch ganz Ceylon herausgeben.

Einen Führer nach Kandy und Nuwara Eliya schrieb S. M. Burrows, der Verfasser eines kleinen Büchleins, das ich im Gasthaus von Nuwara Eliya gelesen: The burried cities of Ceylon. (Colombo und London, Trübner 1881).

Der „Murray“ für Indien und Caine’s Picturesque India (London 1891) widmen der schönen Insel nur wenige Seiten.

Die alte Geschichte von Ceylon wird auch in dem klassischen Werk unseres Prof. Lassen (Indische Alterthumskunde, Leipzig 1867, 1874, 1858, 1861, IV Bände) abgehandelt. Es giebt auch mehrere englische Sonderschriften über Ceylon’s Geschichte, die ich aber nicht gelesen, da Emmerson Tennent’s Werk das Wesentliche enthält.

Hauptquellen für die Alterthümer sind das letztgenannte Werk, und das oben erwähnte Buch von Burrows, ferner J. Fergusson’s Indian and Eastern Architecture (London 1891, J. Murray) sowie, bezüglich der neuesten Ausgrabungen, John Ferguson’s Ceylon in 1893.

Schon über die Namen der Insel haben die berühmtesten Gelehrten, wie Lassen und Bournouf, ausführliche Abhandlungen veröffentlicht. Im Sanskrit heisst sie Lanka (d. i. glückliche Insel), in den Schriften der Eingebornen Sihala oder Sinhala, d. i. Loewen-Sitz, bei den makedonischen Griechen Taprobane (Tambapanni d. i. Kupferland, wegen des kupferrothen Sandes an der Küste, in welchen König Wiyago sich setzte und seine Hände färbte;) bei den späteren Griechen Palai-Simundu (Pali-Simanta im Sanskrit = Haupt des Gesetzes); bei Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. Salike d. i. Sihala: bei den Arabern, so auch in Sindbad’s Märchen aus „Tausend und eine Nacht“, Selendib oder Serendib d. i. Sinhala oder Silan-dwipa = Silan-Insel. Aus Silan haben dann die Portugiesen Zeilan, die Holländer Ceylan, die Engländer Ceylon gemacht.

Das glänzende Lanka preisen die Brahmanen; die Buddhisten den Perlohrring am Antlitz von Indien; die Chinesen rühmen das Land der Edelsteine, die späteren Griechen das des Hyacinth und Rubins, die Mohammedaner das Nach-Paradies von Adam und Eva. So zeugen auch die dichterischen Bezeichnungen von der hohen Achtung, deren die Insel zu alter und neuer Zeit, in Ost und in West, sich zu erfreuen hatte.

[S. 245]

Wenn Sancho Pansa, der so inbrünstig eine Insel zu besitzen strebte, Ceylon gekannt hätte; so würde er wahrscheinlich diese Insel vor allen andern begehrt haben. Von den drei Inseln, die uns Mitteleuropäern als Urbilder der Schönheit vorschweben, Korfu, Sicilien, Ceylon; gebe ich, nach eigner Anschauung der letzten die Palme. Ich brauche sie ihr nicht zu geben. Sie besitzt die Palme, im dichten Uferwald längs der brandenden Küste, als Wappen der neugeprägten Silbermünzen.

Ceylon ist übrigens eine ganz stattliche Insel. Wir täuschen uns leicht über ihre Grösse,[291] wenn wir nur auf die Karte von Asien schauen und nicht unser kleines Europa in dem gleichen Massstab daneben haben.

Ceylon liegt an der Südostseite der Spitze von Vorder-Indien, zwischen 5° 56′ und 9° 49′ N. Br., misst in der Länge von Nord nach Süd 445, in der Breite 160 bis 235 Kilometer, hat einen Umfang von 1200 Kilometer und einen Flächeninhalt von 64000 Quadratkilometer. Daraus folgt, dass Ceylon ebenso gross ist wie das Königreich Bayern und noch einmal so gross wie die Insel Sicilien.

Die Bevölkerungszahl ist die gleiche für beide Inseln, nämlich drei Millionen. Also ist die Bevölkerungsdichtigkeit in Ceylon 46 für den Quadratkilometer[292], d. h. ebenso gross wie in den mittleren Bezirken von Ostindien.

Die unzähligen, jetzt ausgetrockneten Bewässerungsteiche mit ihren von dichtem Busch bewachsenen Dämmen, welche in den Wäldern der nördlichen Zweidrittel von Ceylon zu finden sind, und die Angabe singhalesischer Chroniken, dass um 1300 n. Chr. 1500000 Dörfer auf der Insel vorhanden waren, haben Emerson Tennent zu der Annahme bewogen, dass Ceylon in seiner Blüthezeit das Zehnfache der derzeitigen Einwohnerzahl, nämlich 12 bis 15 Millionen, besessen haben möge. Wenn auch Ferguson dies für übertrieben hält und nur 4 bis 5 Millionen zulassen will, und die Vettern Sarrasin in den verlassenen Teichen nur den Ausdruck der Völkerverschiebung, nicht einer ehemals grösseren Bevölkerungszahl sehen wollen; so ist es doch eine Thatsache, dass heutzutage zwei Drittel der Bevölkerung auf der Hälfte des Flächeninhalts, in den südwestlichen und den Hügel-Bezirken, leben, während das ehemalige Reisland der Nordhälfte auf weite Strecken ziemlich öde geworden und nur 15 Einwohner auf den Quadratkilo[S. 246]meter zählt. Mit den alten Wasserwerken ist die Cultur zerfallen, in Ceylon wie in Tunis und andern Gegenden des Südens.

Ceylon ist ein natürliches Treibhaus, warm und feucht, mit einem ewigen Sommer und einer mittleren Jahres-Temperatur von +27 bis 28° C. Obwohl der Boden nicht so reich[293] ist, wie z. B. in dem vulkanischen Java; so genügen doch Wärme und Feuchtigkeit, um den üppigsten Pflanzenwuchs hervorzurufen.

Für den mitteleuropäischen Menschen ist das Klima weniger behaglich. Aber zwei angenehme Erfrischungen helfen ihm, die Hitze zu ertragen.

Erstlich fiel, während meiner Anwesenheit in der Ebene, fast jeden Abend ein tüchtiger Regen, meist unter Gewitter. (Die Regenmonate in Ceylon sind Mai-Juni und October-November.[294] Colombo, die Hauptstadt der Insel, hat im Jahre etwa 118 Regentage und im Monate November durchschnittlich elf. Die Höhe des Regenfalls beträgt 88 Zoll im Jahre).

Sodann besitzt Ceylon eine Gebirgsgegend (hill country), welche ⅙ seiner Fläche oder 4000 englische Quadratmeilen (von den 24702) umfasst, nach Süden steil, nach Norden allmählich abfällt. Hier liegen die beiden höchsten Berge der Insel, Pedurutalagala von 8269 Fuss und Adams-Pik von 7353 Fuss Erhebung. Die andern ⅚ der Insel sind wellige Ebenen. Aber Alles, von den tiefsten Thälern bis zu den höchsten Gipfeln, ist mit ausdauerndem Grün bedeckt, soweit nicht der schroffe Abfall einzelner Felsen den Pflanzenwuchs ausschliesst. Mit den Wäldern auf der Höhe hat man während der Pflanzerzeit, d. h. während der letzten 50 Jahre, unvernünftig aufgeräumt, so dass jetzt die Regierung freies Land oberhalb 5000 Fuss Erhebung nicht mehr veräussert. In diese Höhen flüchtet der Europäer; er verlässt des Morgens die Gluthitze von Colombo und erreicht Abends die Berge von Nuwara Eliya, ein Fleckchen Mitteleuropa im Herzen der tropischen Insel Asiens.

Jahreszeiten giebt es nicht auf Ceylon. Wie in den Gefilden der Seligen trägt die Kokospalme reife Früchte in jedem Monat des Jahres.

[S. 247]

Kokos- und Areca-Palmnüsse, China- und Zimmt-Rinde, Thee — das sind die Reichthümer der Insel. Kaffe war es bis vor Kurzem.

Die gesammte Aus- und Einfuhr hat jetzt einen Werth von 8 bis 10 Millionen £.[295] Im Jahre 1891 wurden ausgeführt 89000 Centner Kaffe, 5679000 Pfund Chinarinde (Cinchona), 68 Millionen Pfund Thee, 20000 Pfund Cacao, 422000 Pfund Kardamomgewürz, 2900000 Pfund Zimmt, 409000 Centner Kokosöl, 400000 Centner Graphit. Der Werth der Ausfuhr war 1886 in £: Areca-Nüsse 100000, Chinarinde 300000, Zimmt 115000, Kokos 100000, Cacao 40000, Thee 370000, Tabak[296] 80000 und — Kaffee 600000, statt 4000000 in den Jahren 1868, 1869, 1870.

Ausgeführt wird auch Eben- und Teak-Holz. Aber Nährgetreide (Reis) muss eingeführt[297] werden.

(1881 für 2 Millionen £, 1883 über 2 Millionen Hektoliter.)

Die früher so berühmten Edelsteinlager Ceylons (Rubinen, Saphire, Granaten, Katzenaugen)[298] scheinen ziemlich erschöpft zu sein; noch mehr sind es die Perlenfischereien im Golf von Manaar, zwischen Ceylon und Cap Comorin.

Was die „Mohren“ (Moormen) in Colombo dem gierigen Fremden anbieten, sind theils unbedeutende, minderwerthige Stücke, theils Nachahmungen aus Glas. Gold und Silber ist sparsam; gelegentliche Funde dieser edlen Metalle wurden in der alten Chronik der Singhalesen besonders erwähnt und gepriesen. Eisen ist genügend vorhanden, Kohle fehlt. Nur eine Gesteinsart ist werthvoll und wichtig; sie besteht, wie der Diamant, einfach aus Kohlenstoff, aber aus uncrystallisirtem: das ist der Graphit, der Stoff für unsre Bleistifte, zu unschmelzbaren Tiegeln und zu Anstrichfarben, zum Ueberzug bei der[S. 248] Galvanoplastik.[299] 5 Millionen Mark betrug der Werth der Ausfuhr 1883 und neuerdings 7 Millionen.

Ganz anders war der Handel Ceylon’s in der arabischen Zeit. Edrisi, im 12. Jahrhundert n. Chr., nennt als Ausfuhrgegenstände Ceylon’s: Seide (die aus China kam), Perlen, Edelsteine und wohlriechende Stoffe.

Zwei Drittel der Bevölkerung von Ceylon, also 2 Millionen, sind Singhalesen, gelb oder gelbbraun, mit reichem, welligem Haar und feinen, angenehmen Gesichtszügen, Verehrer des Buddha. Sie sind ein Mischvolk aus den vor etwa 2500 Jahren vom Gangesthal her eingewanderten arischen Hindu und den schon lange vorher auf der Insel ansässigen Ureinwohnern.

Den zweiten Bestandtheil der Bevölkerung bilden die Tamilen, dunkelbraune Dravida, die aus Südindien, besonders von der Malabarküste, theils als Eroberer schon vor langer Zeit, selbst schon vor 1000 Jahren, in die Nordhälfte der Insel eingedrungen sind, theils neuerdings als Arbeiter auf den grossen Pflanzungen Beschäftigung suchen. Ihre Anzahl ist wechselnd, aber im Ganzen zunehmend, und beträgt jetzt gegen 800 000. Sie sind Shiwa-Verehrer. (Brahmanen).

Von den unvermischten Ureinwohnern Ceylons, die auf niedriger Bildungsstufe verblieben sind, den Wedda, ist noch ein geringer Rest, etwa 2200, erhalten. Nach den massgebenden Forschungen der Vettern Sarrasin stellen die Wedda eine uralte prae-dravidische, aber mit den Dravida verwandte, auf niedrigster Stufe zurückgebliebene Bevölkerung dar.

Die Singhalesen bewohnen hauptsächlich den Südwesten und die Hügelgegend; die Tamilen hingegen den Norden und Osten; die Wedda endlich einsame Urwälder im Innern. Dazu kommen noch Hindu verschiedener Kasten; 212 000 Mohren (Moormen) d. h. Abkömmlinge abenteuernder Araber, natürlich Mohammedaner; Chinesen 8000; ebensoviel Malayen, ursprünglich angeworbene Soldaten, die nach der Auflösung der Truppe (1873) im Lande blieben, zum Theil noch als Polizisten verwendet; vereinzelte Afghanen, Parsi, Kaffern; endlich 6000 Europäer und angeblich 20 000 Eur-asier, d. h. Mischlinge von Holländern mit Singhalesinnen, sogenannte Burghers, oder auch von Portugiesen und von Engländern mit einheimischen Frauen.[300]

[S. 249]

Unter den Eingeborenen (Singhalesen und Tamilen) sind gegen eine Viertel Million Getaufter, nämlich 240000 Katholiken und 70000 Protestanten. Die Portugiesen erzwangen es mit der Inquisition; die Holländer mit dem Hunger, da sie keinem Einheimischen Arbeit gaben, der nicht zum protestantischen Glauben sich bekannte; die Engländer wirken durch ihre Missions-Gesellschaften, — bischöfliche, presbyterianische, wesleyanische. Dazu kommt noch die Heilsarmee, deren einheimische Vertreter ich in den rothen Jacken mit den Buchstaben S. A. prangen sah. Der Singhalese hat wohl nur selten die Qual der Wahl; sein Fassungsvermögen vermag auch nicht zwischen dem neuen Sittengesetz und dem alten des Buddha einen Unterschied zu entdecken.

Seit 543 v. Chr. wurde Ceylon von singhalesischen Fürsten beherrscht. Die erste Königsfamilie, die aus dem Ganges-Thal stammte, hiess Maha-wanso, das grosse Geschlecht, und ebenso heisst die dichterische Chronik, welche in der dem Sanskrit verwandten Pâli-Sprache ihre ganze Geschichte enthält. (Die Sprache der Singhalesen — Elu genannt — ist gemischt, ähnlich wie die englische, und zwar aus einem angeblich[301] der Tamilsprache verwandten Grundstock, der die gewöhnlichen, sichtbaren Dinge und die einfachen Begriffe ausdrückt; aus Pâli für die Begriffe der Religion; und aus Sanskrit für die der Wissenschaft und Kunst. Pâli war die Volkssprache ihrer buddhistischen Apostel aus Maghada).

170 Fürsten herrschten von 543 v. Chr. bis 1815 n. Chr., wo der letzte König von Kandy, angeblich wegen Grausamkeit, von den Engländern abgesetzt wurde. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde die Buddha-Lehre eingeführt und gelangte zu hoher Blüthe. Ceylon ist ihre zweite Heimath. Von hier verbreitete sie sich nach Hinterindien, China, Japan.

Aber die kriegerischen Tamil-Stämme von der Coromandelküste und dem Süden des indischen Festlandes störten den Frieden der Insel und vertrieben allmählich die Singhalesen aus der nördlichen Hälfte. Im 8. Jahrhundert n. Chr. kamen Araber, 1505 die Portugiesen. Nachdem die letzteren über ein Jahrhundert lang die Küsten beherrscht, tüchtig geplündert und unter königlichem Monopol Gewürze ausgeführt,[S. 250] wurden sie 1632–1658 von den Holländern verdrängt, welche ursprünglich von den Singhalesen zu Hilfe gerufen waren. Die Holländer beuteten die Singhalesen ebenso aus, wie vorher die Portugiesen es gethan; sie setzten Todesstrafe auf unerlaubten Verkauf eines einzigen Zimmtstengels und übten Gewissenszwang; aber sie begannen doch wenigstens den Anbau von Kaffe und Indigo, sowie von Cocospalmen längs der ganzen Südwestküste.

1802 wurde die Insel im Frieden von Amiens an die Engländer abgetreten und 1815 zu einer Kron-Colonie gemacht, nachdem das Königreich Kandy, welches sowohl den Portugiesen wie auch den Holländern widerstanden, endgiltig besiegt worden war.

Ein Gouverneur herrscht über die Insel, selbstherrlich und uneingeschränkt,[302] allerdings dem Colonialamt verantwortlich, das aber ziemlich fern weilt, — in Downingstreet zu London. Sechs Jahre pflegt seine Amtsthätigkeit zu dauern, für welche er die Kleinigkeit von jährlich 80000 Rupien bezieht.

(Entsprechend sind die Gehälter der andern Beamten. Schon seufzen die gebildeten Ceylonesen, Singhalesen und Burghers, über die Last der Pensionen, und klagen, dass sie, geborene Unterthanen der Königin Victoria, so wenig bei der Verwaltung ihres eignen Landes berücksichtigt werden.) Friede und Ruhe herrscht auf der Insel, die zu den bestbebauten Colonial-Ländern der Erde gehört und die wichtigste Kron-Colonie Englands darstellt.

The best and brightest gem
In Britain’s orient diadem.

1500 Soldaten genügen, „um die Eingeborenen niederzuhalten.“ Sie kosten jährlich 160000 £; drei Viertel dieser Ausgabe fällt der Colonie zur Last. Dazu kommen noch 1400 Polizisten, für 60000 £. Die Einkünfte der Insel betrugen (im Jahre 1883) 1462000 £, die Ausgaben 1458834 £; im Jahre 1889 aber nur 1052000 £ und 1030000 £. Im Jahre 1891 war das Einkommen 17962701 Rupien;[303] 1892 ungefähr ebensoviel. Das Jahr 1893 wird sich ungünstiger gestalten wegen des Silbersturzes; 5¾ Millionen R. sind nach London als Zinsen der Schuld und für Pensionen zu zahlen. Die Schuld der[S. 251] Colonie beträgt ungefähr 2000000 £ und ist im Wesentlichen für Eisenbahnen, Hafenanlagen und Wasserwerke verbraucht worden.

Die Colonie befindet sich jetzt in einer Uebergangszeit; mit dem Kaffebau ist es vorbei, die Thee-Pflanzung ist in stetiger Zunahme begriffen; die Pflanzer machen grosse Anstrengung, mit ihrem Thee den Weltmarkt zu erobern.


Colombo,

die Hauptstadt der Insel Ceylon, hat den Namen von ihrem Fluss. (Kelani oder Kalan-Ganga.) Schon 1340 n. Chr. wird sie von arabischen Geographen als Calambu, die grösste und schönste Stadt von Serendib, erwähnt. 1507 gründeten die Portugiesen hier eine befestigte Handelsniederlassung; nahezu 150 Jahre haben sie hier sich behauptet; fast ebenso lange ihre Nachfolger, die Holländer, bis 1796 die Engländer an deren Stelle traten. Immer blieb Colombo die Hauptstadt: 1815 hatte sie 28000 Einwohner; jetzt besitzt die Stadt 20000 Häuser und 120000 Einwohner.


Am Mittwoch, den 9. November, meinem ersten Tag auf Ceylon, war ich, wie immer, sehr zeitig aufgestanden. Entzückend ist der frühe Morgen nach dem erquickenden Regen der Nacht. Zuerst kommt das kühle Bad, das übrigens in diesem Hotel besonders bezahlt werden muss;[304] dann das erste Frühstück, bestehend aus Thee, Zwieback oder Toast, Bananen, Butter und Honig, welches der dienstthuende Aufwärter, ein etwa 40jähriger Singhalese mit recht stattlichem Bart, auf dem zu meinem Zimmer gehörigen, überdachten Balcon aufträgt, nachdem er den dichten Vorhang aus Bambus-Stäben emporgezogen. Eine grosse schwarze Krähe, die von meinen Vorgängern wahrscheinlich verwöhnt worden, erscheint sofort und heischt keck ihren Antheil. Die Fenster der gegenüberliegenden europäischen Häuser sind noch fest durch Vorhänge verschlossen, so dass ich nicht zu befürchten brauche, durch mangelhafte Bekleidung Anstoss bei Nachbarinnen zu erregen. Die durch den Regen erfrischten Blüthenbäume auf der Strasse mischen ihren Duft mit dem meiner Morgen-Cigarre.

[S. 252]

Die singhalesischen und tamilischen Arbeiter in weissem Jäckchen, einen weissen oder auch hellrothen langen Schurz um die Lenden, schreiten einzeln und gruppenweise zum Hafen und zu den Lagerhäusern und Fabriken.

Nach einem friedlichen Ruhestündchen beginne auch ich mein Tagewerk, nämlich mir einen Ueberblick über die Stadt Colombo zu verschaffen. Zunächst habe ich die unverschämten Angriffe der „Führer“ abzuschlagen, die den Fremden als willkommene Beute betrachten und sich an seine Ferse heften, wohin er auch gehen mag.

Es sind kleine gelbe oder lichtbraune Singhalesen, in weissem Schurz, barfuss, mit blauer Uniform-Jacke, den halbkreisförmigen Schildpattkamm in dem üppigen schwarzen Lockenhaar, welches nach hinten bis über die Schultern herabhängt. Ein einziges, einsilbiges Wort genügt: „Po“, d. h. Pack’ dich — zum Glück sowohl in der Sprache der Singhalesen als auch in der der Tamilen.

Dicht am Hafen und vom oberen Stock mit herrlicher Aussicht[305] auf denselben, liegt unser riesiges, weisses Oriental-Hotel[306] mit 125 Zimmern und einem (75×35 Fuss) grossen Speisesaal, umgeben von einer massiven schattigen Veranda, wo vom Morgen bis Abend „Mohren“, d. h. Verkäufer von sogenannten Edelsteinen, Perlen, Ringen, Geschmeiden, Spitzen, Seidenwaaren, Schildkrötarbeiten und Schnitzereien, Lichtbildern und tausend anderen Dingen umherlungern: während Strassengaukler und Schlangenzauberer, Kutscher, Jinrikisha-Männer, Führer nicht hineingelassen werden, sondern in nächster Nähe sich herumtreiben.

Ueber einen freien Platz, vorbei an einem Kiosk, wo die Gesellschaft der Theepflanzer echten, unverfälschten, nach meinem Geschmack vorzüglichen Ceylon-Thee für 15 Cts. (d. h. für 20 Pfennige) die Tasse verabreichen lässt und den Thee selber in Pfund-Verpackung feil[307] bietet, gelangt man zu dem Zollhaus[308] und dem überdachten Landungsplatz,[309] wo den ganzen Tag über ein reger Verkehr herrscht. Boote kommen von den zahlreich im Hafen verankerten Dampfern und gehen zu ihnen. Bootsmänner bieten ihre Dienste an, mehr gezügelt[S. 253] von dem Blick des würdevollen Polizisten, als von der grossen Tafel, welche die Fahrpreise regelt.

Wäscher, Schneider, Geldwechsler, Tabak- und Cigarrenhändler drängen sich zwischen die Fremden oder hocken mit ihrem kleinen Kram in den Ecken.

Ceylon gehört zu Ostasien, Silber[310] ist die Währung. Der Reisende, welcher nur englische Goldstücke (sovereigns) besitzt, allenfalls auch noch einige Silber-Yen aus Japan oder mexicanische Dollar aus Hongkong, verschafft sich hier landesübliche Münze für den ersten Anfang, wenn er nicht vorzieht, an der Kasse des Hotels zu wechseln. Geldeinheit ist die Rupie; dies ist eine alte, ostindische Silbermünze im Werthe von etwa 2 Mark, welche später auch von der ostindischen Compagnie geschlagen wurde und jetzt mit dem Bild der Kaiserin Victoria[311] in den Münzen von britisch Ostindien, nicht aber in Ceylon, geprägt wird.

Durch den Uebergang des deutschen Reiches zur Goldwährung und durch die gesteigerte Silbergewinnung, besonders in den Vereinigten Staaten, ist der Werth des Silbers von 1874–1892 stetig gesunken, so dass die Rupie, als ich in Ceylon landete, kaum 1 Mark 30 Pfennig werth war. Sechzehn der stattlichen Silberstücke erhielt man für den goldnen Sovereign, den die einheimischen Kleinhändler gierig erhandeln. Denn nur das gemünzte Gold liefert den Stoff für die in Ostasien von Weib und Mann so begehrten Schmuckgegenstände; Goldbergwerke, die lohnenden Ertrag liefern, giebt es heutzutage in ganz Ostindien nicht mehr; Goldbarren kann der kleine Goldschmied nicht kaufen. Die weitere Eintheilung der Rupie ist in der Kron-Colonie Ceylon anders und besser, als im Kaiserreich Indien. Seit 1872 ist in Ceylon die Zehntheilung eingeführt. Die halbe Rupie heisst 50 Cents, die Viertel-Rupie 25 Cents.[312] Dies sind funkelnagelneue, ganz kürzlich in Ceylon geprägte Silberstücke, welche auf der Rückseite das Bild der Königin Victoria, auf der Vorderseite den Kokos-Palmbaum, das Wahrzeichen der Insel, und die Werthbezeichnung tragen. Die Kupfermünzen zu 5, 1, ½ Cent erhält der Fremde nur selten; die kleineren weist ihm sogar der Bettler würdevoll zurück.

[S. 254]

Seltsam sind die Menschen an dem Landungsplatz, seltsamer noch die Mehrzahl der Boote im Wasser daneben.

Allerdings die Boote der Regierung, der Schiffskapitäne, der Grosskaufleute weichen von dem gewöhnlichen Bilde nicht ab. Ebensowenig die Knirpsdampfer, welche den Verkehr zwischen den riesigen Postdampfern im Hafen und dem Landungsplatz vermitteln und 25 Cents für den Kopf nehmen; oder die Jollen (jolly boats), die zahlreicher und darum leichter zu haben sind und dasselbe nehmen. Aber am zahlreichsten vertreten ist das echte Fahrzeug der Singhalesen, der Auslegerkahn[313]. Ein ausgehöhlter Baumstamm von 15–20 Fuss Länge bildet das flache Boot, durch aufgebundene senkrechte Bretter sind die Seitenwände auf etwa 3 Fuss erhöht, aber der Zwischenraum zwischen den Seitenbrettern ist so schmal, dass ein Erwachsener darin nur sitzen kann, wenn er ein Bein hinter das andere stellt. Von der Mitte der linken Seitenwand des Bootes gehen zwei gekrümmte, gleichlaufende Stäbe aus, an denen der Ausleger befestigt ist, ein dem Boot paralleler Stamm, der flach auf dem Wasser schwimmt und das schmale, gebrechliche Fahrzeug vor dem Kentern schützt.

Sie rudern, setzen auch wohl ein Segel auf; benutzen dies Boot zum Fischen am Strande. Aber Seefahrer sind die Singhalesen nie gewesen.

Kein Eisennagel ist in diesem Boot, die Bretter sind aneinander befestigt mit hölzernen Bolzen und mit Stricken aus Kokosfasern. Das gilt auch für grössere Fahrzeuge, gewiss seit Jahrtausenden, und hat vielleicht mit Veranlassung zu der Sage vom Magnetberg gegeben, der in der Nähe von Ceylon liegen soll. Wir kennen diese Sage allerdings hauptsächlich aus den Märchen von 1001 Nacht; aber sie wird schon von älteren arabischen Geographen (von Edrisi im 12. Jahrhundert n. Chr., von El Caswini im 13. Jahrhundert), auch bereits in einem dem Palladius zugeschriebenen Buch aus byzantinischer Zeit[314] und ferner von älteren chinesischen Schriftstellern erwähnt; ja sogar, in etwas andrer Gestalt, schon von Aristoteles, Plinius, Ptolemäus angedeutet.

Das Katamaran, das Boot der Tamilen, wird ein Europäer nicht ohne Noth benutzen, sondern dasselbe den nackten Tauchern gern überlassen. Der Name bedeutet Holz-Gebinde[315]; das Fahrzeug ist eigentlich ein ganz kleines Floss, welches wohl gegen Ertrinken, aber[S. 255] nicht gegen Durchnässung schützt: es besteht aus drei nicht sehr breiten, sanft gebogenen Brettern, die mit den schmalen Seiten so aneinander gefügt, dass das mittlere nach vorn weiter vorragt, und mit Bast fest verbunden sind. Und diese urwüchsigen Böte haben früher den Postdienst zwischen Ceylon und dem Festland von Indien zu voller Zufriedenheit der Regierung geleistet!

So leer die Rhede von Point de Galle, so voll ist der Hafen von Colombo. Ganz abgesehen von den Handels-Fahrzeugen, Seglern und Dampfern; von den Schiffen, welche den örtlichen Verkehr mit Bombay, Tutikorin, Madras, Calcutta vermitteln; ist Colombo seit 10 Jahren Stelldichein für die grossen Postdampfer, welche von Europa nach Indien (Calcutta), China, Australien fahren. Die englische P. & O. Gesellschaft, die französische der M. M., der norddeutsche Lloyd, der österreichische entfalten hier ihre Flagge; die Liste kann noch vervollständigt werden durch Orient, British India, Star, Ducal Line, Florio-Rubattino, Clan, Glen, City, Ocean, Anchor, Holt’s Line. — Fracht kostet jetzt wegen der reichen Gelegenheit nur die Hälfte des Preises, der noch vor wenigen Jahren gezahlt werden musste.

Nicht weniger als 15286 Reisende sind in Colombo während der ersten vier Monate des Jahres 1892 gelandet. Wenn einer von den riesigen Australien-Dampfern[316] hier Anker wirft, um einen Tag zu verweilen und Kohlen einzunehmen; so ist es, als ob ein Heuschreckenschwarm das Oriental-Hotel befallen hätte. Da sieht man die kühnsten Trachten, hört das lauteste und sonderbarste Englisch und bemerkt ein übermüthiges Völkchen vergröberter Yankees.

Aber alle Vorliebe und Parteinahme der Regierung für Colombo und gegen Point de Galle hätte den gewaltigen Umschwung der Dinge nicht bewirken können, wenn es nicht gelungen wäre, die offene Rhede von Colombo in einen der sichersten und bequemsten Häfen des Ostens umzugestalten. Dazu war ein ungeheures Bauwerk nothwendig, der Wellenbrecher (Breakwater).

Von einer vorspringenden Landzunge erstreckt sich der Bau 3150 Fuss ungefähr nach Norden, biegt dann sanft gegen Osten um, bis zu einer Gesammtlänge von 4212 Fuss, und trägt an seinem Ende einen Leuchtthurm. Der Wellenbrecher besteht aus Cementblöcken von 16–32 Tonnen Gewicht, die auf einem Damm von Granitbruchstein liegen, und ragt 12 Fuss über Nieder-Wasser empor. Auf der Aussenseite spritzt der Gischt in die Höhe, auf der Innenseite ist die See glatt wie ein Spiegel.

[S. 256]

500 Acres oder 2 Quadratkilometer misst die Ausdehnung des Hafens; die Hälfte ist 27 bis 40 Fuss tief und mit 26 Befestigungsboyen für die grössten Schiffe (von mehr als 25 Fuss Tiefgang) ausgestattet. Zehn Jahre hat der Bau des Werks gedauert, von 1875 bis 1885, wie die den Blöcken eingemeisselten Inschriften besagen. Wie gewöhnlich in den englischen Colonien wurden Strafgefangene zum Bau verwendet. Die Kosten betrugen 8500000 Rupien oder 705207 £. Seit 1882, wo der Wellenbrecher schon anfing, einigen Schutz zu gewähren, ist der Tonnengehalt des Schiffsverkehrs von 1700000 auf 5 Millionen gestiegen. Die Hafen-Einnahmen betrugen im Jahre 1888 ungefähr 110 der Kosten des Hafenbaues, nämlich 67000 £. Ein Nordwestarm, um den Hafen bis auf eine schmale, aber genügende Einfahrt zu schliessen und ein Trockendock herzustellen, ist schon lange geplant und wird, nachdem der Widerstand der Regierung gebrochen ist, in dem laufenden Jahre in Angriff genommen werden.

Während ich mir den Wellenbrecher genau auf seinen praktischen Zweck hin betrachtete, las ich im Führer von Colombo, dass er auch bei gutem Wetter des Abends einen höchst angenehmen Spazierweg für die vornehme Welt darstelle. Pünktlich stellte ich mich am nächsten Abend ein. Das Wetter war herrlich, die Aussicht auf das Meer und die untergehende Sonne entzückend. Ich war aber ganz allein, wie schon öfters auf den berühmten Spazierwegen der Reisebücher, — nur zahlreiche eilfertige Krabben kreuzten meinen Weg, um im Hafen reichere Beute zu finden.

Zur Zeit des Südwestmonsum brandet die See längs der ganzen Ausdehnung des Wellenbrechers in Schaum-Säulen von 50 Fuss Höhe, ein wundervoller Anblick, den ich aber nur aus einem Lichtbild kennen lernte.

Misstrauisch betrachten schon die Einheimischen den Fremdling, der das Hafenbild so genau studirt, dass er sich kaum davon trennen kann. Aber endlich wende ich mich rückwärts und muss gestehen, dass auch das Bild des europäischen Stadttheiles von Colombo sehr gefällig ist. Der Name Fort ist ihm geblieben, obwohl die alten portugiesisch-holländischen Befestigungswerke seit 1871 niedergelegt und die Gräben ausgefüllt sind. (Nur eine Batterie von 12 Kanonen hat man übrig gelassen, um Begrüssungsschüsse abzufeuern.)

Von dem Landungsplatz nach Süden erstreckt sich ein breiter Boulevard (Yorkstreet) mit stattlichem Fahrweg, zwei Baumreihen, zwei Fusswegen. Der rothe Kies des Fahrwegs stimmt gut zu dem satten Grün. Der stattliche Tulpenbaum (Suriya, Thespesia populnea) gewährt in den Strassen nicht bloss erfreulichen Anblick, sondern auch angenehmen Schatten.

[S. 257]

Rechts liegt das mächtige Gebäude des Oriental-Hotel, links das der P. & O. Gesellschaft; im fernen Hintergrund erscheinen die stattlichen Baracken der Besatzung auf einem grossen, freien Platz.

Von dem Landungsplatz nach Osten zieht Churchstreet, an deren Ende ein schön gepflegter, öffentlicher Garten liegt (Gordon’s G.) und der Wohnsitz des Gouverneurs (Queen’s house). Vor diesem steht die Bronze-Bildsäule von Sir Eduard Barnes. Das Kunstwerk ist mittelmässig, aber der Mann war tüchtig. Als Gouverneur in den Jahren 1820–1822 und 1824–1831 hat er Ceylon bewohnbar gemacht durch Anlegung von Strassen. Als die Engländer in Ceylon landeten, gab es keine einzige ordentliche Strasse; im Jahre 1831 war jede Stadt durch gute Fahrstrassen erreichbar. Das wichtigste Werk von Sir Eduard Barnes war die Fahrstrasse von Colombo nach Kandy, auf der am 13. Februar 1832 die erste Postkutsche Asiens entlang fuhr. (Jetzt ist allerdings die Post von der Eisenbahn überholt.) Strassenbau ist das wichtigste Mittel zur Civilisation. Das haben die Engländer gut begriffen; in Ceylon gaben sie ein Gesetz, wonach jeder brauchbare Mann zwischen dem 18. und 55. Jahre alljährlich sechs Tage Arbeit oder eine entsprechende Geldzahlung zur Verbesserung der Strassen zu leisten hatte.

Ich verfolge meinen Weg längs der Yorkstrasse durch die geräumigen und schattigen Veranden, die den Läden vorgebaut sind, (denn die Sonne macht sich schon recht fühlbar,) werfe einen Blick auf die reichen Lager von Gold-, Silber-, Edelstein-Waaren, Kunstgegenständen, ohne mich aber durch die eifrigen Mohren zum Eintritt bereden zu lassen; und biege nach rechts in die Princess-Street ein, wo in riesigen europäischen Kaufläden der Reisende wie der Ansiedler die vollständigste Ausrüstung und Einrichtung vorfindet.

Es zieht mich zur Post, die um 10 Uhr Vormittags geöffnet wird. Vier Briefe von Hause werden mir, als ich meine Karte vorzeige, von dem singhalesischen Beamten eingehändigt. Unbekümmert um die Vorübergehenden und die zudringlichen Bettler setze ich mich auf die Veranda und überfliege die 48 eng beschriebenen Seiten. Dann sende ich mein Telegramm nach Hause. (Jedes Wort nach Europa kostet 3 Rupien 12 Cents. Die Antwort erhalte ich am Nachmittag desselben Tages.)

In dieser Gegend liegen die Verwaltungs- und Bankgebäude. Als vor ungefähr 50 Jahren die Pflanzer-Zeit in Ceylon anhob, wurden Banken nothwendig. Die Oriental-Bank zog das Hauptgeschäft an sich und gab Kassenscheine aus, die willig, auch von den Eingeborenen, genommen wurden. Leider musste sie im März 1884 ihre Thüren[S. 258] schliessen. Aber der Gouverneur Sir Arthur Gordon verhütete die Verwirrung unter den Eingeborenen, indem er die Noten der Bank übernahm. Uebrigens hatte die Regierung keinen Verlust, da schliesslich Deckung genug vorhanden war; vielmehr Vortheil, da sie selber Papiergeld ausgab. (7 Millionen Rupien, mit einem Gewinn von jährlich 200000 Rupien.) Die New Oriental-Bank, die auf den Trümmern der alten gegründet worden, musste im Juni 1892, kurz bevor ich nach Asien kam, die Zahlungen einstellen. (Davon war in Singapore und Hongkong viel gesprochen worden. Auch diesmal wurden ihre Noten von den andern Banken übernommen, damit nicht das Vertrauen der Asiaten eine unheilbare Wunde erleide.) Jetzt giebt es in Colombo mindestens ein Dutzend Banken oder Bankvertretungen; darunter ist auch unsere „Deutsche Bank“ aus Berlin.

Ich gehe noch weiter südlich nach Chatam-Street, die mit Princess-Street gleich läuft. Hier drängen sich die einheimischen Läden mit sogenannten Kunstgegenständen (Curios) dicht aneinander. Die Einladungen zum Eintreten werden immer dringlicher. Hier liegt der Glockenthurm, der im Jahre 1857 erbaut ist und auch als Leuchtthurm benutzt wird. Das Licht steht 132 Fuss über dem Wasserspiegel und ist einem 20 Fuss über Wasser befindlichen Auge bei klarem Wetter bis auf 17 Seemeilen Entfernung sichtbar.[317] Dicht neben dem Thurm liegt das mit dem deutschen Wappen geschmückte Geschäftshaus unseres Consuls, des Herrn Freudenberg, dessen Namen in den deutschen Reiseschriften zu den besten gezählt wird. Mit der grössten Liebenswürdigkeit empfängt er mich, versorgt mich mit werthvollem Rath für die Reise durch Ceylon und, auf Grund meines Creditbriefes, mit dem dazu nöthigen Regierungs-Papiergeld (300 Rupien in Abschnitten von 5 und 10); und ladet mich sowie den Herrn Capitän zum Frühstück in das nahegelegene Bristol-Hotel.

Danach tritt die tropische Mittagshitze in ihre Rechte. Ich verfüge mich nach Hause, nehme ein kühles Bad und verbringe einige Stunden auf dem Zimmer in ruhiger Beschaulichkeit. Da ich bei Tage nicht gern schlafe, hilft mir eine indische Cigarre (cheeroot) und ortsangemessener Lesestoff, die Zeit zu vertreiben. Um 4 Uhr wollten wir ausfahren. Da ich aber einmal zu den ungeduldigen und wissbegierigen Reisenden gehöre, so bin ich schon um 3 Uhr wieder unten in der Veranda.

Sofort hat mich einer der wandernden Gaukler und Schlangen[S. 259]zauberer[318] erspäht, durch Wort und Geberden seinen Dienst angeboten und beginnt sein Werk. Er kauert nieder; aus einem flachen, runden Deckelkorb nimmt er die Brillenschlange[319] und spielt auf einer kleinen Sack-Flöte eintönige Weisen; die Schlange bäumt und bläht sich und zeigt uns die an der Rückenfläche des geblähten Halses befindliche Brillen-Zeichnung. Dann ärgert er sie auch durch einen Schlag, dass sie wüthend aufzischt. Die Ansichten sind getheilt, ob der Schlange die beiden Giftzähne aus dem Oberkiefer ausgezogen worden, oder ob sie vor der Schaustellung ihren Giftvorrath in einen vorgehaltenen Lappen hat verspritzen müssen, oder ob der Gaukler einfach die Lebensgewohnheiten und namentlich die Furchtsamkeit des Thieres kennt und kühn benutzt. Immerhin soll ein nicht ganz unbeträchtlicher Theil der Schlangenbändiger gelegentlich dem Biss zum Opfer fallen. (Sind sie gebissen, so binden sie den Schlangenstein auf, der aus gebranntem Knochen besteht, fest sich ansaugt und wie ein Schröpfkopf wirkt.) Den Kampf des wieselartigen Mango-Thieres (Herpestes vitticollis, Ichneumon) mit der Schlange zeigen die Hindu-Gaukler in Ostindien, aber nicht die Tamilen in Ceylon, wo der alte Schlangendienst der Ureinwohner (Naga) noch deutliche Spuren bis zum heutigen Tage hinterlassen: die Brillenschlange, deren man sich entledigen will, wird nicht getödtet, sondern in einen Korb eingeschlossen und in den Fluss geworfen.

Das zweite Hauptstück der ceylonischen Künstler ist das Wachsen des Mangobaumes, unter vielen Förmlichkeiten wird ein Häufchen Erde auf den Boden gelegt, benetzt, mit einem Korb bedeckt, wieder benetzt und bezaubert; und vor unseren Augen erhebt sich und wächst aus dem Sand eine kleine Staude mit mehreren grünen Blättern. Der Zuschauer sieht nicht, wie sie es machen: ob sie die getrocknete, quellungsfähige Pflanze mitbringen und gleich in dem Sandhaufen bergen oder mehrere Pflanzen bei sich haben und geschickt mit einander vertauschen.

Natürlich zieht das Schauspiel immer einige Gäste an, die es noch nicht oder noch nicht oft gesehen hatten. Es scheint immer ziemlich in derselben Weise gemacht zu werden. Zum Schluss kommt der Künstler mit der Schlange in der einen Hand und dem Korb in der andern, um einige Münzen einzusammeln; er kann von der halbstündigen Thätigkeit den Tag über leben, wenn ihm einer 25 Cts. giebt.

[S. 260]

Unter den Gästen der Veranda erscheint auch ein alter Herr im Fez und grauem Vollbart; es ist Arabi Pascha aus Aegypten, den die Engländer nach Colombo verbannt haben und der mit der alten, mohammedanischen Sage sich trösten kann, dass auch Adam und Eva, als sie aus dem Paradiese vertrieben worden, die schöne Insel Serendib zum Trost und zum Ersatz erhalten haben.

Um 4 Uhr miethe ich mit dem Capitän und einem andern Herrn einen Einspänner, natürlich mit einem Pferde; 2 Rupien beträgt der Fahrpreis für den Nachmittag. (Die Ochsendroschken[320] der Einheimischen kosten für den ganzen Tag 1 Rupie 78 Cts.; die Jinrikisha, die erst seit 1884 eingeführt sind, 12½ Cts. für die einfache Fahrt im Fort.) Wir fahren los. Wie in Neapel jeder Droschkenkutscher den Fremden nach Pompeji fahren will, in Palermo nach Monreal; so fährt uns der Kutscher in Colombo, wir mögen wollen oder nicht, zunächst nach den Zimmtgärten (Cinamom gardens).

Vom Hotel aus fahren wir zunächst westlich nach der an das Europäer-Viertel (Fort) grenzenden Eingeborenen-Stadt (Pettah, d. h. schwarze Stadt,) die von der Seeseite aus mit ihrem dichten Kokospalmenwald und den niedrigen Hütten malerischer aussieht und angenehmer erscheint, als wenn man mitten hindurch sich bewegt. Zur linken, am Ufer, sind die ungeheuren Kohlenlager, die 100000 Tonnen fassen; zur rechten ein Lotos-Teich, der allerdings zur Zeit, da die Blumen fehlen, des Eindrucks entbehrt.

Dann kommt der Trödelmarkt, der eigentliche Anfang von Pettah, mit einem unbeschreiblichen Gewühl von grossen und kleinen, helleren und dunkleren Menschen, Früchte-Händlern und Käufern und „gemischten Waarenhandlungen“. Sehr schlecht stimmt zu dem südostasiatischen Bilde der europäische Brunnen (Municipal Fountain), welchen die getreuen Unterthanen der Königin Victoria zu ihrer Jubelfeier (1887) gestiftet. Ueberhaupt ist der englische Baustil im Osten verunglückt

Durch die Hauptstrasse (Main-Street) von Pettah, den Sitz der mohrischen und indischen Reis-, Stoff- und Kunsthändler, geht es vorwärts, bis eine ungeheure Ansammlung von reisbeladenen Ochsenwagen unsere Fahrt hemmt. Die Asiaten haben unendliche Zeit und Geduld und kümmern sich nicht um die vereinzelten Europäer, bis diesen der Geduldsfaden reisst und sie selber Hand anlegen, um freie Bahn[S. 261] zu schaffen. In dieser Gegend liegt erstens ein Hindu-Tempel,[321] ein kleiner Bau mit ungeheurem Dach, auf dem ein unangenehmes Gewühl von tausend kleinen elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten und von menschlichen Figuren in vollem Relief, wie ein Maskenball von Schornsteinfeger-Jungen, herum krabbelt; und zweitens noch ein vereinzeltes Andenken an die holländische Zeit, ein alter Glockenthurm, der noch heute benutzt wird für die (1746 erbaute) Wolvendal-Kirche der Reformirten.

Südlich von Pettah liegt ein grosser Landsee, einfach Lake oder Colombo-Lake genannt, angeblich der Rest der früheren Mündung des Flusses (Kelani Ganga), welcher jetzt nördlich von Colombo in’s Meer fliesst. In diesen See springt von Süden her eine breite, künstlich aufgeschüttete Halbinsel weit vor, die Sklaven Insel (Slave Island), so genannt, weil die Holländer im vorigen Jahrhundert hier die Regierungsklaven für die Nacht einzusperren pflegten. Jetzt ist es ein besonderer Stadttheil von Colombo, der achte von den neunen. Um diesen See fahren wir herum, geniessen die entzückende Aussicht auf die mit Kokospalmen dicht besetzten Ufer und erreichen das Südende von Colombo, die Vorstadt Kollupitya, von den Engländern kürzer Colpetty genannt, die zwar schon durch Strassen abgetheilt ist, auch zahlreiche Gartenhäuser enthält, aber zum grössten Theil von dem Victoria-Park nebst Museum, dem Renn- und dem Cricket-Platz sowie von den Zimmt-Gärten eingenommen wird.

Der Europäer, welcher eine überschwängliche Vorstellung mit diesem Namen verbunden und gar die alte Fabel[322] geglaubt hat, dass die würzigen Düfte der Insel bis weit über das Meer hin wahrnehmbar seien, wird einigermaassen enttäuscht, wenn er zur Stelle gelangt ist.

Der Zimmtstrauch wächst in weissem Quarz-Sand, aus dem auch die Riesenbauten der Ameisen hervorragen, ist weder sehr hoch noch besonders schön; um den Duft wahrzunehmen, muss man erst einige abgepflückte Blätter in der Hand zerdrücken. Dazu ist freilich Gelegenheit genug vorhanden. Junge Burschen schleudern uns Zweige des Zimmtstrauches in den Wagen und heischen dafür eine Gabe; sie bieten aufdringlich Spazierstöcke aus Zimmtholz und glitzernde Goldkäfer zum Verkauf an.

Zimmt, die Innenrinde des Zimmtstrauches, gehört zu den ältesten Gewürzen des Menschengeschlechtes. Schon in einem altchinesischen Kräuterbuch, das angeblich aus dem Jahre 2700 v. Chr. stammt, wird[S. 262] es erwähnt, war angeblich den alten Aegyptern, sicher den Phöniziern, den Hebräern, den Griechen und Römern bekannt.

Den letzteren wurde Zimmt durch arabische Carawanen zugeführt und erzielte in Rom einen Preis von 150 Mark für das Pfund! Im Mittelalter blieb es ein sehr kostbares Gewürz, von dem man wusste, dass es aus China stammt. Sehr merkwürdig ist, dass obwohl der Ceylon-Zimmt unbestritten der beste auf der Erde ist und den Namen Zimmt-Insel veranlasst hat, weder in singhalesischen noch in fremden Schriften der Zimmtbaum als einheimische Pflanze oder der Zimmt als Handelserzeugniss Ceylon’s vor Ibn Batuta, d. h. vor dem 14. Jahrhundert n. Chr., jemals erwähnt wird.

Die Holländer machten ein Monopol aus dem Zimmthandel und bedrohten den unbefugten Handel mit Zimmt sowie die Zerstörung eines einzelnen Zimmtbaumes mit dem Tode. Zuerst erhielten sie den Zimmt hauptsächlich aus dem Königreich Kandy, in dessen Wäldern er geschnitten wurde; aber später (1770) versuchten sie den Anbau an der Südwestküste der Insel mit Erfolg und führten jährlich an 400000 Pfund aus, womit sie den ganzen Bedarf von Europa zu decken und dies Geschäft völlig zu beherrschen im Stande waren. Sie verbrannten lieber den Ueberschuss in Amsterdam, als dass sie einen Preisrückgang duldeten. Ihre grösste Jahresausfuhr war im Jahre 1738 und betrug 600000 Pfund, im Werthe von 8 bis 18 Mark das Pfund.

Unter der englischen Herrschaft erhielt zuerst die ostindische Gesellschaft den Alleinhandel und führte jährlich gegen 500000 Pfund aus. 1833 wurde dies Monopol, 1853 der hohe Ausfuhrzoll (von ⅓ bis ½ des Werthes) aufgehoben. Nachdem die einschränkenden Gesetze gefallen waren, hob sich die Ausfuhr bedeutend. 1881/82 wurden aus Ceylon 1600000 Pfund Zimmt-Röhren und 400000 Pfand Zimmt-Spähne[323] ausgeführt, im Werthe von 3 Mark für das Pfund der besten Waare. Der Preis ist noch weiter gesunken, die Ausfuhr 1891 bis gegen 3 Millionen Pfund gestiegen. 35000 Acres sind in Ceylon mit dem Zimmtbaum bepflanzt, sie gehören Einheimischen und werden von Einheimischen bearbeitet.

Der Zimmtbaum[324] ist in den Wäldern Ceylon’s von 3000 bis 7000 Fuss Erhebung ziemlich verbreitet. Die Eingeborenen, welche die Rinde von diesen Bäumen sammeln, pflegen zuvor davon zu kosten und ein[S. 263]zelne Bäume zu übergehen, da sie für den Zweck unbrauchbar sind. An der Südwestküste von Ceylon wird die beste Art bis zu einer Erhebung von 1500 Fuss angebaut. Sir Emmerson Tennent stellte fest, dass jeder der fünf hauptsächlichsten Zimmtgärten in diesem Bezirke 15–20 englische Meilen im Umfang mass. Später wurden viele der Zimmtgärten zu Gunsten des Kaffebau’s aufgegeben. Zum Zwecke der Zimmtgewinnung werden die Pflanzen beschnitten, so dass die Stammbildung unterdrückt wird, und 4 bis 5 Schösslinge aufspriessen, die man 1 bis 2 Jahre wachsen lässt.

Dann fängt die Rinde an, ihre grüne Farbe mit einer bräunlichen zu vertauschen. Nunmehr werden die Schösslinge, die jetzt 6 bis 10 Fuss lang und ½ bis 2 Zoll dick sind, mit einem langstieligen Sichelmesser abgeschnitten; die Blätter abgepflückt und die Rinde oberflächlich geputzt und von Unregelmässigkeiten befreit; der Abfall giebt die Zimmtspähne. Dann wird die Rinde in Abständen quer durchschnitten, auch senkrecht eingeschnitten und so leicht vom Holz abgelöst. Hierauf werden die Rindenstücke sorgfältig in einandergelegt und in Büschel gebunden. So bleiben sie 24 Stunden und länger. Es entsteht eine Art von Gährung, welche die Entfernung der Aussenrinde erleichtert. Dann werden die dünneren Röhrchen in die weiteren hineingelegt, die Rinde schrumpft und krümmt sich ein, bis sie eine Art von solidem Stab bildet, gewöhnlich von 40 Zoll Länge. Diese Stäbe werden erst im Schatten, dann in der Sonne getrocknet und schliesslich in Ballen von 30 Pfund fest verpackt.

Der Riechstoff des Zimmtes ist das ätherische Zimmtöl. Dasselbe wird in Ceylon aus den Abfällen der Zimmtrinde durch Destillation mit Wasser bereitet (1 Kilogramm Oel aus 200 Kilogramm Rinde) und zu wohlriechenden Stoffen wie auch zu Kräuterschnäpsen verwendet. Die Zimmtblüthen kommen hauptsächlich aus China.

Dicht neben den Zimmtgärten von Colombo liegt die Ackerbauschule, die aber recht verwahrlost aussieht. Vor zehn Jahren äusserte sich H. Meyer darüber folgendermaassen: „Ein reicher Singhalese schenkte bei irgend einer festlichen Gelegenheit der Stadt Colombo 20000 Pfund Sterling mit der Bestimmung, eine landwirthschaftliche Musteranstalt einzurichten. Wir ritten an dem Grundstück vorbei, und ich sah neben einer Anzahl halbverfallener Hütten ein Stück überwuchertes Gartenland und dahinter einen breiten Moorgrund, durchzogen von einigen verschlammten Bewässerungskanälen; das war das Mustergut.“

Angeblich hat der jetzige Leiter der Anstalt „europäische Qualification“ und ist erfolgreich bestrebt, durch das Mittelglied der Dorf[S. 264]schulmeister nützliche Kenntnisse vom Ackerbau über das Land zu verbreiten.

Besser gepflegt, ja sehr gut gehalten ist der kreisförmige Victoria-Park, in dessen Bereich das Museum liegt. Dieses habe ich wiederholentlich besucht, erstlich weil ich in Colombo Zeit genug hatte und dieselbe ausfüllen musste, zweitens um mich dafür zu entschädigen, dass ich zu Hause so wenig Musse für den Besuch von Sammlungen finde. Meine Begleiter waren meist früher fertig und warteten draussen, bis ich die Besichtigung beendigt. Ueberhaupt fand ich auch hier nur wenige Europäer, desto mehr schau- und wissbegierige Ceylonesen.

Vor dem Gebäude steht das Erzstandbild von Sir W. H. Gregory, der von 1872–1877 Gouverneur von Ceylon gewesen. Die Inschrift besagt, dass das Standbild von den Einwohnern errichtet ist zur Erinnerung an die zahlreichen Wohlthaten, die sie ihm zu danken haben. In der That ist die Summe von 25000 Rupien für das Denkmal hauptsächlich von den Singhalesen gezeichnet worden. Herrn Gregory verdankt Colombo seine Wasserleitung und das Museum, sein schönstes Gebäude, das 12000 £ gekostet.

Der Inhalt der Sammlungen ist, wie gewöhnlich in Ostasien, äusserst mannigfaltig. Zunächst ist da eine Bücherei der Regierung und eine andere des ceylonischen Zweiges der königlichen asiatischen Gesellschaft, sowie ein Lesezimmer. Dann sind als wichtigster Gegenstand die singhalesischen Alterthümer zu erwähnen: die berühmten Inschriften von Anuradhapura, deren Entzifferung wir unserem Landsmann, meinem Studiengenossen Dr. Goldschmidt verdanken, der als Professor zu Strassburg, leider zu früh für die Wissenschaft, verstorben ist; Münzen, die aber über das Mittelalter nicht hinaufreichen; zierlich gearbeitete Schmuckgegenstände, Halsketten, Armbänder, Ohr- und Fingerringe; Waffen, Schwerter, Hellebarden, Flinten, namentlich auch solche, welche bei den Prachtaufzügen der Kandy-Könige benutzt wurden, sowie alte holländische Degen und Reiterpistolen; endlich die bekannten Masken der Teufel-Tänzer, welche die Krankheiten beschwören. Diese Masken sind ein bis auf unsre Tage gekommenes Ueberbleibsel aus der Urzeit Ceylon’s, wo Dämonen-Verehrung nebst Schlangendienst auf der Insel blühte. Jede besondere Krankheit wird nach dem Aberglauben der Leute von einem besondern Dämon (Sanne) verursacht. Der Beschwörer (Kattadia) nimmt die entsprechende Maske vor, macht seinen Tanz nebst Beschwörung, unter Begleitung des Tamtam, und zieht sich um Sonnenuntergang zurück mit den Opfergaben und mit dem Wunsche baldiger Genesung. Diesem Dämonendienst bleiben auch die Getauften treu, worüber Portugiesen, Holländer, Eng[S. 265]länder in gleicher Weise geklagt haben und noch heute klagen. Nach der Volkszählung von 1891 giebt es in Ceylon 1532 gewerbsmässige Teufel-Tänzer.

Ferner sind vorhanden Natur- und Kunsterzeugnisse der Insel. Die ersteren sind recht vollständig vertreten. Unter den letzteren fallen hübsche Tischler- und Schnitz-Arbeiten auf. Die Singhalesen haben auch gute Schmiede, Töpfer, Korbmacher. Im Ganzen ist aber Handwerk und Gewerbefleiss nur wenig entwickelt. Sodann folgt eine ethnographische Sammlung mit lebensgrossen, naturgetreuen Darstellungen, sowohl der Ureinwohner (Wedda) als auch der Singhalesen in ihrem vollen Putz. An der Haartracht der Damen ist portugiesischer Einfluss unverkennbar; das spanische Schläfenlöckchen scheint grossen Beifall gefunden zu haben.

Von Buddha-Heiligthümern sieht man hier weit weniger, als in der Sammlung zu Calcutta, offenbar deshalb, weil eben in Ceylon die Buddha-Lehre noch lebendig ist.

Die naturwissenschaftliche Abtheilung mit ihren Säugethieren, Vögeln, Fischen, Insecten, Pflanzen, Gesteinen zieht die Eingeborenen ganz besonders an, namentlich bewundern sie einzelne Prachtstücke, wie den 23 Fuss langen Haifisch, der 1883 in einem Dorf bei Colombo gefangen worden. Den Europäer fesseln die Beweisstücke der erstaunlichen Fresswerkzeug-Leistungen einheimischer Ameisen, wie mannsdicke Balken, die in eine Art von Flechtwerk umgewandelt sind, und angenagte Steinkohlen; man würde sich kaum noch über durchgefressene Eisenbahnschienen verwundern.

Die Rückfahrt nahmen wir, vorbei an einem prachtvollen Banyan-Baum (Ficus indica), der mit seinen Luftwurzeln eine prachtvolle, belaubte Säulenhalle bildet, über Southern drive, eine unvergleichlich schöne, vortrefflich angelegte, ockerrothe Strasse längs des Meeresufers. Ein Denkstein meldet, dass Sir Henry Ward diesen Weg 1856 begonnen, 1859 vollendet hat und ihn seinen Nachfolgern an’s Herz legt zum Wohl der Frauen und Kinder von Colombo.

Hier tummelt sich gegen Abend das wohlhabendere Völkchen des Europäer-Viertels zu Wagen und zu Ross; hier tauschen sie die Bemerkungen über Wetter und Neuigkeiten der Gesellschaft aus und blicken mit Wohlwollen auf die Cricket- und Polo-Spieler zur Seite des Weges, voll Stolz auf die wenigen Fremden und die einzelnen Fussgänger und Eingeborenen herab, bis die Sonne wolkenlos in dem inselleeren Weltmeer zu versinken sich anschickt: dann eilen alle nordwärts durch den kleinen Stadttheil Galle-Face mit seinen prachtvollen Palmen zurück nach dem Fort, um für das wichtige Geschäft[S. 266] des Abendessens die unerlässliche Schmückung des Körpers vorzunehmen. Beiläufig bemerke ich, dass, während die Damen noch immer zum Essen wie zu einem Ball sich ankleiden, die englischen Herren von dem Frack, den Häckel vor 10 Jahren mit seinem Zorn überschüttet, jetzt abgekommen zu sein scheinen. Sie tragen dunkle Hosen und weissleinene, ganz kurze Knaben-Jäckchen, dazu einen seidnen Gürtel in brennendem Roth oder in Hellblau: was für dürre, ältliche, schon etwas gebückte Obersten und Capitäne oder für ganz unkriegerische Kaufleute meist einen recht lächerlichen Anzug oder Aufzug darstellt.

Gewohnt, rasch mich umzukleiden, habe ich noch Zeit, einen Blick in Gordon’s Garten zu werfen. Zugegen waren hauptsächlich nur Kinder von Europäern, auf zierlichen zweirädrigen Karren von einheimischen Kinderfrauen geschoben. Einen köstlichen Anblick bot der singhalesische Don Juan, das lange rabenschwarze Haar zierlich gekräuselt und gesalbt, in Locken bis auf die Schultern herabwallend, geschmückt mit zwei Schildkrötkämmen, einem runden auf dem Scheitel, einem platten am Hinterhaupt; den Vollbart auf das sorgfältigste gepflegt; silberne Ringe an den Fingern; Jacke und Schurz von tadellosem Weiss; sein Liebesgeflüster offenbar ebenso eindrucksvoll, wie bei uns im Herzen von Europa.

Das Mittagessen im Oriental-Hotel (um 7½ Uhr Nachmittags) trägt die ganze Wichtigthuerei und geheuchelte Vornehmheit zur Schau, die Jeder kennt, der im Alexandra-Hotel zu Oban in Schottland oder in Shepheard’s Hotel zu Cairo in Aegypten unter überwiegend englischer Gesellschaft zu speisen das Vergnügen gehabt. Die Gerichte sind zahlreich, aber mittelmässig, besonders das Fleisch; der Wein schlecht, das Bier erträglich. Kühlung fächelt die Punka.

Nach dem Essen nimmt man den Kaffe in der Veranda und raucht eine Cigarre dazu, — in Frieden, wenn man verstanden, die Mohren ein für alle Mal sich vom Leibe zu halten. Jung-Albion streckt hierselbst höchst anmuthig die gespreizten Schenkel auf die vorspringenden Lehnen der langen, rohrgeflochtenen Stühle (easy chairs), — als ob es keine Frauen in der Welt gäbe.

In guter Gesellschaft plaudert man noch ein bis zwei Stündchen.

Dienstfertige Shinghalesen schaffen das Nöthige zur Befeuchtung der Kehle herbei. Nur die Liebhaber schärfster Getränke schützen Neigung zu einer Partie Billard vor und verschwinden nach der neben den Billardräumen gelegenen Schenke (bar) des Gasthauses.

Wenn man aber das Schlafzimmer aufgesucht und trotz offen[S. 267]gehaltener Fensterthür und niedrig geschraubter Gasflamme[325] seufzend + 22° C. festgestellt; so ist eine kühle Abwaschung des ganzen Körpers sehr förderlich, bevor man kunstgerecht hinter die würfelförmige Moskito-Netz-Umzäunung des Bettes schlüpft.

Decken giebt es nicht; auch das Laken, das ihre Stelle vertritt, schiebt man bei Seite und kann doch nicht gleich einschlafen wegen des Höllenlärms auf der Strasse, den betrunkene Matrosen und andre Europäer sowie rasselnde Jinrikisha verüben, und den die Engländer mit unbegreiflichem Langmuth selbst auf dem Hauptplatz der Hauptstadt gestatten. Allerdings, die hochmögenden Herren werden dadurch nicht gestört; sie schlafen sanft in ihren Landhäusern, weit ab in der friedlichen Vorstadt.

Endlich prasselt ein befreiender Regenguss herunter, kühlt die Luft und verscheucht die Nachtschwärmer.


Nicht müde konnte ich werden, tagtäglich, so lange mein Aufenthalt in der Gartenstadt Colombo währte, die Reize der entzückenden Ausfahrten zu geniessen und die Kokos-Palmen, Bananen, Tulpenbäume, Pawlonien, Banya in der nördlichen Vorstadt Kotahena, in der südlichen Colpetty und auf der Sklaveninsel mit immer erneuter Bewundrung zu betrachten. Unter den in prachtvollen Gärten gelegenen Landhäusern (Bungalow) entdeckte ich drei mit vaterländischen Namen: Karlsruhe, Wilhelmsruhe, Rheinland.

Wie üppig der Pflanzenwuchs schon in der Stadt ist, erkennt am besten, wer den am Ostende gelegenen Maligakanda-Hügel und das platte Dach des darauf erbauten Wasserbehälters erklimmt. Hier, in einer Höhe von vielleicht 100 Fuss über der Ebene der Stadt und unmittelbar an ihrer Grenze, erblickt man vor sich nur einen einzigen mächtigen Palmenwald, die ganze Masse der 20000 Häuser ist darin völlig wie vergraben.

Die Wasserwerke von Colombo sind erst 1889 vollendet und haben 7 Millionen Mark gekostet. Sie bestehen aus dem Hauptbehälter zu Labugama, einem künstlichen See von 176 Acres in den letzten Ausläufern der Kette des Adams-Pik, ferner aus der 25 englische Meilen langen Leitung von dort bis zu diesem Nothbehälter in der Stadt,[S. 268] welcher 8350000 Gallonen oder 37575 Cubikmeter, d. h. den Bedarf[326] für drei Tage, fasst, und endlich aus den nöthigen Verzweigungen.

Als ich von der Dachluke des Wasserbehälters in das Innere einsteigen wollte, wo ich das Wasser rauschen hörte, traten die einheimischen Beamten mir entgegen und hemmten meine Wissbegier, trotz meines Einspruchs.

In der Nähe sind zwei buddhistische Tempel oder eigentlich Priesterwohnungen (pansala). Das eine ist Vidyodaya-Colleg, ein Hauptsitz östlicher Gelehrsamkeit, im Jahre 1873 begründet und geleitet von dem gelehrten Hohenpriester des Adams-Pik, welcher den wohllautenden Namen Hikkaduwe Sumangala Terrunanse besitzt. Der durchbrochene, dreistöckige Glockenthurm könnte ganz gut in einem italienischen Dorfe stehen.

Einer der schönsten Ausflüge von Colombo geht nach dem Buddhistentempel von Kelani. Durch Pettah und die nördliche Villen-Vorstadt Kotahena kommen wir in einen dichten Palmenwald, wo einzelne ärmliche, aber höchst malerische Hütten der Eingeborenen stehen.

Eigentlich ist es kaum eine Hütte, sondern nur ein niedriges Palmblätter-Dach mit Stützen. Die Vorderwand ist offen und zeigt den Wohnraum und die kleinen Vorräthe an Früchten und einfachen Waaren, die feilgeboten werden: ein Paar Stengel mit Bananen (Paradies-Feigen); ein Paar Blätter mit Betelnuss-Stückchen, dütenartig zusammengerollt. Aber freundlich schmiegt sich die nährende Banane[327] und der Brodfruchtbaum[328] und einige Sträucher mit brennend rothen Blumen an den luftigen Bau, den eine sanftgebogene Kokospalme überschattet. Ein Paar Hühner und nackte Kinder beleben das Bild. Ein dunkles Weib mit entblösstem Oberkörper säugt den Kleinsten, während der nur mit Schurz bekleidete Mann häusliche Arbeit verrichtet.

„In dieser Armuth, welche Fülle!“

Der Singhalese lebt hauptsächlich von Reis, den er mit Gewürz (curry) zubereitet, und von Früchten (Bananen, Kokos, Jak); gelegentlich geniesst er auch getrocknete Fische. Diese einfachen und unentbehr[S. 269]lichen Nahrungsmittel und das gleichfalls unerlässliche Genussmittel der in Betelblätter eingewickelten Areca-Nuss wird allenthalben feilgeboten.

Wir erreichen den besuchten Grandpass-Markt mit echt asiatischem Dorfleben und die Schiffsbrücke über den Kelani Ganga.[329]

Diese Brücke ist 500 Fuss lang und liegt auf 21 verankerten Booten; sie ist 1822 angelegt zur Verbindung von Colombo mit Kandy. Vor dem Bau der Eisenbahn bildete sie den einzigen Weg über den Fluss und auch noch heute dient sie einem lebhaften Verkehr beladener Ochsenwagen. Um die Schifffahrt zu ermöglichen, werden für zwei Stunden an jedem Tag zwei der Boote herausgenommen. Binnen kurzem wird hier eine eiserne Gürtelbrücke errichtet werden.

Der Kelani- (oder Kalany) Fluss hat eine Länge von 157 km und ein Gebiet von 2250 qkm, ist also der zweitgrösste der Insel. (Nächst dem Mahaweli Ganga.) Nach einer kurzen Fahrt (von 3½ km) längs des rechten Ufers erreicht man den malerisch am Fluss gelegenen Tempel. Der letztere wurde bereits 306 vor Chr. begründet, später von plündernden Tamilen zerstört und ist in seiner jetzigen Gestalt nicht über 200 Jahre alt. Er gilt für hochheilig, sein Besuch für ein verdienstliches Werk.

Das Hauptfest (im Mai) dauert vier Wochen und zieht viele Tausende von Pilgern an, die nicht nur Blumen und Früchte, sondern auch Geld opfern. Letzteres nimmt man auch von Andersgläubigen.

Man führt uns stracks vor den Oberpriester, ein eisgraues, freundliches Männchen. Auf einem Tisch lag eine stattliche Sammlung grosser Silbermünzen aller Art; darunter waren auch alte Stücke europäischer Prägung, holländische, schwedische u. dgl. Sofort wird uns erklärt, dass der heilige Mann das Geld verachte; aber, wenn man Silber opfere, sehr schöne, kleine Dagoba (Reliquien-Thürmchen) daraus anfertigen lasse, wie solche in den Glasschränken an den Wänden zu sehen waren. Der Wink war verständlich; ich löste mich mit einer Rupie aus.

Nunmehr bekam ich auch Buddha zu sehen. Die Bildsäule ist 36 Fuss lang. Der Heilige ist hellgelb angestrichen und liegt auf seiner rechten Seite, bereit, in Nirwana einzugehen. Höchst seltsame Wandgemälde sieht man im Innern des Tempels; sie sind eigentlich praehistorisch, denn sie stellen Gautuma’s Schicksale in seinen früheren Leben dar, deren es offenbar viele gegeben haben muss. Zum Beweis der Thatsache, dass unter dem Einfluss der siegreichen Tamilen[S. 270] in Ceylon die Buddha-Lehre mit dem Hindu-Dienst sich vermischt hat, findet man in demselben Tempel die Bilder der Hindu-Götter Vishnu, Shiva und Ganesa.[330]

In dem Garten steht ein heiliger Feigenbaum von riesigem Umfang. Zahlreiche Priester lungern umher nach Trinkgeld.

Einen zweiten Ausflug, nach Mount Lavinia, machten wir mit dem Bruder des Consul. Wir benutzten die Südbahn, welche in 25 Minuten die Strecke von 5,5 km (mit zahlreichen Haltestellen) zurücklegt. Die Bahn fährt, dicht am Meere, vorbei an den Wohnsitzen der Wohlhabenden mit prachtvollen Blüthenbäumen in den Gärten, durch dichten, herrlichen, schattigen Kokospalmen-Wald.[331] Derselbe ist in grössere, kleinere und kleinste Abschnitte getheilt und wird sehr sorgsam bewirthschaftet. Hier und da sieht man ein Band von Palmen-Blättern um den Stamm gebunden; und überlegt, ob dies etwa die Besteigung erleichtere: bis man erfährt, dass dadurch der betreffende Baum dem Dämon (Yakha) geweiht ist, — oder auch dem Buddha oder dem Vishnu oder der katholischen Kirche. Das Ziel unsrer Fahrt ist ein niedriges Vorgebirge, wo einst der Gouverneur, wenn man dem „Führer“ glauben will, „einen Palast von bemerkenswerther Schönheit im dorischen, jonischen und korinthischen Styl“ erbaut hat. Nach meiner Ansicht ist das Gebäude so geschmacklos, wie irgend möglich; es hat aber eine wundervolle Lage und eine weite Aussicht auf das pfadlose Meer und auf die palmenbekränzten Ufer. Da der Herrscher hier zu weit von dem Sitz der Regierung war, so durfte er das Haus nicht beziehen. Dasselbe ist nach wechselvollen Schicksalen in ein Hotel umgewandelt, wo ein biederer Deutscher (Herr Link) vortreffliche Fische und ausgezeichnete Getränke, sogar Rheinwein, uns zum Frühstück vorsetzen lässt.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich wiederum meinen Landsleuten anempfehlen, unterwegs ihre Staatsangehörigkeit, wo es nöthig scheint, zu betonen und ihre Sprache, wo es angeht, zu sprechen. Nur so kann der Deutsche in der Fremde die ihm gebührende Stellung gewinnen und aufrecht erhalten.

Hier mitten unter Palmen konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mir eine Kokosnuss herunterholen zu lassen. (Ich hätte es nicht gethan, wenn ich damals schon gewusst, dass bei dieser Arbeit[S. 271] in Ceylon jährlich 150 Menschen ihr Leben einbüssen.) Ein Knabe steckt in einen geschlossenen Ring von Palmstrick, denselben spannend wie einen Steigbügel, seine beiden nackten Füsse, so dass sie nicht abwärts gleiten können, umfasst den rauhen astlosen Stamm mit den Knieen und mit den Händen und klimmt in wenigen Minuten empor zu den Früchten des weit über haushohen, schlanken Baumes, bringt eine mittelgrosse Nuss in grüner Schale herab und eröffnet dieselbe, indem er mit einem grossen sichelförmigen Messer die Kuppe abschlägt. Ich trinke ein wenig von dem Saft, der den Binnenraum der dickwandigen, hohlen Nuss ausfüllt und koste von dem Fleisch der letzteren. So poetisch dies dem Europäer vorkommt,[332] — Vorsicht ist geboten, sonst ist Durchfall die Folge. Der Knabe bedankte sich für das Trinkgeld. Wir waren vor der Mittagsgluth wieder zu Hause.

So hatte ich denn das Wesentliche gesehen, was Ceylons Hauptstadt dem Reisenden zu bieten vermag. Meine Erwartungen waren hochgespannt, sie sind aber durch die schöne Wirklichkeit noch übertroffen worden.

Die sanft gebogene, von der Brandung des indischen Weltmeers gepeitschte Küste, ganz und gar besäumt von dichten Kokospalmwäldern; dann der von dem niedrigen Landvorsprung weit in’s Meer hineinragende Wellenbrecher, diesseits desselben der spiegelglatte Hafen mit zahlreichen Dampfern, zahllosen Booten und Ausleger-Kähnen; die stattlichen europäischen Häuser in der ehemaligen Festung und darum wieder ein Palmenwald mit friedlichen Hütten und geräumigen Herrensitzen; auf den Strassen hier drinnen dichtes Gedränge, dort draussen vornehme Stille, europäische Kutschen und asiatische Zebu-Karren; und endlich der interessanteste Gegenstand unsrer Betrachtung, die Menschen, — Alles dies vereinigt sich zu einem ebenso fremdartigen wie stimmungsvollen Bilde, dessen Zauber Niemand sich zu entziehen vermag.

Der Singhalese ist ein kleiner, zierlicher Mann von gelber bis zimmtbrauner Farbe und regelmässigen Gesichtszügen; mit gut gepflegtem und gekräuseltem Bart und langem Weiberhaar, das er in einem Knoten auf dem Hinterhaupt befestigt und mit einem halbkreisförmigen Kamm aus Schildpatt schmückt, wie ihn bei uns manch’ kleines Mädchen trägt. Die eigenthümliche weibische Haartracht der[S. 272] Singhalesen ist schon vor mehr als 1200 Jahren von griechisch-byzantinischen Seefahrern aus Aegypten besonders angemerkt worden.[333]

Der gewöhnliche Arbeiter trägt, namentlich auf dem Lande, nur einen langen Lendenschurz (Comboy) der wie ein Weiberrock aussieht, aus einfachem weissen Stoff oder aus rothem, der sehr beliebt ist. Der schon etwas bessere Arbeiter, zumal in den Städten, trägt dazu noch ein Jäckchen. Stutzer bekleiden sich vollständig mit europäischem Rock und Hemd, stecken noch einen zweiten Riesenkamm in den Haarknoten und zahlreiche Silberringe an die Finger. Gelegentlich lassen sie auch das lange, lockige Haar hinter dem Rundkamm auf die Schulter herabwallen und tragen Ohrringe. Ein schattenspendender Hut gehört nicht zur Tracht, aber ein Sonnenschirm ist zulässig.

Die Singhalesinnen tragen Rock und Jäckchen; ihre Tracht ist für den Fremden gewöhnlich gar nicht so sehr verschieden von der der Männer; aber sie schmücken sich nie mit dem Rundkamm, sondern stets mit Haarnadeln. Trotz der mitunter ganz hübschen Gesichter sind manche für uns unerträglich durch zwei Eigenschaften: sie spucken roth, vom Betelkauen; und tragen zwei Ringe in jedem Ohr, einen grossen in dem unförmlich verlängerten Zipfel und einen am oberen Rand.

Bei den Tamilfrauen ist diese Verunstaltung der Ohren die Regel; dazu kommen noch Metallplättchen, die in die Nasenflügel eingeschraubt sind, auch mit Hängern, ein Nasenring durch die Zwischenscheidewand, zwei bis drei Halsbänder, etliche Armbänder, Finger-, Zehen-, Knöchel-Ringe. Dabei sind sie durchaus nicht ohne Geschmack und Gefallsucht; namentlich legen sie geschickt ein gefaltetes Tuch um die linke Schulter und schräg absteigend über die Brüste und wählen dazu oft ein lebhaftes Roth, das ihnen, besonders in dieser Umgebung, ganz gut steht.

Die Tamilen sind grösser, kräftiger, dunkler, als die Singhalesen, kaffe- bis schwarzbraun, mit niedrigerer Stirn, breiteren Nasenflügeln, dickeren Lippen, und tragen gern ein weisses Gewand, das wie ein Mantel um die Schultern geschlagen wird und zu den beiden Seiten faltig herabhängt.

Von den Hindu in Colombo haben das sonderbarste Aussehen die Chetties mit abenteuerlicher Mütze, ganz glattrasirtem Gesicht, ungemein grossen, dünnen, mehrfachen Ohrringen, enganliegender, bis zu den Füssen reichender Gewandung. Sie handeln in Reis und[S. 273] Baumwolle und verleihen Gelder, und nehmen nur 60 Procent Zinsen, welche sie vorsichtiger Weise gleich von dem entliehenen Capital abziehen. Obwohl sie vorzüglich rechnen und buchführen, schreiben sie noch bis zum heutigen Tage auf Palmblätter.

Die mohammedanischen Indo-Araber oder Mohren, in Colombo ein Fünftel der Bevölkerung,[334] haben oft ganz deutlich arabische Gesichtszüge; sie tragen weisse Kappen oder hohe, bienenkorbähnliche Strohmützen und lange, weisse kaftan-ähnliche Röcke, dazu Hosen und Schuhe oder Pantoffel.

Juden sollen in Ceylon fehlen.

Aber in den „Reisen zweier Mohammedaner“ aus dem 9. Jahrhundert n. Chr. rühmt ein Augenzeuge die Duldsamkeit der (buddhistischen) Singhalesen, welche bewiesen werde durch Anwesenheit einer christlichen Manichäer- und einer Juden-Gemeinde; und der arabische Geograph Edrisi aus dem 12. Jahrhundert n. Chr. berichtet, dass der Rath des Fürsten von Ceylon aus 16 Mitgliedern bestand, vier von der einheimischen Religion, vier Christen, vier Muselmännern, vier Juden.

Ich selber sah, als ich zu Pettah in den Laden eines Mohren eintreten wollte, und vergnügt mein Kleingeld an die Schaaren bettelnder Kinder und Greise vertheilte, ein auffallend schönes und helles Mädchen abseits stehen; und als ich den Ladenbesitzer fragte, wer sie sei, erwiederte er: Das ist ein Kind der Juden, die unter uns leben. Ob das Abkömmlinge der alten sind, oder neue Ankömmlinge aus Bagdad, deren man so viele in Bombay sieht, konnte ich nicht erfahren.


Kandy.

Am Morgen des 11. November reiste ich von Colombo in’s Innere von Ceylon, zunächst mit der Eisenbahn nach Kandy.

Die Eisenbahnen auf Ceylon sind Regierungs-Vorrecht und werfen ein hübsches Einkommen ab, ebenso viel wie die Eingangszölle, nämlich ein Fünftel des Gesammt-Einkommens[335] der Colonie.

Die Hauptlinie geht von Colombo ostwärts nach Kandy[336] und[S. 274] weiter bergauf nach Nanu-Oya, dem Halteplatz für den Höhen-Ort Nuwara Eliya, 128 engl. Meilen, mit einer kleinen Zweiglinie von Peradenia bei Kandy bis Matale, 22 engl. Meilen.

Die Küstenlinie geht von Colombo südwärts bis Bentota (39 engl. Meilen) und soll demnächst nach Point de Galle fortgesetzt werden.[337]

(Für die Verbindung mit den nördlichen Städten Trincomali und Jafna ist man auch heute noch auf Postwagen angewiesen oder auf den Seeweg. Doch hat eine Londoner Gesellschaft schon den Bau einer Eisenbahn nach Jafna vorbereitet.)

Die Linie von Colombo nach Kandy ist 74½ engl. Meilen lang, gut gebaut, mit der breiten ostindischen Schienenweite (gauge) von 5 Fuss 6 Zoll, mit eisernen Gürtelbrücken, Viaducten, Tunnels und einer Steigung von 1:45 für 12 engl. Meilen in der Gebirgsgegend.

Die Herstellung dieser Linie von 74½ engl. Meilen hat übrigens der Regierung 1738413 £ gekostet, also immerhin, trotz der so billigen Arbeitslöhne, gegen 300000 Mark für den Kilometer, der in Deutschland durchschnittlich 264000, in England 400000 Mark erfordert.

Wegen der kunstreichen Ueberwindung von Schwierigkeiten wird sie in englischen Schriften und Reisebüchern unbändig gepriesen. Doch muss ich offen gestehen, dass weder diese Linie noch die nach Darjeeling im Himalaya in Bezug auf die Bauart irgend etwas bedeutet gegen eine Rigi- oder Gotthard-Bahn. Aber mit Rücksicht auf landschaftliche Schönheit und Eigenart gehört die Strecke von Colombo nach Kandy zu den bevorzugten, ja unvergesslichen.

Die Eisenbahn mag ja zunächst zum Vortheil der englischen Pflanzer gebaut sein, sie war auch nur durch die unternehmenden Pflanzer möglich geworden; hat aber auch den Einheimischen grossen Vortheil und Segen gebracht. In 25 Jahren sind 35 Millionen Menschen auf den Eisenbahnen Ceylon’s befördert worden, von denen die ungeheuere Mehrzahl Singhalesen und Tamilen waren. Kandy-Häuptlinge kamen 1867 nach Colombo und erblickten staunend zum ersten Male in ihrem Leben das ungeheure Weltmeer und die gewaltigen Schiffe im Hafen. Die Vorurtheile der Kasten, die in Ceylon zwar nicht so ausgeprägt sind, wie in Ostindien, aber doch immerhin bestehen, werden durch kein Mittel so wirksam ausgeglichen, als wenn[S. 275] auf derselben Holzbank, dicht gedrängt, die verschiedenen Stände mit einander auskommen müssen. Ein Einheimischer muss schon ziemlich reich sein, um die zweite Wagenklasse zu benutzen; in der ersten habe ich auf Ceylon keinen gesehen.

Für die Bequemlichkeit des Reisenden ist ziemlich gut gesorgt. In wenigen Minuten befördert ein Einspänner ihn selber und sein Gepäck nach dem im europäischen Stadtviertel gelegenen Halteplatz. (Fort-Station.)

Eingeborene Bahnbeamte, in stattlichem Dienstrock aus blauem Tuch, aber barfuss, behandeln den Reisenden erster Classe mit unterwürfiger Höflichkeit. Die Fahrkarte nach Kandy kostet 6 Rupien[338] (zweiter Classe 4), Hin- und Rückfahrt 9 (bezw. 6) Rupien.

Mein Koffer wird ungewogen einfach in meinen Wagen geschoben, da 112 Pfund frei sind. Die erste Classe ist nicht sehr besetzt, desto mehr die dritte mit Eingeborenen in den lebhaftesten Trachten. Die Wagen erster Classe sind nicht ganz so gut, wie die deutschen dritter Classe.[339]

Wir fahren um den See herum nach dem Haupt-Halteplatz von Colombo und von da über Maradana-Anschluss,[340] wo reichlich Gelegenheit zur Beobachtung des einheimischen Lebens und Treibens geboten wird, nordöstlich zur Eisenbahnbrücke über den Kelani-Fluss.

Der erste Theil der Fahrt geht durch ebene Gegend, hauptsächlich Reisfelder, die unter sorgfältiger Bebauung stehen oder auch zeitweilig dem Vieh zum Abgrasen überlassen werden. Knietief waten im Wasser die schwarzen Büffel. Wenn sie grasen, sitzt oft eine Krähe auf dem Rücken des Büffels, um ihrerseits Nahrung, d. h. Insecten, zu suchen.

Der Singhalese braucht Büffel und Ochsen jetzt, wie seit uralter Zeit, 1) zum Ziehen des Pfluges, 2) um den Morast zu stampfen, bevor Reis gesäet wird, 3) um das Korn aus den Reisgarben auszutreten.

Das ebene Land ist grün und feucht. Allenthalben sind kleine Seen und Wasserbehälter, unentbehrlich für die Berieselung der Reis[S. 276]felder. Auf niedrigen Hügeln stehen die einfachen Hütten der Bauern oder Pächter, umgeben von Palmenhainen, in denen die anmuthig gebogenen Kokosbäume mit der schnurgraden und ganz schlanken Areca und der prächtigen Kitul (Zucker-Palme) ein stimmungsvolles Bild liefern, an dessen weiterer Ausschmückung Bananen, Brodfrucht- und Mango-Bäume, sowie Gemüse-Pflanzungen sich betheiligen. Auch die Dorfschule steht weit offen gegen eine Palmenpflanzung.

Reisbau ist auch heutzutage Hauptbeschäftigung der Singhalesen im Südwesten sowie auch der Tamilen im Norden und Osten der Insel. Derselbe gewann einen neuen Aufschwung, als die Engländer anfingen, die künstlichen Seen und Wasserläufe, welche die Singhalesen mit grosser Kunst und Ausdauer in fast 2000jähriger Arbeit vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis weit hinein in’s Mittelalter angelegt hatten und die von den Tamilen vernachlässigt, von den Portugiesen theilweise zerstört worden waren, von neuem wieder herzustellen und zu verbessern, wofür von 1867–1890 gegen 9 Millionen Rupien verwendet worden sind. 700000 Acres,[341] also 280000 Hectaren oder 2800 Quadrat-Kilometer, stehen unter Reisbau in Ceylon und 150000 Acres sind mit trocknem Getreide bepflanzt. Aber trotzdem ist die zur Ernährung des Volkes nothwendige Reiseinfuhr gestiegen: sie betrug vor 50 Jahren 650000 Bushel,[342] oder 227500 Hektoliter, jetzt zehn Mal so viel, da die Zahl der Arbeiter in den grossen Kaffe- und Thee-Pflanzungen so erheblich zugenommen.

John Ferguson, der den Vortheil der englischen Pflanzer auf Ceylon zu einseitig vertritt, eifert mit der vollen Heftigkeit eines Partei-Mannes gegen die am 1. Januar 1893 festgesetzte Aufhebung der Reisbau-Steuer (Paddy rent), die bisher 900000 Rupien im Jahre gebracht hat, während das Gesammteinkommen der Colonie Ceylon für das Jahr 1893 auf 17847984 Rupien veranschlagt ist. Aber der gerechtere Menschenfreund kann ihm nicht beistimmen, sondern die Entlastung der armen Bauern nur mit Freuden begrüssen.

Nächst dem Reisbau kommt für die Einheimischen Gartenbau in Betracht (Zimmt, Palmen, Fruchtbäume, Tabak, Baumwolle, Zuckerrohr), sowie ein wenig Viehzucht auf den natürlichen Weiden der Hochebenen.

Sehr zahlreich sind die Halteplätze, über ein Dutzend. Der Zug[S. 277] braucht 5½ Stunden für die 75 englischen Meilen oder 120 Kilometer; macht also etwa 22 Kilometer in der Stunde.

Natürlich bezieht die Bahn ihre Einkünfte nicht von den wenigen Vergnügungsreisenden, Theepflanzern und englischen Beamten, sondern von den zahlreichen Eingeborenen. Für die letzteren sind aber auch die kleineren Ortschaften Ausgang oder Ende der Fahrt.

Auf jedem Halteplatz ist lebhafter Verkehr. Den Einheimischen eröffnet der „fliegende Händler“, ein Knabe mit gefülltem Palmfasersack, eine frische Kokosnuss mit seinem Sichelmesser für eine kleine Münze. Für uns ist ein Erfrischungswagen eingeschoben, in dem ein vollständiges Frühstück zu einem festen und mässigen Preise und von mässiger Güte, nebst einem Fläschchen Bier, verabfolgt wird.

Nunmehr erscheinen auch Hügel von gesättigtem Grün, in der Ferne die Landmarke Ceylon’s, der Adams-Pik, den ich zu Colombo nur des Morgens vorübergehend zu Gesicht bekommen, ehe die Nebel um ihn sich zusammenballten. 50 englische Meilen von Colombo beginnt die Bahn zu steigen und an dem Allegalla-Berge emporzuklimmen. Man sieht erbärmliche Hütten in herrlichster Umgebung und ausgedehnte Theepflanzungen an den Abhängen der Berge. Während wir merklich steigen, vorn von einer Locomotive gezogen, hinten von einer zweiten geschoben, bleibt prachtvollster und üppigster Pflanzenwuchs sichtbar: fruchtbare Thäler in der Tiefe der Schluchten, blassgrüne Reisfelder, die stufenförmig abfallen, Theepflanzungen auf mittlerer Höhe, und Palmen, Bananen, immergrüne Eichen dicht neben uns, in 1700 Fuss Erhebung über dem Meeres-Spiegel, hier und da auch dichtester Buschwald (Dschungel) mit schäumenden Wasserfällen, während in der Ferne ganz stattliche Felsen mit breiter Kuppe (Temple rock) oder mit zackigen Gipfeln bis 5000 Fuss empor starren.

Tief unter uns zieht die ursprüngliche Fahrstrasse, welche früher den Verkehr beherrschte, jetzt aber von der Eisenbahn überholt ist: ein Anblick, den man auch in der Schweiz an vielen Stellen und im Felsengebirge von Canada geniesst.

Kurz vor Kandy werden einige Tunnels durchfahren, dann gelangt der Zug an einen ganz steilen Abhang, wo der Blick über 1000 Fuss nach unten schweift, ohne einen Halt zu entdecken. Sensationrock heisst diese Stelle, wohl nach amerikanischen Mustern.

Um 1 Uhr 15 Minuten bin ich in Kandy angelangt, werde von einem eifrigen „Führer“ sofort in den Hotelwagen gebracht, verlasse denselben aber wieder, da das mitreisende englische Paar zu viel Platz und zu viel Wartezeit für ihre Koffer beansprucht, nehme mir einen der Einspänner, die zahlreich vorhanden sind, und fahre nach Queen’s[S. 278] Hotel, das, schön gelegen dicht bei dem grossen See und dem Buddha-Tempel, mir ein schattiges Zimmer und gutes Mittagsessen bietet, sowie eine gedeckte Veranda zum Ausruhen während der heissen Tageszeit.

Kandy, der Herrschersitz des letzten einheimischen Königs, der erst 1815 von den Engländern entthront worden, ist eigentlich, wie die meisten Orte auf Ceylon, eher ein Dorf[343] oder eine Gruppe von drei Dörfern, mit 22000 Einwohnern. Sehenswürdigkeiten sind: 1) der Buddha-Tempel, 2) der künstliche See, 3) die neuen Spazierwege über die Berge, 4) das Volksleben auf dem Markt, 5) der botanische Garten zu Peradenia.


Kandy wurde im Beginn des 15. Jahrhunderts n. Chr. von den singhalesischen Fürsten, die vor den siegreichen Tamilen nach Süden zurückweichen mussten, in dem scheinbar sicheren Schutz der Hügel gegründet, um Kronschätze und kostbare Reliquien zu bergen, und gegen Ende des 16. Jahrhunderts zur Hauptstadt des Königreiches erhoben.

1586 vertrieb Raja Singha, einer der Kleinfürsten, den König von Kandy, der zu den Portugiesen nach Colombo floh und ebenso, wie seine Tochter, (als Don Philip und Donna Catharina) das Christenthum annahm. Die Grausamkeiten, welche die Portugiesen verübten, während sie 1586 in Colombo von Singha belagert wurden und als sie 1596 Kandy für ihren Schützling Catharina zurück eroberten, spotten jeder Beschreibung. Die Soldaten hackten Frauen und Kindern die Arme ab, um rascher in den Besitz der Armbänder und Ringe zu kommen; Mütter wurden erst gezwungen, eigenhändig ihre Kinder zwischen Mühlsteine zu werfen oder in Getreidemörsern zu zerstampfen,[344] und danach geköpft; Kinder der Gallas-Stämme wurden auf Speerspitzen gestochen, damit man höre, wie die jungen Hähne (Gallos) krähen; Männer wurden von der Brücke bei Malwané hinabgestossen, damit man sähe, wie die Krokodile sie verschlingen.

Diese Nachrichten sind nicht etwa blos von den Singhalesen an die Holländer überliefert, sondern auch von Portugiesen, nach amtlichen Schriftstücken, mitgetheilt worden. Aber, obwohl es den Portugiesen gelang, ganz Ceylon, ausser dem Königreich von Kandy, in[S. 279] ihre Gewalt zu bringen und 1617 sogar Jafna an der Nordspitze der Insel zu erobern und den letzten Fürsten der Malabar-Dynastie zu enthaupten, — schon 1604 erschienen die Holländer, da ihnen durch Philipp II. von Spanien der Handel mit „seinem“ Portugal verboten worden, selbständig in Ceylon, schlossen ein Bündniss mit dem König von Kandy, begannen 1638 und beendigten 1658 die Vertreibung der Portugiesen. Die Herrschaft der Holländer war nicht befleckt durch Grausamkeit gegen die Singhalesen. Sie suchten Frieden mit Kandy um jeden Preis, um das „köstliche Juwel der Compagnie“ zu erhalten und ihren einträglichen Alleinhandel (in Zimmt, Areca u. A.) zu pflegen und rücksichtslos auszubeuten.

Für die Eingeborenen thaten sie nicht viel, aber doch etwas, soweit es zu ihrem eignen Vortheil war: sie gründeten Schulen und protestantische Kirchen, schufen ein Gesetzbuch und begünstigten den Ackerbau. Zu kämpfen hatten sie 1626 mit einem aufrührerischen Gouverneur, 1672 mit den Franzosen, 1766 mit den Eingeborenen, da ein malabarischer Prinz auf den Thron von Kandy gelangt war. Das „Juwel“ brachte keine Einnahmen mehr, sondern nur Ausgaben, wie eine holländische Tulpe; und als 1796 die britischen Truppen vor Colombo erschienen, erfolgte die Uebergabe ohne Kampf, da die Holländer ebenso gleichgiltig gegen die Behauptung waren, wie die Singhalesen erfreut über den Besitzwechsel.

Holland war derzeit von der französischen Republik überwältigt, der holländische Gouverneur auf Ceylon ein Verräther.

Die englische Verwaltung der Insel seitens der ostindischen Gesellschaft war zunächst so gewaltsam und erpressend, dass 1797 ein blutiger Aufstand erfolgte, und die Krone das Regiment übernahm. Aber der englische Gouverneur, Herr F. North, Earl of Guilford, nahm thätigen Antheil an einer Verschwörung des verrätherischen Ministers Pitamé Talawé zu Kandy gegen seinen jungen König Singha; und, als ein Vorwand sich dargeboten, wurde Kandy besetzt, ein Taugenichts und bestrafter Betrüger auf den Thron gehoben, und natürlich eine englische Besatzung zu seinem Schutz dort gelassen. Doch nun verrieth der Verräther Pitamé seinen Helfershelfer und liess 1803 die Engländer sowie den Schatten-König ermorden.

Die ganze Insel gerieth in Empörung. Kaum vermochten die Engländer Colombo zu behaupten. Wegen des Krieges mit Frankreich konnten Verstärkungen aus Europa nicht gesendet werden. Die Rache blieb aufgeschoben.

Inzwischen entwickelte sich König Singha zu einem blutgierigen Tyrannen; 1812 liess er, wegen Verrätherei, Pitamé Talawé enthaupten[S. 280] und 1814 wüthete er auf das grausamste gegen die Familie von dessen Neffen und Nachfolger, da auch dieser eine Verschwörung, wieder unter Mitwissenschaft des englischen Gouverneurs, angezettelt. Als der König einigen einheimischen Kaufleuten, die glücklicherweise britische Unterthanen waren, Nasen, Ohren und Hände abhacken liess; hatte man eine Handhabe, um 1815 den Krieg zu erklären und Kandy zu nehmen.

In der Audienzhalle des Königspalastes wurde von den Häuptlingen das Königreich an die britische Krone übertragen, unter der Bedingung, dass die heimische Religion geschützt, Gerechtigkeit unparteiisch geübt und — ihre eignen Vorrechte aufrecht erhalten würden. Doch erfolgte bereits 1817 ein blutiger Aufstand und langdauernder Kleinkrieg, so dass die Engländer schon daran dachten, das Bergland aufzugeben und an die Küste sich zurückzuziehen. Aber, nachdem die Kandyer 10000 Menschen eingebüsst, machten sie Frieden. Eine Militärstrasse in das Herz der Berge bis zur Höhe von 6000 Fuss sicherte die Eroberung (1820). Seitdem herrscht Frieden im Lande.


Man kann es den Engländern nicht verargen, wenn sie die Fortschritte rühmen, die Ceylon in den letzten Jahren gemacht.

Jahr Bevölkerung Einkommen
der Colonie
£
Bebautes
Land
Acres
Handel
 
£
Tonnengehalt
der Schifffahrt
 
Reg.-Ausgabe
für Erziehung
£
Reg.-Ausgabe
für Gesundheit
£
Armen-
unterstützung
£
1815 750000 226000 400000 546000 75000 3000 1000 3000[346]
1888 2800000 1540000 9800000 4500000 46000 60000
1893 3000000 1300000 4850000[345] 9200000 5700000 50000 50000 8000
    (Ausgabe
desgl.)
           

Gewiss, diese Zahlen führen eine beredte Sprache und zeugen von anerkennenswerthen Ergebnissen. Aber die drei letzten Posten fordern die Kritik heraus, sie sind auch heute noch zu gering.

[S. 281]

Nur ein Viertel der Kinder wird unterrichtet. Früher hatte jeder Buddha-Tempel seine Schule.

Bezirkskrankenhäuser habe ich im Innern der Insel gesehen, die einen ganz guten Eindruck machen; aber die darauf verwendeten Mittel sind unzureichend. (Es giebt 200 Krankenhäuser, einschliesslich der Arzneivertheilungsstätten; die Zahl der jährlich behandelten Kranken beträgt 200000, aber zwei Drittheile davon sind unbedeutende Fälle; es giebt 170 Colonial-Aerzte, einschliesslich der Assistenten, Impfärzte u. dergl. Seit 1870 besteht auch eine Medicin-Schule, die 90 Singhalesen das Recht zur Praxis ertheilt hat.)

Ein Wundarzt der Regierung, der aufopferungsvoll fast 25 Jahre im Innern gewirkt (bei jetzt 500 £ Gehalt, von dem er die Hälfte braucht, um seine Kinder in England[347] zu erziehen), sagte mir, dass er den Star nicht operiren könne, da ihm dazu weder Instrumente noch Arzneien geliefert werden.

Gerechtigkeit wird wohl geübt, aber mehr, um die englischen Pflanzer zu schützen, als um die Singhalesen zu versöhnen. Die milde Haus-Sklaverei, die auf der Insel bestand, ist seit 1844 abgeschafft. Aber die englischen Beamten, welche von dem Volk bezahlt werden, schliessen jeden Einheimischen aus ihren Clubs aus. Und dabei spotten sie über Kasten-Vorurtheile, die übrigens im buddhistischen Ceylon nie so ausgeprägt waren, wie im brahmanischen Indien. Ich war im Polizeigericht zu Kandy. Zuvorkommend gab man mir einen Platz am Tisch der Anwälte. Hoch über uns thronte der englische Richter, ein schöner Jüngling mit glatt rasirtem Gesicht, müden Mienen und leiser Flüstersprache, — wie ein junger Proconsul. Ein Dolmetsch stand ihm zur Seite, denn auf Ceylon gilt nicht, wie im Kaiserreich Indien, die Landessprache der Eingeborenen.[348] Eine verzweifelt weinende Frau wurde von dem Polizisten herbeigeführt. Einem Pflanzer waren zwanzig Kokosnüsse gestohlen, die Frau in der Nähe des Thatortes von einem Polizisten beobachtet worden. Trotz ihres Leugnens wurde sie von dem Richter, der dabei kaum den Mund und die Augen öffnete, zu 10 Rupien Geldstrafe oder 3 Monaten Gefängniss verurtheilt. Ich fragte den neben mir sitzenden singhalesischen Anwalt, ob er von der Schuld der Angeklagten überzeugt sei. „Keineswegs“, erwiderte er, „aber die Pflanzer sollen geschützt werden.“ — „Kann sie nicht Berufung anmelden?“ fragte ich. — „Oh[S. 282] nein, dann müsste sie 50 Rupien Gerichtskosten hinterlegen und für 150 Rupien einen Anwalt am Obergericht zu Colombo annehmen. So viel Geld hat ihr ganzes Dorf nicht.“

Der Mann war sehr betroffen, als ich ihm von dem deutschen Armenrecht auf kostenlose Vertheidigung erzählte.

Die gebildeten Singhalesen bevorzugen das Studium des Rechts. Einzelne haben es bis zum Oberrichter gebracht. Die Processsucht der Singhalesen ist sprichwörtlich. Die Zahl der Strafgefangenen beträgt 2500, die meisten sitzen für kleine Vergehen. Die Zahl aller Bestrafungen im Jahre 1891 war 20000. (Nicht 1 Procent betraf Frauen.) Ein Straf-Gesetzbuch, nach dem für Indien, ist 1885 eingeführt, ein bürgerliches in Bearbeitung.

Ein Armen-Gesetz giebt es nicht auf Ceylon. Vielleicht ist es in diesem glücklichen Klima nicht nöthig. Sir Edward Creasy sah in London an einem Wintertage mehr Elend, als in Ceylon während eines neunjährigen Aufenthaltes.


Ceylon ist, als die Buddha-Lehre von den Brahmanen aus dem Festland von Indien ausgetrieben worden, die zweite Heimath dieser verbreitetsten Religion des Erdballs geworden. Birma, Siam und sogar China blicken mit Verehrung auf Ceylon; Birma, Siam und Cambodja senden alljährlich Gesandtschaften mit Geschenken zu dem heiligen Tempel von Kandy.

Als Buddha bezeichnen diese Ostasiaten solche Wesen, welche nach zahllosen Seelenwanderungen den höchsten Grad von Reinheit erlangt haben. Ihre Vorschriften sind bana, das Wort; ihre Lehre dharma, die Wahrheit. Nach ihrem Tode gehen sie nicht in eine neue Lebensform über, sondern ein in das Nirwana, einen Zustand seliger Unbewusstheit, welchen die Buddhisten als die Vollendung ewiger Glückseligkeit ansehen. Buddhismus ist Tugendlehre ohne Gottheit.

24 Buddha waren vor Gautama, welcher der vierte in der jetzigen Kalpa oder Periode ist, und dessen Lehre 5000 Jahre dauern soll, bis ein neuer Buddha erscheinen wird.

Shaka Gautama Buddha, der 624 v. Chr. zu Kapilavastu (an der Grenze von Nepaul) geboren ward, 588 v. Chr. unter einem Bo-Baume im Walde von Urawela, dem jetzigen Buddha Gaya, die Vollendung erreichte, soll, bevor er im Alter von 80 Jahren verstorben ist, nicht weniger als drei Mal die Insel Ceylon besucht haben. Der heilige Fussabdruck auf dem Adams-Pik wird noch heute von seinen Anhängern als das Wunderzeugniss seines letzten Abschieds verehrt.

[S. 283]

Aber der Masse des ceylonischen Volkes war seine Lehre fremd, als an seinem Todestage, 543 v. Chr., Wijayo, der Sohn eines Kleinfürsten aus dem Gangesthal, mit einer Hand voll Begleiter auf Ceylon landete und, nachdem er die Tochter[349] eines einheimischen Häuptlings geheirathet, zum König der Insel sich erhob und eine Dynastie begründete. Die Einwohner der Insel werden in der alten Chronik der Singhalesen (Mahawanso) als Yakkho oder Dämonen und als Naga oder Schlangen (Schlangen-Anbeter) beschrieben.

Wijayo zog Kaufleute in das Land und beförderte den Ackerbau. Er nannte die Insel Sihala (Singhala, Löwensitz) nach seinem Grossvater Singha. Dörfer wurden abgegrenzt, das Land in Felder und Gärten getheilt und, nach der Chronik, schon 504 v. Chr. der grosse Teich zur Bewässerung der Reisfelder in der Nähe der neuen Hauptstadt Anuradhapura angelegt. Aber erst 307 v. Chr. unter der Regierung des Königs Tissa, wie Mahawanso mit dichterischer Begeisterung erzählt, kam Malindo, Sohn des Königs Asoka von Magadha am Ganges, mit seiner Schwester Sanghamitta nach Ceylon und bekehrte das ganze Volk und den Fürsten zu der heiligen Lehre des Buddha und wurde „die Leuchte, von der das Licht des Glaubens über das Land sich verbreitete.“ Tissa erbat vom König Asoka einen Zweig des heiligen Bo-Baumes, unter dem Gautama Buddha die Vollendung gewonnen. Natürlich durfte der heilige Baum nicht verletzt werden; der Zweig löste sich von selber ab und stieg wurzelnd in das goldne Gefäss mit duftender Erde, ward nach Ceylon gebracht und im 18. Jahr der Regierung des Königs Devenipiatissa, d. h. 288 v. Chr., zu Anuradhapura eingepflanzt, wo er heute noch blüht und von allen Buddha-Gläubigen verehrt wird.

Erst von dieser Zeit rühren die ältesten Bauwerke her, deren Reste bis auf unsre Tage gekommen sind:

1) Dagoba oder Reliquien-Schreine. (Von datu Reliquie, gobhan Schrein.) Das sind solide, ganz verschlossene und verputzte Ziegelbauten von Glockenform, mit einem Aufsatz. Es giebt kleinere und grössere; einige sind so gross, dass sie mit den Pyramiden von Gizeh verglichen werden können. Im Innern bargen sie in einer kleinen Höhle das kostbare Gefäss mit dem Haar oder Knochen von Gautama.

2) Wihara oder Klöster für die Priester.

[S. 284]

3) Chaitya oder Tempel, meist mit den Klöstern verbunden. In dem dunklen Hintergrund der Halle sitzt Gautama in lehrender Haltung oder er liegt in seliger Nirwana.


Aber ich eile zu der Geschichte des heiligen Zahnes. (Dhata datu zuerst, und jetzt dalada genannt.) Nachdem man Gautama’s sterbliche Reste zu Kusinara verbrannt, wurde sein aus den Flammen geretteter linker Hundszahn nach Dantapura,[350] der Hauptstadt von Kalinga, gebracht und blieb dort 800 Jahre. Im Jahre 311 n. Chr. sandte der in einen zweifelhaften Kampf verwickelte König von Kalinga den heiligen Zahn nach Ceylon. Eine Prinzessin barg ihn in ihrem Haupthaar und überbrachte ihn persönlich. Grosse Feste wurden in Ceylon gefeiert, deren Schilderung sowohl in Mahawanso erhalten ist als auch in dem Reisebericht des Chinesen Fa-Hian, der kurze Zeit darauf nach Ceylon gepilgert.

Zwischen 1303 und 1315 n. Chr. wurde der Zahn nach Süd-Indien zurückgebracht durch einen Heerführer, welcher Ceylon überfiel und die damalige Hauptstadt Yapahoo plünderte. Aber der nächste König von Ceylon reiste persönlich nach Madura und löste das Kleinod wieder ein, das mit anderen Kronschätzen nach der in den sicheren Bergen neu gegründeten Stadt Kandy geschafft wurde, in den Tempel Maligáwa, den heiligsten der buddhistischen Welt.

Im Jahre 1560 fiel der Zahn mit andern Kostbarkeiten in die Hände der Portugiesen, bei der Eroberung von Jafna, wohin die Schätze wegen der Unruhen im Süden der Insel gebracht worden waren. Der Zahn war in Gold gefasst und nach der (wohl irrthümlichen) Ansicht der Portugiesen der eines Affen. Der König von Pegu, welcher gewohnt war, alljährlich dem Tempel des heiligen Zahnes durch eine Gesandtschaft und durch Geschenke seine Ehrfurcht zu erweisen, sandte sofort nach Goa und bot für die Reliquie 400000 Cruzados. Die Officiere wollten gern das Anerbieten annehmen, aber der Erzbischof mit der Inquisition und der Geistlichkeit widersetzte sich auf das heftigste, zerstampfte den Zahn, verbrannte das Pulver zu Asche und zerstreute diese über die See. Alle Anwesenden klatschten Beifall; gewaltig war aber der Aerger der Portugiesen, als bald danach (1566) zwei heilige Zähne an Stelle des einen auftauchten, der eine in Pegu, der andere in Kandy. Jeder von beiden wurde für den echten erklärt, die Portugiesen hätten einen nachgemachten erhalten. Der jetzt in Kandy verehrte ist offenbar 1566 angefertigt, ein Stück vergilbten[S. 285] Elfenbeins von 2 Zoll Länge und fast einem Zoll Dicke und ähnelt in der Gestalt mehr dem Zahn eines Krokodils, als dem eines Menschen. Aber manche Hindu-Götter (Wischnu und Kali), mit denen die Kandyer unter ihren früheren Königen bekannt geworden, werden mit derartig hervorragenden Zähnen dargestellt.

In dieser asiatischen Geschichte können wir Europäer uns spiegeln.

1815 wurde der Zahn wieder dem Tempel von Kandy überwiesen; und da die Aufständischen darnach trachteten, sich seiner zu bemächtigen, 1818–1847 von der Colonialregierung überwacht, dann auf Befehl der englischen Regierung den Priestern überliefert.


Ein breiter Platz mit hübschen Wegen und Gartenanlagen trennt das Gasthaus von dem Tempel des heiligen Zahnes. Die Gebäude von Kandy erfreuen sich keineswegs eines hohen Alters, wegen der häufigen Zerstörungen, welche die Stadt erlitten. Der Tempel muss sogar, wenn ich die Abbildung von Tennent aus der Mitte unsres Jahrhunderts mit dem jetzigen Zustand vergleiche, noch in der letzten Zeit ausgebessert worden sein. Das Gebäude ist nicht gross und besteht aus einem zweistöckigen Hauptflügel mit Bogenhallen und einem dicken, niedrigen Thurm mit achteckigem, säulengetragenem Dach. Das fast europäische Aussehen des Thurmes (sowie auch einzelner Theile des ehemaligen Königspalastes) ist leicht zu erklären aus der Angabe des holländischen Admirals, der 1602 Kandy besucht, dass nämlich der König Whimala Dharma um 1600 seinen Palast und verschiedene Pagoden von kriegsgefangenen Portugiesen hatte erbauen lassen.

Eine niedrige, zinnengekrönte, durchbrochen gearbeitete Mauer, welche älter aussieht, umgiebt den Tempel. Den Zugang bildet ein ebenfalls alterthümliches Steinthor, das gleichzeitig als Brücke über einen Graben dient und eingemeisselte Elephanten und andere Darstellungen enthält. Aber, so bequem der Zugang, der Eintritt wird uns nicht leicht gemacht. Eine Rotte unverschämter Bettler lagert hier, die ihre Gebrechen nicht blos in gebrochenem Englisch ausrufen, sondern auch handgreiflich vorweisen. Gern giebt man wohl Jedem sein Scherflein und bedenkt natürlich zuerst den Blinden. Da er mir aber erklärte, dass sein Gebührensatz höher sei, so drehte ich ihm den Rücken zu und liess auch fernerhin auf den Spazierwegen seinen lauten Ruf „der blinde Mann“ ganz ungehört verschallen.[351]

In der Vorhalle des Tempels ist ein fortlaufender Fries, welcher[S. 286] die grässlichsten Höllenstrafen in recht mittelmässiger Malerei darstellt. Natürlich, die stärkste Häufung der schlimmsten Strafen, die im Zersägen, Zerhacken, Zermalmen u. s. w. bestehen, trifft denjenigen, welcher gegen einen heiligen Priester des Buddha gefrevelt.

Die Bauwerke machen keinen sonderlichen Eindruck. Eine freistehende Kapelle in dem Tempelhof war rings herum mit offenbar ganz neuen Kalkmalereien geschmückt, welche den Thierkreis nach asiatischer Art darstellen sowie Geschichtsbilder in mythischer Auffassung. Der eigentliche Tempel war geschlossen und blieb es auch, trotzdem ich den Priestern ein Geschenk bot. Obwohl es vielfach gedruckt ist, so glaube ich doch nicht, dass sie für 5 Rupien Jedem den heiligen Zahn zeigen.

Aber offen ist der Tempel Morgens ganz früh und Abends um den Sonnenuntergang, wenn die heilige Musik der Flöten, Trommeln und Muschelhörner erschallt und die Gläubigen zur Verehrung ruft. Natürlich war ich zur Stelle, und will nicht verhehlen, dass die feierlichen Gebräuche auf empfängliche Gemüther Eindruck machen können. Eine Flucht von Zimmern ist offen. Lampen brennen hier und da, um das geheimnissvolle Dunkel mehr zu zeigen, als aufzuhellen. Weihrauch duftet, Musik ertönt, Knaben und Mädchen hängen Jedem Blumen-Ketten um, die nachher dem Heiligen geopfert werden. Es sind hauptsächlich die Blüthen der Plumiera (Singhal. Alaria, von den Engländern Tempelbaum genannt), des Jasmin und des wohlriechenden Oleander,[352] welche diesem Zwecke dienen.

Zahlreiche Verehrer und Verehrerinnen sind anwesend. Vorhänge werden von Buddha-Bildsäulen fortgehoben, auch von dem glockenähnlichen, goldenen, edelsteingeschmückten Schrein, der immer kleinere Goldschreine und schliesslich in einer goldnen Lotosblume das Heiligthum dem Blicke der weltlichen Beschauer verbirgt.

In einem, von niedriger Mauer umgebenen, von hohen Kokospalmen und dichtblättrigen Bäumen beschatteten Park, gegenüber dem Tempel, stehen mehrere niedrige weissgetünchte Dagoba, deren eine den hochheiligen Schulterknochen Buddha’s eingemauert enthalten soll, sowie idyllisch gelegene Priesterwohnungen.


Kandy hat eine reizende Lage an dem Ufer eines stattlichen See’s, den der letzte König 1807 ausgraben und mit einer[S. 287] niedrigen, zinnentragenden Umfassung versehen liess, während von allen Seiten gut bewachsene Hügel, von 500–600 Fuss Höhe, das lebhaft grüne Thal einschliessen. Jetzt führt ein wohlgepflegter, über 5 Kilometer langer Weg rings um den See, geschmückt mit prachtvollen Kohl-Palmen und mit einem Park von Rosenbäumen.

An dem Ufer des See’s steht eine öffentliche Büchersammlung für die wissensdurstigen Singhalesen. Von einem Regenguss überrascht, trat ich in ein kleines Haus und war erstaunt, in dem jungen Besitzer einen gebildeten Mann zu finden, der, in Colombo erzogen, hier in mässiger Wohlhabenheit lebt und keinen grösseren Wunsch zu haben schien, als einmal eine Reise nach Europa zu unternehmen. Auf den Abhängen von den Hügeln zum See liegen die Häuser der Wohlhabenden, namentlich der Theepflanzer; auch das von einem Deutschen verwaltete kleine Gasthaus (Villa Florence), von dem ich vorher nichts erfahren.

Neben dem Tempel steht das Landhaus des Gouverneurs und die Wohnungen einiger anderen Würdenträger, dicht dabei sind die spärlichen Reste des alten Königspalastes zu finden. Nachdem die Mauern beseitigt, die Gräben ausgefüllt, neue Gebäude auf dem Platz der Ruinen errichtet sind, kann man aus dem blossen Anblick keine Vorstellung von dem alten Herrschersitze gewinnen. Das einzige Gebäude, das der Zerstörung entgangen, ist die Empfangshalle, ein geräumiger Saal, getragen von reich geschnitzten Teakholzsäulen. Wo eine morsche Säule durch eine neue ersetzt worden, erkennt man den Verfall der einheimischen Kunst.

Hier pflegte einst der unumschränkte Herrscher Nachts auf einem hohen, dunklen Verschlag zu thronen, während die Seitenwände des mit Wachsfackeln erleuchteten Saales von den Reihen der kauernden Höflinge eingenommen wurden; auf allen Vieren und wirklich „den Staub des Erdbodens leckend“ mussten seine Minister und, wer sonst zugelassen war, zum Throne kriechen. Jetzt steht die Halle leer; sie wird als Bezirksgericht verwendet.

Wenige Schritte vom Hotel, und wir sind in der Stadt der Eingeborenen. Die ganzen Vorderseiten der niedrigen Häuser in der Hauptstrasse sind von Läden eingenommen, wo die üblichen Lebens- und Genussmittel, von denen ich schon gesprochen, und die einfachen Geräthschaften feilgeboten werden. Hier und da giebt es auch Lager von Gross-Kaufleuten in Reis, Tabak, Arecanüssen u. dgl. Die Leichtigkeit, mit der Bettler erhalten, was sie wünschen und brauchen, macht uns erklärlich, weshalb die Regierung so gut wie nichts für die Armen-Pflege ausgiebt.

[S. 288]

Die grossen, tellerförmigen Hüte der Kandy-Häuptlinge, wie sie auf älteren Abbildungen, neueren Lichtbildern und auch auf den lebensgrossen, bemalten Thonfiguren im Museum zu Colombo sich finden, vermochte ich in den Strassen von Kandy nicht zu entdecken.

Mit dem Einspänner, der allerdings hier in den Bergen etwas theurer ist, als in den Strassen von Colombo, fahre ich über Lady Horton’s und Lady Mc. Carty’s Spazierweg, der um die Hügel sich windet und an deren steil abfallender Ostseite einen wunderbaren Blick über das Thal und das felsige Bett des Mahaweli-Ganga[353] gewährt. Es ist dies der grösste Fluss der Insel, seine Länge misst 270 Kilometer, sein Gebiet umfasst ein Sechstel des Flächeninhalts von Ceylon; er entspringt in einem Thal zwischen Peduru und dem nächsten Rücken des Adams-Pik-Stockes, fliesst erst nordwärts, dann östlich umbiegend in einem Bogen um die Stadt Kandy herum, hierauf wieder nordwärts, um schliesslich bei Trinkomale zu münden.

Auf diesen Spazierfahrten zeigt sich auch gelegentlich ein gutes Stück jungfräulichen Buschwaldes (Dschungel): undurchdringliches Gebüsch, jeder Baum durch Schlinggewächse in eine Laube verwandelt. Alles grün und blumig von unten bis oben.

Am nächsten Nachmittag fuhr ich nach Askyra, auf guter Strasse und über eine ordentliche, eiserne Gitterbrücke, die den Mahaweli überspannt und, wie die meisten Brücken im Innern, von den englischen Pionier-Soldaten erbaut worden ist. Brückenzoll ist zu zahlen. Sehenswürdigkeiten sind die Bildsäule des schlafenden Buddha und — Arbeitselephanten. Ich sah am Flussufer ein mächtiges Thier, das auf Befehl seines Lenkers die bekannten Kunststücke machte. Aber der Mann war mit dem Trinkgeld von 50 Cents nicht zufrieden, indem er behauptete, dass sein Thier 500 £ werth sei.

Da dieser Ort gerade durch seine Arbeitselephanten berühmt ist, wollte ich mehr davon sehen und fuhr weiter über die Brücke zu einem Dorf, spähte allenthalben umher, fragte Engländer, die überhaupt keine Antwort gaben, fragte Einheimische, die, gut gekleidet, die Vermuthung, dass sie englisch verständen, erregten. Einer von diesen antwortete auch und war klüger und witziger, als wir stolzen Europäer voraussetzen, wie ich das schon öfter bei Morgenländern gefunden. „Arbeitselephanten sind hier nicht zu treffen, aber dort drüben am Ufer des Flusses ist einer.“ — „Den habe ich gesehen; der macht nicht viel; das habe ich in meiner Heimath schon besser gesehen.“ — „Wenn du zu Hause so viele und so gute Elephanten sehen kannst,[S. 289] weshalb reisest du so weit über das Meer und kommst nach Askyra, um Elephanten zu besichtigen?“

Uebrigens sah ich am nächsten Tage auf der Strasse einen mächtigen Elephanten, der einen gewaltigen Balken spielend zog, wie ein Kind seinen Puppenwagen.

Der schönste Ausflug von Kandy geht nach Peradenia. Eine Zweiglinie der Eisenbahn führt dorthin; aber es gehört die ganze Thorheit und unangebrachte Sparsamkeit eines „Wegweisers für Reise-Gesellschaften“ dazu, um sie für den Besuch des Gartens zu empfehlen, der meilenweit sich erstreckt und hier, in den Tropen, nicht zu Fuss, sondern nur im Wagen besichtigt werden kann. Ich fahre also in meinem Einspänner des Morgens früh südwärts die schöne Strasse, welche eigentlich eine zusammenhängende Vorstadt bildet. Jedes der niedrigen, vorn mit Holzsäulen und Schattendach versehenen Häuschen besitzt einen hübschen Garten mit Palmen und Brotfruchtbäumen. Gruppen von Eingeborenen kommen mir entgegen, die den Markt von Kandy mit frischen Früchten und Lebensmitteln versorgen.

Pira-deniya, nahe dem Mahaweli Ganga, wurde 1371 n. Chr. zum Herrschersitz des Königs Wikram Bahu III. erkoren; doch ist keine Spur von dessen Bauten geblieben. Auch von den Zuckerrohrpflanzungen, welche, nach dem Vorgang der Holländer, hierselbst im ersten Drittel unsres Jahrhunderts von den Engländern angelegt wurden, ist nicht viel mehr zu sehen, da sie nicht recht einschlugen; das Rohr wuchs zwar reichlich, blieb aber wässrig und zuckerarm. Wohl aber liegt hier eine grosse Thee-Factorei, die ich, nach mürrischer Gewährung seitens des Besitzers, eines alten, dürren, einsilbigen Schotten, in Augenschein nahm.

Allerdings gestehe ich gern, dass die Maschinen zum Trocknen und Sichten der würzigen Blätter mehr Zutrauen einflössen, als die Handarbeit, die ich in Japan gesehen, woselbst zu den unter freiem Himmel auf dem Boden zum Trocknen ausgebreiteten Theeblättern Hühner und andre Vögel unbehinderten Zutritt hatten.

An der Einfahrt zum botanischen Garten von Peradenia empfing mich freundlichst ein singhalesischer Gehilfe des abwesenden Leiters, Herrn Dr. Trimen; nahm in meinem Wagen Platz, zeigte die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, indem wir hier und da ausstiegen und eine Strecke zu Fuss gingen, und erklärte mir in verständlichem Englisch die Wunder der Pflanzenwelt.

Gleich am Eingang ist ein herrlicher Gang von indischen Gummi-Bäumen (Ficus elastica), die bis 100 Fuss in die Lüfte sich erheben und gewaltige Kronen von 50–60 Fuss Durchmesser ausbreiten,[S. 290] während ihre mächtigen Wurzeln ebensoweit, wie der Stamm emporsteigt, schlangengleich über den Erdboden fortkriechen, hier und da durch eine säulenartige, natürliche Stütze mit den niedrigeren Zweigen verbunden.

Gleich darauf folgt eine wunderbare Gruppe von Palmen, die kaum ihres Gleichen findet an Schönheit und Mannigfaltigkeit. Alle auf der Insel einheimischen Palmenarten sind hier vereinigt. (Uebrigens sind es doch nur 12 von den 600 Palmen-Arten, welche der Wissenschaft um die Mitte unsres Jahrhunderts bekannt waren; jetzt ist die Gesammtzahl auf nahezu 1000 gestiegen.)

1) Da ist die schlanke Kokospalme (Cocos nucifera), deren walzenförmiger, nur 2 Fuss dicker Stamm in anmuthiger Biegung bis 100 Fuss hoch in die Luft steigt, gekrönt mit einem Büschel von 18–20 Fuss langen Fiederblättern, unter deren Ansatz ein dichtgedrängter Haufen von Kokos-Nüssen in allen Stufen des Wachsthums und der Reife prangt.

2) Die kerzengrade und dünne Areca-Palme (Areca catechu), die bis über 40 und 50 Fuss emporsteigt, mit einem Büschel abgestutzter Fiederblätter, — ein Pfeil vom Himmel geschossen, nach dem Wort der Hindu-Dichter.

3) Die Fächer- oder Palmyra[354]-Palme (Borassus flabelliformis) wird bis 90 Fuss hoch und 2 Fuss dick und hat eine prachtvolle Krone bis 9 Fuss langer, fächerförmiger Blätter.

4) Die Zucker-Palme oder Kitul (Caryota urens).

5) Die herrlichste aller Palmen ist die Talipot oder Schattenpalme (Corypha umbraculifera), deren gerader Stamm 70 und selbst 100 Fuss ansteigt, und deren majestätische Krone aus herabhängenden, fächerförmigen Blättern von 16 Fuss Durchmesser besteht. 30 bis 40 Jahre wächst die Palme und sammelt Kräfte, um dann plötzlich einmal aufzublühen: ein ungeheurer, 20 und selbst 40 Fuss hoher Blüthenstamm schiesst empor; aber nachdem sie tausende von neuen Keimen ausgestreut, ist ihre Kraft erschöpft, ihr Leben erstirbt. Einen blühenden Baum habe ich leider nicht zu Gesicht bekommen.

6) Die Palme des Reisenden[355] (Urania speciosa), gehört gar nicht zu dem Palmengeschlecht, aber zu den schönsten Gewächsen der Erde; die Gesammtheit der mächtigen langgestielten Blätter, deren Wurzeln[S. 291] kunstvoll verflochten sind, stellt einen einzigen ungeheuren Riesenfächer dar.

Von den fremden Palmen, die hier angepflanzt sind, will ich schweigen und nur beiläufig eines herrlichen Ganges von Königspalmen (Oreodoxa, aus der Havannah) gedenken; aber vielleicht ist es angebracht, ein paar Worte zu sagen über die Bedeutung, welche die Palmen für Ceylon besitzen.

Die Kokospalme scheint in Südindien einheimisch zu sein, sie ist aber auch über die tropischen Gegenden von Amerika und Afrika verbreitet. Es giebt kein Land der Erde, wo die Kokospalme besser gedeiht, als auf Ceylon, namentlich in der Südwestgegend der Insel, dem Haupt-Wohnsitz der Singhalesen. Sie liefert fast alle Lebensbedürfnisse und nährt einen grossen Theil der Bevölkerung. Die Rinden-Fasern der Kokosnuss werden verarbeitet zu Garn, Matten, Stricken, Schiffstauen; Kleidungsstücke, Bürsten, Hüte, Matratzen werden daraus bereitet. Der weisse Kern der Nuss liefert Nahrung, die Milch in der Höhlung ein Getränk. Nach Mahawanso hat Dutugaimunu (161 v. Chr.) die Milch der Kokosnuss für den Cement der Ruanwellé-Dagoba verwendet: das ist das älteste Zeugniss über die Anwesenheit der Kokospalme auf Ceylon. Aus dem Kern wird Oel gepresst, und dieses zum Salben, für Seifen und in Lampen benutzt; der Rückstand zu Viehfutter. Die gewöhnlichen Oelpressen der Eingeborenen, die ich zu Colombo sah, werden von Ochsen bewegt; es giebt deren 2000 auf der Insel. Die der Europäer, z. B. des Herrn Freudenberg, werden mit Dampfkraft betrieben; aber auch einzelne wohlhabende Eingeborene haben schon Dampfmaschinen angeschafft. Die getrockneten Kerne (Copra) werden auch zum Zweck der Oelgewinnung nach Europa ausgeführt. Zu Schmarda’s Zeit (1854) galten 1000 Copra 40 Schilling; 1000 Nüsse 60. Die harte Schale der Nuss wird zu Löffeln, Bechern, Lampen verarbeitet, aus dem Abfall feines Kohlenpulver gewonnen. Palmwein erhält man auch von der Kokospalme und bereitet daraus Arrak, Essig und Zucker. Die Blätter dienen zum Decken der Hütten, zum Flechten von Matten, Körben und Hüten, die Stengel zu Stäben und Zäunen; das Holz zum Bau von Möbeln und Häusern, von Böten und Flössen. Die Singhalesen rühmen begeistert die hundert nützlichen Anwendungen der Kokospalme; nach dem Volksglauben muss sie hinsiechen, wenn sie nicht im Bereich der menschlichen Stimme wächst. Das ist auch ganz richtig, da sie sorgsame Pflege erfordert. Sie gedeiht am besten in der Nähe der Meeresküste, auch noch bis zur Höhe von etwa 2000 Fuss, und wird neuerdings sorgfältig in den neubewässerten Gebieten, z. B. in Anuradhapura, angepflanzt. Die[S. 292] Früchte reifen in Ceylon zu jeder Jahreszeit. Jeder tragende Baum liefert jährlich 80 bis 100 Nüsse (8 bis 10 Quart[356] Oel) und bringt etwa einen Thaler jährlich, wie mir Herr Freudenberg mittheilte. Absatz der Erzeugnisse ist immer möglich. Nach Tennents Berechnung waren 1860 an 20 Millionen Kokospalmbäume auf Ceylon vorhanden, jetzt dürften es 30 Millionen sein.[357] Mit Kokospalmen sind auf Ceylon 500000 Acres (oder 200000 ha) bepflanzt, die aber, mit Ausnahme von 30000, den Eingeborenen gehören. 500 Millionen Kokosnüsse werden jährlich auf Ceylon geerntet. (Daraus folgt, dass bei weitem nicht alle Bäume den vollen Ertrag an Nüssen bringen.)

Was für den Süden Ceylons die Kokos-, ist für den Norden die Palmyra-Palme. 40000 Acres sind mit letzterer bepflanzt und liefern 70 Millionen Nüsse, die bedeutend kleiner sind, als die der Kokospalme. Beide Palm-Arten tragen Früchte vom 8. bis 12. Jahre an und sollen 150 bis 300 Jahre alt werden. Die Palmyrapalme liefert ein Viertel der Lebensbedürfnisse für die Bewohner der Nordprovinzen Ceylons. In einem Tamil-Gedicht werden 800 Nutzanwendungen des prachtvollen Baumes beschrieben.

Die Früchte geben Nahrung und Oel, der Saft Palmwein und Zucker, der Stamm Bauholz, die Blätter Bedachung, Sonnenschirme, kleine Zelte, Zäune, Matten, Körbe, Hüte, Fächer und Schreibpapier für die Schriften der Singhalesen.

Zu diesem Zwecke werden die jungen Palmblätter glatt und geschmeidig gemacht, in Streifen (ola) von 2–3 Zoll Breite und 1–3 Fuss Länge geschnitten, mit zwei Löchern durchbohrt, auf einen Faden gezogen und zwischen zwei Holzdeckeln aufgehoben. (Ich sah in Kandy ganz kleine Palm-Bücher, angeblich heiligen Inhalts, die nicht grösser waren, als die Fläche meiner Hand.) Geschrieben wird mit eisernem Griffel; die Furchen der Schrift werden mit einer Aufschwemmung von Kohlenpulver in wohlriechendem Oel sichtbar, gleichzeitig die Blätter dadurch haltbar gemacht, da der Geruch die Ameisen abschreckt. Die heiligen Bücher der Singhalesen sind in Pâli geschrieben, die rein wissenschaftlichen (über Stern-, Rechnen-, Heil-Kunde) in Sanskrit, die schön-wissenschaftlichen, welche hauptsächlich der neueren Zeit angehören, in Elu, das von dem gesprochenen Singhalesisch mehr im Styl als im Bau abweicht.

Das Alphabet stammt aus dem Altindischen. Fast alle singhalesischen Bücher sind in Versen abgefasst.

[S. 293]

Von den heiligen enthält Pithakattyan die Lehre der Buddhisten in 592000 Stanzen, Atthakatha die Erläuterung in 361500; am beliebtesten sind daraus Buddha’s Reden. (Pansiya-panas-jataka-potu, wörtlich die 550 Wiedergeburten.) Diese Reden sind in’s Singhalesische übersetzt und füllen 2000 Palmblätter von 29 Zoll Länge mit je neun Zeilen.

Das feinste Schreibpapier wird von dem Blatt der Talipot-Palme gewonnen.

Die Zucker-Palme liefert auch Sago. Ein tüchtiger Baum giebt in 24 Stunden 100 Pinten[358] Palmwein. 30000 Acres sind auf Ceylon mit dieser Palme bepflanzt.

Die Nuss der Areca-Palme hat einen weissen, rothgeäderten Kern, welcher Fett, Emulsin, Zucker, Gerbsäure und einen rothen Farbstoff enthält. Ein Stückchen der Nuss wird in ein grünes Blatt des Betel-Pfeffers (piper betel), das an der Innenseite mit Kalk-Brei bestrichen ist, eingeschlagen, und dieser Bissen gekaut. Hundert Millionen Menschen sind diesem Genussmittel ergeben, das die Zähne schwarz, das Zahnfleisch und den Speichel roth färbt, aber die Esslust anregt und die Verdauung und Ernährung dieser reis-essenden Völker befördert. Singhalesen und Hindu vergessen eher Speise und Trank, als Betel-kauen. Mann und Frau, Jung und Alt huldigen diesem Brauch. Jeder Singhalese hat seine Betel-Büchse bei sich, die in ihrer grösseren Abtheilung Areca-Nuss und Betel-Blätter, in der kleineren etwas (calcinirten Muschel-) Kalk — chunam — enthält. Als ich im Postwagen den ganzen Tag neben dem Kutscher sass, lernte ich diese Geheimnisse genügend kennen. Die Betel-Büchsen der Reichen sind wahre Kunstwerke; solche sieht man auch im Museum zu Colombo. Mahawanso erwähnt, dass schon im 5. Jahrhundert v. Chr. Betel-Blätter das Geschenk darstellten, welches eine Prinzessin ihrem Verehrer zu senden pflegte; und dass Dutugaimunu (161 v. Chr.) den Arbeitern seiner Dagoba die fünf Würzen zum Kauen spendete. Die Frau eines singhalesischen Ministers schickte ihrem Gatten Betel ohne Kalk, in der sicheren Erwartung, er würde sofort nach Hause kommen, um das Vergessene zu holen, und so — dem geplanten Mordanschlag entrinnen. Schon die Portugiesen führten aus Ceylon Areca-Nüsse aus gegen den Reis, der von Südindien eingeführt werden musste; die Holländer jährlich 35000 Centner, unter Monopol. Jetzt werden jährlich aus Ceylon 100000 Centner ausgeführt im Werthe von ebensoviel Pfund Sterling. Viel wird im Lande verbraucht. 65000 Acres sind auf Ceylon mit Areca-Palmen bepflanzt.

[S. 294]

Für uns Nordländer ist einmal die Palme der eigentliche Baum des heissen Südens, ja der König aller Bäume, da unsre schwärmerische Einbildungskraft das Fremde und Ferne leicht zu überschätzen pflegt. Aber wer die Tropen wirklich besuchen konnte, findet dort noch andere Pflanzenwunder, die den Blick nicht minder fesseln. Da ist das undurchdringliche grüne Dickicht des Riesen-Bambus. Es ist nur ein Gras, aber was für eines? An 100 schlanke, walzenförmige Stämme, jeder 1–2 Fuss dick, ganz dicht an einander gedrängt, weil aus gemeinsamer Kriechwurzel entsprossen, schiessen grade empor bis zu 100 Fuss Höhe, — bis zu 60 Fuss ohne Verzweigung; dann aber breiten sie sich aus in den grünen Riesenbüschel der zartgefiederten Blätter, der eine Kreisfläche von 100 Fuss Durchmesser beschattet.

Von den tropischen Farnbäumen werde ich bald, bei andrer Gelegenheit, ein paar Worte zu sagen haben. Gewürznelken-, Muskatnuss-, Brotfrucht-Bäume und tausend andre kostbare und nützliche Pflanzen decken den grünen Rasen, alles wohl gepflegt, geordnet, bezeichnet. Denn der Pflege der tropischen Nutzgewächse wird grosse Sorgfalt zugewendet; Samen, Früchte, Ableger werden an Gärtner und Pflanzer vertheilt, und Versuche über Anbau und Einbürgerung angestellt. Auch die Schlinggewächse der Tropen, zum Theil mit herrlichen Blüthen und sogar ein Stück „Urwald“ kann man hier bewundern; nicht minder Orchideen und alle Blumen des Südens.

Es ist schwer zu sagen, worin für uns der Zauber der tropischen Vegetation liegt. Schmarda, ein feiner Naturbeobachter, stellte fünf Punkte zusammen: die massenhafte Entwicklung des Laubes, die grosse Mannigfaltigkeit in der Form, der Mangel geselliger Bäume, das kräftige Grün und die hellen Lichtreflexe der glatten, spiegelnden Flächen.

150 Acres oder 60 Hektaren bedeckt der Garten, der parkartig gehalten und an drei Seiten von der Krümmung des Mahaweli-Flusses umgeben ist. Seit 1830 besteht der botanische Garten zu Peradenia, nachdem ein solcher zuerst 1799 bei Colombo gegründet worden. Das Museum und das Denkmal für Dr. Gardner verdienen besichtigt zu werden. Nach seiner Schätzung dürfte Ceylon 5000 Arten von Gefässpflanzen besitzen, also mehr als ganz Deutschland. Dr. Thwaites, der vorletzte Director des Gartens, hat 1864 eine Flora von Ceylon herausgegeben, in welcher 3000 verschiedene Arten von Gefässpflanzen beschrieben sind. Der jetzige Leiter des Garten, Dr. Trimen, hat einen Catalog der Pflanzen des Gartens veröffentlicht; mit einer vollständigen Beschreibung ist er noch beschäftigt.

Merkwürdig scheint nur, dass von dieser ausgezeichneten Gelegenheit zu botanischem Studium, welche der Garten zu Peradenia liefert,[S. 295] kein genügender Gebrauch gemacht wird. Ich fand daselbst keinen Studenten, keinen jungen Forscher. Und doch eignet er sich zu einer botanischen Station, gradeso wie der blaue Golf von Neapel zu einer zoologischen, welche daselbst durch die Thatkraft unsres Landsmanns Prof. Dohrn in’s Leben gerufen worden. Dies ist übrigens schon von einem auf diesem Gebiet maassgebenden Forscher, von Professor Häckel, hervorgehoben worden. Aber neben dem Forschen müsste auch das Lehren betrieben und hierselbst eine landwirthschaftliche Hochschule nach deutschem Muster, wenngleich wohl mit geringeren Ansprüchen, gegründet werden, wo die schwierigen Aufgaben der Thee-, Kaffe-, Cacao-Pflanzung wissenschaftlich erläutert und dargelegt werden könnten. Praktisch kann man die tropische Pflanzung nirgends in der Welt besser erlernen, als auf Ceylon.


Brief aus Kandy, 11. November 1892.
Das Paradies war hier, wo jetzt ich weile.
Das glauben Hindu und Buddhisten,
Mohammedaner, Juden, Christen,
Und schrieben davon manche Zeile.
Gar vieles stimmt, wenn ich es recht bedenke:
Des Himmels Pracht, der Erde üpp’ge Fülle,
Des Paradieses Feig’ in gelber Hülle;
Mühlos erwirbt man der Natur Geschenke.
Auch Schlangen sah ich hier. Was soll ich reden?
Ich glaub’, ich bin mit einem Fuss im Paradiese,
Und trotz’ dem Engel, der mich d’raus verwiese.
Und doch ist’s falsch. Es fehlt — das Weib in Eden.

Nuwara Eliya.

Sonntag, den 13. November, Vormittags 10h 45′, fuhr ich mit der Eisenbahn[359] südwärts und bergauf nach Nanu-Oya, 53 englische Meilen in 5¼ Stunden, und von da im Postwagen[360] nach Nuwara Eliya, 5 englische Meilen in 1 Stunde.

Entzückend ist von der Eisenbahn aus, die dem Oberlauf des Mahaweli-Flusses folgt, der Rückblick auf Kandy mit seinen Palmenpflanzungen und den umgebenden Bergen; ganz herrlich der Pflanzen[S. 296]wuchs zu den Seiten der Bahn. In der Höhe[361] von 2000 Fuss über dem Meere erblickt man, im November, blühende Rosen, Camelien, Chrysanthemum, stattliche Palmen und Bananen, sodann Theepflanzungen, ferner in einigem Abstand terrassenförmig angelegte Reisfelder, die in hellstem Grün prangen, endlich noch weiter ab die undurchdringlichen Gestrüpp-Wälder. Die hohen Berge der Nachbarschaft sind bis zur Spitze grün bewaldet. In der Höhe von 4000 Fuss hören die Palmen[362] auf, die Bananen noch nicht gleich. Alöe[363] bildet mächtige Hecken längs der ganzen Eisenbahnstrasse. Aber es sind nicht die kleinen Büschel, die wir aus unseren Gärten, oder die grösseren, die wir von Neapel und Sicilien kennen; sondern gewaltige, umgekehrte Pyramiden, aus deren Mitte der Blüthenschaft, einem Baumstamm gleich, emporragt. Der Mahaweli wird reissender, seine Ufer schroffer und steiler, die malerischen Schluchten öfters mit üppigem Dschungel besetzt. Die Haupt-Haltepunkte sind Gampola und Hatton, beide berühmt durch Theepflanzungen.

Diese nehmen zu, je höher wir steigen, und erstrecken sich, soweit der Blick reicht, nur unterbrochen von den Bungalow der Besitzer, ihren Maschinen-Häusern oder Factoreien, und kleinen Gruppen von Hütten, in denen die Tamilen, die Arbeiter der Pflanzungen, mit Weib und Kind hausen.

Von weitem sieht die Theepflanzung fast wie ein Weinberg aus. Die einzelnen Sträucher sind durch Zwischenräume von einander getrennt. Die neuen Pflanzungen erinnern vielfach an die Weizenfelder, die ich in Oregon und Canada gesehen: Stümpfe verbrannter Bäume sind inmitten stehen geblieben, da die Ausrodung zu mühsam und kostspielig schien, und grosse Steine liegen zwischen den Sträuchern. Hier und da sieht man auch noch eine vereinzelte Kaffe-Pflanzung.


Ich war in einen Wagen voll junger Theepflanzer gerathen. Es sind ganz tüchtige und angenehme Leute. Man sieht und hört ihnen an, dass sie thätig sind und ihr Fach verstehen. Gegen den Fremden sind sie zuvorkommend und mittheilsam. Die Missionäre werfen ihnen vor, dass viele von ihnen schwarze Frauen auf Zeit heirathen. John[S. 297] Ferguson räth dem Vater, der einen jüngeren Sohn nach Ceylon sendet, auch eine Tochter mitzuschicken; and then, when planters laid the foundation of pecuniary independence, sisters would be exchanged.

Aus dem Munde meiner Reisegefährten hörte ich von Neuem, was ich schon öfters gehört und seither noch genauer gelesen, die merkwürdige Geschichte der Pflanzungen in Ceylon, welche die Aufmerksamkeit des deutschen Lesers um so eher verdient, als wir ja in den letzten Jahren gleichfalls überseeische Colonien gewonnen haben, deren Geschichte noch im Werden begriffen ist.

Vor 12–15 Jahren war Kaffe der Hauptausfuhrgegenstand Ceylon’s. Der immergrüne Kaffe-Baum (Kawah der Araber, Coffea arabica des Linné) stammt aus Ostafrika (Kaffa in Abessinien) und war seit alter Zeit in Arabien (Yemen) bekannt. Aber das anregende Kaffe-Getränk ist weder dort noch sonst irgendwo vor dem Anfang des 15. Jahrhunderts n. Chr. erwähnt worden. Die wirksamen Stoffe sind bekanntlich das Coffeïn, welches zu 0,8 bis 1,2 Procent in den lufttrocknen Bohnen enthalten ist und ebenfalls im Thee vorkommt, ferner Röststoffe, Gerbsäure, ein eigenthümliches flüchtiges Oel. Kaffe erregt das Nervensystem; das Herz schlägt kräftiger, das Blut kreist schneller. Die Araber sollen die Kaffe-Pflanze früh nach Indien und Ceylon gebracht, die Singhalesen aber nicht die Bohnen (Samen), sondern nur die Blätter zum Würzen des Reis und die Blüthen zum Tempelschmuck benutzt haben. Doch hat Dr. Trimen, Leiter des botanischen Gartens zu Peradenia, nachgewiesen, dass im tropischen Asien die Kaffepflanze völlig unbekannt geblieben, bis der Generalgouverneur der holländisch-ostindischen Gesellschaft, van Horn, im Jahre 1690 von arabischen Händlern Samen erhielt und dieselben in Batavia auf Java[364] anpflanzte. In demselben Jahre verpflanzten die Holländer den Kaffe auch nach Ceylon. Aber da sie den Anbau hier auf die flache Gegend beschränkten, so stieg ihre Ausfuhr nie über 1000 Centner im Jahr; und im Jahre 1739 gaben sie den Kaffe-Anbau auf Ceylon gänzlich wieder auf, um nicht den Alleinhandel Java’s zu beeinträchtigen.

Doch die Singhalesen setzten den Anbau fort, nachdem sie den Handelswerth der Waare kennen gelernt; die Mohren sammelten die Ernten der Dörfer und brachten das Erzeugniss nach Colombo und[S. 298] Galle. Im Jahre 1810 wurden 2170 Centner Kaffe aus Ceylon ausgeführt. Noch heute unterscheidet der Handel zwei Arten von Ceylon-Kaffe: 1) Nativa, 2) Pflanzer-Kaffe.

Als die Engländer 1815 Kandy besetzten, fanden sie dort einige Kaffe-Gärten und einzelne Kaffe-Bäume in der Nähe der Tempel.

Sowie der schöpferische Sir Edward Barnes seine Strasse von Colombo nach der Hügelgegend gangbar gemacht, gründete er 1825 die erste[365] Höhen-Pflanzung von Kaffe-Bäumen in seiner eignen Besitzung bei Peradenia.

Das Beispiel fand Nachahmung. Die Zeit war sehr günstig. Herabsetzung des Kaffe-Zoll’s auf die Hälfte verdoppelte den Verbrauch[366] in England binnen drei Jahren; die Freilassung der Sklaven verminderte den Ertrag Westindiens.[367]

Schon im nächsten Jahre wurden 4000 Acres (= 1600 ha) Wald gefällt[368] und mit Kaffe bepflanzt; und bald überstieg der jährliche Verkauf von Kronland den Betrag von 40000 Acres.

So wurde in einem Menschenalter aus dem Militärposten Ceylon eine unternehmende Ackerbau-Colonie. Alle Hügel von Kandy bedeckten sich mit Kaffe-Pflanzungen; die letzteren stiegen empor bis Nuwara Eliya (6000 Fuss über dem Meeresspiegel) und bis an die Grundfläche des Kegels vom Adams-Pik.

Für uns Deutsche ist es besonders nützlich zu beherzigen, wieviel Weisheit seitens der Regierung, und wieviel Untemehmungskraft und Geldaufwendung seitens der Bürger zusammenkommen mussten, um solche Erfolge zu zeitigen.

Die ersten Pioniere, hauptsächlich hartköpfige Schotten, lebten in Blockhäusern inmitten der pfadlosen Wildniss; bald aber entstanden behagliche Bungalow und fahrbare Strassen; die wilden Elephanten und Leoparden wichen in’s Innere der Waldgegend zurück. Im Jahre 1837 betrug die Ausfuhr an Kaffe aus Ceylon 30000 Centner. Dann wurde das „westindische System“ von Robert Boyd Tytler, dem „Vater der Kaffe-[S. 299]Pflanzer“, eingeführt und 1845 die Ausfuhr bis auf 200000 Centner gesteigert. In diesem Jahre erreichte die Kaffe-Begeisterung den Gipfel. Ehemalige Gouverneure sowie noch thätige Richter, Geistliche, Beamte, nicht bloss aus Ceylon, sondern auch aus Ostindien, englische Capitalisten, — Alles kaufte Kronland und barg Gold in den Boden mit derselben Wuth, mit der man es aus dem Boden drei Jahre später in Californien herauszuscharren suchte. Angeblich 100 Millionen Mark wurden in wenigen Jahren aufgewendet und — grossentheils verloren.

Plötzlich kam die Geld-Knappheit von 1845 in England, ferner die Aufhebung des Schutzzolles gegen Java und Brasilien. Eine unglaubliche Bestürzung folgte. Land wurde zu einem Zwanzigstel des Erwerbspreises wieder angeboten; ja ein Zehntel aller Pflanzungen, da sie nicht behauptet werden konnten und unverkäuflich blieben, ganz verlassen und der wieder vordringenden Ueberwaldung preisgegeben.

Allmählich trat Gesundung der Verhältnisse ein.[369] Man lernte den Boden auszuwählen, sparsam und ordentlich zu wirthschaften, mit vernünftiger Düngung, Beseitigung schädlicher Insecten, und überwand die Schwierigkeit, Tamil-Arbeiter von Malabar und Coromandel herbeizuziehen. 1857 waren in 404 Pflanzungen 80000 Acres (= 32000 ha) unter Kaffe-Cultur und lieferten, bei Verwendung von 129000 Tamilen, jährlich 347000 Centner Kaffe. Dazu kamen noch 160000 Centner der Eingeborenen, denn die Singhalesen folgten dem Beispiel der Engländer. So kam ein zweiter Zeitabschnitt des Glückes, ja schliesslich des Uebermuthes. Der Werth der jährlichen Kaffe-Ausfuhr, der 1827 £ 107000, 1857 £ 1700000 betragen hatte, stieg 1868, 1869, 1870 auf £ 4000000 (für 1 Million Centner Kaffe)! Die jüngeren Söhne, welche einige tausend Pfund Sterling besassen und dem Busch von Australien sowie dem Hinterland von Canada das romantische und dabei gewinnreiche Leben in der Hügelgegend der schönen Insel vorzogen, kamen aus England und Schottland und lebten in Ceylon wie die Fürsten. 176000 Acres (= 70400 ha) waren von den Pflanzern mit Kaffe bestellt, der Acre brachte 5 Centner, oder einen Gewinn von 7–10 £, d. h. 20–25 Procent des aufgewendeten Capitals.

1869 schienen die Aussichten ganz besonders glänzend sich zu gestalten. Da kam das Unheil. Es war ein unsichtbarer Feind,[S. 300] ein mikroskopischer Rostpilz, der die Blätter des Kaffebaumes angriff und gewaltigen Schaden anrichtete, die kostbaren Bäume in Brennholz verwandelte, das ich noch in grossen Haufen auf den Bergen liegen sah, und den Werth der Kaffe-Ausfuhr rasch auf ein Fünftel verringerte. Dieser Pilz (Hemileja vastatrix, Uredineae) ist zuerst in Ceylon auf Kaffebaumblättern beobachtet und von Berkley und Broome in Gardener’s Chronicle (1869, S. 1157) beschrieben worden. Nach Dr. Thwaites, der vergeblich seine warnende Stimme erhob, aber von den Pflanzern verlacht wurde, ist der Pilz einer ceylonischen Dschungel-Pflanze eigenthümlich und hat sich dann, als er auf den Kaffeblättern so gut fortkam, in ungemessener Weise ausgebreitet. Später ist dieser Pilz auch in Mysore, Tonkin, Java, Sumatra zum Verdruss der Kaffepflanzer beobachtet worden, aber nicht in Brasilien.

Anfangs hatten die Pflanzer der Kaffeblatt-Krankheit (Coffee leave disease) keine besondere Bedeutung beigelegt und sogar wegen der steigenden Kaffe-Preise den Anbau um 50 Procent ausgedehnt. Aber die jungen Pflanzungen, welche 1870 bis 1874 unter Aufwendung von £ 3000000 bestellt wurden, gingen fast gänzlich zu Grunde. Die Blätter bedeckten sich mit orangerothen Flecken, fielen ab, der Baum ging zu Grunde. Kein Mittel half.

Der berühmte Botaniker Dr. Marshall Ward, der im Auftrage der Regierung zwei Jahre auf Ceylon verweilte, um die Kaffeblatt-Krankheit zu ergründen und womöglich zu heilen, wurde von den Pflanzern auf das heftigste angegriffen, da ihm die Heilung nicht gelang.

1878 wurden noch 825000 Centner Kaffe ausgeführt, 1888 nur 140000![370]

Viele Pflanzer wurden gänzlich zu Grunde gerichtet. Aber die Verwirrung war doch nicht so gross, wie 1845. Die Gläubiger waren vernünftig genug, auf ihre Zinsen lieber für einige Jahre zu verzichten, als durch Unerbittlichkeit die ganze Grundschuld auf einmal zu verlieren. Man muss bedenken, dass solch’ eine Pflanzung[S. 301] £ 10000 werth ist. Das versicherten mir meine Reisegefährten im Eisenbahnwagen, das las ich später in Tennent’s Darstellung der früheren Verhältnisse.

Die Pflanzer waren muthig genug, sofort eine neue Thätigkeit zu unternehmen. Sowie man einsah, dass die Kaffebäume verloren seien, wurden sie gefällt, um andern Pflanzungen Raum zu geben. 1878 waren 275000 Acres (= 110000 ha) mit Kaffe bepflanzt, die höchste Ziffer, die erreicht worden ist; 1893 nur noch 35000 Acres (= 14000 ha). Die Ausfuhr an Kaffe beträgt nicht mehr 1 Million Centner, sondern den fünfzehnten Theil davon. Die Natur straft Einseitigkeit durch Krankheit; das Heilmittel liegt im Wechsel und in der Mannigfaltigkeit; die neuen Anpflanzungen sind Thee, Cinchona, Cacao.

Der immergrüne Theestrauch (Thea) scheint aus Assam zu stammen. Die wirksamen Stoffe des Thees sind Koffeïn (= Theïn) und ätherisches Oel. Thee erregt das Nervensystem. In China und Japan ist das Theetrinken schon im 8. Jahrhundert n. Chr. bekannt gewesen, nach Europa kam es um die Mitte des 17. Jahrhunderts.

Ceylon scheint für die Theepflanzung sehr geeignet, da in den Niederungen des Westens und Südwestens sowie in der Hügelgegend fast kein Monat ohne Regen bleibt, und die Abwechselung der tropischen Sonne mit der Befeuchtung dem blattbildenden Theestrauch sehr förderlich ist. Die Blatternte erstreckt sich auf sechs und selbst auf neun Monate. Dazu gedeiht der Theestrauch von den Hügeln ab, die wenige hundert Fuss über dem Meeresspiegel emporragen, bis zur Höhe von Nuwara Eliya und darüber, d. h. bis zu der Erhebung von 6000 und selbst 7000 Fuss. 1873 waren 250 Acres mit Thee bepflanzt, 1883 schon 35000, 1887 aber 150000 und 1893 endlich 255000 Acres, das sind über 100000 Hektaren.

Die Ausfuhr von Thee aus Ceylon betrug 1876 ganze 23 Pfund, 1886 an 8 Millionen Pfund, 1892 an 78 Millionen Pfund. Das ist schon ein ansehnlicher Theil, vielleicht ein Siebentel der gesammten Ausfuhr der Erde.[371] Von dem Ceylon-Thee gelangten 1891 nach Deutschland 92000 Pfund, nach England 63 Millionen. In England ist von 1869 bis 1888 der jährliche Verbrauch von 3,63 Pfund auf[S. 302] 4,95 für den Kopf der Bevölkerung gestiegen, der von Kaffe gesunken von 0,94 Pfund auf 0,82 Pfund.

Der Ceylon-Thee scheint mir vortrefflich, sehr rein gehalten, von feinstem Duft und Geschmack, so dass ich den deutschen Hausfrauen schon empfehlen möchte, einen Versuch damit zu machen.

Unter den Pflanzern Ceylons hat sich eine grosse Gesellschaft[372] gebildet, um durch Zusammenwirken den Weltmarkt zu erobern. Von den Theepflanzungen hängt die Zukunft der Colonie ab. Die ganze Atmosphäre von Ceylon ist gewissermaassen mit Thee gesättigt.

Uebrigens ist für die Entwicklung der Colonie die Pflanzung von Thee günstiger, als die von Kaffe. Sie wirft zwar den grossen Pflanzern[373] weniger ab, aber sie beschäftigt die doppelte Zahl von Händen. Die Arbeitslöhne, die man zur Zeit zahlte, schwankten zwischen 35 und 60 Cts.,[374] nach meinen Gewährsmännern; damit können die genügsamen Tamilen gut auskommen.

Die Regierung begünstigt ihre Einwanderung von der Malabar- und Coromandel-Küste durch sehr billige Fahrsätze auf den ihr gehörigen Eisenbahnen und den anschliessenden Dampfern. In Südindien leben viele Millionen, deren Einkommen angeblich (?) für die Familie von etwa fünf Köpfen 1½ Shilling im Monat kaum übersteigt. Für diese ist Ceylon das gelobte Land, da die Familie wöchentlich 6 bis 8 Shilling verdienen und fast die Hälfte ersparen kann. Kein Wunder, dass die Zahl der Einwohner Ceylons durch die Pflanzungen auf das doppelte, die Einfuhr von Baumwollenstoff auf das fünffache, die von Nährstoffen auf das zehnfache angestiegen ist.

Ein grosser Theil dieser Arbeiterbevölkerung ist wechselnd; nach Vollendung der Arbeit kehren sie mit ihren Ersparnissen nach ihrer Heimath, d. h. nach dem Festland, zurück. Ein Theil aber macht sich sesshaft, namentlich da, wo die hochmögenden Herren Pflanzer ihnen ordentliche Hütten bauen und für ihr Wohlergehen Sorge tragen.

Die Aufschriften an jedem Halteplatz unserer Eisenbahnlinie sind dreisprachig: englisch, singhalesisch und tamil.

[S. 303]

Cacao (Theobroma[375] Cacao) ist ein aus Amerika stammender Baum von nicht erheblicher Grösse, dessen längliche (10–20 Centimeter lange, 5–7 Centimeter breite), röthliche, nach dem Trocknen braune Frucht in einem Muss die Samen oder Bohnen enthält, welche, geröstet und zerrieben, den Cacao, noch dazu mit Zucker und Gewürz versetzt, die Chocolade geben. Das Wort ist mexicanisch, von Choco, d. i. Cacao, und latl = Wasser. Die Spanier fanden 1519 den Gebrauch der Chocolade bei den Mexicanern vor und brachten denselben nach Europa; im 17. Jahrhundert kam er nach Italien, Frankreich, England, Deutschland. Bontekoe, der Leibarzt unsres grossen Kurfürsten, hat bereits 1667 das Lob der Chocolade verkündigt.

Die Cacaobohnen enthalten Fett, Stärke, Zucker, Eiweiss und das Theobromin, welches seiner Zusammensetzung nach dem Koffeïn sehr ähnlich ist.

Der Anbau des Cacaobaumes erfordert grosse Sorgfalt. Auf dem Wege von Kandy nach Matale sah ich viele Pflanzungen und lernte einen Pflanzer kennen, der die Ackerbau-Chemie unsres Liebig in englischer Uebersetzung eifrigst studirte.

Im Jahre 1886 hat Ceylon bereits für 40000 £ Cacao ausgeführt; 1878 betrug die Ausfuhr 10 Centner, 1891 aber 20000. (Die Ernte der ganzen Erde an Cacao beträgt jährlich etwa 870000 Centner.) 12000 Acres (= 4800 ha) sind auf Ceylon mit Cacao bepflanzt. Die Cacaopflanzungen können keine so grosse Ausdehnung auf Ceylon erfahren, da sie beträchtliche Dicke guten Bodens in mittlerer Höhe und sehr gute, windgeschützte Lage erfordern.

Mit Cinchona, dem immergrünen China- oder Fieberrindenbaum[376] aus den Cordilleren des tropischen Südamerika, waren 1872 erst 500 Acres auf Ceylon bepflanzt, 1877 schon 6000, 1883 aber, nachdem seit 1879 der Misserfolg des Kaffe ausser Zweifel stand, bereits 60000 Acres = 24000 ha. Aber die gewaltige Ausfuhr von China-Rinde aus Ceylon (15 Millionen Pfund im Jahre 1887 gegen 11000 im Jahre 1872) bewirkte einen plötzlichen Preissturz (auf 1 Shilling für die Unze = 30 Gramm[377] Chinin, von 12 Shilling), der[S. 304] für die Leidenden zwar sehr glücklich, aber für die Pflanzer höchst unangenehm war, so dass sie den Anbau von Cinchona wieder theilweise durch den von Thee ersetzten. Im Jahre 1891 war die Ausfuhr von China-Rinde wieder auf 5½ Millionen Pfund gefallen.

Dazu kommt der Wettbewerb von Java, dessen Rinde weit gehaltvoller ist.[378] Immerhin bildet Cinchona eine Ergänzung der Haupterzeugnisse des ceylonischen Pflanzers.


Nuwara Eliya[379] wurde 1826 von englischen Officieren auf der Elephanten-Jagd entdeckt und 1829 bereits von Sir William Barnes zu einer Heil- und Erholungs-Stätte für die Soldaten gemacht. In der That ist der Ort ein Paradies für die in den Tropen lebenden Europäer; die Höhe misst 6200 Fuss über dem Meer, die Temperatur schwankt zwischen + 2° und 21° C. (selbst + 26°) und beträgt im Mittel 13½ bis 15° C. Es giebt für die in Colombo lebenden Europäer kein grösseres Vergnügen, als die Gluthhitze des Tages und die erstickenden Nächte der Ebene zu verlassen und nach einer kurzen Tagesreise von weniger als 100 englischen Meilen in lieblicher und dabei grossartiger Gegend „ein Fleckchen Europa, das in Asien lächelt“, und ein nordisches Haus zu finden, unter wollener Decke zu schlafen und des Morgens vielleicht gar eine Spur von Eis im gefüllten Waschbecken zu entdecken.

Das Grand Hotel von Nuwara Eliya preist sich selber als das schöngelegene Curhaus von Ceylon und druckt einen Brief ab von dem früheren Gouverneur der Insel (Sir William H. Gregory), nach dem die Verpflegung gut und die Rechnung sehr mässig sei.

Es gelingt ihm auch, eine leidliche Zahl heissgesottener Kaufleute und Beamte mit Frauen und Kindern aus Colombo, Südindien und selbst aus Rangoon anzuziehen und zu fesseln, denen das „englisch kühle“ Klima behagt und Abends der lauschige Sitz am prasselnden Kaminfeuer, — das ich, auf meiner Reise, zum ersten Mal seit[S. 305] Banff im canadischen Felsengebirge wieder antraf. Aber die Aehnlichkeit mit England oder mittleren Höhen der Schweiz ist wichtiger für die in Südasien lebenden Europäer, als für die Durchreisenden.

Allerdings liegt das Haus recht schön, in der Hochebene, auf deren Gras fette Kühe (in Asien ein seltner Anblick) weiden, deren Wege mit gut gepflegten, auch europäischen Bäumen bepflanzt sind und überall Eingänge und Einfahrten zu Gärten mit hübschen Landhäusern enthalten; aus der Halle schweift der Blick über einen stattlichen, künstlichen See (Lake Gregory) zu fernen Bergen, namentlich dem Hakkagalla; die ganze Hochebene wird überragt von dem höchsten Berge der Insel, dem Pedurutallagalla.

Das Gasthaus ist einstöckig, einfach gebaut, aber sehr gut ausgestattet; Betten und Möbel besser, als ich sie sonst in Asien, mit Ausnahme von Tokyo, gefunden. Aber billig[380] ist es nicht, und die Gerichte so winzig für einen gesunden Magen, dass der Kellner, der mein Missvergnügen merkte, Käse und sonstigen Nachtisch noch einmal reichte.

Die Gesellschaft war nicht nach meinem Geschmack. Selbstsüchtiges Protzenthum ist für den Reisenden nicht anziehend, sogar als Beobachtungsgegenstand eher langweilig. Damen, welche ihren daheim schon fragwürdigen Geschmack in Asien erst recht abenteuerlich ausgestaltet haben und Tigerzähne, in Gold und Edelstein gefasst, als Halskette auf rothseidnem, gesticktem Gewand tragen, pflegen mich nicht zur Unterhaltung anzuregen.

Am nächsten Morgen ganz früh ging[381] ich, unter Führung eines einheimischen Knaben, auf den Gipfel des Pedurutallagalla,[382] des höchsten Berges in Ceylon, der 8295 Fuss über dem Meeresspiegel, 2095 Fuss über dem Gasthaus emporragt und 3 englische Meilen von dem letzteren entfernt ist. Es ist „ein Gneisdom, ein ungeheurer, waldbedeckter Maulwurfshügel“.

Da ich den berühmteren Adams-Pik wegen der Jahreszeit nicht besteigen konnte, so wollte ich wenigstens den ersteren nicht versäumen.

Der Weg führt zunächst durch die Ebene, vorbei an dem Wohn[S. 306]sitz der Eingeborenen, dem sogenannten Markt (Bazar), wo wieder verschiedene englische Kirchen und Secten den Wettbewerb um die Seelen der Heiden betreiben, und steigt dann empor zu einem dichten, schattigen Wald mit zwitschernden Vögeln und murmelnden Bächen, wie wir ihn in den Bergen des Harzes oder in der Schweiz so oft mit Entzücken durchwandern.

Nur Laubbäume sind zu sehen. Nadelhölzer kommen auf Ceylon nicht in Wäldern vor, sondern nur in künstlichen Anpflanzungen, z. B. in dem Garten von Hakkagalla.

Besonders bemerkenswerth sind die Himalaya-Fichten von Piniengestalt mit ganz schmalen Blättern und eine stattliche, 30 Fuss hohe Art von Rosenbaum[383] mit dunkelrothen Blüthen. Die Baumäste sind mit fusslang herabhängenden Moosbärten geschmückt; einzelne Bäume sehen so aus, als wären sie von oben bis unten in dunklen Pelz gekleidet. Das Gebüsch zur Seite des Weges ist mannshoch, breitblättrig, undurchdringlich, ein förmlicher Urwald.

Es ist völlig einsam. Mein Führer schweigt theils aus Schüchternheit, theils aus Unkenntniss der englischen Sprache. So konnte ich ungestört der Beobachtung und Empfindung mich hingeben.

Man liest in Reisebüchern die Behauptung, dass in den Tropen der Wald nicht so poetisch sei, wie in unserm Vaterland. Aber der Wald ist seelenlos, hier wie dort; die Empfindung legen wir erst hinein und müssen sie in uns tragen.

Binnen zwei Stunden war ich auf dem Gipfel angelangt und hatte dort oben eine herrliche Aussicht auf das friedlich grüne Thal in der Tiefe mit dem kleinen Gregory-See und den schmucken Häusern, aus deren Schornsteinen der Morgen-Rauch emporwirbelte. Rings um das Thal lag dichter Nebel. Von der Ost- und West-Küste[384], vom Adams-Pik sowie von der geographischen Uebersicht eines grossen Theiles der Insel war nichts zu sehen. Bald überzieht der aufsteigende Nebel das ganze Bild; für kurze Zeit dringt die Sonne wieder durch, der Wind jagt den Nebel in Fetzen dicht bei mir vorbei, ich sehe den See, aber nicht lange. So blieb ich hier in völliger Einsamkeit mit summenden Bienen, wie einst auf Cap Sunion in Attika und wie auf Monte Pellegrino in Sicilien, bei dem kopflosen Standbild der heiligen Rosalia. Solche Erinnerungen sind unvergesslich.

[S. 307]

In 1½ Stunden stieg ich hinab. Das Frühstück schmeckte vortrefflich, ebenso ein Fläschchen Pilsener Bier[385] und ein Mittagsschläfchen, das ich ausnahmsweise, nach dem Spaziergang in den Tropen, mir gönnte.

Nachmittags fuhr ich im Wagen[386] nach dem botanischen Garten der Regierung, der in Hakkagalla liegt, 6 englische Meilen südöstlich von Nuwara Eliya und 800 Fuss tiefer. Der Weg ist sehr angenehm, für die ersten 2 Meilen führt er längs der Südwestseite des See’s, dann vorbei an der berühmten, 50 Jahre alten Farm von Sir S. Baker und schliesslich bergab durch eine enge waldige, mit prächtigen Baumfarn besetzte Schlucht, die plötzlich vor dem Garten sich erweitert und dem erstaunten Blick die ungeheuren welligen Grasebenen und die fernen Berge der Südprovinz Uva zeigt. Dicht vor uns steht der zweigipflige Hakkagalla, d. h. Unterkiefer-Berg. Im Garten führte mich erst ein singhalesischer Gehilfe, der das Gymnasium durchgemacht, sogar griechisch gelernt, aber über die Ableitung des auf meiner Besuchs-Karte befindlichen Wortes Ophthalmology[387] rathlos grübelte, dann der Director selber, Herr Nock, der mir alles auf das freundlichste zeigte, vor allem die ebenso mächtigen wie anmuthigen Baumfarn,[388] die der Unkundige so leicht für Palmen hält, und mir auseinandersetzte, wie dieser Garten hauptsächlich zu Versuchen bestimmt sei und z. B. für die Einbürgerung des Fieberrindenbaumes in Ceylon das Wichtigste geleistet habe.

An den Wegen fand ich hier besonders reichlich eine kleine Bekannte aus der Studienzeit, d. h. aus dem Jahre 1862, die keusche Mimose,[389] die bei der Berührung ihre Aestchen und Blätter zusammenklappt, deren Bewegungsformen unser Professor du Bois-Reymond in seinen Vorlesungen über Physiologie gründlich zu erörtern pflegt.

Herr Nock nöthigte mich in sein Haus, stellte mir seine Frau vor und die beiden kleineren Kinder, — die grösseren waren natürlich in England zur Erziehung und zur Gesundung; er bewirthete mich mit Bier und mit guten Rathschlägen, indem er mir von dem Besuch der Grasebenen (Horton plains) abrieth und Anuradhapura dringend anempfahl. Auf seinem Tisch lag Ceylon von Ferguson und Häckel’s indische Reisebriefe in englischer Uebersetzung.

[S. 308]

Mit Vergnügen erinnerte er sich an den Besuch unsres berühmten Landsmanns, der 1882 hier gewesen;[390] und Jeder wird ihm beipflichten, dem es einmal, wie mir, vergönnt gewesen, den deutschen Darwin in der Musenstadt Jena aufzusuchen. Aber das Buch von Häckel wird merkwürdiger Weise in Ceylon abfällig, ja spöttisch beurtheilt, und zwar ebenso von Deutschen wie von Engländern. Statt die grossen Vorzüge und die bewunderungswürdigen Naturschilderungen anzuerkennen, klammern sie sich, um ihm die Genauigkeit der Beobachtung abzusprechen, an eine Bemerkung, die eigentlich wohl ein Witz sein soll und vielleicht gar nicht ernst gemeint ist,[391] — vom Schlangen-Klein in der Reis-Würze.

„Babua (der Koch) schien zu ahnen, dass für mich als Zoologen alle Thierklassen ein gewisses Interesse darböten, und dass daher auch deren Verwendbarkeit für den Cörry ein wichtiges zoologisches Problem sei. Montags waren die Wirbelthiere durch delicaten Fisch im Cörry vertreten... Sonntags erschien bisweilen auch eine Schlange, die ich für einen Aal hielt.“

Seltsamer Weise spricht auch Hildebrandt (Reise um die Erde, Berlin 1879, I, 44) vom Schlangen-Gericht auf Ceylon.

„An der Mittagstafel des Hotels (zu Point de Galle) habe ich heute ein neues Gericht kennen gelernt: gesottene und geröstete Schlangen. Sie wurden in der Suppe gekocht und gebraten servirt; ihr Wohlgeschmack liess sich nicht leugnen. Anfangs hielt ich die kleinen Stücke für Aal, bis mich die grössere Härte eines Besseren belehrte.“ Ueberzeugend ist diese Beweisführung keineswegs. Vielleicht ist es ein vom Herausgeber Kossak missverstandener Witz des Reisenden.

Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass zum Reis Würzen (curry)[392] aus pflanzlichen (und auch aus thierischen) Theilen gemischt werden, und zwar milde, d. h. solche, die weniger brennen, und scharfe,[393] die uns fast unerträglich sind. Curry war schon im 2. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch, nach der singhalesischen Chronik Rajavati; im 5. Jahrhundert n. Chr. nach Mahawanso. Der gewöhnliche Curry der Singhalesen besteht aus rothem Pfeffer, Zwiebeln, Kern der Kokosnuss, dessen Oel die Schärfe ein wenig mildert, und wird mit Pflanzenblättern (von Memecylon) gelb gefärbt. Für die Europäer fügen sie noch Fisch[S. 309] oder Hühnerfleisch oder Eier hinzu und wählen danach den Namen, z. B. Hühner-Curry. Doch war es mir manchmal fast unmöglich, mit dem Auge oder mit der Zunge diese Beimengung zu entdecken.


Nach Anuradhapura.

Bereits am nächsten Morgen (Dienstag, den 15. November) führte ich den Rath des Herrn Nock aus und fuhr nach der alten Ruinenstadt in der nördlichen Centralprovinz von Ceylon. (North Central Province.)

Die letztere ist eine neue Gründung in dem vorher öden Landgürtel zwischen Singhalesen- und Tamil-Gegend; durch Wiederherstellung der alten Teiche und Bewässerungen haben die Engländer hier die Ansiedlung einer reisbauenden Singhalesen-Bevölkerung (jetzt 74000) in’s Leben gerufen.

Die Schwierigkeiten der Reise sind in der letzten Zeit erheblich verringert worden und werden in den schwärzesten Farben nur von denen dargestellt, welche aus irgend einem Grunde den Ausflug nicht gemacht haben.

Zuerst fahre ich Morgens ganz früh mit dem Postwagen von Nuwara Eliya durch die üppig bewachsene Schlucht bergab nach Nanu-Oya und von da mit der Eisenbahn nach Kandy.

Auf der letzteren Strecke wird der Adams-Pik in seiner vollen Schönheit sichtbar. Der Spitzkegel starrt frei empor in den blauen Himmel; nur zeitweilig ist die höchste Spitze von einer dichten Wolke verhüllt. Um diese Jahreszeit regnet es auf dem Gipfel fast unablässig; eine Besteigung ist unmöglich, kein Mensch weilt oben. Da aber der Adams-Pik die Landmarke von Ceylon darstellt, so muss ich doch, der Vollständigkeit halber, die Merkwürdigkeiten dieses berühmten Berges andeuten.

Schon die Ureinwohner der Insel haben diesen steil emporragenden Fels verehrt; die Aushöhlung auf der Spitze ist nach den Brahmanen der Fusstapfen von Shiva, nach den Buddhisten der von Buddha, nach den christlichen Gnostikern und den Mohammedanern der von Adam. Buddhistische Priester sind Wächter des heiligen Fusstapfens (sripada[394]); aber die Gläubigen aller Bekenntnisse beten hier in frommer Verträglichkeit, nicht in heftigem Streit, wie die lateinischen und griechischen Christen am heiligen Grabe zu Jerusalem.

[S. 310]

Eingehauene Stufen und eiserne Ketten, die sehr alt sind, ermöglichen die Ersteigung der letzten, steilsten Partie des Kegels. Auf dem ganz schmalen Gipfel ist über der natürlichen Vertiefung von 1,45 Meter Länge, 0,5 Meter Breite und 0,05 Meter Tiefe, welche durch menschliche Nachhilfe die Gestalt eines Fusstapfens erhalten, eine offene Säulenhalle mit Schutzdach errichtet. Mindestens seit 1000 Jahren wird der Gipfel von Pilgern regelmässig besucht. Die Erhebung beträgt nur 2260 Meter (etwa 7353 englische Fuss) über dem Meeresspiegel; aber die Aussicht gehört zu den grossartigsten der Erde, da nur sehr wenige Berge diesen unbeschränkten Blick bieten. Die beiden Sarrasin hatten das Glück, auf dieser erhabenen Spitze den Sonnenaufgang zu beobachten, der von den Priestern mit Sadu, Sadu, Sadu (d. h. heilig, heilig, heilig) begrüsst wurde, und den ungeheuren Schattenkegel des Adams-Piks auf der Ebene, mit der hellen Stelle an der Spitze, welche die Einheimischen als Buddha’s Strahlen bezeichnen.

Häckel lässt der Aussicht volle Gerechtigkeit widerfahren, möchte aber die vom schneebedeckten Pik von Teneriffa, der fast die doppelte Erhebung über den Meeresspiegel erreicht, doch vorziehen.

In Kandy war eine kleine Schwierigkeit zu überwinden. Kein Zug[395] geht nordwärts nach Matale, dem Ende der Zweigbahn, vor 11 Uhr Nachts. So spät anzukommen, ist nicht räthlich, da dort kein Gast-, sondern nur ein Rasthaus vorhanden. Ich gebe also Koffer und Mantelsack in Verwahrung auf dem Bahnhof, behalte nur eine Reisetasche für die Bedürfnisse eines dreitägigen Ausflugs, frühstücke in dem mir bekannten Gasthaus zu Kandy und miethe vom Wirth einen zweispännigen Wagen nach Matale; lasse mir auch, was in diesen Gegenden nützlich, die Quittung (über 16 Rupien) ausstellen. Zwei Mal unterwegs wird Mauth-Geld von je einer Rupie erhoben.

Der Weg ist sehr schön, das Land angebaut wie ein Garten. Hier sieht man auch viele Cacaopflanzungen. Die beiden Pferde laufen munter.

Matale (Mahataláwe, die grosse Wiese,) wird schon in den alten Chroniken der Singhalesen erwähnt; es liegt 560 Fuss tiefer als Kandy, nämlich 1136 Fuss über dem Meeresspiegel und hat jetzt über 4000 Einwohner.

Hier brachte ich zum ersten Male die Nacht in einem Rast-Haus[396] zu. Obdachhäuser längs der Hauptstrassen, für Reisende und Pilger, sind in Ceylon wie in Indien seit uralten Zeiten von wohl[S. 311]thätigen Leuten erbaut und unterhalten worden. An den öffentlichen Strassen Ceylons hat die jetzige Regierung in Abständen von je 15 englischen Meilen Rasthäuser eingerichtet und ausgestattet, wo die Reisenden zu einem festen und mässigen Satz Aufnahme und Verpflegung finden, allerdings soweit der Platz reicht, und immer nur für einen Tag: danach muss der Erstgekommene, wenn Raummangel eintritt, dem neuen Reisenden Platz machen.

Es ist dies eine äusserst zweckmässige Einrichtung, welche den Europäern überhaupt erst das Reisen im Innern von Ceylon ermöglicht hat: in erster Linie für die Beamten bestimmt, kommt sie doch auch dem gewöhnlichen Reisenden zu Gute. Ein solches Rasthaus ist ein im Garten gelegenes einstöckiges Gebäude mit einer von Holzsäulen getragenen schattigen Vorhalle, auf der die beliebten Liege-Stühle aufgestellt sind, mit einer Haupthalle, die als Speise- und Wohnzimmer dient, und einigen (zwei bis vier) daranstossenden, allerdings sehr einfach ausgestatteten Schlafzimmern nebst Waschgelegenheit und Bequemlichkeit. Getrennt von dem Hauptgebäude liegt die Küche und der Wohnraum des „Boy“, der gewöhnlich ein bejahrter, bärtiger Singhalese ist und mit ein oder zwei jüngeren Leuten der Kochkunst und Bedienung waltet.

Natürlich können diese armen Leute keine grossen Vorräthe halten. Reis mit Würze wird immer aufgetragen, auch wenn man unangemeldet des Abends eintrifft oder bei Tage nur ein Stündchen[397] mit der Post weilt, — natürlich nicht so rasch, wie in unsern Wirthshäusern mit voller Speisekarte und einem Stab dienender Geister. Auch Thee ist oft zu haben, gelegentlich Brod und Whisky. Hühner, Eier, Rindfleisch, Suppe, Sodawasser, Bier sind nur an den wichtigeren und besuchteren Knotenpunkten zu bekommen, am sichersten auf vorhergehende Bestellung. So ein singhalesischer Wirth ist darauf angewiesen, von einem oder zwei europäischen Gästen für den Tag seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und, wenn der Besuch noch sparsamer ist, auszukommen. Dazu gehört die ganze Genügsamkeit des Asiaten. Ein wenig Freundlichkeit seitens der Europäer und Trinkgeld erleichtert ihm das Dasein.

Ich war mit den bescheidenen und aufmerksamen Leuten stets zufrieden und erhielt hier in Matale, einem Eisenbahn- und Post-Halteplatz, wenngleich erst nach längerem Warten, ein vollständiges Abendessen aus mehreren Gängen sowie eine Flasche Bier.

[S. 312]

Ich war der einzige Gast im Rasthaus; der einzige Europäer in der Postkutsche,[398] die mich am andern Morgen früh um 6 Uhr abholt zur Fahrt nach Anuradhapura. Die Zeit der Alleinherrschaft des Ochsengespannes ist vorbei. Der Postwagen hat zwei Pferde, die häufig gewechselt werden, und vier Räder,[399] allerdings nur einen leidlich bequemen Sitz, nämlich vorn neben dem Kutscher, da das Innere des verdeckten Wagens von Briefbeuteln und Ballen, dem Pferdeknecht und dem Postillon mehr als gefüllt ist. Trotzdem sucht und findet auch gelegentlich ein Einheimischer darin Platz; er hat aber nur den halben Fahrpreis zu zahlen.

Wir fahren nordwärts in das grüne Land, bergab in die grosse Ebene der Nordhälfte von Ceylon.

Die Kokospalmen, welche in der Hügelgegend noch reichlich fortkommen, treten mehr und mehr zurück. Doch macht die englische Regierung grosse Anstrengungen, auch hier diesen nützlichen Baum anzupflanzen und überhaupt durch Wiederherstellung der alten Wasserbehälter grosse Landstriche, die Jahrhunderte lang öde gelegen, dem Ackerbau wiederzugeben. Wo das Gebüsch am Wege sich öffnet und dem Auge den Durchblick gestattet, sieht man ausgedehnte Reisfelder. Die Strasse ist gut, aber nicht sehr belebt. Europäische Reisende treffen wir gar nicht. Die Ochsenkarren der Einheimischen werden durch unser Posthorn zum Halten genöthigt, bis wir vorbeigefahren. Städte fehlen. Die Dörfer sehen ärmlich aus.

Jeden Halt zum Pferdewechsel benutzte ich, um die braunen Menschen anzusehen. Ich trete an die nächste Hütte. Für den Arzt ist es leicht, eine Unterhaltung anzubahnen. Da steht ein Mädchen, das ein wenig schielt. Ich sage ihr, mit Hilfe des Postillons, der englisch versteht, dass sie gerade Augen bekommen könne. So ist das Vertrauen gewonnen. Gross und Klein umringt mich. Die schwarzen Kinder sind artig, reichen die Hand und lassen sich betrachten.

Bekleidet sind die Kleinen nur mit Ringen, Amuletten und allenfalls einer Lendenschnur. Einige ältere Kinder, die bereits mehr Verstand und leider deshalb mehr Furcht haben, brüllen bei meiner Annäherung, wie unsre Dorfkinder beim Nahen eines Negers. Auch einem Erwachsenen ertheile ich gelegentlich Rath, natürlich den einfachsten: kühles Wasser auf das entzündete Auge. Bei der Rückfahrt erspähten sie natürlich meinen Wagen und zeigten mir den Mann wieder.

[S. 313]

Auffallend war auf der langen Tagesfahrt (von 27½ + 40 = 67½ engl. Meilen oder 120 km), die auch streckenweise durch ziemlich öde Gegenden führte, wie arm die Thierwelt in Ceylon erscheint gegenüber dem Reichthum der Pflanzenwelt. Auch Häckel erklärt offen, dass er in dieser Beziehung ziemlich stark enttäuscht wurde. Dagegen fanden die beiden Sarrasins, die allerdings während 2½ Jahren zu Fuss die Insel in neun verschiedenen Richtungen durchstreift, dass die Thierwelt Ceylons ausserordentlich reich sei, namentlich im Vergleich zu Europa; aber spärlich da, wo die Europäer jetzt gewöhnlich hinkommen. Wer also eine wirkliche Anschauung von der ceylonischen Fauna gewinnen will, muss das Prachtwerk dieser Forscher studiren. Ich beschränke mich auf die kurze Mittheilung der Arten, die ich zu sehen bekam.

Büffel und Zebu-Ochsen, die letzteren als Zugthiere, einige Pferde, Arbeits-Elephanten, (wilde habe ich nicht gesehen,) schäbige Hunde, Katzen, Hühner sind die Hausthiere. In den Städten sind Krähen und unsre gemeinen Sperlinge ständige Gäste. Gelegentlich kreuzte ein Fuchs oder ein Hase unsern Weg. An den Palmen klettern Eichhörnchen empor. Auf den Telegraphendrähten sitzen Meisen, schöne Tauben mit braunen Schwingen und blauem Hals; kleine grüne Papageien fliegen auf; Specht- und Kukkuk-artige Vögel hört man im Walde; eine Bande muntrer Affen[400] gewährt belebende Abwechslung; Eidechsen und Schmetterlinge sind sparsamer, als in Süd-Europa.

Sehr ansehnlich sind die mannshohen Termiten-Bauten am Wege, die von dem staunenswerthen Fleiss und der Geschicklichkeit der Erbauer Zeugniss ablegen. Die höchsten messen 3 Meter. Der Bau beginnt unter dem Boden. Sie graben den Thon aus und mischen ihn mit ihrem Speichel, so dass er das Aussehen und fast die Härte von Sandstein annimmt. Stets sind mehrere geschützte Ausgänge vorhanden. Genauere Untersuchung dieser Burgen ist nicht anzurathen; in den verlassenen pflegen Schlangen[401] sich aufzuhalten.

Manche Strecken der Fahrt sind ziemlich belebt. Eiserne Brücken überspannen die Flüsse. Von Wald umgebene Felder, hier und da auch kuppelförmige Felsen, die von den Sarrasin’s sogenannten Gneis-Dome, liefern schöne Landschaftsbilder.

Mittags-Ruhe und -Mahl fand ich im Rasthaus zu Dambulla, das nur noch 533 Fuss über dem Meeresspiegel liegt; Abends in dem[S. 314] von Anuradhapura (312 Fuss ü. d. Meere) mein Essen und mein Schlafzimmer. Zwei englische Beamte der Landesvermessung, die ich in der Vorhalle des Rasthauses antraf, waren sehr zuvorkommend; ebenso der englische Gouverneur der Nordostprovinz (Governements-Agent), Herr Jever,[402] dem ich meine Karte gesandt und der mir erwiederte, dass er mich am nächsten Morgen um 7 Uhr zur Besichtigung der Ausgrabungen abholen werde.

Beim Abendessen flog ein Vögelchen in die vorn offene Halle und gegen das hintere, geschlossene Glasfenster des Speisezimmers. Augenblicklich war eine Katze auf meinem Tisch; ein Sprung, und sie hatte das Vögelchen zwischen den Zähnen und war damit verschwunden. Dass Eidechsen im Speisezimmer die Wand emporlaufen, daran gewöhnt man sich mit der Zeit, da es nicht bloss im Rasthaus, sondern im grossen Gasthaus, mitten in der Stadt, vorkommt Lästiger ist aber ein Riesenbrummkäfer im Schlafzimmer, der hartnäckig gegen die hohe Decke fliegt und oben hinaus will. Ein geschleuderter Pantoffel ist ein unsicheres Geschoss; man muss sich in Geduld fassen und das kleine Uebel ertragen. Ein grösseres droht von weit kleineren Thieren. Ich meine nicht Insecten, sondern die nur mit den besten Vergrösserungsgläsern sichtbaren Plasmodien, die Erreger des Sumpffiebers. Als ich das Fenster aufstiess, kam mir aus dem Garten eine so dumpfe Luft entgegen, dass ich schleunigst eine genügende Gabe Chinin einnahm. Jedenfalls bin ich gesund geblieben, hier und auf der ganzen Reise. Weitere Arzneien habe ich nicht gebraucht, nur die in meiner Reiseapotheke mitgenommenen Carbolsäurepastillen, um in Colombo die weisse Schimmelkrankheit meines Fracks zu beseitigen.

Anuradhapura ist ein Fiebernest. Die wenigen hier lebenden Europäer sind darauf angewiesen, ganz regelmässig Chinin zu schlucken.


Anuradhapura, den 17. November 1892.

Ein zweirädriger Karren, bedeckt mit einem aus Palmblättern geflochtenen Schutzdach, gezogen von zwei zierlichen, weissen Buckelochsen; auf der Deichsel ein hübscher, schwarzbrauner Bursche, der nur mit einem Lendenschurz bekleidet und unablässig damit beschäftigt ist, die Schwänze der Ochsen in Knoten zu drehen oder ihre Weichen [S. 315]mit einem Stab zu stacheln, wonach sie für einige Secunden in einen höchst seltsamen Gallop gerathen, um gleich darauf wieder in ihre angeborene, schläfrige Gangart zurückzufallen; in dem Wagen kein Götzenbild, keine südöstliche Prinzessin, sondern ich selber, in weisser Leinwand, unter weichem, hellem, breitkrämpigem Filzhut, bewaffnet mit Sonnenschirm und Schreibtäfelchen; neben mir im Wagen des Rasthauswirthes Neffe, der den Führer machte und vorgab, englisch zu verstehen: so ging es fort zur Besichtigung der Alterthümer von Anuradhapura.

Aber wo liegt denn der Ort mit dem prachtvoll langen Namen? Zu den Weltstädten gehört er nicht; diese sind zweisilbig. Geneigte, eifrige Leserin, vielleicht wirst Du einige Mühe haben, über Anuradhapura Dich zu belehren, wenn auch Dein Bücherschatz leidlich vollständig sein mag. Doch auf guten Landkarten wirst Du es finden, ungefähr in der Mitte der Grundlinie des nördlichen Viertels von Ceylon.

Aber ich selber muss wahrheitsgemäss erklären, dass auch mir der Ort bis vor wenigen Monaten gänzlich unbekannt gewesen, und dass ich den sechssilbigen Namen erst jetzt im Kopf behalte und richtig ausspreche, seitdem ich in zwölfstündiger, anstrengender Postfahrt hierher hinlänglich Musse und Gelegenheit zur Einübung gefunden.

Und doch ist die Stadt nicht sehr viel jünger, als das ewige Rom; und auch in religiöser Bedeutsamkeit mit Rom zu vergleichen: nur war die Zahl der Bekenner, deren Herzen für ihre Heiligthümer sich begeisterten, ganz erheblich viel grösser.

Mit unsern geschichtlichen Kenntnissen ist es schwach bestellt bezüglich der Völker, die, wie z. B. die Ostasiaten, unser kleines Europa nicht merklich beeinflusst haben. Natürlich ist es ein grosses Glück für uns, dass wir nicht dies Alles zu erlernen brauchen. Denn diese Völker haben früh schreiben gelernt, und einige von ihnen haben furchtbar viel aufgeschrieben.

Vor allen die Singhalesen; diese besitzen eine fortlaufende Chronik ihrer Geschichte, die über mehr als zwei Jahrtausende sich erstreckt.

Das weiss man allerdings in Europa noch nicht sehr lange. Bis zum ersten Drittel unsres Jahrhunderts galt allgemein die Ansicht, dass die Geschichte der Singhalesen, so gut wie die der Hindu, lediglich auf dichterischen Sagen beruhe. Da entdeckte der Engländer Tournour, ein hoher Beamter auf Ceylon, im Jahre 1827 aus alten Handschriften buddhistischer Klöster, was die Singhalesen selber derzeit nicht mehr recht wussten, dass sie eine in Versen der Pâli-Sprache auf Palm[S. 316]blätter geschriebene Chronik besitzen, welche ihre dynastische Geschichte schildert, vom Jahre 543 v. Chr. bis zum Jahre 1758 n. Chr., d. h. von ihrer Einwanderung in Ceylon bis gegen das Ende ihrer Selbständigkeit. Nach Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten gelang es Tournour, mit Hilfe der später aufgefundenen Erläuterungen, das Werk in’s Englische zu übersetzen; doch starb er leider, nach der Veröffentlichung der ersten Hälfte: erst vor wenigen Jahren ist die Uebersetzung des zweiten Theiles von einem Einheimischen herausgegeben worden.[403]

Mahawanso ist der Titel dieser Chronik, das heisst grosse Dynastie, und entspricht eigentlich nur der ersten Abtheilung vom Jahre 543 v. Chr. bis 301 n. Chr., nämlich von dem ersten Könige Wijayo,[404] der aus dem Ganges-Thal stammte, bis zu Maha Sen, mit dem diese Dynastie erlischt. Geschrieben ist dieser erste Theil zwischen 459 und 477 n. Chr. von Mahanamo, dem Oheim des Königs Dhatu Sena, und zwar auf Grund von älteren in der Volkssprache abgefassten Jahrbüchern. Die einheimischen Könige von Ceylon hielten seit uralter Zeit Geschichtsschreiber, worüber wir schon von Cosmas Indikopleustes († 550 n. Chr.) und von den Arabern Abu-Zeyd und Edrisi sichere Kunde haben, und förderten mit allen Mitteln die Abfassung von Chroniken. Die zweite Abtheilung von Mahawanso enthält die Geschichte der Könige von der niederen Rasse (Sulu wanse) und ist um das Jahr 1266 n. Chr. verfasst worden. Unter verschiedenen Herrschern wurde dann die Geschichtserzählung fortgesetzt und zwar bis zum Jahre 1758 n. Chr.

Ueber den Grad der Zuverlässigkeit des Mahawanso wird man erst in Zukunft genauer urtheilen können, wenn mehr von den alten Inschriften der ceylonischen Herrscher gefunden und verglichen sein wird. Aber gute Bestätigungen seines Inhalts, soweit er nicht religiös sagenhaft ist, liefern schon heute die auf Felsen und Säulen eingegrabenen Edicte des indischen Königs Asoka (270 bis 230 v. Chr.), des Horts der Buddhisten, der in Mahawanso erwähnt wird; ferner der chinesische Reisebericht des Pilgers Fa Hian, der um 400 n. Chr. Ceylon besuchte, und endlich die Beschreibung des Engländers Knox, der von dem König zu Kandy von 1660 bis 1680 in Gefangenschaft gehalten wurde.

[S. 317]

Ausserdem giebt es noch andere Chroniken der Singhalesen, die zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert n. Chr. verfasst sind.

So vermochte Tournour zum ersten Mal in einer europäischen Sprache die Aufeinanderfolge von 170 Königen festzustellen, welche während 2355 Jahren den Thron eingenommen hatten, von dem Eindringen des ersten Königs Wijayo bis zur Absetzung des letzten, Sri Wikrema Rája Singha, im Jahre 1815.

Sehr bald nach der Errichtung des Königreiches, im 5. Jahrhundert v. Chr., wurde die Stadt Anuradhapura[405] gegründet, in der Mitte des folgenden Jahrhunderts zur Hauptstadt erhoben und danach mit unerhörter Pracht ausgestattet, aber auch sehr ordnungsmässig[406] als Grossstadt eingerichtet und verwaltet. Ein Riesenteich wurde errichtet, öffentliche Gärten angelegt, ein Palast und eine vergoldete Audienz-Halle erbaut; ferner riesige Dagoba (Reliquien-Thürme), da jeder folgende König seine Vorgänger zu übertreffen strebte, Tempel mit goldnen, edelstein- und perlgeschmückten Bildsäulen, die Terrasse des heiligen Bo-Baumes und der Bronze-Palast, ein Kloster mit 1000 Zimmern für fromme Väter.

Schon von dem Erdbeschreiber Ptolemaeus (im 2. Jahrhundert n. Chr.) wird Anuragrammum[407] als Hauptstadt der Insel beschrieben. Der chinesische Pilger Fa Hian, der im Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. Ceylon besuchte, schildert voll Entzücken die Pracht der Heiligthümer. 60000 Priester lebten auf der Insel,[408] 6000 auf Kosten des Königs. Der heilige Zahn des Buddha, der 311 n. Chr. von Indien nach Ceylon gebracht worden, wurde an Festtagen in feierlichem Aufzug (perahera) dem Volke gezeigt; die Processions-Strasse war mit Blumen bestreut und mit Weihrauch erfüllt: eine dramatische Darstellung von Buddha’s Leben mit reichster Inscenirung bildete den Abschluss des Festes.

Ein singhalesisches Werk aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. (Lankawista riyaye, d. h. das illustrirte Ceylon) giebt der Hauptstrasse von Anuradhapura 11000 Häuser und der Stadt eine Ausdehnung von 4 Wegstunden (16 engl. Meilen = 28,8 km) nach den beiden Hauptdurchmessern.

[S. 318]

Der jetzige Leiter der Ausgrabungen, Herr H. C. R. Bell, ist der Ueberzeugung, dass dann die Vororte, wie Mihintale (8 engl. Meilen von den Haupttempeln) mit eingerechnet wurden.

Auch ist dichterische Uebertreibung nicht ganz von der Hand zu weisen, da die Schilderung der Stadt an eine Stelle des indischen Epos Ramayana erinnert. Aber die jetzt vorhandenen Ruinen beweisen, dass die Hauptdurchmesser der eigentlichen heiligen Stadt zum mindesten 2 engl. Meilen (= 3,7 km) betrugen; leider ist die Ausgrabung noch nicht so weit vorgeschritten, dass man über die Ausfüllung des ganzen Flächenraumes ein Urtheil sich bilden könnte.

Und diese ungeheure Stadt wurde im 8. Jahrhundert[409] n. Chr. aufgegeben und verlassen, da sie unhaltbar geworden gegen die kriegerischen Angriffe der Tamilen aus dem südlichen Theil von Indien.

Ursprünglich waren dieselben von den mit Ackerbau und Errichtung von Heiligthümern vollauf beschäftigten Singhalesen zum Schutz der Insel-Küsten herbeigerufen worden; dann hatten die Schutztruppen gelegentlich sich selber der höchsten Gewalt bemächtigt; nach einiger Zeit wurden sie wieder vertrieben; immer kehrten sie aber in verstärkter Anzahl zurück, drangen erst plündernd, dann erobernd in Ceylon ein, wo man leider mehr Klöster und Dagoba gebaut, als Festungen und an die Klöster ein Drittel des ganzen Landes verschenkt hatte. Schliesslich mussten die Singhalesen den Tamilen die ganze Nordhälfte der Insel überlassen und ihren Hauptstützpunkt in der südlichen Hügelgegend suchen.

Erst seit zwei Menschenaltern ist Anuradhapura wieder bekannt und von Europäern besucht. Aber während Pompeji von der Asche des Vesuv, Olympia von dem Sand des Alpheus-Flusses verschüttet, Mykene und Tiryns wie Carthago und Ephesus von Feindeshand zerstört ward, und Erdbeben hier und da an dem Zerstörungswerk sich betheiligt; Anuradhapura ist buchstäblich vom Wald überwachsen;[410] das dichteste Gebüsch und gewaltige Bäume haben im Laufe von nahezu zwölf Jahrhunderten das meilengrosse Stadtgebiet in eine Art von Urwald umgewandelt.

Die Insel Ceylon ist ja ein natürliches, feucht-warmes Gewächshaus. Von der Kraft des Pflanzenwuchses sieht man gerade hier[S. 319] recht merkwürdige Beispiele. Die Böschung eines künstlichen Teiches ist mit mächtigen Steinblöcken belegt; ein solcher Block von vielleicht 2 Meter Länge ist durch die hinter ihm befindliche Wurzel eines Baumes um 30 Grad aus seiner Lage gedreht und wird sicher nach nicht allzu langer Zeit in die Tiefe stürzen. Gewaltige Feigenbäume wurzeln auf Mauern und Dämmen; gerade diese gehören zu den Hauptzerstörern der alten Gebäude, da erstlich in dem feuchten Klima ihre (von den Vögeln überall hin verschleppten) Samen so leicht Wurzel fassen, und da ferner die kriechenden Wurzeln dieses Baumes sich so weit umher verbreiten.

Aber die Einsamkeit der Gegend trug doch auch etwas zur Erhaltung der letzten Reste bei. Kein eifriger Moslem zerstörte absichtlich die Bildwerke und Säulen, kein lässiger Hindu verbrauchte die zugehauenen Steine für seine eignen Zwecke, kein englischer Beamter hat damit Brücken und Wege verbessert.

Uebrigens war der Ort nie vollständig verlassen und vergessen. Eine Handvoll Priester weilte stets in der Wildniss bei den Heiligthümern, von denen eines ja den rechten Kinnbackenknochen Buddha’s enthalten soll; und fromme Pilger drangen alljährlich auf schmalem Pfade durch die Wälder, um die Heiligthümer zu verehren, sowie Blumen an die Gottheit und Gaben an die Priester zu spenden.

Aber erst im Jahre 1832 wurde der Platz von dem Major Skinner untersucht, vermessen, gezeichnet; erst seit 20 Jahren haben die Engländer die wichtigsten Ruinen, so zu sagen, aus dem Wald herausgehauen und auch die alten Teiche und Bewässerungen wiederhergestellt, verbessert, mit Schleusen versehen. So ist hier wieder ein von Menschen bewohnter Ort entstanden; 1881 war es ein Dorf von 1300 Einwohnern, 1891 eine „Stadt“ von 2494 Einwohnern; es sind fast ausschliesslich reisbauende Singhalesen. Da sieht man wieder die niedrigen, von Kokospalmen beschatteten Hütten, einen belebten, sehr sauber gehaltenen Markt, die drei hier, in der trockneren Hälfte von Ceylon, für jeden Wohnort unentbehrlichen Teiche, einen zum Trinken, einen zum Baden und einen für das Vieh, von denen natürlich der erste etwas höher liegt, als der zweite und dieser wieder höher, als der dritte; und rings herum in weiter Ausdehnung gut bewässerte Reisfelder; da sieht man in der Nähe der alten Ruinen, die weit über unsre Zeitrechnung zurückreichen, an einem breiten rasenbepflanzten Weg, den behaglichen Wohnsitz des Regierungsvertreters, das grosse Verwaltungsgebäude (cutchery oder vielmehr Kachcheri), das Gerichtshaus, das Rasthaus, die Schule und sogar ein funkelnagelneues, noch nicht bezogenes Krankenhaus.

[S. 320]

Was ist nun zu sehen in Anuradhapura? Zunächst die Dagoba oder Reliquien-Thürme, welche irgend ein Andenken an Buddha einschliessen.

Auf einem rundlichen Unterbau erhebt sich der halbkugel- oder glockenförmige, ganz solide Hauptbau; auf letzterem steht der würfelförmige Oberbau, und darauf ein Thürmchen mit metallischem Aufputz, wie man sagt, dem Abbild von Buddha’s siebenfachem Sonnenschirm.

Die Anzahl der Dagoba ist ungeheuer, ihre Grösse sehr verschieden; sehr viele sind nur 10–20 Fuss hoch, drei aber so gross, dass man sie mit den Pyramiden von Gizeh wenigstens vergleichen kann. Die Dagoba sind der Ruhm wie der Ruin des Königreiches gewesen.

Natürlich hatten die erobernden Tamilen denselben Gedanken beim Anblick der mächtigen Bauten, wie die erobernden Araber bei den ägyptischen Pyramiden, dass grosse Schätze im Innern verborgen sein müssten, und begannen eifrig das Werk der Zerstörung, bis sie, von der Vergeblichkeit ihrer Bemühungen überzeugt, davon Abstand nahmen. Andre Schätze, nämlich solche der Wissenschaft, suchte vor wenigen Jahren Herr Jever; er liess in die Abhayagiri-Dagoba, die der englischen Krone gehört, einen Stollen von 200 Fuss Länge durch das solide Ziegelbauwerk von 2000jährigem Bestande treiben und fand als einzige Ausbeute nur ein paar Perlen von rein geschichtlichem Werthe.

Den merkwürdigsten Anblick gewährt die Jayta-wanarama-Dagoba, die 330 n. Chr. vom König Maha Sen errichtet wurde. Von weitem sieht sie jetzt aus wie ein bewaldeter Berg, auf dem ein kleiner Thurm steht. Aus grösserer Nähe erkennt man an den abgeholzten Stellen, dass das Ganze einen gewaltigen Ziegelbau darstellt. Derselbe ragt jetzt noch 249 Fuss in die Lüfte; sein Durchmesser beträgt 360 Fuss, so dass der Inhalt des ursprünglich halbkugelförmigen Bauwerks einst gegen 20 Millionen Cubikfuss[411] betrug. Fünfhundert unserer Maurer hätten sechs Jahre daran zu bauen; die Kosten würden, nach Tennent, eine Million Pfund Sterling betragen. Aus den Steinen könnte man eine Mauer von 10 Fuss Höhe und 1 Fuss Dicke zwischen London und Edinburgh herstellen.

Die grösste Dagoba (Abhayagiri = Berg der Sicherheit) wurde 87 n. Chr. vollendet und zwar vom König Walagam Bahu, zur Erinnerung an die Vertreibung der Tamilen und an die Wiedereroberung des Reiches. Ursprünglich war der Bau vom Grunde bis[S. 321] zur Spitze des Thürmchens 405 Fuss hoch; jetzt, nach nahezu 2000 Jahren, misst die Höhe noch 231 Fuss.

Auf der dichtbewaldeten, unregelmässigen Halbkugel aus Ziegelbau ist neuerdings der würfelförmige Oberbau mit dem schlanken Thurm möglichst getreu nach den erkennbaren Resten wieder hergestellt.

Am berühmtesten, wegen der zahlreichen Reliquien, und auch am merkwürdigsten ist die dritte der grossen Dagoba, Ruan-welle, d. h. Goldstaub, unter Dutugaimunu, dem Besieger des Tamil Elala, und seinem Nachfolger um das Jahr 140 v. Chr. nach 20jähriger Arbeit vollendet. Sie war gegen 370 (nach andern nur 270) Fuss hoch, ist aber durch die Tamilen 1214 n. Chr. so weit zerstört worden, dass nur noch ein kleiner Berg aus Ziegelbau in der Höhe von 150 Fuss, vollständig mit Bäumen und Buschwerk bewachsen, heutzutage übrig geblieben. Aber der untere Theil des Bauwerkes ist vollständig freigelegt nebst der umgebenden Pflasterung.

Man erkennt einen Processionsweg rings um den Unterbau und ein äusseres Steingitter, vier Vorsprünge des Unterbaus entsprechend den vier Hauptzugängen oder Treppen, ein Gesims des granitnen Unterbaus, das ganz und gar mit frei hervortretenden Elephantenköpfen geschmückt ist, während gleichsam die verborgenen Riesenleiber der Thiere den ganzen Bau zu tragen scheinen.[412] Der fromme Pilger reibt noch heute den Granitstein mit einer Münze oder einem Schmuck aus Gold.

Hier findet man auch überlebensgrosse Bildsäulen. Zunächst die eines Königs; sie stellt aber nicht den Erbauer der Dagoba dar, von dem allerdings einige Reliquien, z. B. der Grabstein, hier aufbewahrt werden; sondern den König Batiya Tissa, aus dem Beginn unsrer Zeitrechnung. Ferner mehrere Bildsäulen von Oberpriestern. Mit altgriechischen Werken kann man diese, und auch einen grossen Buddha in der Nachbarschaft, nicht vergleichen, — höchstens mit denen aus der frühesten Zeit, wo der Bildhauer das Brett des Holzschneiders noch nicht ganz überwunden hatte.

Uebrigens entbehrt nicht alles Bildwerk zu Anuradhapura der Anmuth. Die Schutzgötter, die zu beiden Seiten der Zu- und Eingänge so vielfach angebracht sind, wiegen sich in den Hüften, wie so mancher Apollo; es sind die Dwarpals oder Thürhüter, mit der[S. 322] siebenköpfigen Schlangenkappe auf dem Haupt. Die zierlichen halbkreisförmigen (Mond-) Steine vor den Eingängen enthalten in erhabener Arbeit rings um eine stylisirte Lotosblume erst eine Reihe von heiligen Gänsen,[413] darum eine blumige Ranke, weiter nach aussen eine Procession von Elephant, Buckelochs, Löwe, Pferd und zum Abschluss eine pflanzliche Verzierung.

Am Eingang zu einem Felsentempel (Isurumuniya, ausserhalb des Ortes,) ist hoch oben in den lebendigen Granitfels ein Gott in höchst anmuthiger Stellung neben einer Kuh ausgemeisselt, — wenn es dem Gott nur nicht gefiele, falsche Ohren an unrichtiger Stelle zu besitzen.

Nicht weit von der Ruanwelle-Dagoba, dicht bei der Kreuzungsstelle der beiden Hauptstrassen des alten Anuradhapura, steht die heiligste aller Dagoba, die Thuparama, 307 v. Chr. vom König Devenipiatissa errichtet, um den rechten Schulterknochen[414] von Buddha zu bergen.

Es ist dies das älteste Gebäude von ganz Indien, das auf unsre Tage gekommen. König Upatissa (400 n. Chr.) liess eine metallene, mit Gold geschmückte Umhüllung des ganzen Bauwerks anfertigen. Ein frommer Priester in der Mitte unsres Jahrhunderts sammelte Geld, befreite den Bau von dem überwuchernden Pflanzenwuchs und gab ihm eine einfache Hülle von Stuck.

Diese Dagoba hat eine höchst geschmackvolle Glockengestalt. Durchmesser und Höhe der Glocke sind nahezu gleichgross, etwa 60 Fuss hoch. Die 9 Fuss hohe Terrasse, auf welcher der Bau steht, ist geschmückt mit drei Reihen 24 Fuss hoher, unten vier-, oben achteckiger Granitpfeiler aus je einem Stein mit schön geschmückten Capitälen. Diese Dagoba dient noch heute den religiösen Zwecken der Buddhisten.

Ganz in der Nähe hat einst der Schrein für Buddha’s Zahn gestanden, wie auch Fa Hian aus eigner Anschauung berichtet; doch ist keine Spur mehr davon zu sehen.

Dagegen steht noch die Lankaramaya Dagoba (von 32 Fuss Höhe), die allerdings bedeutend jünger ist, nämlich aus dem Jahre 276 n. Chr. Die achteckigen Pfeiler am Unterbau tragen Buddha-Putten am Capitäl.

[S. 323]

Die zweite Art von Ruinen in Anuradhapura sind die sogenannten Paläste. Die Bedeutung der Gebäude ist meistens unklar, da bisher nur sehr wenige Inschriften[415] gefunden sind. Die Ausgrabungen werden, nach Massgabe der geringen Mittel, mit Eifer fortgesetzt; Herr Jever zeigte und erklärte mir alles auf das bereitwilligste. Aber sehr viel ist noch zu thun. Wenn die vergrabene Stadt von Anuradhapura in absehbarer Zeit planmässig frei gelegt werden soll, so sind, nach dem Leiter der Ausgrabungen, Herrn C. R. Bell, statt der jetzigen 60 mindestens 600 Mann anzustellen; es handelt sich um Quadratmeilen von Ruinen, die in eine feste, von der Sonne zusammengebackne und von Baumwurzeln zusammengehaltene Schicht aus Ziegeltrümmern eingebettet sind.

Der Busch und die Bäume sind allerdings vielfach fortgeschlagen, aber die Grundflächen der Gebäude liegen noch 5 (und selbst 10) Fuss unter der jetzigen Oberfläche; deshalb kann die Bedeutung der Bauwerke noch nicht festgestellt werden. Uebrigens sind in letzter Zeit, seitdem man tiefer gräbt, auch allerlei Gebrauchs- und Schmuckgegenstände, wie Lampen, Schreine, Geräthe, Ringe, Halsbänder, gefunden und dem Museum des Orts einverleibt worden.

Die meisten dieser Gebäude, die der einheimische Führer als Paläste bezeichnet, sind Ruinen von Klöstern.

Von einem, das vor mehr als 2000 Jahren errichtet worden, stehen noch die 1600 Säulen des untersten Stockwerkes grossentheils aufrecht; alles Uebrige ist verschwunden. Das Gebäude hiess Maha-Lowa-paya „der Bronzepalast“, war aber ein Kloster. Mahawanso giebt eine genaue Beschreibung der Erbauung und Einrichtung. König Dutugaimunu, „der Sklave der Priesterschaft“, liess das Gebäude um 161 v. Chr. errichten. Es ruhte auf 1600 Granitsäulen von je 12 Fuss Höhe, die in Reihen von je 40, ziemlich dicht gedrängt, aufgestellt waren, so dass die Seite der quadratischen Grundfläche 100 Ellen oder 220 englische Fuss misst. In neun Stockwerken, die allerdings (nach Fergusson’s Ansicht, entsprechend den heutigen Klöstern in Birma,) aus Holz errichtet waren und sich verjüngten, stieg der Bau empor, enthielt 900 oder 1000 Schlafzimmer für Priester und etliche grosse Hallen und als oberstes Stockwerk einen Dom, der mit Kupfer gedeckt[S. 324] war und so den Namen des Klosters begründete. Es war so hoch wie die höchsten Dagoba, so gross wie unsre stattlichsten Kirchen und gewiss eines der schönsten Gebäude im Osten. Ausnahmsweise für Asien und Afrika, wurden die Werkleute in klingender Münze bezahlt. Das Innere war mit märchenhafter Pracht geschmückt. Die grosse Halle ruhte auf vergoldeten Säulen. Ihre Wände trugen Schnüre von Perlen sowie von Blumen, die aus Edelsteinen gebildet waren. In der Mitte stand ein Thron aus Elfenbein, mit einer Sonne aus Gold und einem Mond aus Silber; darüber strahlte der weisse Baldachin des Kaisers (Chatta).

Aber schon nach 21 Jahren (140 v. Chr.) büsste der Palast seine beiden obersten Stockwerke ein, später (182 n. Chr.) noch zwei weitere; wurde dann von dem „abtrünnigen“ Maha Sen (301 n. Chr.) völlig zerstört, jedoch wieder aufgebaut und zum letzten Mal wieder hergestellt gegen Ende des 12. Jahrhunderts n. Chr.

Von jedem der fremden Eroberer wurde das reiche Kloster geplündert. Jetzt ist nur noch ein Wald von Steinsäulen übrig geblieben, die einen recht traurigen Eindruck machen, um so mehr, als sie nur ganz roh behauen sind. Einige zeigen sogar die Marken der Keile,[416] mit denen sie aus dem Felsen gebrochen worden. Offenbar hatten sie, als der Palast aufrecht stand, einen Ueberzug von Stuck aus Muschelkalk (chunnam) getragen.

Mitten im Walde, in bedeutender Entfernung von den eben beschriebenen Ruinen, zeigt der Führer einen Königspalast, ferner einen sogenannten Elephanten-Stall mit mächtigen Säulen, einen granitnen Elephanten-Trog,[417] der wie ein steinernes Boot aussieht und die ansehnliche Länge von 62 Fuss, bei einer innern Breite von 4 Fuss besitzt, und Pfeilerhallen, die nach dem Führer Gerichtsstätten, nach Fergusson aber die zu den Dagoba gehörigen, von Fa Hian beschriebenen Predigthallen darstellen.

Recht geschmackvoll sind die Treppen, die zu den Palästen und Hallen empor leiten. Vorn liegt der Mondstein, dann folgt ein halbes Dutzend Treppenstufen mit schönem Profil; an der Vorderfläche jeder Stufe ist in der Mitte eine Zwergfigur ausgemeisselt und dadurch die Fläche in zwei Panele getheilt; mitunter findet sich auch noch an jedem Ende der Stufe eine solche Zwergfigur; die geschweiften Treppenwangen sind mit Löwen in erhabener Arbeit geschmückt.

[S. 325]

Die dritte Sehenswürdigkeit von Anuradhapura sind die Wasserbauten. Die schönsten Teiche heissen beim Volke das Bad des Prinzen und der Prinzessin. Sie sind vollkommen mit Steinblöcken ausgemauert und mit zierlichen Treppen versehen.

Ein Teich, weit grösser als der Müggelsee, mit aufgemauertem Damm, was deutlich zu erkennen ist, liegt ausserhalb des Ortes und heisst beim Volk und beim Führer der See der Riesen.[418] Er wurde in alter Zeit künstlich angelegt und diente zur Wasserversorgung der Hauptstadt. Jetzt ist er wieder in Ordnung gebracht, mit einer Schleuse versehen und die Quelle der Fruchtbarkeit des ganzen Landstrichs.

Tennent beschreibt uns, an dem Beispiel des Sees von Horrabora, nach eigner Anschauung, wie die alten Singhalesen solch einen künstlichen See schufen. Ein Fluss zwischen zwei Hügeln, die 3 bis 4 englische Meilen von einander entfernt sind, wird abgefangen durch einen Damm, der quer durch das Thal an seiner engsten Stelle geführt wird. So entsteht ein See, der 10 englische Meilen lang und 3 bis 4 englische Meilen breit ist, also, um unser Mass zu Grunde zu legen, über 90 Quadratkilometer Flächenausdehnung besitzt. Der Damm ist 60 Fuss hoch und an der Grundfläche 200 Fuss dick. Zwei mächtige Felsenmassen, die gerade günstig lagen, wurden in den Damm mit eingeschlossen und die Wasser-Auslässe (50 Fuss hoch, unten 4 Fuss, oben 20 Fuss breit) durch den Felsen gehauen und mit Schleusen versehen. Kein andres Volk der Erde, vielleicht[419] mit Ausnahme der alten Aegypter, hat künstlich so grosse Seen geschaffen.

König Dutugaimunu, der die Ruanwelle-Dagoba und den Bronze-Palast erbaut und die erstere als sein grösstes Werk rühmt, dürfte durch die Teiche und Bewässerungsanlagen, die er in Kalawewa und Yodi-ela geschaffen, ein weit grösseres Anrecht auf Nachruhm sich erworben haben. König Pakrama Bahu, der Erneuerer des Reiches (1155 n. Chr.), hat nicht weniger als 1470 Teiche hergestellt, darunter 3 grössere Seen, und 534 Canäle angelegt, ausserdem viele der älteren Wasserwerke, die verfallen waren, wieder erneuert.

Die Aufgabe, die zum Theil verfallenen und sogar mit riesigen Feigenbäumen bewachsenen Dämme wieder herzustellen, die alten Teiche wieder auszubessern und zu erneuern, um dem Oedland die frühere Fruchtbarkeit wiederzugeben, hat der verdienstvolle Major (damals[S. 326] Lieutnant) Skinner und später Emmerson Tennent der Regierung gestellt, und diese hat ihre Aufgabe begriffen und rüstig ausgeführt.

So ist die Nord-Centralprovinz neu geschaffen. Teiche von 4000 und 6000 Acres (= 1600, bezw. 2400 ha) bewässern unabsehbare Reisfelder und an hundert Palmengärten in der Gegend von Anuradhapura.

Aber die allergrösste Merkwürdigkeit von Anuradhapura, wenigstens nach Ansicht der Eingeborenen, ist der heilige Feigenbaum. Sein Name lautet: Jaga Sri Maha Bodin Wohanse, „der siegreiche, erlauchte, höchste Herr, der heilige Bo-Baum“.

Im Jahre 288 v. Chr. wurde ein Schössling desjenigen Feigenbaums, unter dem Gautama-Shaka Buddhaschaft empfing, nach Ceylon gebracht und vom König hier in Anuradhapura eingepflanzt und von einer ununterbrochenen Reihe frommer Wächter[420] gepflegt, worüber die singhalesischen Jahrbücher ganz genau berichten. Somit ist dies der älteste geschichtliche Baum der Welt.

Die Verehrung, welche von den Buddhisten diesem Baume gezollt wird, ist grenzenlos. Könige haben ihm Vermächtnisse hinterlassen. Kein schneidendes Werkzeug darf ihn berühren. Die (herzförmigen, langspitzigen) Blätter, welche von selber abgefallen sind, werden als Schätze von den Pilgern mit heimgenommen. Fa Hian fand im 5. Jahrhundert n. Chr. dieselbe Verehrung vor, deren Zeugen wir am heutigen Tage sind. Der Verfasser des Mahawanso (459–478 n. Chr.) schliesst seine Beschreibung mit den Worten: „So hat der Fürst der Wälder, begabt mit Wunderkraft, gestanden für Menschenalter in dem prachtvollen Maha-mejo-Garten von Lanka, fördernd die geistige Wohlfahrt der Einwohner und die Ausbreitung der wahren Religion.“ Kein fremder Eroberer hat es gewagt, diesen Baum zu schädigen. Man steigt einige Stufen empor und findet innerhalb einer quadratischen Mauer (Maha Vihara) die aus dem Boden emporstrebenden und sich verzweigenden Aeste mit den zahllosen, bei jedem leisesten Luftzug sich bewegenden Blättern; der eigentliche Stamm ist durch aufgeschüttete Erde verdeckt.

In der Nähe sind Priester-Wohnungen.

Seit dem Anfang unseres Jahrhunderts hat die selbständige Geschichte der Singhalesen aufgehört. Materiell befindet sich das Volk besser unter der englischen Regierung, wenigstens nach Ansicht der Engländer.

[S. 327]

Aber wer die sanften, dunkelgelben Singhalesen mit dem halbrunden Schildpattkamm im langen, schwarzen Haar nur in Europa gesehen, wo sie zur Schaustellung Zebu-Ochsen und gelegentlich einen Arbeits-Elephanten vorführen; oder wer nur auf der langen Fahrt nach dem östlichen Asien oder gar nach Australien in dem Hafen von Colombo für ein paar Stunden verweilte und die gewandten Führer und unermüdlichen Händler mit zweifelhaften Schmuckgegenständen kennen gelernt: der kann sich kaum vorstellen, dass auch dieses Volk eine mehrtausendjährige Geschichte besitzt.

Der edle Wijayo, ein Arier aus dem Ganges-Land, hat 543 v. Chr. das Königreich gegründet, den Ackerbau und die künstliche Bewässerung gelehrt. Der fromme Devenipiatissa (307 v. Chr.) hat das Land zur zweiten Heimath der Buddha-Lehre gemacht, so dass noch heute, nach mehr denn 2000 Jahren, von den 340 Millionen Buddhisten diejenigen, welche einen weiteren Blick besitzen, Ceylon als Stätte der Wiedergeburt ihrer heiligen Lehren betrachten. Der ritterliche Dutugaimunu (140 v. Chr.) hat Elala, den tapfern Kronräuber aus Tamil-Stamm, im Einzelkampf gefällt. Prakrama Bahu hat 1153 n. Chr. das zerfallene Reich wieder vereinigt, sich zum alleinigen König von Lanka gekrönt, die alte Religion und die künstliche Bewässerung erneut und seine siegreichen Waffen nach dem Festland von Vorder- wie Hinterindien getragen.

Aber die neue Blüthezeit dauerte nicht lange. Des Reiches Verderben waren die Priester, wie in Aegypten. Vor den Tamilen mussten die Singhalesen nach Süden zurückweichen. Nachdem Anuradhapura schon im 8. Jahrhundert n. Chr. unhaltbar geworden, musste 1235 n. Chr. auch die neue Hauptstadt Pollanarua aufgegeben, und der Sitz der Regierung nach der Gegend von Kandy und von Colombo zurückverlegt werden. 1410 n. Chr. eroberten sogar die Chinesen, deren Gesandtschaft beleidigt worden war, die Hauptstadt und erzwangen Tributzahlung, bis 1448. 1552 landeten in Colombo die Portugiesen, die nach der einheimischen Chronik Rajaveli, „weisse Steine“ (d. i. Brot) essen und „Blut“ (d. i. Rothwein) trinken und Röhren besitzen, die unter Donner ein meilenweit entferntes Marmorschloss zerstören. 1638 bis 1658 wurden sie von den Holländern vertrieben. Diesen folgten die Engländer, welche 1815 Kandy eroberten und der Selbständigkeit des Landes ein Ende bereiteten.


Unter strömendem Regen, gegen welchen der Wagen und mein Regenrock nur geringen Schutz boten, fuhr ich Freitag, den 18. November, Morgens 8 Uhr, wieder zurück, von Anuradhapura. Mittags in Dambulla[S. 328] war etwas besseres Wetter; ich wurde wieder trocken. Leider konnte ich den Postillon nicht zu längerem Aufenthalt bewegen, so dass ich die Felsentempel bei Dambulla nicht zu sehen bekam. Abends gewährte der bläuliche Glanz der Leuchtkäfer, die zu Tausenden um die feuchten Gräser schwärmten, ein wunderbares Schauspiel, bis wieder strömender Regen einsetzte. Im Rasthaus zu Matale fand ich gute Aufnahme und Verpflegung, da ich bereits Mittags meine Ankunft telegraphisch angemeldet.[421]

Jetzt übte ich alte, fast vergessene Künste, liess heisses Wasser, Zucker und Cognak bringen und bereitete mir einen steifen und heissen Grog. Danach schlief ich vorzüglich, fuhr am nächsten Tag mit der Eisenbahn nach Kandy, nahm mein Gepäck aus der Kammer und setzte die Fahrt nach Colombo fort.

Im Oriental Hotel traf ich alte Bekannte vom Brindisi und sogar von der Empress, machte durch ihre Vermittelung neue Bekanntschaften, z. B. die eines holländischen Kaufmanns aus Sumatra, der ganz besonders deutschfreundlich war und das Heil seines Vaterlandes sowie der Colonien nur im engsten Anschluss an Deutschland sah; und brachte nicht bloss den englischen Sonntag (20. November), sondern auch die folgenden beiden Tage mit Ausflügen und Spaziergängen zu, die in Colombo stets lohnend sind. Dazu kamen kleine Einkäufe, Packen, Verabschieden vom Consul, Kauf der Fahrkarte nach Calcutta. (Preis 9 Pfund Sterling). Mit dem Verhalten der P. & O.-Gesellschaft konnte ich wieder nicht zufrieden sein; es war mir unmöglich, eine feste Cajüt-Nummer zu erhalten, selbst als das Schiff „Shannon“ schon im Hafen lag. Die Engländer, welche irgend eine Empfehlungskarte vorzeigten und dabei noch dazu als Beamte oder Missionäre Preisermässigung hatten, wurden in dieser Hinsicht bevorzugt.

Mit meinen 300 Rupien in ceylonischem Regierungs-Papiergeld war ich gerade ausgekommen, so dass ich nicht nöthig hatte, sie in Calcutta-Papiergeld umzusetzen. Denn die Verwaltung der Kroncolonie Ceylon ist ganz getrennt von der des Kaiserreichs Indien; Papiergeld und kleine Münzen von Ceylon gelten nicht in Indien, nur die Silber-Rupie wird in beiden genommen.

Am Mittwoch, den 23. November, sagte ich der schönen Insel mein letztes Lebewohl, denn auf ein Wiedersehen ist nicht zu rechnen.


[S. 329]

VII.
Ostindien.

Der Dampfer Shannon ist überfüllt. Meine Cajüte gehört zur ersten Classe nur durch den Fahrpreis, den ich zahlen musste; sie ist schlecht gelüftet und dunkel, da ihre Fenster nicht auf das freie Meer, sondern auf den Gang hinausgehen. Auf letzterem schlafen missbräuchlich die braunen Kinderfrauen (Aya) der englischen Familien. Aber ich bin wenigstens allein und ungestört in meinem engen Kämmerlein. Vor der Abfahrt beginnt wieder an Bord die Belästigung seitens der Händler und Wechsler. Dazu kommt das Geschrei der Knaben und Jünglinge, die im Katamoran, nur ein Stück Bambus als Ruder benutzend, das Schiff umkreisen und nach Münzen tauchen.

Nachmittags um 1 Uhr fahren wir ab, und zwar um die Südspitze von Ceylon herum, da die Meerenge zwischen der Insel und dem Festland (Palk-Strasse), wegen der Untiefen zwischen den Riffen der Adams-Brücke, für grössere Dampfer nicht fahrbar ist. Der Weg von Colombo nach Calcutta misst nur 1380 Seemeilen, dauert aber nicht weniger als sechs Tage, da einerseits in Madras gehalten wird, andrerseits die ziemlich gefährliche Einfahrt in den Hugli-Fluss, an dem Calcutta liegt, uns zweimal zwingt, längere Zeit vor Anker zu liegen, um die Fluth abzuwarten.


Log-Bericht.

Donnerstag, 24. November, 7° 40´ N., 82° 2´ O., 270 Seemeilen.

Freitag, 25. November, 12° 23´ N., 80° 50´ O., 292 Seemeilen. (53 bis Madras). Nachmittag von 5 bis 10 Uhr in Madras.

Sonnabend, 26. November, 15° 2´ N., 82° 23´ O., 170 Seemeilen.

Sonntag, 27. November, 18° 47´ N., 85° 50´ O., 300 Seemeilen.

[S. 330]

Montag, 28. November, ankern wir von 6 bis 10 Uhr V. vor der Insel Saugar, an der Mündung des Hugli; und Nachmittags wieder bei dem Diamant-Hafen bis Dienstag Morgens 6½ Uhr.

Dienstag, 29. November, Mittags ankern wir im Hafen von Calcutta.


Auf dem Schiff sind kaum noch Amerikaner: dagegen zwei Paare englischer Erdumwandrer, die ich von der Empress her kannte. Die meisten Cajüt-Reisenden sind „nach Indien gebundene“ Engländer: Officiere, Beamte, Kaufleute mit Weib, Kind, Säugling, Kinderfrau und Amme. Ich lerne einen gebildeten, greisen, englischen Civil-Ingenieur kennen, der zu seinem Vergnügen und zur Belehrung nach Indien reist. Mit ihm war, zumal ich einiges von den Schriften seines Vaters, eines Astronomen, und seines Bruders, eines Physikers, kannte, eine gebildete Unterhaltung möglich. Das kann ich von den meisten Engländern des Schiffes nicht behaupten. Da war zunächst der jugendliche Schiffsarzt, der mir erklärte, dass die englische Heilkunde viel weiter vorgeschritten sei, als die deutsche; aber nach kurzer Prüfung in der einen ebenso unwissend befunden wurde, wie in der andern. Da war ein englischer Beamter, der bei Tisch die abfälligsten Aeusserungen über mein Vaterland sich erlaubte und nachdrücklichst zum Schweigen gebracht werden musste. Selbst einer meiner alten Reisegefährten von der Empress, ein Gymnasialprofessor, trieb es ebenso; wurde aber weit angenehmer, als ich mir nichts gefallen liess, sondern sofort zum Angriff auf englische Zustände vorging. Die Damen waren gebildeter, namentlich meine Tischnachbarin, eine irische Beamten-Gattin, und die Frau eines Officiers, welche mit Begierde die Gelegenheit ergriff, einmal wieder deutsch zu sprechen. Sie war in Deutschland erzogen. Rührend und eigenartig ist die Zuversicht dieser Officiersfrauen: „Noch achtzehn Jahre der Verbannung in Indien; dann können wir in der Heimath herrlich leben.“ Es ist richtig; der englische Officier bekommt nach 25jähriger Dienstzeit in Indien tausend Pfund Sterling jährlich als Ruhegehalt; aber nur der dritte Theil dieser zweiten Söhne erlebt es. Die andern müssen früher nach Europa zurückkehren, oder sie finden ihr Grab in Indien.

Am zweiten Tage der Fahrt, Donnerstag, den 24. November, Morgens 6 Uhr, d. h. siebzehn Stunden nach der Abfahrt, ist die bergige Küste von Ceylon noch sichtbar, Mittags die Nordspitze mit den vorgelagerten Inseln. Das Meer ist spiegelglatt. Abends fällt[S. 331] Regen. Am Morgen des 25. November bin ich vor 6 Uhr auf Deck. Der Ost ist rosig gefärbt. Plötzlich blitzt am Horizont ein Strahl auf, und die obere Kuppe der Sonne wird sichtbar. Wer diese uns Inland- und Städte-Bewohnern so ganz unbekannte Erscheinung öfters gesehen, wird leicht verstehen, wie die küsten- und inselbewohnenden Griechen das Auf- und Eintauchen der Sonnen-Rosse so darstellen konnten, wie sie es am Parthenon gethan.

Ich lese Thackeray’s Vanity fair und bereite mich auch für Indien vor. Nachmittags erscheinen die niedrigen Berge des indischen Festlandes, die mir wieder das oft genossene, aber stets von Neuem erfreuliche Vergnügen bereiten, die Kugelgestalt der Erde zu beweisen: erst erscheinen auf dem Wasserspiegel zwei getrennte Zacken, die ich sorgfältig aufzeichne; später hebt sich auch die Verbindungslinie derselben.

Nachmittag um 5 Uhr sind wir in Madras. Dies ist die dritte Stadt Indiens nach der Zahl der Einwohner (452000) und die Hauptstadt der gleichnamigen Präsidentschaft oder Provinz mit einem Gebiet von 361000 Quadratkilometer und 30 Millionen Einwohnern.

Die ganze Koromandel-Küste von Ceylon bis Orissa hat keinen Hafen. Ein Wellenbrecher ist am Nordende der Stadt Madras gebaut in Gestalt von zwei rechten Winkeln, die gegeneinander schauen und mit ihren freien Schenkeln eine enge Zufahrt offen lassen. Draussen tobt die Brandung, und zwar darum besonders stark, weil erst eine englische Meile vom Festland die Tiefe von 10 Faden erreicht wird; drinnen ist das Wasser spiegelglatt; an der Mitte des so abgegrenzten Festlandstreifens springt ein Damm in das umschlossene Rechteck des Hafens vor. Die kostbare Anlage ist nach Ansicht der Engländer nicht als gelungen zu betrachten. Heftige Wirbelstürme wüthen von Zeit zu Zeit an dieser Küste und haben öfters sämmtliche Schiffe zerstört, die vor Madras ankerten. Zur Zeit sind nur wenige Dampfer hier, trotz der neuen Schutzanlagen.

Die Bootsleute, welche Reisende an’s Land schaffen wollen, in den flachen Masula-Barken, die aus Mango-Holz mit Cocos-Stricken, ohne Nägel hergestellt sind, mit sonderbaren Rudern, die ein kleines kreisrundes Blatt an langer Stange darstellen, sind gradezu grässlich, weit schlimmer, als ich es 1884 in Tunis erlebt. Hier wäre eine kräftige Hafenpolizei am Platz.

Da es schon spät ist, verzichte ich auf das zweifelhafte Vergnügen, an’s Land zu gehen, nur um sagen zu können, dass ich in Madras gewesen und den Vice-König gesehen, der grade die Stadt mit seinem[S. 332] Besuche beehrte. Die grösseren neuen Gebäude, namentlich das Obergericht (High court), sehe ich vom Schiff aus.

Sehr bald beginnt ein unerhörtes Gewühl am Schiffsbord. Aufdringlichste Verkäufer bieten gestickte Decken, Pantoffeln, Florgewebe, ineinander geschachtelte Körbe an. Eine Gaukler-Familie erscheint und macht unter andern das gewöhnliche Kunststück der Spiritisten, aber bei Tagesbeleuchtung und auf den Planken des Schiffverdecks: eine junge Frau mit zahllosen Ohr- und Nasenringen wird an Händen und Füssen gebunden, in ein Netz aus Stricken gethan, noch einmal gebunden, auf den Boden gelegt, mit einem Korb überdeckt, dieser mit einem Degen in senkrechter und schräger Richtung durchstochen; — und schliesslich kriecht sie unverletzt und ungebunden unter dem Korb hervor und bettelt die Reisenden an. Abends 10 Uhr fahren wir ab.

Nachdem ich unter fleissigem Studium den englischen Sonntag an Schiffsbord glücklich überstanden, merkte ich Montag, den 28. November, Morgens früh um 6 Uhr, dass wir vor Anker liegen, und zwar gegenüber der niedrigen Tiger-Insel (Saugar Island) mit Flaggenstange, einem eisernen Leuchtthurm (von 75 Fuss Höhe, aus dem Jahre 1808) und mit einer kleinen Festung, in dem gelben Wasser des Hugli-Flusses, der zu den Mündungen des Ganges gehört, ja früher die hauptsächlichste gewesen sein soll.

Der Hugli ist höchst gefährlich, kann bei Nacht gar nicht und bei Tage nur mit der Fluth befahren werden. Abgesehen von gelegentlichen Stürmen bilden sich fortwährend neue Sandbänke in dem Flusse. Nur die tägliche Erfahrung der Lootsen giebt Sicherheit. Diese Leute sind ganz besonders gut bezahlt und geachtet.

Die Gefährlichkeit des Flusses sehen wir bald mit eignen Augen; sowie wir in das gelbe Wasser hineinfahren, begegnen wir den traurig aus dem Wasser emporragenden Masten des Wracks der Anglia, eines grossen Dampfers, der vor acht Monaten hier zu Grunde gegangen. Wir werfen auch Nachmittags vor Diamant-Harbour wieder Anker und verbleiben so über Nacht.

Abends ist Ball auf dem Schiff. Aber der ist schöner auf dem Norddeutschen Lloyd. Das Klavier aus dem Salon war auf Deck geschleppt worden, ein Sonder-Ausschuss hatte sich gebildet, eine Tanzordnung war geschaffen, die höchst gefallsüchtigen Damen tanzten nur mit denjenigen Herrn, die ihnen vorgestellt waren.

Bis 6½ Uhr Morgens, Dienstag, den 29. November, liegen wir vor Anker. Die Ufer des mächtigen Flusses sind grün und fruchtbar. Beim ersten Anblick sieht das Land aus wie in Europa, bis Palmen[S. 333] und Dörfer der Hindu erscheinen, die uns eines andern belehren. Kähne mit braunen „Vettern“ füllen den Fluss, gegen dessen Verheerungen die Felder durch mächtige Dämme geschützt sind. Der Fluss wird enger, die Schifffahrt belebter, Zuckerrohrpflanzungen, Baumwollenfabriken erscheinen, der Aussenhafen von Calcutta, Ziegeleien, endlich ein Wald von Masten: wir sind in Calcutta, der Hauptstadt des Kaiserreichs Indien.

Schon vorher waren die Zollbeamten an Bord gekommen. Sie benahmen sich sehr höflich. Die Geheimnisse der Reisekoffer zu enthüllen lag ihnen fern; sie forschten nur nach zwei Dingen, Schnaps und Opium, die Niemand in zollpflichtiger Menge bei sich führte; und nahmen Schiesswaffen nebst Ladung in Verwahrung, die Jeder mit sich führte. Sogar der Globetrotter-Jüngling von sechzehn Jahren holte seinen Revolver aus der Tasche.

Es ist unrichtig, dies eine Beschlagnahme zu nennen, und überflüssig, den Consul zur Wiedererlangung der Waffen zu behelligen. Seit dem grossen Aufstand von 1857 hat die Regierung von Indien die Einfuhr von Waffen und Schiessbedarf einerseits unter Aufsicht genommen, andrerseits erschwert durch einen Zoll von einem Zehntel des Werthes.

Am folgenden Tag geht man zum Zollhaus, zahlt ein Zehntel des zu erklärenden Werthes der Waffe und erhält dieselbe sofort zurück. Es ist das ja ein wenig langweilig, trotz des trinkgeldsüchtigen Babu[422], der sofort erscheint und mit dem Fremden durch die verschiedenen Räume eilt, — aber durchaus nicht schlimm. Angeblich soll man die gezahlte Summe in Bombay zurückfordern können, wenn man die Waffe wieder aus Indien ausführt. Doch macht der gewöhnliche Reisende davon keinen Gebrauch. Uebrigens soll trotz aller Vorsicht der Regierung ein schwungvoller Waffenschmuggel bestehen.

Am Lande werden die Koffer nicht geöffnet. Die Beamten bereiten dem Fremden keine Schwierigkeit, wohl aber die zerlumpten Träger, welche die Koffer auf das Droschkendach heben und unvernünftige Forderungen stellen, und die ebenso zerlumpten Führer, die sich mit hinaufschwingen und für den Nachweis der Droschke — deren Hunderte dastehen, — und des Hotels, das dem Kutscher genügend bekannt ist, lächerliche Summen beanspruchen, aber auch mit weniger vorlieb nehmen, wenn man ihnen einfach den Rücken dreht.

Das Great Eastern Hotel, zu dem ich fuhr, wie wohl die meisten Reisenden unseres Dampfers, des Postschiffes von London[S. 334] nach Calcutta, hatte kein Zimmer frei, da schon von London aus die Bestellungen vorher gemacht waren. Man hatte die Unverschämtheit, mir einen Schlafsaal mit sechzehn Betten zu zeigen, wo man auch mir eines aufstellen wollte. Ich machte meinen Empfindungen Luft in dem kräftigsten Englisch, das mir zu Gebote stand, und hatte die Genugthuung, da ein deutscher Geschäftsführer herbeieilte, auch noch in meiner Muttersprache meine Ansicht zu wiederholen. Bei Caine las ich allerdings, dass um Weihnachten so mancher Engländer sich glücklich schätzen würde, eines von diesen sechzehn Betten zu erlangen. Es gilt eben für fein, in diesem Gasthaus[423] abzusteigen und hieher die Einladungsbriefe[424] zu erhalten. Aber da ich nicht an diese englischen Vorurtheile gebunden war, sondern meine Bequemlichkeit vorzog: so fuhr ich nach einem Gasthaus zweiten Ranges (Bellevue der italienischen Gebrüder Boscolo), wo ich im ersten Stock ein nach indischen Begriffen gutes Zimmer, vorn in den „Saal“, hinten in mein eignes Badezimmer mündend, nebst voller Verpflegung (ausser Wein und Bier) für sieben Rupien täglich miethete und dazu, wie landesüblich, einen eignen Diener, der täglich ½ Rupie[425] zu fordern hat und mit einer ganzen zufrieden ist. Des Morgens früh bringt er den Thee und macht den (mir allerdings nur lästigen) Versuch, beim Ankleiden behilflich zu sein; die Sachen reinigt er nicht; vor dem Zimmer lungert er umher, bedient seinen Herrn bei Tisch, geht Gänge, kauft Halsbinden und dergleichen Kleinigkeiten, die man ihm aufträgt, mit geringem Aufschlag; fährt Abends mit in das Hindu-Theater, am nächsten Tage über den Fluss in den botanischen Garten, Nachmittags[S. 335] auf die Esplanade, zum Empfang des Vice-Königs, schliesslich zum Eisenbahnhalteplatz, wenn der Reisende abfährt. Dass der Diener immer mause, wie ich in einzelnen Reisebeschreibungen gelesen, kann ich nicht bestätigen; auf meinen Geldbeutel passe ich allerdings auf, und den Koffer halte ich gut verschlossen. Dass es nöthig oder angenehm wäre, einen solchen Diener, der mässig englisch spricht, mässig Bescheid weiss und dessen Haupttugend in der Unterwürfigkeit besteht, auf die Fahrt durch Indien mitzunehmen, kann ich gleichfalls nicht bestätigen; ebenso wenig, dass man in Bombay hungrig von der Mittagstafel aufstehen müsse, wenn man nicht einen eigenen Diener besitzt. Die deutschen Kaufleute in Calcutta, welche ich darüber befragte, lachten mich aus und erklärten, dass diejenigen Reisenden, die so übertriebene Schilderungen veröffentlicht hätten, sich selber nicht in helfen wüssten. Das sei unterwegs die Hauptsache, auch in Indien.

So bin ich also in Indien, dem Märchenland für die Europäer von den Tagen des grossen Alexander bis auf die Kreuzzüge, die Herrschaft des Grossmogul und bis auf den heutigen Tag. So gross wie das Land, so lang wie seine Geschichte, die leider für die ältere Zeit noch so räthselhaft geblieben: so ausführlich ist die Literatur über Indien. Natürlich meine ich nur diejenigen Bücher, die ein gebildeter Leser heutigen Tages befragt, um sich ein Urtheil zu schaffen; um, was er als Reisender mit eignen Augen geschaut, seinem Verständniss näher zu bringen.

Es giebt einen ziemlich guten Führer durch Indien, natürlich in englischer Sprache, von Murray. Ferner Führer durch die hauptsächlichsten Städte (Calcutta, Benares, Agra, Delhi, Bombay). Aber die Hauptquelle ist The Indian Empire by Sir William Wilson Hunter, 3. Aufl., London 1893, 852 Seiten; der Verfasser hat aus seinen 128 Bänden (60000 Druckseiten) des Statistical Survey erst die 14 Bände des Imperial Gazetteer of India und daraus das erwähnte Werk gewissermassen abgezogen und zusammengedrängt. Das Werk ist vorzüglich und enthält in klarer Sprache alle Belehrung, die man vernünftiger Weise erwarten kann. (Es giebt auch ein deutsches Buch „das Kaiserreich Ostindien“ von Werner, Jena 1884.) Ausserdem hat Hunter noch zwei Werke verfasst: A brief history of the Indian people und Englands Work in India. Die ausführlichste Geschichte Indiens für die ältere Zeit ist von Mount Stuart Elphinstone, der selber so thätigen Antheil an der neueren Geschichte Indiens genommen. Wichtig ist auch History of the Indian Mutiny by Col. S. B. Malleson.

[S. 336]

Eine vorzügliche „Geschichte des alten Indien“ in deutscher Sprache hat Prof. Lefmann in Heidelberg geschrieben (Berlin 1881–1885).

Für die indische Kunst kommt in Betracht Industrial arts of India by Sir G. Birdwood. J. Fergusson’s History of Indian und Eastern Architecture scheint das einzige Werk über indische Baukunst zu sein; in den gewöhnlichen englischen Werken sind seine Beschreibungen wörtlich abgedruckt; aber die Einseitigkeiten des bedeutenden Verfassers, namentlich seine Schwärmerei für den Schlangendienst in Indien, werden jedem Leser von den ersten Seiten an deutlich. Sehr lehrreich ist Albert Grünwald’s buddhistische Kunst in Indien, Berlin 1893.

Ueber Alterthümer erwähnen die Verfasser der englischen Reisewerke immer nur Jas. Prinsep’s Essays on Indian Antiquities (zwei Bände, London, Murray, 1858). Aber diese verdienstvollen und schwierigen Einzelforschungen sind wohl von jenen nicht studirt worden. Wir Deutschen bevorzugen, mit vollem Recht, die bahnbrechende und noch heute werthvolle „Indische Alterthumskunde“ von Professor Chr. Lassen in Bonn (1844–1861 und 1867–1874, vier Bände).

Beiden Völkern und Sprachen gemeinsam ist ein liebenswürdiges Büchlein von unserem Max Müller in Oxford: Indien in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung (Leipzig 1884). Max Müller hat bekanntlich den ganzen Rigveda herausgegeben, das unermüdliche Werk eines Menschenalters, und auch die Uebersetzung in’s Englische fertiggestellt. Die indische Literaturgeschichte verdanken wir unserem Berliner Professor Albrecht Weber (II. Auflage, Berlin 1876).

Ueber die Religionen in Indien belehrt uns ein Werk von A. Barth in Paris, das ich in der englischen Ausgabe (London 1891) besitze.

Die Zahl der englischen Reisebeschreibungen über Indien ist gewaltig. Gelesen habe ich India Revisited, von dem Dichter Sir E. Arnolds, und Picturesque India by W. S. Caine (London 1891).

Von deutschen Reisewerken kommen in Betracht die einschlägigen Capitel der schon genannten Bücher von Hildebrandt, H. Meyer, Lanckorónski. Ausserdem haben wir eigne Reisebeschreibungen von Indien, ältere, wie die vorzügliche des Prinzen Waldemar von Preussen (1844 bis 1846) und seines Arztes Dr. Hoffmeister, sowie aus neuerer Zeit von unserem Professor Reuleaux „Quer durch Indien im Jahre 1881“ (Berlin 1885); endlich ein viel gelesenes Prachtwerk: Indien in Wort und Bild von Schlagintweit (Leipzig 1881, 2 Bände), dessen gelehrtem Verfasser leider die[S. 337] eigne Anschauung des von ihm in Wort und Bild geschilderten Landes nicht beschieden war.

Die allgemeine Länderkunde unseres bibliographischen Instituts enthält in dem 1892 erschienenen Band Asien eine Beschreibung von Indien, die den deutschen Leser der Nothwendigkeit überhebt, den 8. Band von E. Reclus’ Nouvelle Géographie universelle (Paris 1883) nachzuschlagen; während die vor zwei Menschenaltern erschienene Erdkunde unseres Ritter, trotz der inzwischen eingetretenen Veränderungen, durch ihre anziehende Behandlung noch heute verdient, zu Rathe gezogen zu werden.

Diese kleine, vielleicht etwas persönliche Auswahl von Schriften über Indien beweist denn doch, dass es nicht so ganz leicht und nicht so sehr schnell geht, über dieses Land einigermaassen sich zu unterrichten.


Unser Name Indien stammt aus dem Sanskrit. Sindhus wurde der grosse Fluss genannt (Indus), zu dem aus Mittelasien die Arier zuerst gelangten und Sinthavas die Anwohner. Hieraus wurde Hendu im Iranischen, Indos im Griechischen. Jetzt heisst die Königin Victoria von England, seit dem 1. Januar 1877, Kaisar-i-Hind.

Als Columbus 1492 in Guanahani landete, glaubte er eine Insel nahe der Gangesmündung erreicht zu haben. Erst nachdem Vasco de Gama 1498 den Seeweg um Afrika nach dem eigentlichen Indien gefunden, und Balboa zuerst den Stillen Ocean erblickt; fing man an einzusehen, dass die neu entdeckten Länder im Westen von Europa und das alte Land der Inder im äussersten Osten durch weite Strecken von einander entfernt seien, und begann die Inseln in Mittelamerika als Westindien, das alte Indien aber als Ostindien zu bezeichnen.

Das Riesendreieck von Ostindien ruht mit der Grundfläche am Himalaya und reicht von 35° nördl. Br., d. h. von dem gemässigt warmen Erdgürtel, hinab mit der Spitze bis zum 8. Grad nördl. Br., d. h. zur heissesten Gegend der Erde. Das britische Kaiserreich in Indien hat eine Grösse von 4824000 qkm und eine Bevölkerung von 289 Millionen, d. h. so viel wie ganz Europa ohne Russland, und über das Doppelte von dem, was einst dem kaiserlichen Rom gehorchte. Es ist eher ein Erdtheil, als ein Land.

Drei Haupttheile sind zu unterscheiden: I) die Gegend der Himálaja[426]-Berge, welche 2400 Kilometer längs der Nordgrenze von[S. 338] Indien verlaufen. II) Die weiten Flussebenen erstlich des Indus mit seinen fünf Ursprungsflüssen (Punjab), zweitens des Ganges mit dem Nebenfluss Jumna, drittens des Brahmaputra, der sein Ausfluss-Delta mit dem des Ganges vereinigt. III) Das dreieckig begrenzte Tafelland der (grösseren) Süd-Hälfte, der Dekkan[427], d. h. Süden. Das Vindhya-Gebirge im Süden der Gangesebene bildet die Grundlinie des Dreiecks, die Ost- und West-Ghats[428] die beiden Seiten (Malabar- und Coromandel-Küste), die im Cap Comorin zusammentreffen. 1891 hatte II mit I zusammen 165, III 115 Millionen Einwohner.[429]

Ein Drittel des Landes mit einem Viertel der Bevölkerung steht noch unter einheimischen Fürsten, welche aber die britische Oberhoheit anerkennen. Der britische Vicekönig (oder Governor General, zur Zeit Marquis von Landsdown,) hat seinen Herrschersitz im Winter zu Calcutta, im Sommer zu Simla, einem südlichen Vorsprung des östlichen Theiles vom Himalaya, und entfaltet mehr Pracht, als mancher europäische König.

Ich sah die prunkvollen Empfangsvorbereitungen zu Calcutta, als der Vicekönig von einer einfachen Besichtigungsreise nach Madras zurück erwartet wurde.

Das britische Gebiet des Kaiserreichs ist jetzt in zwölf Provinzen (Governments) getheilt, deren hauptsächlichste sind: Bengal, Nordwestprovinzen mit Oudh, Punjab, Centralprovinzen, Bombay mit Sindh. Madras. (Dazu Assam und Ober- und Nieder-Burma.)

Die Volkszählung von 1891 ergab:

1) 221434862 Einwohner in den britischen Besitzungen,
2) 66908147 Schutzstaaten,
3) 561384 portugiesischen Ansiedlungen
(Goa u. s. w.),
4) 282923 französischen (Pondichery u. s. w.).

Von der erstgenannten Zahl waren nur 90169 Briten, und überhaupt (einschliesslich der Briten) nur 110504 nicht in Asien geboren. Noch nie ist ein so grosses Reich von einer so winzigen Zahl Fremder beherrscht worden.

Die Dichtigkeit der Bevölkerung beträgt 59 auf den Quadratkilometer und ist, wohl wegen der besseren Verwaltung, in den briti[S. 339]schen Besitzungen fast doppelt so gross, wie in den einheimischen Schutzstaaten (89: 42). In Bengal ist Uebervölkerung, zwei Menschen müssen leben von den Erzeugnissen eines einzigen Acre.[430]

In England leben 53,22 Procent der Bevölkerung in 182 Städten mit mehr als 20000 Einwohnern, in Britisch-Indien nur 4,84 Procent in 225 Städten dieser Grösse. Indien ist ein Acker-Land. In den übervölkerten Theilen nimmt die Bevölkerung nicht zu; doch giebt es noch genug Land; erwünscht, aber schwierig ist eine bessere Vertheilung des Volkes.

In der Bevölkerung erkennt man hauptsächlich vier Stämme:

1) Ureinwohner (Nicht-Arier) und ihre halb-hinduisirten Abkömmlinge 17½ Millionen (1872, in Britisch-Indien).

2) Verhältnissmässig reine Arier (Bráhmanen, Rájputen) 16 Millionen.

3) Die gemischte Bevölkerung der Hindu, die aus der arischen und nichtarischen Bevölkerung, hauptsächlich aus der letzteren, erwachsen ist, 111 Millionen.

4) Mohammedaner 40 Millionen. (Zusammen 186 Millionen unter britischer Regierung im Jahre 1872.[431])

Die entsprechenden Zahlen aus den Schutzstaaten waren nach der Zählung von 1881: 5¼ Millionen Bráhmanen und Rájputen, 46¼ Millionen Ureinwohner und Hindu niederer Kasten (1 + 3), 5 Millionen Mohammedaner, zusammen 56 Millionen. Bei der Zählung von 1891 liess man die Unterschiede von 1 und 3 fallen; fand aber, dass in Britisch Indien noch 11, in ganz Indien 14 Millionen wilder Wald-Stämme vorhanden sind.

In der ältesten Zeit, aus der wir überhaupt Kunde haben, entdecken wir zwei Völkerstämme verschiedener Rasse im Kampf um den Boden Indiens. Der eine Stamm war ein hellfarbiges Volk, vor Kurzem aus Mittelasien durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach Indien vorgedrungen; Aryer, d. h. Edle, nannten sie sich selber, sie hatten eine prachtvolle Sprache. Die anderen, dunkler und von niederer Rasse, hatten lange im Lande gelebt und wurden von den Ankömmlingen theils in die Wälder getrieben, theils in der Ebene unterworfen. Sie selber haben keine Nachrichten oder Zeugnisse hinterlassen. Von den Siegern wurden sie in den über 3000 Jahre alten Liedern (Rig-Veda) Feinde (Dasyus) oder Sklaven (Dásas) genannt, Schwarzhäute, Nasenlose, Rohesser u. dergl. Sie können aber nicht alle Wilde gewesen sein, in den Veden ist von ihren sieben[S. 340] Schlössern und 90 Festungen die Rede. Als die Geschichte anbricht, finden wir in Indien einige der mächtigsten Königreiche unter nicht-arischen Herrschern.

Noch heute leben in Indien Stamme der Art, in demselben Zustand, wie vor 3000 Jahren, oder mit geringem Fortschritt.

Woher kamen diese Urvölker? Nur die Sprache giebt einigen Anhalt. Sie gehören zu den Tibeto-Burmanen, Kolariern und Dravidiern. Die ersteren sind wahrscheinlich durch die Nordostpässe eingedrungen und leben jetzt noch in der Nähe des Himálaya. 22 Hauptsprachen der Tibeto-Burmanen werden unterschieden. Die zweiten wohnen im Norden von Dekkan, zu ihnen gehören die Santáls; neun Hauptsprachen ihrer Gruppe werden unterschieden. Die Dravidier kamen wahrscheinlich durch die Nordwest-Pässe, zersprengten die kolarischen Stämme und drangen machtvoll nach dem Süden des dreieckigen Tafellandes und wurden von der arischen Rasse zwar unterworfen, aber nie auseinandergesprengt. Sie haben ihre Sprache 28 Millionen in Süd-Indien gegeben: zwölf Dravida-Sprachen (vier hauptsächliche) werden in Indien unterschieden. Sie verehrten die Erde unter dem Zeichen der Schlange und ferner den Linga, ein steinernes Sinnbild der männlichen Zeugungskraft; sie sind die Baum- und Schlangen-Anbeter des alten Indien. Noch heute sind also von den drei Theilen Indiens zwei, nämlich Himálaya im Norden und die dreieckige Südhälfte, hauptsächlich von nicht-arischen Völkern bewohnt; aber der wichtigste Theil Indiens, die grossen Flussebenen sind schon seit alter Zeit der Schauplatz, wo eine edlere Bevölkerung ihre Cultur ausbildete. Sie gehört zu der arischen oder indogermanischen Rasse. Ihr ursprünglicher Sitz war Central-Asien.

Die ältesten vedischen Gesänge zeigen uns den indischen Zweig der Arier auf dem Marsch von Kabul zum Punjab und schliesslich zu den Gangesebenen, wo sie dauernd sich niederliessen. Diese Rig-Veda sollen nach den Hindu „vor aller Zeit“ oder doch schon mindestens 3000 v. Chr. entstanden sein, nach europäischen Gelehrten aber erst 1400 v. Chr. Es sind 1017 Psalmen mit 10580 Versen.

Diese alten Arier lebten nach der Weise der Erzväter, unter Häuptlingen; ehrten die Frauen, kannten die Metalle, den Pflug. Vieh war ihr Reichthum und ihr Geld. Sie assen Rindfleisch und tranken Bier (aus der Soma-Pflanze); wohnten in Dörfern und Städten, wanderten in Stämmen vorwärts, vertrieben oder unterjochten die „schwarzhäutigen“ Ureinwohner. Ihre Todten wurden ursprünglich begraben, später verbrannt. Sie verehrten den Himmelsvater Dyaush pitr (Jupiter) und die Mutter Erde, das Firmament Varuna (Uranos), Indra den Regengott mit dem Speer, dem die meisten Hymnen gewidmet sind, und[S. 341] Agni (Ignis), den Feuergott, im Ganzen 33 Gottheiten, elf im Himmel, elf auf Erden und elf im glänzenden Luftkreis.

Aber als sie weiter südlich zogen, war die Wärme nicht mehr so begehrenswerth; Agni verlor seine Wichtigkeit in Punjab gegen Indra. Und als sie schliesslich in den Gangesniederungen die regelmässigen Regenfälle der Monsune fanden, theilte Indra das Schicksal des Agni. Die mächtigen Naturkräfte in dem Gangesthal schufen die heilige Dreizahl des Schöpfers, Erhalters, Zerstörers (Brahma, Wischnu, Schiwa), von denen in den Veden noch nicht gesprochen wird, wie auch der Ganges nur zweimal dort Erwähnung findet.

Wann und wie erstand nun die neue Gliederung der Arier zu Königreichen mit Priestern und Kasten?[432] Die Schrift war unbekannt. Die Familien, welche die heiligen Gesänge auswendig wussten, gewannen an Bedeutung. Das siegspendende Gebet wurde bráhman genannt und seine Priester Bráhmanen. Sie schufen weihevolle und ehrfurchtgebietende Gebräuche. Der ganze Dienst wurde abgeleitet von den Veda (dem Wissen, lat. vid-eo, griech. vida, οἶδα) und deren Neuordnungen und Zusätzen: die vier Veda mit den dazu gehörigen Brahmana bilden die Offenbarung (Sruti, das aus Gottes Mund Gehörte); die späteren Sutra (oder Reihen von Sätzen), in denen die Bráhmanen als mächtige Priesterkaste dargestellt sind, fügen die Ueberlieferung (Smriti, das Erinnerte) hinzu.

Die mächtigeren und glücklicheren Krieger bildeten die zweite Klasse der Kshattriya (Rájanya, Rájbansi = Königs-Genossen), die heutzutage Rájput = Königsabkömmlinge heissen; die Ackerbauer (Vaisya, von vis = Volk) die dritte. Heirathen zwischen den drei Kasten waren verboten, aber alle drei gehörten zu den zweifach Geborenen oder Ariern. Unter ihnen stand eine vierte oder dienende Klasse, Súdra, Ueberbleibsel der überwundenen Ureinwohner, nur einmal geboren, die nicht an den grossen Staats-Opfern theilnehmen durften. Die Vaisya erhoben sich theils zu den Kriegern, theils gingen sie unter in die Diener, so dass nur Priester, Krieger und Diener übrig blieben. Aber ein langer Kampf um die Oberherrschaft wüthete zwischen den Priestern und den Kriegern, aus dem die ersteren siegreich hervorgingen. Doch machten sie einen weisen Gebrauch von ihrer Gewalt, verzichteten auf die Herrscherwürde und begnügten sich mit der Macht über die Gemüther.

Strenge Regeln für ihre eigne Kaste stellten sie auf. Das Leben des Bráhmanen theilt sich in vier Abschnitte:

[S. 342]

1) Sein religiöses Leben beginnt nicht mit der Geburt, sondern am Ende der Kindheit, wenn er mit dem heiligen Faden der zweimal Geborenen bekleidet wird. (Voll Stolz zeigte mir diesen Faden einer der armseligen Führer, die dem Reisenden die Sehenswürdigkeiten der Städte weisen.) Die Jugend und erste Mannheit bringt der Bráhmane damit zu, von einem Weisen seiner Kaste die heiligen Schriften zu erlernen.

2) Darauf gründet er eine Familie.

3) Er zieht sich in die Wälder zurück, lebt von Früchten und Wurzeln und führt die religiösen Gebräuche aus.

4) Den Schluss macht ein Büsser-Leben.

Die Bráhmanen unserer Tage sind das Ergebniss einer 3000jährigen Erb-Erziehung und Selbstbeherrschung.

Eine Rasse nach der andern hat Indien überfluthet, Fürstengeschlechter sind entstanden und vergangen, Religionen sind gekommen und geschwunden; aber seit der Dämmerung der Weltgeschichte hat der Bráhmane ruhig die Herrschaft ausgeübt, die Geister gelenkt und die Verehrung des Volkes empfangen. Aber sie haben auch Gutes und Grosses gewirkt. Ihren arischen Landsleuten bildeten sie eine edle Sprache und Literatur, den einheimischen Ureinwohnern brachten sie Cultur und nahmen sie auf in jene gesellschaftliche und religiöse Ordnung, aus welcher der Hinduismus unserer Tage hervorgegangen ist.

Sie erkannten die Einheit Gottes und schufen für das Verständniss der Masse die Dreiheit. Bráhma, der Schöpfer, ist zu abstract. Zur Zeit findet der Reisende in Indien nur einen grossen Sitz seiner Verehrung, bei Ajmir. Wischnu, der Erhalter, in seinen zehn Erscheinungen, besonders in der siebenten und achten, als Rama und Krishna, nahm die Stelle ein der vedischen Gottheiten. Schiwa, der Zerstörer und Wiederhersteller, verkörperte die tiefsinnigen bráhmanischen Gedanken vom Tode als Austritt aus dem bisherigen Leben und Eintritt in ein neues. Seine schrecklichen Seiten verknüpften ihn mit Rudra, dem Sturmgott der Veden, und mit den blutgierigen Gottheiten der nicht arischen Stämme. Wischnu und Schiwa in ihren männlichen und weiblichen Erscheinungsformen sind jetzt die Götter der Hindu-Bevölkerung. In sechs Systemen der Philosophie (darsanas, Spiegeln der Kenntniss) suchten die Bráhmanen sich Rechenschaft zu geben über Gott, Welt und Menschenseele, darunter ist das erste (Sankya, 500 v. Chr.) die Entwicklungslehre, welche heute den Beifall so vieler Denker in Europa findet.

Die Bráhmanen schufen die Wissenschaft. Pánini’s Grammatik des Sanskrit (350 v. Chr.) gehört zu den ersten und den besten der[S. 343] Welt. Die Sanskritsprache ist so fein durchgebildet, dass man Zweifel erhoben, ob sie jemals die gesprochene Sprache eines Volkes gewesen sein kann. (Samskrita-bhasha „die vollkommene Sprachweise,“ gegenüber Prákrita-bhasha, der einfacheren Umgangssprache.) Die Sanskrit-Literatur wurde mündlich überliefert und ist darum ganz in Versen (Sloka). Deshalb und wegen des zerstörenden Klima von Indien giebt es keine sehr alten Handschriften. Die meisten sind nicht älter als 400 Jahre, zwei nur 800, eines (auf Palmblättern) wurde in einem japanischen Kloster seit 609 n. Chr. aufbewahrt. Die ältesten Inschriften auf Säulen und Felsen sind aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Die indischen Buchstabenzeichen scheinen aus den phoenicischen abgeleitet zu sein, doch ist die Frage noch nicht ganz entschieden.

Dagegen haben wir unsere „arabischen“ Zahlzeichen aus Indien. Die Araber, welche sie uns überliefert, nannten sie indische Ziffern: sie sind die Anfangsbuchstaben der indischen Zahlwörter von 1 bis 9, und 0 ist der Anfangsbuchstabe des Sanskrit-Wortes für „leer“.

Heilkunde, Kriegskunst, Musik, Baukunst galten als upaveda oder ergänzende Offenbarung. Von der Heilkunde, Musik, Sternkunde werde ich späterhin, bei besonderer Gelegenheit, noch ein paar Worte zu sagen haben. Die Baukunst wurde mehr von den Buddhisten entwickelt. Die Muselmänner brachten neue Formen. Aber die Hindu-Baukunst hat in den Werken der Mogul für alle Zeit bewunderungswürdige Denkmäler hinterlassen.

Das Gesetzbuch von Manu, das die Kasten feststellt und die Vorrechte der Bráhmanen sichert, wird von letzteren natürlich dem Manu, ihrem Adam, zugeschrieben; dürfte wohl auf ein älteres Buch (500 bis 200 v. Chr.?) zurückgreifen, aber in der jetzigen Gestalt nicht älter sein, als 500 n. Chr.

Die weitere Sanskrit-Literatur umfasst die beiden Riesen-Epen (Mahabharata und Ramayana, von denen das erste die Kämpfe der Arier in der Gangesebene, das zweite ihr Vordringen nach dem Dekkan und nach Ceylon behandelt,) Dramen, Sagen, Liebeslieder und mystische Dichtungen. Von Kalisada’s Drama Sakuntala (550 n.Chr.) ist 1789 eine englische Uebersetzung erschienen, welche die eigentliche Veranlassung für das Studium der indischen Sprache, Kunst und Wissenschaft in Europa geworden. Im Mittelalter (vom 8. bis zum 16. Jahrhundert) entstanden dann noch die Purana (die „alten Schriften“), 1600000 Verse religiösen und philosophischen Inhalts.

Der erste Angriff auf die Brahmanen-Herrschaft war die Lehre von Gautama Buddha. (622–543 v. Chr., nach neueren Berechnungen starb er 478 v. Chr.) Gautama entwickelte sich aus einem Prinzen[S. 344] zum Einsiedler und Heiligen; er wurde Buddha, der Erleuchtete, und Siddharta, der Vollendete. Vierundvierzig Jahre predigte er dem Volke. Das Geheimniss von Buddha’s Erfolg beruhte auf der geistigen Befreiung, die er dem Volke brachte. Er predigte, dass Erlösung allen Menschen eröffnet sei, nicht durch Besänftigung eingebildeter Gottheiten, sondern durch eigne Thätigkeit (Karma). Was der Mensch sät, wird er ernten. So beseitigte er die religiöse Grundlage der Kasten und die Oberhoheit der Brahmanen, der Vermittler zwischen Gott und den Menschen.

Die Buddha-Lehre sandte ihre Glaubensboten aus. Asoka (257 v. Chr.), König von Magadha oder Behar,[433] machte sie zur Staatsreligion und begründete (nach dem dritten Concil) den Canon der südlichen Buddhisten in der Volkssprache oder Maghadi. Das vierte und letzte Concil der Buddhisten war unter Kanishka (40 n. Chr.), einem Saka oder scythischen Eroberer von Nordwest-Indien; damals wurde der nördliche Canon in Sanskritsprache festgestellt, in welchem Buddha als ein Saka oder Turanier erscheint, und aus dem später der chinesische (mit 1440 Werken) hervorgegangen.

Buddhismus und Brahmanismus bestanden in Indien neben einander 1300 Jahre, und der moderne Hinduismus ist aus ihrer Verschmelzung entstanden. Im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wurde Brahmanenthum in neuerer Form die herrschende Religion, Buddhismus ist seit 1000 Jahren aus seiner Heimath verbannt, hat aber in der Fremde reichlich gewonnen, was er daheim verloren. Ein Wiederaufleben in Indien ist nicht unmöglich.

Mit dem Zuge Alexander’s des Grossen über den Indus (327 v. Chr.) beginnt die Beeinflussung Indiens durch Fremde, beginnt für uns die indische Geschichte, da die indischen Arier selber nur Sagen, nie Geschichtsbücher aufgezeichnet haben. Von 126 v. Chr. bis 544 n. Chr. folgten verschiedene Einfälle der Scythen (Saka, Turanier), welche grosse Länderstrecken längere Zeit beherrscht und deutliche Reste in der Bevölkerung hinterlassen haben. Dazu kam der Einfluss der nicht arischen Königreiche (Naga, Schlangenanbeter), namentlich im Süden.

Der Vorhang der vedischen und nachvedischen Literatur fällt im 5. Jahrhundert v. Chr. nieder; wenn er im 10. Jahrhundert n. Chr. sich wieder erhebt in den Purana, hat eine gewaltige Aenderung Platz gegriffen. Arier und Nichtarier sind verschmolzen zu Hindu, und ihre Religion ist zusammengesetzt aus arischen Gedanken und nichtarischem Aberglauben. Wischnu- und Schiwa-Dienst sind die Volksreligion. Die Kasteneintheilung beruht auf Rassenunterschieden.

[S. 345]

Vom 11. Jahrhundert an dringen die mohammedanischen Eroberer von Afghanistan aus in Nordindien ein. 1526 gründet der mohammedanische Turanier Baber das Reich des Grossmogul, das machtvoll Indien, zuletzt auch bis zum Dekkan, beherrschte. Die Portugiesen hatten (seit 1498) Handelsniederlassungen an den Küsten gegründet; aber weder diese noch ihre Erben, die Holländer im 17. Jahrhundert, die Engländer und die Franzosen, gewannen zunächst Macht im Lande. Erst nach der Zersplitterung des Mogul-Reiches (1707) gelang es den Engländern, die schon 1600 ihre Ostindische Gesellschaft geschaffen, festen Fuss in Indien zu fassen. 1757 besiegte Clive den Nawab von Bengalen bei Plassy, 1763 verloren die Franzosen im Frieden von Paris ihre ostindischen Colonien an die Engländer. Im vorigen Jahrhundert besiegten die Engländer den Sultan Tipu von Mysore in Südindien, der 1799 in der Bresche seiner erstürmten Hauptstadt fiel; im Anfang dieses Jahrhunderts die brahmanischen Maraten in Centralindien, welche schon die Erbschaft des Grossmogul anzutreten bereit waren; in der Mitte unseres Jahrhunderts die Sikhs in Punjab. Nachdem sie den Aufstand der einheimischen Soldaten (Sepoy) vom Jahre 1857 unterdrückt, wurde die Ostindische Gesellschaft aufgehoben, Indien unter die Verwaltung der Krone genommen und am 1. Januar 1877 zum Kaiserreich erhoben.


Calcutta,

die Hauptstadt des indischen Kaiserreiches und gleichzeitig die grösste und volkreichste Stadt desselben (mit 845000 Einwohnern[434] im Jahre 1891) hat zwar den Namen von einem uralten Wallfahrtsort zu Ehren der Kali, der schrecklichen Gattin von Schiwa,[435] ist aber eine[S. 346] durchaus neue Gründung und ein wahres Kind gegen so altehrwürdige Städte, wie Benares oder Delhi.

Im Jahre 1688 überliess der Kaiser (Grossmogul) von Delhi der englischen Ostindia-Gesellschaft die Gegend der jetzigen Stadt zu einer befestigten Handelsniederlassung; am 24. August 1690 wurde auch die englische Flagge hier aufgezogen; aber es blieb ein unbedeutender Ort bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts. 1710 betrug die Zahl der Einwohner erst 12000, 1724 wurde ein städtisches Gemeinwesen eingerichtet.

Im Jahre 1756 marschirte des Grossmoguls Nawab (Unterkönig) von Bengal, der 18jährige Siráj-ud-Daulá, um ein seiner Rache entflohenes Familienmitglied zu fangen, mit einem grossen Heer nach Calcutta, eroberte die Stadt nach tapferer Gegenwehr und liess die gefangenen Engländer (146, Männer und Frauen,) in das schwarze Loch stecken (Black hole;[436] so hiess das Militärgefängniss von Fort William in Calcutta, 18 Fuss lang, mit zwei kleinen eisenvergitterten Fenstern). Die Folgen, die der junge Wütherich nicht vorausgesehen, waren entsetzlich durch die erdrückende Hitze der Juni-Nacht. Am folgenden Morgen waren von den 146 nur noch 23 am Leben geblieben.

Sofort segelten Clive und Watson mit allen verfügbaren Truppen von Madras an die Gangesmündung, eroberten Calcutta wieder und zwangen den Nawab zum Frieden und zur Entschädigung. Da aber gerade in Europa Krieg zwischen England und Frankreich erklärt worden war, so eroberte Clive auch noch die französische Niederlassung Chandarnagar, nördlich von Calcutta am Hugli gelegen. Als der Nawab diesen Friedensbruch in seinem Gebiet übel nahm, wurde flugs unter seinen Officieren eine Verschwörung veranstaltet, der denkwürdige Sieg von Plassy (80 engl. Meilen nördlich von Calcutta) am 23. Juni 1757 erfochten und ein Geschöpf der Engländer, einer der Verräther, Mír Jafar, auf den Thron des Nawab gesetzt. Dies ist der eigentliche Anfang von Englands Machtstellung in Indien.

Das heutige Calcutta ist eine ganz neue Stadt. Seine ältesten Gebäude sind die Kirche zum heiligen Johannes (St. Johns church) vom Jahre 1790 und Rathhaus sowie Regierungsgebäude vom Jahre 1804.

[S. 347]

Calcutta liegt am linken Ufer des Hugli, 160 Kilometer vom Golf von Bengalen, unter 22° 33′ nördlicher Breite, also dicht unter dem Wendekreis, und unter 86° östlicher Länge v. Greenwich; erstreckt sich von Norden nach Süden, am Fluss entlang, etwa 5 Kilometer und von Osten nach Westen 2–3 Kilometer. Die eigentliche Stadt wird begrenzt durch den Fluss und die Gürtelstrasse (Circular road, ehemals ein Erdwerk gegen die plündernden Maraten, Mahratta ditch,) und bedeckt 21 Quadratkilometer.

Das südwestliche Viertel oder Fünftel der Stadt ist freigelassen. Der riesige Exercirplatz (Maidan, Esplanade) von 3 Kilometer Durchmesser fesselt zunächst den Blick des Reisenden. Denn in seiner Mitte steht das Denkmal für Sir David Ochterlone, der 1823 englischer Resident zu Malwa und Rajputana gewesen: ein Thurm von 165 Fuss Höhe, welcher eine schöne Aussicht und Uebersicht verheisst. Erstaunt blickten die Einheimischen auf den Europäer, der in der glühenden Mittagshitze, um 1 Uhr, noch dazu ohne den landesüblichen Solar- oder Kork-Hut,[437] über den weiten Platz schritt, um die endlose Treppe im Innern der Säule emporzuklimmen.

Aber die Mühe wird reichlich belohnt. Der Blick schweift ungehindert über den weiten Platz; nach Norden, wo der amtliche Theil der Stadt liegt, mit dem kuppelförmigen Postgebäude, ferner mit dem Palast des Vicekönigs, den hohen Regierungs- und Gerichtshäusern; nach Westen zum Flussufer, an dem der Hafen mit einem Wald von Masten sich befindet; nach Süden zum Port William; nach Osten zu der vornehmen Chowringhee-Strasse, in welcher auch der General-Consul des Deutschen Reiches, Herr Baron von Heyking, wohnt, der mich auf das liebenswürdigste empfangen hat.

Der Haupttheil der „Stadt der Paläste“, nördlich von dem Exercirplatz bis zum Flussufer, zeigt einen fast europäischen Baustil, aber einen sehr — mittelmässigen. Der Palast des Vicekönigs liegt inmitten eines geräumigen, gut gepflegten Gartens (von 2½ ha), besteht aus einem Centralbau und vier Flügeln, die durch diagonale Gänge mit jenem verbunden sind, und wird durch Polizisten, die nicht englisch verstehen, sowie durch Schildwachen so gut geschützt, dass der Reisende nicht hineinkommt.

Westlich von dem Palast liegt das Stadthaus (Town-hall) in jenem nüchternen, angeblich dorischen Stil, der von Edinburgh her genügend[S. 348] bekannt ist. Von den Bildsäulen erwähne ich die von Warren Hastings zwischen einem Hindu und einem Mohammedaner. Es ist dies ein beliebter Gegenstand für die Bildhauerkunst der Engländer in Indien. Von der gewaltsamen Bekehrungswuth der Portugiesen haben sie sich ja freigehalten, behandeln auch die beiden Religionen ganz gleich, die Bekenner beider mit der gleichen — Ueberhebung. Vollends Warren Hastings (1772–1785 Gouverneur von Bengalen) hat mit ganz gleicher Rücksichtslosigkeit den Hindu-Fürsten von Benares und die mohammedanische Königin-Mutter von Oudh vollständig ausgepresst wie Citronen, um den unersättlichen Golddurst der edlen Compagnie zu befriedigen: das war selbst seinen eigenen Landsleuten zu stark, er wurde angeklagt, nach siebenjähriger Dauer des Verfahrens zwar freigesprochen, hatte aber dabei sein ganzes Vermögen eingebüsst.

Das Obergericht (High Court), das Secretariat und die andern Verwaltungsgebäude sind gross, aber nicht schön. Mehrere von ihnen liegen am Dalhousie Square, der in der Mitte mit einem hübschen Teich und Gartenanlagen geschmückt ist. Das stattlichste Gebäude ist die Post mit einer grossen Kuppel, die den Hauptraum deckt. Leider ist die Postverwaltung von Indien mittelmässig. Die gewöhnlichen Beamten sind schlechtbezahlte Hindu (Babu)[438], welche eine grosse Neigung haben, Freimarken von den Briefen abzulösen und die letzteren einfach zu beseitigen. Deshalb ist es in Indien allgemein üblich, die Freimarken mit Tinte zu durchkreuzen, ehe man den Brief abliefert. Täglich war ich in der grossen Posthalle, reichte dem Babu meine englisch gedruckte Karte und verlangte meine postlagernden Briefe. Immer vergeblich. Und doch waren sie dort gewesen, wie ich aus der Abstempelung ersah, als ich etliche Wochen nach der Heimkehr die über Kimberley (Afrika) nach Berlin zurückgesendeten Briefschaften empfing. (In Bombay war ich so unvorsichtig, 5 Rupien und etliche Annas für eine Buchpostsendung nach der Heimath in der Post an den Babu zu zahlen; die Bücher habe ich in Berlin nicht erhalten, aber, nachdem ich mich beschwert, eine Antwort, dass nach § 150 der Postordnung die Sendung nicht abgeschickt worden wäre.)

Die Privatgebäude in dieser Gegend enthalten die grossen Hotels,[S. 349] Banken[439] und die Riesenläden mit Ausrüstungsgegenständen für die englischen Beamten und deren Familien sowie mit Kunstgegenständen für die gierigen Reisenden. Die Preise, welche gefordert werden, sind lächerlich hoch. Im Innern, in Benares, Delhi, Agra, Jaipur, kann man weit billiger einkaufen.

Von Dalhousie Square führt eine breite Hauptstrasse (Bow Bazar) quer durch die ganze Stadt und verbindet den westlich vom Huglifluss jenseits der Brücke gelegenen Eisenbahnhalteplatz (Howrah, für East India Railway) mit den beiden andern östlich von Calcutta belegenen. (Sealdah, für Eastern Bengal Railway, und Mutlah, für eine Zweiglinie der letzteren.)

Gleichlaufend mit der genannten Strasse und südlich davon ist die Dhurumtolla-Strasse, die an dem Palast beginnt und ganz allmählich von dem europäischen Viertel zu dem gemischten überleitet. Nach einer kleinen, aber hübschen Moschee (1840 von Prinz Shulam Muhamed, dem Sohn des berühmten Tipu Sultan, erbaut,) folgt Laden auf Laden, wo von den einheimischen Kaufleuten die eignen Erzeugnisse und Kunstgegenstände des Landes und die von Europa eingeführten zu billigeren Preisen feilgehalten werden, als in den Prachtläden des Europäer-Viertels. Hindu, Mohammedaner, Parsi, Juden sind die Händler. Dazu kommen noch gelegentlich hochgewachsene Afghanen in bauschigen Gewändern als Hausirer auf der Strasse.

Hier und da wird die Reihe der niedrigen Häuser unterbrochen durch ein höheres europäisches Gebäude, z. B. eine Concerthalle, die aber eher den Namen eines Tingeltangel verdient, oder durch ein Gasthaus zweiten Rangs, wie das, in dem ich Unterkunft gefunden, durch eine Apotheke, eine Kapelle. Auch wenn man von Dalhousie Square nach Norden fährt, sieht man den allmählichen Uebergang von der europäischen zur einheimischen Stadt. In einem Chinesen-Viertel versorgen die fleissigen Zopfträger ganz Calcutta mit Schuhen und Stiefeln.

Zahlreiche Bazare beleben das Bild. Ganze Strassen sind von Läden und Buden derselben Gattung eingenommen. Hier und da ist inmitten der kleineren Häuser ein grösserer Palast eines zurückgezogenen Rajah sichtbar. Einen derselben habe ich besucht, da ich[S. 350] nach Abgabe eines Empfehlungsbriefes mit einer Einladung beehrt wurde.

Seine Visitenkarte lautet:

Dasselbe ist am Eingang seines Palastes angeschrieben.

Unten am Hausflur steht eine Schildwache mit Flinte und Diensttracht, wie sie im Anfang unsres Jahrhunderts noch in Europa üblich gewesen. Auf den Gängen vor der grossen Empfangshalle halten morgenländische Krieger mit Krummschwert und blankem Stahlschild Wache. Der Fürst, ein sehr gebildeter Herr, empfing mich recht freundlich und spielte mir indische Weisen auf der Laute vor. Die geehrte Leserin, obwohl so sehr musikalisch, wird kaum daran denken, dass wir die Noten aus Indien haben: die Brahmanen hatten schon vor 350 v. Chr. die sieben Noten durch ihre Anfangsbuchstaben bezeichnet, durch die Araber kamen sie nach Europa. Fürst Tagore[440] hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, die Musik seines Vaterlandes gewissermaassen neu zu beleben und auch wissenschaftlich zu erörtern. Das aber möchte ich hervorheben, dass sowohl seine Musik als auch die im Hindu-Theater zu Calcutta meinem Ohr durchaus gefällig schien.

Wenn man aus diesen mittleren Gegenden noch weiter nach Norden kommt, sieht man sofort, dass ganze Stadttheile nur aus Hindu-Dörfern (Bhusti) bestehen. Um einen heiligen Teich herum sind erbärmliche Hütten errichtet. Einige rohe Baumstämme tragen das Palmblattdach, die Wände zwischen diesen Stützen bestehen nur aus Flechtwerk, das mit Lehm verschmiert ist. Die Vorderseite der[S. 351] Hütte steht bei Tage offen und wird Nachts durch Flechtwerk oder Bretter nothdürftig geschlossen. Hier wohnen Kleinhändler und Arbeiter mit ihren Familien. In dem Teich baden sie, waschen ihre Kleider und Geräthe; eben dahin gehen ihre Abwässer.

Es ist erstaunlich, in einer Grossstadt so erbärmliche Viertel zu sehen.

Sehr anregend ist es, am Flussufer nordwärts bis zur Schiffsbrücke über den Hugli zu wandern. Der Hafen ist wirklich mit tausend Masten gefüllt. Dampfer und grosse Segler (Drei- und selbst Fünfmaster) sind am Ufer verankert. Aber die Kaufleute versichern, dass die grosse Zahl der Schiffe nicht durch die Blüthe, sondern durch das Darniederliegen des Handels bedingt sei; die Schiffe warten eben vergeblich auf lohnende Rückfracht.

Der nordwestliche Theil der Stadt am Flussufer und an der Schiffbrücke sieht einer europäischen Fabrikstadt ähnlich. Da schnurren die Räder und dröhnt der Dampfhammer und Rauch steigt aus hohen Schornsteinen empor. Ausser Maschinenbauwerkstätten giebt es Jute- und Baumwollenspinnereien.

Der Handel Calcutta’s betrug 1874/75 an 50 Millionen £. Eingeführt werden hauptsächlich Baumwollengegenstände, ausgeführt Jute[441], und daraus gefertigte Säcke, Baumwolle, Weizen, Indigo, Häute, sowie Seide.

1884 war die Einfuhr 224, die Ausfuhr 361 Millionen Rupien. Von dem ganzen indischen Seehandel (Rx[442] 193 Millionen, oder in runden Zahlen 2500 Millionen Mark, im Jahre 1890–91) beherrscht Calcutta wie Bombay je 40 Procent.

Die Zahl der Sehenswürdigkeiten in Calcutta ist gering.

Am bemerkenswerthesten ist das indische Museum in der Chowringhee-Allee, ein mächtiges Gebäude, mit luftigen, bedeckten Gängen um den Mittelhof und mit gewaltigen Sälen. Der Eintritt ist frei. Die Eingeborenen machen reichlich Gebrauch davon; Europäer sah ich nur wenige, so oft ich hinkam. Die stattlichen Diener in Turban und langem Scharlachgewand sind zwar sehr zuvorkommend,[S. 352] aber ganz unwissend. Dank der Empfehlung meines Freundes Dr. A. B. Meyer, Museums-Director in Dresden, fand ich auch an denjenigen Tagen Zutritt, wo die Sammlungen dem Volk geschlossen bleiben, und wurde auch von dem Vorsteher der völkergeschichtlichen Abtheilung durch einen neuen, noch nicht eröffneten Flügel geführt, in dem lebensgrosse, bemalte Bildsäulen aller indischen Völkerschaften mit ihrer Kleidung, ihrem Schmuck, ihren Waffen und Geräthen aufgestellt sind, von dem arischen Brahman bis zu dem Negrito der Andamanen-Inseln. Da erkennt man erst, dass Ost-Indien eigentlich nicht ein einheitliches Land, sondern einen ganzen Erdtheil mit den mannigfaltigsten Menschenrassen darstellt.

Die naturwissenschaftliche Abtheilung giebt eine vollständige Uebersicht von Indiens Erzeugnissen aus den drei Reichen.

Eisenerz wird überall in Indien gefunden und seit den ältesten Zeiten in einfacher Weise zu dem allerfeinsten Metall geschmolzen.

Uebrigens, obwohl gutes Eisenerz in bedeutender, mässig gute Kohle[443] in genügender Menge vorhanden ist, Arbeitslohn sehr billig, sind die Versuche der Engländer, Eisen im Grossen herzustellen, doch fehlgeschlagen, weil es zu schwierig ist, die drei Bestandtheile der Eisendarstellung, Erz, Flussmittel (Kalkstein) und Kohle nahe bei einander zu treffen. Der ungeheure Eisenbedarf Indiens, z. B. für die Eisenbahnen, wird aus England eingeführt; aus England kommt Kohle fast zu Ballastfrachtsatz.

Steinsalz im Punjab und Seesalz, durch natürliche Verdampfung an der Küste von Bengal und Madras gewonnen, liefert das dem pflanzenessenden Indier so nöthige Speisesalz und der Regierung ein beträchtliches Einkommen.[444]

Indien liefert aus seinen natürlichen Lagen im oberen Ganges-Thal (Nord-Behar) einen grossen Theil des Salpeters für das Schiesspulver Europa’s.

Silber, seit uralter Zeit das Geld in Indien, wird nirgends im Lande gefunden. Gold wird aus dem Flusssand gewaschen; aber die Arbeiter können kaum ihr Leben dabei fristen. Die Hoffnungen auf die neubearbeiteten Goldminen im Süden haben sich nicht erfüllt.[S. 353] Kupfer wird in den niederen Bergrücken des Himalaja reichlich gefunden. Ausserdem Blei; Zinn in Burma; Antimon zur Augenschminke (surmá).

Kalkstein (kankar) zum Bauen ist reichlich vorhanden, Kalk (chunam) wird daraus und aus Muscheln gewonnen. Die berühmten Gebäude zu Agra bestehen aus dem rosafarbenen Marmor der Rajputana.

Trotz des sprichwörtlichen Reichthums an Edelsteinen, der Indien zugeschrieben wird, ist das Land nicht sehr reich an kostbaren Steinen; jener Reichthum kam von der Jahrhunderte lang fortgesetzten Sammlung und Anhäufung. Einige werthlose Diamanten werden noch jetzt in der Gegend von Golconda gefunden, einige Perlen im Golf von Cambay und in der Gegend von Madura.

Uebrigens sind thatsächlich alle Diamanten[445] bis 1728 n. Chr. aus Indien gekommen, dann wurden solche auch in Brasilien und 1867 in Südafrika gefunden.

Die berühmtesten Diamanten der Erde sind die folgenden: 1) Kohinur „Berg des Lichtes“, im 14. Jahrhundert von Alauddin in Südindien erbeutet und nach Delhi gebracht, wo er das Grabmal des grossen Akbar schmückte, von Nadir Schah 1739 erbeutet, diesem von den Sikhs abgenommen, nach der Besiegung der Sikhs 1850 dem englischen Kronschatz einverleibt. Er wiegt jetzt, nach dem Brillantschliff, 106 Karat (zu 20 Centigramm), soll aber ursprünglich das sechsfache gewogen haben. 2) Der Orlow an der Spitze des russischen Scepters stammt aus dem Thronsessel von Nadir Schah und wurde 1772 für 450000 Silberrubel angekauft; Durchmesser 3,4 Centimeter, Höhe 2,18 Centimeter; Gewicht 197¾ Karat. 3) Der Regent, von 136 Karat, stammt gleichfalls aus Ostindien, wurde im vorigen Jahrhundert von dem Herzog von Orleans gekauft und befindet sich jetzt in dem preussischen Kronschatz.

Vergeblich suchte ich die Glasmodelle der grossen indischen Diamanten, die nach dem Reisebuch hier anzutreffen seien. Lächelnd sagte mir Herr Dr. Holland, der Vorsteher dieser Abtheilung, dass ein dummer Teufel sie — gestohlen habe. „Aber“, fügte er hinzu, „was wollen Sie denn hier? Alle indischen Mineralien finden Sie in der mineralogischen Sammlung zu Berlin“. Ich dankte ihm und erwiderte, dass ich erstlich in Berlin weniger Zeit hätte, zweitens hier in dem Museum von Calcutta zwei Dinge gesehen, die mir besondere Freude bereitet. Das erste ist der indische Magneteisenstein,[S. 354] der vielleicht schon seit 2000 Jahren in der Wundarzneikunst der Inder angewendet worden: in Susruta’s Ayur-Veda wird der „vom Eisen geliebte“ Stein als das vierzehnte der fünfzehn Mittel gepriesen, die geeignet sind, eine Pfeilspitze aus dem menschlichen Körper herauszuziehen.[446] Das zweite ist der indische Beryll, ein meergrüner, durchsichtiger Halbedelstein. Sein indischer Name ist in die deutsche Sprache übergegangen: Im Sanskrit vaidurya, im Prakrit vêlurija, aramäisch bellur, griechisch βήρυλλος, lateinisch beryllus oder berullus; im Mittelalter berillus, auch zur Bezeichnung von Crystall und Glas. Davon stammt unser Wort Brille.

Sehr merkwürdig ist die Sammlung fossiler Wirbelthiere, eine der vollständigsten der Welt. Aber das Wichtigste sind die Alterthümer.

Am besten gefallen uns die alten Bildhauerarbeiten, die aus dem äussersten Nordwesten (Gandhara, im Pundjab,) stammen und offenbar unter griechisch-baktrischem Einfluss entstanden sind: kleine Figuren, aber Meisterstücke. Eine Reihe geflügelter Giganten könnte aus Pergamum, eine anmuthige Frau mit ihrem Sohn aus dem kaiserlichen Rom herstammen. Buddha gewinnt hier ein besonders mildes Antlitz und eine ebenmässige Gestalt; in einem Relief stehen zu beiden Seiten des Buddha betende Knaben, dann folgt jederseits ein knieender Jüngling, alles in schönster Raumvertheilung, wie in einem griechischen Tempelfries. Herr Baron von Heyking hat das grosse Verdienst, einige Originale dieser Kunstrichtung für das Berliner Museum der Völkerkunde erworben zu haben.

Am wichtigsten in der ganzen Sammlung sind die Reste buddhistischer Bauwerke. Es ist klar, dass, nachdem seit fast 1000 Jahren die Buddha-Lehre aus dem eigentlichen Indien vertrieben worden, hier weit mehr von ihren Alterthümern, trotzdem Vieles muthwillig zerstört ward, gesammelt werden kann, als in einer Gegend, wo heute noch die Buddha-Lehre blüht, und ihre Alterthümer hohe Verehrung geniessen. Man könnte nach ähnlichen Ueberlegungen auch denken, dass es in Indien schwer halten müsste, alte Bildsäulen von Hindu-Gottheiten für die Museen zu bekommen; doch scheinen die Mohammedaner so viele Hindu-Tempel zertrümmert und entweiht zu haben, dass der Bedarf an elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten im Museum zu Calcutta ganz reichlich gedeckt ist.

[S. 355]

Aber das Hauptstück ist das buddhistische Steingitter von Bharhut,[447] das schon 200 v. Chr. erbaut und vor nicht langer Zeit vom General Cunningham aufgefunden und ausgegraben ist. Es sind dies mächtige viereckige, aus Riegeln zusammengesetzte Steingitter, mit hohen Thoren und reichem Bilderschmuck, womit die Buddhisten ihre heiligen Bäume, Tempel, Gedenkthürme (Tope) und Reliquienbauten (Dagoba) zu umgeben pflegten. Das South Kensington-Museum und unser Völker-Museum zu Berlin besitzen treffliche Nachbildungen dieser merkwürdigen Art von Bauwerken. Der Thurm zu Bharhut, der anscheinend einen Durchmesser von 68 Fuss gehabt, ist gänzlich verschwunden in den — Dörfern der Eingeborenen. Das Gitter aber, das vollständig eingestürzt und im Schutt begraben lag, ist zur Hälfte erhalten.

Ursprünglich hatte es einen Durchmesser von 88 Fuss, also eine Länge von etwa 275 Fuss. Die Thore waren 22 Fuss hoch bis zur Krönung, dem Rad des Gesetzes, und ihre Querbalken mit Reihen von baum-anbetenden Elephanten, Löwen u. dgl. geschmückt. Das Gitter selbst war 9 Fuss hoch und der oberste Querbalken durch eine fortlaufende Reihe von Reliefs geschmückt, welche Legenden (jataka) darstellen und Inschriften enthalten mit dem Namen der dargestellten Personen und dem Titel der heiligen Bücher, worauf sie sich beziehen. Obwohl der Bau deutlich den Uebergang vom Holz- zum Steinwerk darstellt, ist das Bildwerk doch so scharf mit dem Meissel in den harten Sandstein eingegraben, dass eine lange Kunstübung vorausgegangen sein musste.

Die Bildhauerkunst ist ganz eigenartig und nicht ohne Anmuth; die Gegenstände betreffen den Buddha-Dienst ohne Buddha. Da ist der Traum seiner „Mutter“ Maya, vom Niedersteigen des weissen Elephanten, ein Naga-[448] Fürst, der den heiligen Feigenbaum anbetet; ein König, der vor einem Altar mit Buddha’s Fussspuren kniet; am Thorweg eine Heerde Elephanten, die sammt ihren Kälbern vor dem heiligen Feigenbaum niederknieen.

Der zoologische Garten, im Süden der Stadt, am Tolly-Nalla-Flüsschen gelegen und durch einige kleine Seen belebt, verdankt seine Entstehung dem unermüdlichen Eifer eines Deutschen, dem auch eine Erinnerungstafel gestiftet worden ist. Der Garten ist geräumig, gut[S. 356] gepflegt und mit Thieren besetzt; das Eintrittsgeld sehr gering; daher trifft man drinnen Eingeborene in grosser Zahl. Hier kann man ihre Gestalt und Gesichtszüge, Kleidung und Schmuck bequem in Augenschein nehmen. Einzelne Hindu-Frauen von ganz hübschem und gar nicht dunklem Gesicht sind für unseren Geschmack abscheulich entstellt durch riesige Nasenringe. Der dünne Ring geht durch den linken Nasenflügel und hängt vor dem Mund herab bis zur Spitze des Kinns und trägt noch allerlei Flitter und Zierath.

Von Löwen und Tigern sind einige Prachtstücke vorhanden, wir haben aber mehr davon. Das Affenhaus fesselt auch die indischen Kinder. Unter den Vögeln sind neben der ungeheuren Anzahl der Papageien besonders die herrlichen Paradiesvögel bemerkenswerth. Alligatoren leben unter bedeckter Halle in einem tiefgelegenen, ausgemauerten Wasserbehälter. Die Schlangen sind zahlreich und zum Theil recht lebhaft. Sehr belustigend ist das Chamäleon, das, wie auf Befehl, sein rechtes Auge nach oben, sein linkes nach unten wendet.

An dem munteren Verhalten der Thiere merken wir, dass sie in oder nahe ihrer Heimath sich befinden. Wenn auch in unserem zoologischen Garten an einzelnen Stellen der Charakter Asiens im Baustil gewahrt ist, so fehlen uns, um die Täuschung voll zu machen, erstlich die braunen Menschen und zweitens Inschriften wie die folgende: „Speisewirthschaft ausschliesslich für Hindu-Damen und Herren.“ Durch die strengen Speisegesetze der Hindu-Lehre ist diese Trennung geboten.

Aber weit berühmter ist der botanische Garten. Der Besuch desselben nimmt einen halben Tag in Anspruch. Man fährt im Miethswagen nördlich bis zur Schiffsbrücke, über dieselbe nach Howrah und dann südlich am Fluss-Ufer entlang. Kürzer ist die Fahrt im Boot nach der Treppe des botanischen Gartens (Botanical Garden Ghat); aber der Garten ist so ausgedehnt (272 Acres = 109 ha), dass man doch einen Wagen braucht. Der Garten wurde 1786 vom General Kydl begründet. Seine Nachfolger Roxburgh, Wallich, Griffith, Falconer, Thomson, Anderson und King waren alle sehr berühmte Botaniker.

An dem Howrah-Eingang ist eine wunderbare Gruppe: in der Mitte ein indischer Feigenbaum (Ficus indica), zur Seite zwei heilige Bo-Bäume (Ficus religiosa).

Nach rechts sieht man eine lange Reihe mustergiltiger Palmyra-Palmen, nach links eine eben solche von Mahagoni-Bäumen. Ich sehe auch sehr schöne Teak- und Strychnos-Bäume. In der Mitte der Anlage steht ein Marmordenkmal (für Roxburgh), mit einer lateinischen[S. 357] Inschrift: Frauen, die Blumen über einen kleinen Erdball fortreichen, in der That ein wenig glücklicher Gedanke.

Aber unvergleichlich schön ist die lange Strasse von hohen Königspalmen (Oreodoxa regia), die von hier ausgeht. Der Stamm verdünnt sich von der Wurzel bis zur Mitte seiner Höhe, schwillt dann wieder an, um sich noch einmal in einen grasgrünen Schaft zu verjüngen, das schönste Vorbild für die Anschwellung (Entasis) des griechischen Säulenschaftes; doch stammt Oreodoxa aus Westindien und Südamerika.

Unvergleichlich ist die Pracht der Blumen und der nur mit einem Schattendach versehenen Gewächshäuser. Die grösste Berühmtheit des Gartens ist ein Banyanbaum (Ficus indica), der laut Inschrift genau hundert Jahr alt ist, aber durch die zahlreichen Luftwurzeln zu einem gewaltigen Dom mit flacher, grüner Kuppel und mit ungeheuren Säulenhallen sich entwickelt hat. Der Umfang des Stammes beträgt 42, der Verzweigungen 850 Fuss, die Zahl der Luftwurzeln 280.

Es ist sehr merkwürdig, dass bereits Milton († 1674) den wunderbaren Banyan-Baum besungen hat:

Branching so broad along, that in the ground
The bending twigs take root and daughters grow
About the mother tree, a pillared shade,
High overarched with echoing walks between.

Der botanische Garten zu Calcutta hat zur Kenntniss und zur Pflege der tropischen Pflanzen sehr viel beigetragen. Das grosse indische Herbarium ist unter Wallich hauptsächlich von den Schätzen dieses Gartens gesammelt und hat 1829 an die vornehmsten Museen Europa’s reiche Gaben ausgetheilt. Die Theepflanzungen auf dem Himalaya und in Assam sind hauptsächlich ein Werk des Gartendirectors. Die Sammlung getrockneter Pflanzen enthält 40000 Arten. Die Flora of British India in 34 Theilen oder 9 Bänden wird im Jahre 1893 zu Kew bei London beendigt werden und legt Zeugniss ab von dem wissenschaftlichen Eifer der Engländer.

Bei der Rückfahrt finde ich die Brücke über den Hugli aufgezogen, damit Schiffe stromaufwärts fahren können. Die Stunde unfreiwilliger Musse (von 3–4 Uhr Nachmittags) giebt reichlich Stoff zur Beobachtung.

Hunderte von Wagen und Ochsenkarren stauen sich beiderseits und Hunderte von Fussgängern; denn eine zweite Brücke giebt es nicht über den breiten Strom, wohl eine Dampf-Fähre und kleine Boote.

Unterhalb der Brücke am Fluss-Ufer steht eine Inschrift: Dies Bad ist ausschliesslich für Hindu. Es wird reichlich benutzt. Hindu-Damen in ärmlicher Gewandung, aber stolzer Haltung, schreiten hinab[S. 358] in’s Wasser und baden sich sowie das lange rechteckige Baumwollentuch, das, künstlich umgeschlungen, ihr Kleid darstellt. Im blossen Schurz ringen sie das Tuch aus und trocknen es auf dem steinigen Ufer, in der Sonne, was nicht lange dauert. Kein Mann guckt nach ihrer Blösse, wie in unseren hoch gesitteten Seebädern.

Unbeschreiblich ist das Gewühl von beiden Seiten, als endlich die Zugbrücke fällt und der Verkehr freigegeben wird.

Nach Hause zurückgekehrt, nehme ich ein Bad, kleide mich um, und fahre zum Empfang des Vicekönigs an Prinseps Ghat, der Landungstreppe im Süden des Hafens.

Alle Schiffe haben geflaggt. Ganz Calcutta ist zur Stelle. Märchenhafter Prunk, wie aus 1001 Nacht, wird entfaltet. Da fährt der Rajah im grossen, vierspännigen, offenen Wagen. Himmelblau gekleidete Diener sitzen vorn, sitzen hinten, mit einem Wedel auf dem Rücken, zum Zeichen des Dienstes. Blau gekleidete Leibwächter mit blankem Schwert und Schild galoppiren hinterdrein. Der Rajah selbst im langen Sammtgewand mit Goldstickerei sitzt stolz und würdevoll in seinem Wagen und dankt sehr freundlich, wenn ihn Einer grüsst.

So kommen Dutzende von Wagen mit vornehmen Einheimischen und fahren auf den belebten Spazierwegen hin und her; einige Wagen enthalten auch Damen, die nicht so, wie die des Volkes, mit Nasen- und Armenringen überladen, aber doch abenteuerlich genug geputzt und gekleidet sind. Selbst die gewöhnlicheren von den Einheimischen, die ihren Einspänner selber lenken, ahmen das bunte Gefieder ihrer Vögel nach; ich sah einen jungen Mann in grüner, gestickter Seidenjacke und in Purpurhose. In dem Gewühl der einheimischen Fussgänger fehlen Frauen fast ganz, und trotzdem sieht es bunter aus, als bei unseren Volksfesten.

Auch die Europäer in ihren Kutschen zahlen dem Morgenland ihren Zoll; wenngleich sie selber dunkle oder wenigstens gleichfarbige Kleidung tragen, so sind doch ihre Kutscher und Läufer mit bunter Husarengewandung geschmückt. Selbst unter den Soldaten sind einzelne, z. B. die bengalischen Lanzenreiter, höchst farbenprächtig und eigenartig.

Nachdem die Ansammlung eine halbe Stunde gewartet, wurde es kund, dass der Dampfer des Vicekönigs am Ausfluss des Hugli aufgehalten worden sei, und die Ankunft erst am nächsten Tage stattfinden werde.

Die Sonne geht wolkenlos unter, aber sofort leuchtet der Mond in hellem Glanz.

Zwischen Prinseps Ghat und dem Maidan liegt das stattliche[S. 359] Fort-William, das von 1757–1773 für 2 Millionen £ erbaut worden. Es ist ein unregelmässiges Achteck, von 3 Kilometer Umfang, von einem 50 Fuss breiten und 30 Fuss tiefen Graben umgeben, der vom Fluss aus mit Wasser gefüllt werden kann, und mit sechs festen Thoren und einer Ausfallspforte.[449] Es enthält ein englisches und ein einheimisches Infanterie-Regiment und eine Batterie, hat 619 Geschütze, ein Arsenal und Raum für 25000 Mann. Gegenüber dem Wasser-Thor der Festung steht hart am Flussufer das Gwalior-Denkmal, zur Erinnerung an die 1843 im Feldzug gegen Gwalior gefallenen Soldaten und Officiere, im Jahre 1844 errichtet.

Zwischen der Festung und dem Palast liegt der Eden-Garten, wo Abends die Militärkapelle spielt und die Kinder nebst ihren Fräulein, Frauen und Dienern, ferner Jünglinge und Jungfrauen, sowie auch einen Theil der Vornehmen heranzieht, obwohl die letzteren lieber in ihren Kutschen am Eingange halten. Ich stieg natürlich aus und mischte mich in das Gewühl. Der Garten hat seinen Namen nicht von dem Paradiese, sondern von den Fräulein Eden, den Schwestern des Lord Auckland, die diesen freundlichen Aufenthaltsort geschaffen haben. An einem kleinen See ist eine echt birmesische Pagode aufgestellt mit riesigen, holzgeschnitzten Fabelthieren.

Dass sich ein Cricket-Grund vorfindet, neben dem Eden-Garten, und ein Platz zum Pferde-Wettrennen, südlich vom Fort, ist selbstverständlich.

Der ganze, von der Bebauung freigebliebene Südwesten der Stadt ist von vorzüglichen Fahrwegen durchzogen und an den Kreuzungen mit zahlreichen, gutgemeinten Bildsäulen verdienter Männer besetzt. Der Fahrweg am Fluss-Ufer setzt sich jenseits des Flüsschens Tolly-Nalla und der grossen Docks von Kidderpur südwestlich fort in die Garten-Strecke (Garden reach). Der Weg zieht hier neben dem Fluss-Ufer, aber von ihm getrennt, durch die Besitzungen der P. & O., der M. M., des abgesetzten Königs von Oudh und vieler Anderen; einzelne der Landhäuser sind schon von 1768–1780 erbaut.

Das Abendessen war ziemlich behaglich, da das gänzliche Fehlen englischer Damen den steifen Zwang in Fortfall brachte, und die Anwesenheit verschiedener Landsleute eine Unterhaltung in der Muttersprache ermöglichte.

Ausser mehreren jungen Kaufleuten, die den kostspieligen Versuch eigener Wirthschaft (mit etwa neun Dienern für jeden Unver[S. 360]heiratheten) aufgegeben und wieder zum Wirthshaus-Essen zurückgekehrt, fand ich einen Jutefabrikanten aus Deutschland, der mit seinem erwachsenen Sohn hauptsächlich zur Beruhigung seiner Nerven, theilweise auch zum Einkauf von Jute, nach Calcutta gereist war.

Mein Leibdiener wartete mir bei Tische auf, brachte die Gerichte und eine Flasche trinkbaren deutschen Bieres,[450] musste aber ernstlich verwarnt werden, dass er nicht jedes Mal ein grosses Stück Eis in das Tulpenglas werfe. Bis zum Jahre 1878/79 wurde Eis aus den Vereinigten Staaten eingeführt, seitdem wird es in Calcutta und Bombay künstlich hergestellt, ist aber ebenso wenig Vertrauen erweckend, wie das indische Soda-Wasser.[451] Ich habe ausser Thee und Kaffe in Indien nichts getrunken, was nicht vor meinen Augen einer in Europa verkorkten Flasche entnommen wurde.

Nach Tisch liest man bei einer rauchbaren Cigarre[452] die englische Zeitung von Calcutta, die schon genügend Telegramme aus Europa hat, um den fern von der Heimath weilenden Reisenden zu beruhigen. Aber nun scheint auch der Tag erschöpft. Denn in die nahe bei unserem Hotel gelegene Concerthalle zu gehen, um eine europäische „Diva“ singen oder gar pfeifen zu hören[453], dürfte doch nicht einmal ein zweifelhaftes Vergnügen, sondern ein zweifelloses Missvergnügen darstellen.

Aber es muss hier doch ein Hindu-Theater geben, frage ich den Wirth. — Gewiss, mehr als eines; sie liegen dicht bei einander. Ich werde Ihnen einen Wagen besorgen und Ihren Diener benachrichtigen. — Mein Landsmann, der schon mehrere Monate theils in Calcutta, theils in Darjeeling verweilt, aber noch nie eine solche Vorstellung gesehen, war gern bereit, mich zu begleiten. Wir fuhren eine ziemliche Strecke durch die dürftig mit Gas erleuchtete Stadt, (nur die Hauptstrasse zwischen den Bahnhöfen hat elektrische Lampen,) immer weiter nördlich, zu immer ärmlicheren Vierteln (Beadonstreet). Aber das Theater war sehr merkwürdig. Schade nur, dass ich so wenig davon verstand, trotzdem ein Hindu, der etwas englisch sprach, Erläuterungen gab. Das Stück hiess „Mondschein“ und war ein Trauerspiel, aber nach Shakespeare’scher, oder sagen wir lieber altindischer Art, mit lustigen und selbst possenhaften Auftritten vermischt. Ein Kebsweib erzürnt den Gatten gegen seinen erwachsenen Sohn und veranlasst[S. 361] die Tödtung des letzteren. Spiel und Gesang war für uns durchaus nicht unangenehm, weder in den traurigen, noch in den lustigen Abschnitten.

Da gegen Mitternacht das Stück noch nicht zu Ende war, fuhren wir nach Hause. Nach einem so inhaltsreichen Tage schlief ich gut, trotzdem das Zimmer heiss und das Bett mittelmässig war.


Ungefähr in der Mitte der Stadt liegt die Universität und dabei das Krankenhaus der Schule für Heilkunde (der medicinischen Facultät). Die Einrichtung ist natürlich nach europäischem Muster hergestellt, die Lehrer sind ehemalige Militärärzte, die Schüler Asiaten wie auch Europäer, Herren wie Damen. Beobachtungen, die mein Sonderfach betreffen, will ich übergehen, hingegen drei Krankheiten von allgemeiner Bedeutung kurz berühren. Lungenentzündung, die bei uns von den Nichtärzten für eine auserlesene Erkältungskrankheit gehalten wird, fehlt keineswegs in dem heissen Indien und kommt besonders in der — wärmeren Jahreszeit vor. Lungenschwindsucht ist in Indien sogar häufig; auch Europäer, die schon lange dort weilen, werden davon befallen. Cholera kommt immer vor, aber man macht wenig Aufhebens davon. Als ich mit dem leitenden Arzt, Prof. Sanders, das im Norden von Calcutta, nahe dem Fluss-Ufer belegene Mayo-Krankenhaus für Eingeborene, welches schon 1792 begründet, 1874 neu gebaut worden, besuchte, und von dem Haus-Wundarzt Babu Suresh Prasad Sarbadhikari auf das freundlichste begrüsst wurde, waren gerade zwei Fälle aufgenommen; ein leichterer in den allgemeinen Saal, ein schwererer in ein abgesondertes Gebäude.[454] Die Engländer glauben gegen die Krankheit gefeit zu sein, da sie niemals Wasser trinken; das ist auch gewiss ganz nützlich, aber vollständig ist der Schutz doch nicht. Als ich später nach den Felsengrotten von Ellora im Dekkan fuhr, bat mich ein britischer Officier, ihn in unserem Postwagen mitzunehmen, da er die Gräber der bei der vorjährigen Uebung im Lager an der Cholera verstorbenen Kameraden besuchen wollte. Auch die Einheimischen sind freier von Cholerafurcht, als im vorigen Jahre die Bewohner hochberühmter Weltstädte im Herzen von Europa. In dem Schutzstaat Jaipur (in der Mitte von Nordindien) befand ich mich in der Vorhalle eines Hindu-Tempels, als eine eingeborne Frau den Priester wegen ihrer Krankheit befragte. Er liess sich die Zunge zeigen, befühlte den Puls und sagte kaltblütig,[S. 362] dass sie an Cholera leide, nach Hause gehen und gar nichts thun solle. Thörichter Weise erwachte in mir der ärztliche Feuereifer. Hatte ich doch im Jahre 1866 als blutjunger Doctor, noch vor dem Staatsexamen, in dem Choleralazaret meine Sporen verdient und über tausend Cholera-Kranke behandelt. Ich fühlte gleichfalls den Puls, besah und befühlte die Zunge und erfuhr durch Befragen, dass die Kranke nur Durchfall, kein Erbrechen gehabt. Da erklärte ich ihr, dass sie gar nicht an der Cholera leide, nach Hause gehen und doch etwas thun solle, nämlich sich zu Bette legen, heissen Thee, aber nichts festes geniessen. Leider hatte ich hierbei den wichtigen Grundsatz ausser Acht gelassen, dass der Reisende in der Fremde vergessen müsse, was er zu Hause ist. Die Kranke schüttelte den Kopf und folgte dem Priester.

Da nun eben Indien die Heimath der verheerenden Seuche darstellt, so verlohnt es wohl, mit wenigen Worten auf die wichtigsten Thatsachen einzugehen. Die alten Griechen (auch schon Hippocrates, der Vater der Heilkunde, im 5. Jahrhundert v. Chr., sowie der aus den Griechen schöpfende Römer Celsus, zur Zeit Nero’s,) haben den Brechdurchfall mit dem Namen Cholera (χολέρα[455]) bezeichnet. Diesen Namen wählten die englischen Aerzte, welche in Indien zuerst die Brechruhr als Volksseuche beobachteten;[456] dieser Name wurde natürlich beibehalten, als die Seuche 1830 von Ostindien über Persien und Russland nach Europa sich verbreitete. In den klassischen Werken der Hindu-Heilkunde wird der Brechdurchfall[457] genau und zutreffend beschrieben, aber die epidemische Verbreitung nicht erwähnt. Obwohl bereits im 17. und 18. Jahrhundert einzelne Epidemien von grosser Ausbreitung und Heftigkeit in Indien gewüthet, so beginnt der eigentliche Seuchenzug erst im Jahre 1817 zu Jessore nahe dem Meerbusen von Bengalen. Unser Robert Koch hat aus eigner Anschauung die ungünstigen Verhältnisse dieses Ueberschwemmungsgebietes genau geschildert und den von ihm als Ursache der epidemischen oder asiatischen Cholera entdeckten Kleinpilz (Komma-Bacillus) in den auch von mir vorher erwähnten Wassertümpeln der Hindu-Stadt von Calcutta nachgewiesen. Die Zahl der Opfer, welche die Cholera in Indien alljährlich hinwegrafft, ist beträchtlich, sie[S. 363] schwankte von 1882 bis 1890 zwischen 200000 und 475000 jährlich bei einer Bevölkerung von etwa 198 Millionen, betrug also 1,3 bis 2,4 vom Tausend der Bevölkerung.[458]

An den Pocken sind 1883 in Indien 333000 Menschen gestorben. Indien ist ein ungesundes Land, seine Sterblichkeitsziffer beträgt jährlich 40 vom Tausend. (In Deutschland 28.)


Darjeeling im Himalaya.

Am 3. Dezember Nachmittags 4 Uhr, oder um 16 Uhr, wie es in Indien (und Canada) heisst, beginne ich einen viertägigen Ausflug[459] nach Darjeeling im Himalaya, erst auf der östlichen, dann weiter auf der nördlichen Eisenbahn von Bengalen.

Das Land ist dicht bevölkert und angebaut wie ein Garten. Man sieht unermessliche Reisfelder, Pflanzungen von Jute, Tabak, Gemüse, Zuckerrohr, Kokospalmen, Bananen u. s. w.; zahlreiche Dörfer, die Hütten mit schwach gewölbten Dächern, und Teiche.

Abends gegen 9 Uhr erreichen wir Damukdia, am rechten Ufer des Ganges. Wegen der grossen Aenderungen im Flussbett[460] konnte ein bleibender Bahnhof nicht in Angriff genommen werden. Jetzt ist der Fluss eine englische Meile breit; zur Zeit des Hochwassers, wenn der Himalaya-Schnee reichlicher schmilzt, angeblich bis 5 Meilen. In der trockenen Jahreszeit werden alljährlich zeitweilige Schienen auf den[S. 364] Sand gelegt, um den erheblichen Abstand (von 13 englischen Meilen) zwischen Damukdia und dem jenseitigen Eisenbahnhalteplatz Sara Ghat einigermassen zu verringern.

Die wirkliche Kreuzung des Flusses mittelst des Dampfschiffes dauert jetzt 20 Minuten. (Erheblich länger in der nassen Jahreszeit.) Auf Deck wird uns ein Abendessen aufgetragen. Zum ersten Mal in Indien ist es empfindlich kühl.

Am nördlichen Ufer beginnt die Nordbahn von Bengalen (Northern Bengal railway). Diese hat eine Meter-Spurweite.

Das zweimalige Umsteigen ist durch die Anwesenheit williger Kuli wesentlich erleichtert. Auf jeden Europäer stürzen sich zwei bis drei, entreissen ihm jedes Gepäckstück und schleppen es nach dem neuen Bestimmungsort. Zwei bis drei Annas jedes Mal ist ein genügendes Trinkgeld; ich wenigstens habe fast nie Unzufriedenheit gesehen.

So beginne ich meine erste Nachtfahrt auf indischer Eisenbahn. Der Abtheil ist geräumig und nur für vier Reisende bestimmt, von denen zwei auf den beiden gepolsterten Seitenbänken bequem schlafen können; die beiden andern leidlich, auf den obern Klappbänken. Betten werden nicht geliefert. Fast Jeder reist mit seinem eignen Bett. Die im Lande lebenden Europäer bringen ungeheure Mengen von Gepäck in den Wagen, jeder zwei bis drei Koffer, verschiedene Mantelsäcke, Körbe, Nahrungsmittel, Flaschen mit Trinkwasser u. dgl.

Erstlich hat jeder Reisende erster Classe 1½ Maund (etwa 120 Pfund) Gepäck frei; und sollte es zufällig mehr sein, so wird der schüchterne Babu nicht wagen, dem schnauzbärtigen englischen Officier oder Beamten Vorhaltungen zu machen. Zweitens wollen die Bahnbediensteten sogar abgewogene Gepäckstücke, die frei befördert werden müssen, nicht in den Gepäckwagen nehmen; mir wenigstens sagten sie auf der Fahrt nach Benares, ich möchte nur meinen Koffer mit in den Wagen nehmen. Drittens ist die Zahl der Diener für die im Lande Lebenden und die der herumlungernden Kuli für die Reisenden so gross und ihre Willfährigkeit, unter die Bänke zu kriechen und das letzte Zeitungsblatt oder Körbchen wieder hervorzuholen, so unbegrenzt, dass fast Jeder so viel Sachen mitschleppt, wie er nur eben bewältigen kann. Ist dann aber ein Wagenabtheil erster Classe wirklich von vier Reisenden über Nacht besetzt, so sieht er aus wie eine belagerte Festung. Man kann darin nicht gehen, sondern muss klettern und einige Kraftanstrengung anwenden, um Morgens in den zu dem Wagen[S. 365] gehörigen Waschraum zu gelangen. Handtücher muss der Reisende mitbringen.

Ich hatte dies Mal das Glück, allein zu fahren. Darjeeling ist wohl im heissen Sommer Zufluchtsort für diejenigen Europäer, welche in Bengalen leben; aber jetzt im Winter strömt alles nach Calcutta: die Strecke ist jetzt wenig befahren, ausser von Einheimischen in der dritten Classe.

Da ich kein Bett mitgenommen, blieb ich angekleidet, blies mein Luftkissen auf, bedeckte mich mit meinen Plaid und schlief, wenn auch nicht vorzüglich, so doch genügend. Morgens 7 Uhr 50 Minuten erreichen wir Siliguri (328 englische Meilen von Calcutta), den Endpunkt der Staatsbahn.

Hier beginnt die private Darjeeling-Himalaya-Eisenbahn, die eingeleisig ist und eine Spurweite von nur zwei Fuss besitzt.[461] Bahn und Locomotiven sind besonders kräftig gebaut. Die Steigung beträgt bis 1:23 und wird ohne Zahnrad bewältigt. In einer Stunde steigt man um 1000 Fuss.

Der Director, dessen Bekanntschaft ich machte, sprach mit besonderem Stolz von den Curven. Aber die Wagen sind auch recht kurz, z. B. der Aussichtswagen erster Classe enthält nur sechs schmale Sessel für je eine Person. Mehr als 7 englische Meilen, d. h. 13 Kilometer, in der Stunde, sind hier nicht erlaubt. Wir legen die ganze Strecke von 48 englischen Meilen in acht Stunden zurück.

Die Bahn hat guten Ueberschuss, wenn ich nicht irre, jährlich 10 Procent des Anlagecapitals. Aber sie ist auch recht theuer. (20 Rupien für 48 englische Meilen, während die 328 Meilen von Calcutta bis Siliguri nur 30 Rupien kosten.)

Die Fahrt ist ausserordentlich schön und anregend. Wegen der zahlreichen Biegungen des Schienenzuges treten immer neue Landschaftsbilder auf, welche unsern Blick fesseln.

Zu seinen Füssen schaut der Reisende in immer zunehmender Entfernung die fruchtbare Ebene von Ober-Bengalen, in welcher zahlreiche, vom Himalaja herabströmende Flüsse aufblitzen. Die Berge, an denen wir emporklimmen, sind bis oben hin dicht bewaldet und alle Lichtungen, welche die Axt geschaffen, von ausgedehnten Theepflanzungen eingenommen.

[S. 366]

Der Pflanzenwuchs ist sehr üppig, aber nicht mehr tropisch, wie auf der Fahrt nach Candy. Denn wir sind zwischen dem 26. und 27. Grad nördl. Br.

Allmählich wird es kühl, jedoch mir nicht unangenehm. In meinen wollenen, langen Reiseüberzieher gehüllt, harre ich ruhig im offnen Wagen aus, während manche Reisende die geschlossenen aufsuchen. Moosbärte treten auf an den Bäumen, auch vereinzelte Nadelhölzer, prachtvolle Baumfarn; doch bleiben Laubhölzer fast bis zur Passhöhe, welche 7400 Fuss über dem Meeresspiegel liegt. Der eigentliche Pass ist etwas kahl und steinig, aber der Pflanzenwuchs hört nicht völlig auf.

Gleichzeitig mit den Pflanzen haben bei der Höhenfahrt die Menschen sich geändert. Zunächst sieht man noch viele Bengalen, namentlich dunkle der niederen Casten, Ureinwohner, die einst von den Hindu unterjocht worden und die Hindu-Religion angenommen haben. Dann kommen in wachsender Zahl Mongolen mit Schlitzaugen und breiten Backenknochen. Es sind Nepauler mit eigner Sprache, Buddhisten. Die Tracht, welche in der Ebene nur aus Lendenschurz bestand, ist mehr und mehr vervollständigt worden und schliesslich ähnlich der tatarischen. Die Leute decken den Mund mit einem wollenen Tuch oder Gewandzipfel. Jeder Mann hat ein breites Dolchmesser im Gürtel. Die Frauen tragen Halsbänder aus Landesmünzen, auch mit Amuletten, ungeheure Ohrgehänge, dazu Ringe und Nasenschrauben. Das Halsband ist Schaustück und Sparkasse zugleich. Ein Bettelmädchen, welches wenigstens 30 Mark in Silbermünzen um den Hals trug, war entrüstet, als ich mit Rücksicht auf diesen Schatz meinen Zoll verweigerte, und hielt mir eine lange Rede, die ich leider nicht verstand.

Darjeeling ist nach der Angabe des Eisenbahndirectors 6800 Fuss über dem Meer. Damit stimmt meine Messung. Der Ort liegt schön terrassenförmig auf einem steil abfallenden Bergrücken.

In dem Garten des dicht neben dem Haltepunkt der Eisenbahn gelegenen, vortrefflichen, aber zur Zeit ziemlich leeren Woodland’s Hotel sehe ich im Freien, am 4. December, blühende Chrysanthemum, ausserdem herrliche Cypressen und Laubbäume.

Sehr interessant war der Bazar der Eingeborenen wegen des Gedränges verschiedener Völkerstämme, wie Lepcha, Bhutia, Nepauler, Tibetaner.

Bei Tisch fand ich mittelmässiges Essen, aber gute Gesellschaft; zunächst einen alten Bekannten vom Shannon, und ferner einen englischen Beamten, der schon lange Zeit in Darjeeling weilt, um einen[S. 367] Handelsvertrag mit dem gegen Fremde so fest abgeschlossenen Tibet in Gang zu bringen. Sehr eingehend erkundigte er sich nach den Erfahrungen, die ich in den englischen Colonien gemacht, und als ich ihm freimüthig meine angenehmen wie unangenehmen Eindrücke schilderte, sagte er: „O yes, my countrymen are a dreadful people.“

Der Ort Darjeeling hat eine angenehme Temperatur, nicht über +26° C. im Sommer, nicht unter -1° C. im Winter, eine herrliche Lage und den wunderbaren Hintergrund der Himalayakette.

Der Bezirk Darjeeling, der zwischen die unabhängigen Staaten Nepaul[462] und Bhutan sich einschiebt und nach Norden an den über die Himalayakette fortreichenden Schutzstaat Sikkim grenzt, war im Jahre 1839 fast menschenleer, als der Rajah von Sikkim das kleine Gebiet den Engländern zu einer Gesundheitsstätte für ihre Soldaten abtrat. Nur 22 Familien wohnten darin, als Dr. Campbell die Verwaltung übernahm. Er baute Strassen, einen Bazar, ein Regierungsgebäude, eine Heilstätte für die Soldaten und waltete 22 Jahre seines Amtes. Jetzt wohnen 150000 Menschen in dem Bezirk von Darjeeling.

Die Theepflanzungen wurden 1856 begonnen. Jetzt giebt es 200 Theegärten, die 50000 Acres (= 20000 ha) decken. Im Jahre 1882/83 wurden über 8 Millionen Pfund Thee geerntet.

Da haben wir wieder ein Beispiel geschickter und erfolgreicher Colonisation.

Pflichtschuldig liess ich mich am nächsten Morgen (den 5. December) um 5 Uhr früh wecken und begann um 6 Uhr, unter Führung eines Einheimischen, der kein Wort Englisch verstand, den Ritt[463] nach dem Tiger-Hügel (Tiger hill), der in östlicher Richtung 11 Kilometer von Darjeeling entfernt und um 1500 Fuss höher gelegen ist.

Der Mond stand noch ziemlich hoch am Himmel, etwa 30 Grad über dem Horizont, und erglänzte in hellem Licht; zeitweise wurde er allerdings von vorüberziehenden Wolken verdeckt. Einige Wolken am westlichen Himmel schimmerten rosig, bestrahlt von der Morgenröthe, die selber mir noch verdeckt blieb. Auch die Gipfel der steinigen Riesen im Westen zeigten einen zartrosigen Schimmer. Sowie wir etwas höher stiegen, sah ich den Sonnenaufgang. Purpurroth hob sich ein kleiner Kreisabschnitt über meinen Horizont, darüber lag eine Schicht bläulichen Glanzes, und darüber wieder eine purpurne. Sowie die Sonne ganz über den Horizont emporgestiegen war, strahlte sie kräftig ihr gelbes Licht aus. Aber es war doch noch empfindlich kalt.

[S. 368]

Der Baumwuchs ist bis oben erhalten, Laubbäume und Sträucher, wenngleich nicht sehr mächtige, viele mit Moosbart, einzelne winterlich entlaubt, andere im vollen Schmuck der grünen, vollsaftigen Blätter.

Dicht unterhalb des Gipfels sieht man Ruinen, wie von einer alten Befestigung; eigenthümliche, dünne Thürme, schon mit Strauchwerk bewachsen, und dazwischen Mauerreste. Aber jene Thürme sind die aus Stein aufgemauerten Schornsteine von Baracken englischer Soldaten. Vor zwölf Jahren wurde der traurige Platz aufgegeben, da zu viele Selbstmorde vorkamen.

Oben war die Aussicht auf die Himalaya-Ketten prachtvoll. Ich sah wohl zehn auf einander folgende Reihen von Felsriesen, immer durch ganz tiefe Schluchten von einander geschieden. Aber den schneebedeckten Everest-Berg, den höchsten auf der Erde, dessen Erhebung 29002 Fuss beträgt, vermochte ich nicht zu entdecken; eben so wenig hatten wir bisher den nur wenig kleineren Kinchinjanga (von 28156 Fuss Erhebung) vom Hotel aus erspähen können.

Je länger ich warte, desto mehr Nebel steigen auf. Deshalb reite ich zurück und sehe unterwegs eine Bergbatterie auf Mauleseln, sowie die stattlichen Baracken der englischen Besatzung, die hier zur Beobachtung des unruhigen Sikkim gehalten wird.

Nach mässigem Ausruhen und mittelmässigem Frühstück wandre ich durch die Stadt. Nur eine kleine Strasse hat europäische Geschäfte, eine Apotheke, Wisky-Handlung u. dgl. Die Landhäuser der Wohlhabenden und Vornehmen sind über die Abhänge der Hügel zerstreut, so dass man Besuche zu Pferde oder im Palankin macht. Auch der Lieutenant-Governor von Bengal hat hier sein Landhaus, Shrubbery genannt, wo er vier Monate des Jahres zubringt. Ein kleiner Platz mit hübscher Aussicht, Mall genannt, ist mit einem Brunnen geschmückt: hier pflegt auch zur belebten Zeit des Jahres, d. h. im Sommer, eine Musikkapelle zu spielen. Wohl das stattlichste Gebäude ist das von der Regierung von Bengalen errichtete Eden-Sanitarium, eine Pflegestätte für Genesende. Dr. Russel, der Arzt (civil physician) von Darjeeling, sagte mir, dass die Anstalt sehr nützlich sei für Leute, die an Sumpffieber und Ruhr gelitten; ferner als Sommerfrische, um aus der indischen Gluth-Ebene herauszukommen; aber gar nicht für Lungenleidende. Aus den Rules of the Eden-Sanitarium (Calcutta 1884) ersehe ich, dass die Verpflegungskosten in der ersten Klasse täglich 8, in der zweiten 4, in der dritten 2 Rupien betragen. Entsprechend der grossen — Duldsamkeit der Engländer werden nur Europäer aufgenommen. Für die Einheimischen ist ein Nebengebäude in einer kleinen Thaleinsenkung errichtet.

[S. 369]

Die Ordnung in der Stadt ist musterhaft. Die Polizisten sind kleine, aber tüchtige Gurkha aus Nepaul, ein Mischvolk aus Ariern und Turaniern.

In der Mitte der Stadt liegt der Hauptmarkt. Die Leutchen kennen mich schon von gestern und nicken mir freundlich zu. Die etwas schlitzäugige und sehr breitwangige, rothbäckige Gemüsehändlerin, die einen Kopfputz von der Gestalt eines Heiligenscheins mit dicken Glasperlen trägt, zieht lächelnd den silbernen Ring vom Finger, — aber nicht etwa, um ihn dem fremden Bleichgesicht zu verehren, sondern um ihn für das Zehnfache des Werthes zum Verkauf anzubieten. Ihr Schmuck ist Waare, der sie das Aussehen der Echtheit und Alterthümlichkeit durch Tragen verleihen, und die sie sofort neu beschaffen, wenn ihnen der Verkauf geglückt ist. Kennen wir doch diese Künste auch in Europa!

Ich wandere weiter nach Norden zu, vorbei an dem wunderbaren Erziehungshause der Jesuiten, dem grössten Gebäude in der ganzen Gegend, die neue, breite Strasse entlang; oben ist schöner, dichter Wald, unten malerische Schluchten, auch Theepflanzungen. An der Strasse wird noch gebaut. Frauen und Kinder schleppen grosse Steine herbei. Auf dem schräg nach vorn gehaltenen Rücken liegt ein gefaltetes Tuch, darauf der Stein in einer Strickschlinge, die vorn über die Stirn geleitet wird. So tragen die Leute hier auch grosse Kiepen und schwere Butten, hauptsächlich mit dem Kopf.

Nachmittags besuchte ich das Dorf Bhutia Busti, das 1 englische Meile von Darjeeling entfernt und von Tibetanern bewohnt ist. Der Weg führt an der Hinterseite des Bergrückens entlang mit schönem Ausblick in die Schluchten. Auch hier liegen noch vereinzelte Landhäuser der Engländer. Zuerst komme ich zu dem Tempel; derselbe soll echt tibetanisch sein. Eine niedrige weisse Mauer umgrenzt ein Quadrat und enthält in jeder Seite eine Thür. In der Mitte des eingefriedigten Platzes steht eine niedrige, weissgetünchte Dagoba mit vier Nischen, in denen frische Blumen liegen. In der Hütte neben dem Tempel lag eine halbirte Ziege. Die anwesenden Männer forderten eine Rupie Bakschisch, erhielten aber nichts.

Die Frauen haben breite, schlitzäugige Gesichter und sind fett, dabei starkknochig und gross. Sie tragen eine Art von Diadem mit Glasperlen ringsum, die beiden Zöpfe hängen hinten frei herab und sind durch ein Band vereinigt, an dem öfters eine Münze hängt. Ohr- und Halsgehänge sind umfangreich, aber geschmackvoll.

Die Männer tragen Filz-Mützen, wie sie früher auch in Deutschland[S. 370] üblich gewesen, und Stiefel mit langen, buntfarbigen Schäften aus dickem Wollenzeug.

Da es am Nachmittag sogar, wenn auch gelinde, geregnet, und schwere Regenwolken schon auf der nächsten Bergkette hängen, somit keine Hoffnung auf Aussicht besteht; so beschliesse ich am nächsten Vormittag abzureisen. Aber in der Nacht regnet es ordentlich. Und Morgens 7½ Uhr (am 6. Dezember) tritt plötzlich das klare Bild der Himalayakette hervor. Erst ragen die Kuppen über den Nebel empor, dann wird die ganze Kette sichtbar, mit dem wunderbaren Kinchinjanga, der übrigens in der Luftlinie noch 45 englische Meilen entfernt ist. Ueber die näheren Hügel und Berge und über eine ungeheure Kluft schweift der Blick zu der Grenzlinie des ewigen Schnee’s, die in 17000 Fuss Erhebung über den Kinchinjanga fortzieht. Eine gewaltige Fläche nackten Granits theilt den Gipfel in zwei Theile und lässt die Schneefelder noch grösser erscheinen.

Es ist gewiss eine grosse Freude, die höchsten Berge der Erde zu betrachten. Aber sie sind auch viel weiter ab, als sonst die Schneeberge, die wir z. B. in den Alpen bewundern. Ich kann nicht der öfters gedruckten Aeusserung beistimmen, dass Jungfrau und Monte Rosa gänzlich gegen dieses Bild des Himalaya verschwinden.

Hochbefriedigt fahre ich bergab mit der Eisenbahn, in dichtem Nebel. In der Höhe von 4000 Fuss sehe ich die Ebene von Bengal, von einem ganz heiteren Himmel überspannt.

Die Nacht ist mittelmässig, da mein vortrefflicher Abtheil-Genosse regelmässig schnarcht. Morgens um 7 Uhr (den 7. December) setzt uns der Dampfer über den Ganges. Vormittags bin ich wieder in Calcutta und fahre, nach Erledigung einiger Geschäfte, Abends nach Benares.


Der Schnellzug von Calcutta nach Bombay (1400 englische Meilen = 2240 Kilometer) dauert nahezu vier Tage. Den Plan für die ostindischen Eisenbahnlinien hat Lord Dalhousie 1853 entworfen; alle grossen Städte und Besatzungen sollten durch Hauptlinien mit einander in Verbindung gesetzt werden. Privatgesellschaften führten den Bau aus, die Regierung leistete Gewähr für ein Einkommen von fünf Hundertstel des Capitals und verlangte dafür gewisse Befugnisse. Bereits 1871 war Bombay mit Calcutta einerseits und mit Madras andererseits durch Eisenbahnlinien verbunden. Lord Mayo hat dann von 1870 ab das Netz vervollständigt durch Nebenlinien für Handel und Verkehr, die billiger mit schmaler Spurweite[S. 371] erbaut wurden. Ein grosser Theil der Linien ist von der Regierung später übernommen worden, diese hat auch eigene Linien begründet, endlich sind auch in den Schutzstaaten Eisenbahnlinien gebaut worden. Am Schluss des Jahres 1891 waren in Indien 17209 englische Meilen = 27500 Kilometer in Betrieb,[464] davon 12805 der Regierung, 1435 den Schutzstaaten gehörig. Das darin angelegte Capital betrug Rx. 219615655; das Reineinkommen 5,78 Procent; Zahl der beförderten Reisenden 117 Millionen, Tonnenzahl der beförderten Güter 25 Millionen, im Jahre 1891.

Die grosse Heerstrassenlinie von Calcutta über Allahabad, Agra, Delhi, Lahore nach Peshawar, die Linie von Allahabad nach Bombay, von Bombay nach Madras sichern die Regierung und Vertheidigung des Landes. Es fehlt noch die Verbindung von Madras mit Calcutta, die wegen des schlechten Hafens von Madras und des schlechten Fahrwassers im Hugli besonders wünschenswerth scheint und in den Zeitungen, als ich in Indien war, dringend verlangt wurde. Aber die ungünstigen Verhältnisse der Staatseinkünfte und der Silbersturz boten zur Zeit unübersteigliche Hindernisse dar. — 1845 reiste Prinz Waldemar von Calcutta nordwestwärts (nach Patna) im Palankin, 1862 fuhr Meister Hildebrand in 36 Stunden von Calcutta mittelst der Eisenbahn nach Benares; aber die Eisenbahnbrücke fand unser Reulaux 1881 und Hans Meyer 1882 noch nicht fertig.


Benares.

East Indian Railway führt von Howrah (dem westlichen Eisenbahnhalteplatz von Calcutta) nach Moghal Serai, 469 englische Meilen; und von hier Oudh and Rohilkand R. nach Benares, 10 Meilen: zusammen 479 englische Meilen = 766 Kilometer in 16 Stunden, für 46 Rupien 2 Annas, in der ersten Classe. Es ist der Hauptzug quer durch Nordindien und sehr stark besetzt. Als ich eine knappe Stunde vor Abgang des Zuges eintreffe, sind die meisten Wagen schon belegt. Doch fand ich noch einen guten Platz, mich häuslich einzurichten. Die Nacht war ziemlich kühl.

Am nächsten Vormittag fuhren wir südlich von Ganges und nicht weit von demselben durch die Landschaft Behar. Das Land ist angebaut wie ein Garten. Allenthalben sind Brunnen auf den Feldern[S. 372] sichtbar. (Die ganze Präsidentschaft Bengalen misst 400000 Quadratkilometer und zählt 70 Millionen Einwohner.)

Der Zug führt über die 1500 Yards = 1450 Meter lange Stahlbrücke[465] der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn, eine der schönsten in Indien, und hält um 1 Uhr in Benares. In Clark’s Hotel finde ich ein leidliches Zimmer und Frühstück.

Die Gasthäuser im Innern von Indien sind mittelmässig.[466] Die kleineren bestehen aus einem schmalen Speisesaal, in den man von der mit einfacher Veranda geschmückten Hauptfront eintritt, und der rings umgeben ist von sechs bis acht Schlafzimmern, — fast so wie auf mittelmässigen Dampfschiffen. Jedes Schlafzimmer hat seinen Eingang vom Speisesaal, seinen Ausgang durch das Waschzimmer in’s Freie. Die Einrichtung ist einfach, die Betten genügen dem ermüdeten Reisenden. In den grösseren Gasthäusern legt sich noch eine Vorhalle vor den Speisesaal, ein Lesezimmer dahinter; die grössten haben ausserdem einen langen schmalen Flügel mit einem Schattendach davor und mit einer Reihe von Schlafzimmern nebst Zubehör.

Die Verpflegung ist mittelmässig, die Bedienung gleichfalls. Aber, wenn der Reisende abfährt, steht eine ganze Schaar von Dienern da, um Trinkgeld in Empfang zu nehmen: der Tischdiener, der Zimmerdiener, der Ausfeger, der zum Zeichen seiner Würde einige zusammengebundene Ruthen in der Hand hält, gelegentlich noch ein Nachtwächter, ein Pförtner, der Kutscher, der uns gefahren, und dessen jugendlicher Gehilfe. Zum Glück ist jeder mit 2 bis 3 Anna für den Tag zufrieden, so dass man mit 1 oder 1½ Rupien täglich diesen Ausgabeposten bestreiten kann. Wenn aber zwei Männer mit Besen dastehen, so braucht nur einer bezahlt zu werden.

Benares ist eine der ersten Ansiedlungen der Arier, als sie bis in die Ganges-Ebene vorgedrungen, die älteste Stadt der Hindu und von ihren sieben heiligen Städten die heiligste, ihr Mekka, die Pforte zum Paradiese. Kein Fluss der Erde wird so verehrt wie der Ganges (oder vielmehr „Mutter Ganges“) von den Hindu; er gilt ihnen für einen unmittelbaren Ausfluss der Gottheit. Von dem Quell im Himalaya bis zu der Mündung ist das ganze Ufer heiliger Boden, am heiligsten die Vereinigung von Jumna mit Ganges, der wirkliche Wallfahrtsort (Prayág), wohin Hunderttausende alljährlich wandern, um ihre Sünden[S. 373] mit dem geweihten Wasser abzuwaschen. Das heilige Wasser des Ganges wird in Krügen auf den Schultern frommer Pilger bis zur Südspitze Indiens getragen, neuerdings auch — in europäischen Glasflaschen massenhaft versendet. Aber der Ganges mit seinen Hauptnebenflüssen ist auch der grosse Wohlthäter der mächtigen, dichtbevölkerten Ebene von Indien, er befruchtet die Felder der Landbauer und vertheilt ihre Ernten.

Es ist sehr merkwürdig, wie seltsam der Ganges in die deutsche Literatur eingeführt worden ist.

„Am Ganges duftet’s und leuchtet’s
Und Riesenbäume blühn,
Und schöne stille Menschen
Vor Lotos[467]-Blumen knien.“
„Fort nach den Fluren des Ganges —
Dort liegt ein rothblühender Garten
Im stillen Mondenschein,
Die Lotosblumen erwarten
Ihr trautes Schwesterlein.“
„Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt,
Der Himalaya steht im Abendscheine
Und aus der Nacht der Banianenhaine
Die Elephantenheerde stürzt und brüllt —“

Wann Benares (Waranasi) gegründet worden, wie die Schicksale der Stadt im Laufe der Jahrhunderte sich gestalteten, ist uns völlig unbekannt, da die Hindu, das ungeschichtlichste Volk der Erde, keine Nachricht überliefert haben. Wir wissen nur, dass im 6. Jahrhundert v. Chr. Benares eine grosse Stadt gewesen, wohin Buddha zog, um seine Lehre zu verkündigen; und dass noch im 7. Jahrhundert n. Chr. ein chinesischer Pilger zu Benares blühende Klöster der Buddhisten und mächtige Thurmbauten vorfand. Wie und wann diese Buddha-Verehrung so ganz und gar von der Brahmanen-Religion verdrängt worden, ist in tiefes Dunkel gehüllt.

Erst seit dem Ende des 12. Jahrhunderts dämmert uns Licht auf in den geschichtlichen Jahrbüchern der Mohammedaner. Im Jahre 1194 n. Chr. wurde Jai Chand, Rajah von Benares, „dessen Heer zahllos war wie der Sand am Meer“, besiegt und getödtet durch Kutbu-din, den Heerführer des Mohammed Ghori aus Afghanistan. Kutbu zerstörte 1000 Tempel der Hindu und baute Moscheen an ihre[S. 374] Stelle. Von dieser Zeit herrschten Mohammedaner über Benares, bis 1776 die Engländer an ihre Stelle traten. Durch die bilderstürmende Wuth der mohammedanischen Eroberer ist es gekommen, dass heutzutage kein Gebäude zu Benares steht, das über die Zeit des milden Akbar (1556 bis 1605 n. Chr.) hinaufreicht.

Aber trotzdem herrscht jetzt der Dienst des Schiwa, dessen schöpferische Kraft im Linga verehrt wird. 1400 Hindu-Tempel schmücken die Stadt, 8000 Häuser sind Eigenthum der Priester, die (25000 an der Zahl — nebst zahllosen Bettlern) von den Opfergaben der Pilger leben. Vor wenigen Jahrzehnten schenkte der Fürst von Tanjore sein Körpergewicht an Geld den Tempeln, 1876 der Fürst von Kaschmir 50000 Mark den Tempeln, und jedem der 25000 Brahmanen 30 Mark. Viele Tausende wallfahren hierher zu den Festtagen. (200000 in jedem Jahr.) Die heiligen Treppen sind selbst zur heissesten Zeit des Tages belagert, obwohl die Stadt eine mittlere Jahrestemperatur von 26,6° C. besitzt. Fürsten und Edle haben am Ufer des Ganges Paläste erbaut, wo sie die Festtage verleben und im Alter ihre letzten Tage hinbringen. Die Bevölkerung betrug 1881 gegen 200000 Einwohner, davon waren 151334 Hindu, 47234 Mohammedaner, 1130 Christen. Die Zählung von 1891 ergab für Benares mit Cantonment 219467 Einwohner. Benares ist die sechste Stadt Indiens nach der Bevölkerungszahl, ein grosser Platz für den inneren Handel und für die Erzeugung von Metallwaaren und Geweben.

Nicht bloss die alten Veda-Arier und die Buddhisten, auch die Secten des neueren Hinduismus finden in Benares ihren Mittelpunkt und ganz kürzlich hat hier Talsi das Heldengedicht Ramayana in die Volkssprache des Hindi übersetzt und zum Gemeingut der lebenden Geschlechter gemacht. In der Sanskrit-Hochschule zu Benares ist Sanskrit die Vortragssprache.

Benares ist auch die malerischste Stadt Indiens; es liegt an einer Biegung des Ganges, der hier ½ Kilometer, zur Fluthzeit aber über 1 Kilometer breit ist, auf dem Rücken eines niedrigen Hügels, etwa 100 Fuss über dem Wasserspiegel. Vom Fluss aus erblickt man eine 5 Kilometer lange Flucht von Palästen und Tempeln und die zahlreichen heiligen Treppen (ghats), welche von den Palästen zum Fluss-Ufer hinabführen.

Natürlich litt es mich nicht lange im Gasthaus, wo nach dem Frühstück vor der Veranda der Gaukler mit Schlange und Mango erschienen war. Ich miethete mir einen Führer,[468] einen Wagen[469] und[S. 375] fuhr nach der Stadt der Eingeborenen, die 3 englische Meilen von dem Cantonment, der Wohnung der Truppen und der Engländer, entfernt ist. Mit dem Führer hatte ich kein Glück, er war von allen seinen Fachgenossen am wenigsten in der englischen Sprache und Kenntniss der Alterthümer bewandert; ich hatte, aus Mitleid, den ältesten aus der Schaar gewählt.

Wir besichtigten einige Tempel, nahmen aber dann sofort ein Boot,[470] um die Fluss-Ufer entlang zu fahren. Das Boot hat acht Ruderer und zwei Stühle auf dem Verdeck, für den Reisenden und für seinen Führer.

Ganz langsam fuhren wir nahe an dem Flussufer entlang.

Die mächtigen Treppen sind dicht gedrängt von Andächtigen; darüber ragen die Spitzdome der Tempel und die thurmgeschmückten Paläste empor, vom milden Licht der Abenddämmerung übergossen und nur in ihren Hauptumrisslinien sichtbar. An den bevorzugten Stellen grösster Heiligkeit lodern Scheiterhaufen, umringt von weissgekleideten Priestern und von den Leidtragenden. Das Ganze ist so fremdartig und märchenhaft für den europäischen Reisenden, dass er sich fragen möchte, ob es nicht ein wesenloses Traumbild sei, bis er an’s Land steigt, und, von dem Zauber der Todtenfeier ergriffen, ruhig auf einer Steinstufe Platz nimmt und mit seinen braunen Brüdern in die Flamme des Scheiterhaufens blickt.

Der nächste Tag (8. December) war einer planmässigen Betrachtung der heiligen Stadt gewidmet. Die andächtigen Hindu baden täglich[471] schon früh am Morgen im Ganges und mehr als ein Mal, an verschiedenen Stellen; Vormittags sind die Läden leer. Deshalb brachte mich mein schneller Zweispänner schon früh am Morgen aus der englischen Ansiedlung vorbei an zahlreichen Tempeln mit dem Spitzdom[472] nach dem Haupthalteplatz der Boote. Wir rudern zum äussersten Westende der Stadt und lassen uns dann langsam vom Strom am Ufer entlang ostwärts treiben. Die Ghats sind breite Ufertreppen, von frommen und reichen Hindu unterhalb ihrer Paläste abwärts bis zum Wasserspiegel für ihre gläubigen Landsleute und für die Pilger erbaut. Ein solcher Bau gilt für das verdienstvollste Werk; einen Palast oder ein Haus mit dem Blick auf den Ganges zu besitzen, für die höchste Glückseligkeit.

[S. 376]

Zum Ganges pilgert jeder Hindu, der es durchsetzen kann. Aber für die heiligste Handlung gilt die sechsjährige Pilgerschaft von der Quelle bis zur Mündung und zurück. Nach Benares zieht jeder Greis und jede Greisin, wenn sie es ermöglichen können, um nach Abschluss des irdischen Lebens hier einen seligen Tod zu erwarten und ihre Asche in den heiligen Fluss streuen zu lassen. Oft genug giebt der Ganges seinen frommen Kindern den Tod. Das kühle Bad am frühen Wintermorgen schüttelt die dürren Glieder der kraftlosen Greisin; das so heiss ersehnte Ziel wird früher erreicht. Noch schädlicher ist die Mittagsgluth im Hochsommer auf den Treppen. Am schlimmsten aber scheint die Zusammendrängung der Menschen zur Zeit von heftigen Seuchen. Das Heimathland der Cholera ist Indien. 150000 Pilger sollen an hohen Festtagen in Benares vereinigt sein.

Die Hindu am Ganges sind die frömmsten Menschen, welche ich bisher gesehen. Dass sie besser seien als wir, wollen ihre Beherrscher, die Engländer, nicht zugeben. Dass sie sich glücklich fühlen, will ich hoffen. Dass sie aber so heiter und zufrieden aussehen, wie die Japaner, kann der aufmerksame Reisende nicht bestätigen.

47 Treppen folgen aufeinander in der Richtung der Strömung, d. h. von West nach Ost; oder, da der Fluss hier eine Biegung nach Norden macht, von Süd-West nach Nord-Ost.

Die erste ist Ashi Ghat, so genannt nach dem Bächlein Ashi, das hier in den Ganges fliesst; sie ist 40 Fuss breit und ziemlich verfallen, obwohl sie zu den heiligsten Wallfahrtsplätzen von Benares gehört. Von dem dritten Ghat sind sogar gewaltige Steinmassen abgestürzt und liegen am Rand des Ufers; ich weiss nicht, ob die Baumeister die Grundmauerung zu schwach angelegt, oder ob hier die Strömung des Flusses zu stark ist.

Auf dem nächsten liegt eine grosse Bildsäule des Kriegsgottes; er heisst Bhim und sieht aus wie General Bum; die Sage erzählt, dass